Winter im Herzen

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Schwanenkoenigin

Winter im Herzen

Beitragvon Schwanenkoenigin » 25.09.2007, 19:49:04

So, dann beglücke ich euch hier auch einmal mit meiner aktuellen Fanfiction 'Winter im Herzen'. Bei der Geschichte handelt es sich um die Lebensgeschichte von Milady de Winter, die den Sturz vom Karmeliterkloster überlebt hat und sich nun mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen muss.

Viel Spaß beim Lesen! Anmerkungen und Kommentare sind immer gern gesehen...


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Winter im Herzen

Dichter Nebel breitete sich über dem verlassenen Gemäuer aus. Grauer, feuchter Nebel von der Art, die sofort alle Fasern der Kleidung durchdringt und die Menschen schlottern lässt. Die kalte Luft roch nach Feuchtigkeit und Schnee. Ein Atemzug davon verbrannte fast die Lunge. Wie tausend Nadelstiche schmerzte die Luft auf der Haut. Ein Schmerz, der nie mehr nachzulassen schien.

Alles an ihr war Schmerz - purer, kristallklarer Schmerz, der sich überall festsetzte und nie wieder von einem wich. Sie konnte nichts mehr fühlen, auch nicht den Schmerz, denn er war schon seit langen Zeiten ein so fester Bestandteil ihres Lebens, dass sie ihn schon wie einen lieben Verwandten ins Herz geschlossen hatte. Er war ihr ständiger und treuer Begleiter, der sie nie im Stich ließ. In Gedanken drückte sie ihn fest an sich und suchte nach Schutz und Trost. Wohlig versank sie im seinem Dunkel, in der Hoffnung niemals wieder aufzutauchen. Verzweifelt wünschte sie sich, dass das Vergessen über sie herein brechen würde und sie in einem Meer aus Gefühllosigkeit davon triebe.

Doch mehr und mehr nahm die Realität Gestalt an. Die Welt war eben seit je her unbarmherzig! Wie eine Schattengestalt begann sie sich aus der Dunkelheit rings umher zu lösen und materialisierte sich immer schneller. Zu schnell für ihren geschundenen und gequälten Leib. Ein Blitz schien ihren Körper zu durchfahren, als die Schatten ihren grausamen Walzer zu tanzen begannen. Von überall her sah sie Gesichter und für eine kleine Ewigkeit schien sie sie erkennen zu können, doch dann waren sie entweder verschwunden oder sie begannen sich langsam in sich selbst aufzulösen, um dann wieder ein neues Gesicht zu formen. Mit einem Mal begannen die tanzenden Schatten zu ihr zu sprechen. Die gesichts-losen Stimmen klangen wie knisterndes Feuer, heimelig und beruhigend. Langsam ließ sie sich von ihnen in den Schlaf singen und sie hoffte sehnlichst, dass das Erwachen ewig auf sich warten lassen würde. Doch dieser Balsam sollte ihr nicht zuteil werden. Eine kalte und grausame Stimme sprach in einer ihr fremden Sprache zu ihr und die Worte sprühten vor glühendem Hass und unfassbarer Bosheit. Der Klang dieser Stimme lockte sie vom Pfad des Schlafes und führte sie immer weiter vom Vergessen fort. Sie konnte sich der Stimme nicht entgegen stellen, sie war zu schwach zum Kämpfen, denn sie hatte es ihr Leben lang getan.

Daher folgte sie willenlos dem dunklen Raunen und wanderte über Hügel aus Gebeinen, watete durch Seen aus Tränen und durchschritt Täler der Qual, bis sie letztendlich eine öde Steinwüste erreichte. Die Stimme war immer noch bei ihr und ersetzte das Blut in ihren Adern durch Gift und Galle. Als sie die Wüste erreichten, begann sich die geisterhafte Stimme erneut zu verändern. Sie wurde immer höher und klarer, bis in der Luft kleine Kristalle zu tanzen schienen. Diese wurden immer mehr und sie drehten sich immer schneller, so dass ihr Auge sie nicht mehr von einander trennen konnte. Sie stand da und ergab sich diesem wahnsinnigen Treiben. Plötzlich, als sie dachte all das nicht mehr länger ertragen zu können, begannen die Kristalle wild zu pulsieren und zu leuchten. Ihr Licht wurde greller und greller und plötzlich explodierte es. Die Splitter durchstießen ihre Haut und sie begann aus unzähligen Wunden zu Bluten.

