Beitragvon Schwanenkoenigin » 27.09.2007, 20:05:17
So, hier kommt ein neuer Teil zum schmökern...
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Langsam regten sich ihre Lebensgeister. Sie hatte nicht vor hier elendiglich zu Grunde zu gehen. Lieber würde sie kämpfen und versuchen Hilfe zu bekommen. Sie versuchte sich vor-sichtig aufzusetzen, doch der Schmerz überschwemmte sie erneut. Ihr Atem stockte und ihr Sichtfenster wurde von wabernden schwarzen Schatten eingeengt und ein Klirren erfüllte ihre Ohren. Ihr Bewusstsein drohte zu schwinden, das durfte sie nicht zulassen. Wenn sie nun ohnmächtig werden würde, würde sie wohl nicht mehr die Kraft finden, um sich erneut zu wehren. Sie würde einschlafen und die Kälte würde das erledigen, was der Sprung nicht geschafft hatte.
Um dem zu ergehen, biss sie sich kräftig in die Unterlippe und der Geschmack ihres eigenen Blutes gab ihr in dem Gewirr aus Dunkelheit und Schmerz etwas Halt. Sie konnte nur hoffen, dass er vielleicht zurückkehren würde um ihren Leichnam zu beerdigen. Vielleicht würde er ja noch rechtzeitig eintreffen und sie hier finden. Doch bis dahin musste sie versuchen bei Bewusstsein zu bleiben. Leise begann sie, mit brüchiger, kaum hörbarer Stimme, die Lieder ihrer Kindheit zu singen. Diesen Lauten lauschend, gab sie ihrem Geist etwas um sich zu beschäftigen.
Es waren zwei Königskinder,
die hatten einander so lieb;
sie konnten zusammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief.
"Ach Liebster, könntest du schwimmen,
so schwimm doch herüber zu mir!
Drei Kerzen will ich anzünden,
und die sollen leuchten dir."
Langsam versank sie immer tiefer in ihrer eigenen Vergangenheit, als sie so Strophe um Strophe weiter sang…
Sie schwang sich um ihren Mantel
und sprang wohl in die See,
"Lebt wohl, lieb Vater und Mutter,
ihr seht mich nimmermehr."
Da hört' man Glöckchen läuten,
da hört' man Jammer und Not.
Hier liegen zwei Königskinder,
sind alle beide tot.
Die Erinnerungen an ihre Kindheit in dem kleinen Örtchen Bonnieux traten ihr immer deut-licher vor Augen. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie die blühenden Lavendelfelder riechen. Dieser Duft war in ihren Gedanken unauslöschlich mit ihrer Mutter verbunden.
Sie war. Die Berührung ihrer Hände, die in ihrem Leben schon so viel hatten verrichten müssen, hatte ihr stets Trost und Halt versprochen. Wie sie die Berührungen ihrer Mutter vermisste!
Nachts, wenn sie wieder einmal nicht einschlafen konnte, da ihr die dunklen Schatten in den Zimmerecken zusetzten, setzte sich die Mutter an ihr kleines Bettchen in der sauberen, aber kleinen Kammer, nahm sie in den Arm und begann die alten bretonischen Weisen ihrer eigenen Kindheit zu singen, um die Tochter in den Schlaf zu wiegen.
Während ihre Mutter so da saß und mit ihrer ungewöhnlich rauen Stimme sang, betrachtete sie sie immer sehr genau und sie versuchte eine Ähnlichkeit zwischen ihnen beiden zu finden. Das helle Haar ihrer Mutter war dem ihren dunklen so fremd. Auch erzählten die warmen, hellbraunen Augen der Mutter von einer Zeit voller Liebe und Geborgenheit. Die Augen des kleinen Mädchens hingegen waren grau und kalt. Nie vermochte sie ihre Gefühle durch sie zum Ausdruck zu bringen, sie verbarg sie stets hinter einer Maske aus kühler Distanz. Es schien fast so, als hätte sie damals, mit ihren zarten fünf Jahren, geahnt, wie dunkel ihre Zukunft einst aussehen würde.
Doch trotz allem war ihre Kindheit schön gewesen, denn die Liebe der Mutter entschädigte sie für alle Opfer, die sie zu bringen hatte. Sie waren nicht reich, obwohl die Mutter oft von den alten Tagen erzählte, in denen die Familie noch Wohlstand und Ansehen genoss, aber sie kamen gut zurecht. Der Vater war schon kurz nach ihrer Geburt an der Schwindsucht gestorben und so hatte die Mutter allein für sie sorgen müssen.