Langsam hob sie eine Hand zu ihrem Gesicht und sie sah, was sie schon immer gewusst hatte. Ihr Blut hatte die Farbe ihrer Seele! Es war von einem wunderschönen samtigen Schwarz. Ihr Blut war so schwarz, das im Vergleich dazu selbst die tiefste Nacht wie der sonnigste Tag erschien. Langsam erblickte sie die Stelle, an der die Kristalle ihren wilden Tanz aufgeführt hatten. Dort spross nun ein Rosenbusch empor. Dies konnte jedoch kein natürliches Gewächs sein, denn es wuchs immer schneller und innerhalb eines Atemzuges stand ein perfekter Rosenbusch vor ihr. Langsam begannen sich seine tausenden Knospen zu öffnen und gaben einen betörenden Duft frei. Sie roch Unschuld! Einst duftete auch ihre Seele so, doch das war schon lange her. Lieblich und frisch dufteten die durchscheinenden Blüten des Busches.

Verzückt schritt sie auf das Gewächs zu und schickte sich an, eine der grazilen Blüten zu brechen, doch als sie eine von ihnen berührte, zerfiel sie zu Staub. Verzweifelt versuchte sie eine andere zu greifen, doch immer zerfielen sie unter ihren Fingern. Ihre Berührung war todbringend. Es war zwecklos! Als die letzte Blüte zerfallen war, ging sie taumelnd zu Boden und vergrub ihr blutendes Gesicht im Staub der leblosen Blüten. Verzweifelt füllte sie ihren Mund mit dem Überrest der Unschuld, doch sie konnte ihn nicht bewahren. Plötzlich begann sich in ihrem Mund etwas zu bewegen und sie musste würgen. Letztendlich spie sie eine kleine blutrote Natter aus, die sie anzulächeln schien. Freundlich begann sich das Tier um ihren Finger zu winden. Leise stieß es dabei zischende Laute aus, als wolle es ihr ein Lied von längst vergangenen Tagen singen. Wie gefangen sah sie dem Tierchen zu und als es zu spät war um es abzuschütteln, flüsterte es mit seiner heiseren Stimme ein einziges Wort…“Tod“. Und es biss zu…

Dichter Nebel breitete sich über dem fast verlassenen Gemäuer aus. Grauer, feuchter Nebel von der Art, die das Vergangene vergessen ließ und die Gegenwart erträglicher machte. Die kalte Luft roch nach Heilung und Genesung. Ein Atemzug davon durchfuhr die Menschen mit neuem Leben. Wie tausend Nadelstiche schmerzte es in den Adern. Ein Schmerz, der nie mehr nachzulassen schien.

Langsam öffnete sie ihre Augen und ein teuflisches Stechen durchfuhr ihren Kopf. Die Helligkeit schmerzte sie. Sie versuchte ihre Umgebung einzuordnen, doch es gelang ihr nicht. Wo war sie? Was war geschehen? Immer wenn sie ein bestimmtes Objekt genauer fokussieren wollte, verschwamm es vor ihr und sie sah lediglich einen milchigen undurch-dringlichen Nebel. Daher gab sie es auf und versuchte stattdessen den Kopf zu drehen, doch auch das wollte ihr nicht gelingen. Es fuhr nur ein pulsierender Schmerz durch ihre Glieder. Als er etwas abgeebbt war, versuchte sie sich auf die Geräusche in ihrer Umgebung zu konzentrieren, doch alles wurde vom Rauschen ihres Blutes übertönt. Sie konnte dem kraftvollen Schlagen ihres verdammenswerten Herzens lauschen, jeder Schlag war ein Beweis für ihre Liebe zum Leben. Sie konnte es nicht loslassen.

Doch auch ihr ging auf, dass sie den Sturz nicht unbeschadet überstanden haben konnte. Sie konnte ihre Beine nicht mehr spüren und dort wo sich ihr Rückrad befinden sollte, war ein Meer von Schmerz. Wie die Wellen der See überspülte er sie und sie war ihm ausgeliefert. Aber sie konnte die feuchte Luft auf ihrer Haut spüren und sie wusste, dass sie eine Chance hatte. Doch was brachte ihr jetzt noch ihre armselige Existenz? Er hatte sich gegen sie gewandt, war ihr in den Rücken gefallen und hatte sie verraten. Er hatte ihre Liebe ein zweites Mal mit Füßen getreten. Immer wieder sah sie ihn vor sich, wie er mit sich kämpfte um über ihr Leben oder ihren Tod zu entscheiden. Sie hatte Mitleid mit ihm und hatte ihm die Entscheidung abgenommen.