Der Vater, den sie nie kennen gelernt hatte, war in den letzten Jahren seines Lebens kein guter Wirtschafter mehr gewesen. Er war in Geschäftsdingen schlecht beraten gewesen und so hatte er den Großteil seiner Ländereien, die zwar nie riesig gewesen waren, verloren. Die Mutter konnte schon bald all die Feldarbeiter nicht mehr bezahlen und so begann sie noch mehr Land zu verkaufen, um so wenigstens einige der Leute halten zu können und einen Teil des Landes somit bestellen zu können. Von den Tieren konnten sie auch nicht alle behalten. Einige vielen dem Schlachter zum Opfer, damit die kleine Familie durch den Winter kam, andere wurden des Geldes wegen verkauft. Vor allem die Anfangszeit war schwer gewesen, das wiederholte die Mutter immer wieder. Doch inzwischen hatte sie das kleine Landgut gut im Griff und sie sahen wieder besseren Zeiten entgegen.
Am liebsten mochte sie immer die zutraulichen Kälbchen, die ihr mit der rauen Zunge über die Hände fuhren. Ganze Tage hatte sie schon bei ihnen im Stall verbracht, ihrem Muhen und Schnauben gelauscht. Manchmal, wenn die Mutter böse mit ihr war, hatte sie sich oft gewünscht auch ein kleines Kalb zu sein und nur Gedanken an Grasen und Milchsaugen zu verschwenden. Dann könnte sie den ganzen Tag über die Wiesen tollen, mit ihren Geschwistern spielen und am Abend würde die Mutterkuh ihren Schlaf bewachen.
Den Tag verbrachte die Mutter meist damit, dass sie auf der Terrasse saß und allerlei Näharbeiten verrichtete. Manchmal, wenn das Geld ein wenig zu knapp wurde, dann begann sie auch damit, Körbe für den hiesigen Markt zu flechten oder sie bestickte Taschentücher. In der Zwischenzeit versorgte ihre Nana, wie sie ihre Kinderfrau und Haushälterin immer genannt hatte, den Haushalt.
Wenn das kleine Mädchen nicht den Tag in den Ställen verbrachte, dann stromerte es über Wiesen und Felder. Bei diesen Ausflügen ließen sich die größten und spannendsten Abenteuer erleben. Was waren das für sorglose Tage gewesen, als sie barfuss, mit fliegenden Rockschößen über die Felder tollte, bis ihr die Luft ausging. Dann legte sie sich oft in das hohe Gras einer der vielen Wiesen und sah den Wolken auf ihren Reisen zu. Manchmal malte sie sich dann aus, wohin sie mit ihnen fliegen würde. Dann war sie in Gedanken auf dem Weg nach Paris, um den eleganten Städterinnen beim Flanieren im Bois de Boulogne zu zusehen und an anderen Tagen befand sie sich auf einer wilden Safari im afrikanischen Dschungel, wo sie hinter wilden und fremden Tieren herjagte. Oder es verwandelte sich ein kleiner Grashüpfer in ein unbekanntes Urwaldmonster und eine streunende Katze wurde zu einem brüllenden Löwen. Während sie so da lag und ihre Abenteuer spann, verfloss der Tag zusehends und es wurde wieder Zeit um nach Hause zurück zukehren.
Sie wanderte durch die Dämmerung und ließ sich von den Faltern umschweben. Von einem kleinen Hügel aus konnte sie das schöne Landgut ihrer Mutter sehen, wie es sich in die kleine Senke verkroch, in der es lag. Die Holzschindeln schimmerten warm im Abendrot und hießen sie daheim willkommen. Oft schien es ihr so, als hätte das Haus den ganzen Tag auf der Lauer gelegen, nur um darauf zu warten, sie wieder aufzunehmen und von den Abenteuern ihres Tages zu erfahren. Ohne nachzudenken rannte sie dann den Abhang hinunter und stolperte atemlos ins Haus, wo schon die Mutter und Nana mit ein Paar Broten und einem Becher Milch auf sie warteten. Dann setzten sich alle um den runden Tisch in der wohnlichen Küche und jeder erzählte von seinem Tag…