Das hatte sie zumindest im jenem Augenblick geglaubt, doch wenn sie nun genauer darüber nachdachte, dann war sie eigentlich gesprungen um von ihm nicht die Worte der Verdammnis zu hören. Sie hasste sich ja schließlich selbst schon genug. Da wollte sie nicht auch noch von ihm verdammt werden! Schließlich hatte sie um ihn gekämpft, ihn nie ganz vergessen können, ihn nicht vergessen wollen! All ihr Trachten galt ihrer gemeinsamen Zukunft. Doch dann war alles anders gekommen und sie hatte ihn für immer verloren. Hätte sie doch hier ihren Tod gefunden, dann wäre ihr die Erlösung des Vergessen zu teil geworden. Stattdessen lag sie nun hilflos zu Füßen des alten Karmelitergemäuers und quälte sich.

Da fiel ihr ein, dass sie womöglich doch noch zu Tode kommen könnte, wenn sie nicht bald gefunden wurde. Wer wusste schon was sich alles in dieser Gegend versteckte und über sie herfallen würde, wenn die Nacht erst dunkler zu werden begann. Zu dem spürte sie, wie die Kälte immer näher kroch und ihr in Mark und Bein fuhr.

Sie würde hier draußen erfrieren! Langsam versuchte sie sich daran zu erinnern, wie viel Zeit seit ihrem Sprung vergangen war. War er noch in der Nähe, oder hatte er beschlossen ihre sterblichen Überreste den wilden Tieren zu überlassen? Was sollte sie jetzt tun? Das Gelände war in der Regel verlassen und kaum eine Seele verirrte sich je hierher. Warum auch? Gott war schon lange tot und keiner kam mehr zu diesem Kloster um ihn zu beweinen.

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Beitragvon Sisi Silberträne » 25.09.2007, 23:50:37

Erste!!!!!!!

Ich liebe deine Geschichte, aber das weißt du ja eh schon :D wird mit jedem Teil genialer und immer genialer!
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Beitragvon ChristineDaae » 26.09.2007, 17:18:49

Wow, die Geschichte ist wirklich gut! :) Das ganze ist teilweise ein bisschen schwierig zu lesen, aber es gefällt mir. Bitte postre bald wieder einen Telil! :D
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Beitragvon Kitti » 27.09.2007, 13:48:16

Ich kenne die Story ja auch schon aus einem anderen Forum und finde deine Idee, die Handlung anders weiterzuführen sehr interessant. Du hast einen tollen Schreibstil. Nur weiter so!! :)
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Beitragvon Schwanenkoenigin » 27.09.2007, 20:05:17

So, hier kommt ein neuer Teil zum schmökern...

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Langsam regten sich ihre Lebensgeister. Sie hatte nicht vor hier elendiglich zu Grunde zu gehen. Lieber würde sie kämpfen und versuchen Hilfe zu bekommen. Sie versuchte sich vor-sichtig aufzusetzen, doch der Schmerz überschwemmte sie erneut. Ihr Atem stockte und ihr Sichtfenster wurde von wabernden schwarzen Schatten eingeengt und ein Klirren erfüllte ihre Ohren. Ihr Bewusstsein drohte zu schwinden, das durfte sie nicht zulassen. Wenn sie nun ohnmächtig werden würde, würde sie wohl nicht mehr die Kraft finden, um sich erneut zu wehren. Sie würde einschlafen und die Kälte würde das erledigen, was der Sprung nicht geschafft hatte.

Um dem zu ergehen, biss sie sich kräftig in die Unterlippe und der Geschmack ihres eigenen Blutes gab ihr in dem Gewirr aus Dunkelheit und Schmerz etwas Halt. Sie konnte nur hoffen, dass er vielleicht zurückkehren würde um ihren Leichnam zu beerdigen. Vielleicht würde er ja noch rechtzeitig eintreffen und sie hier finden. Doch bis dahin musste sie versuchen bei Bewusstsein zu bleiben. Leise begann sie, mit brüchiger, kaum hörbarer Stimme, die Lieder ihrer Kindheit zu singen. Diesen Lauten lauschend, gab sie ihrem Geist etwas um sich zu beschäftigen.

Es waren zwei Königskinder,
die hatten einander so lieb;
sie konnten zusammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief.

"Ach Liebster, könntest du schwimmen,
so schwimm doch herüber zu mir!
Drei Kerzen will ich anzünden,
und die sollen leuchten dir."


Langsam versank sie immer tiefer in ihrer eigenen Vergangenheit, als sie so Strophe um Strophe weiter sang…

Sie schwang sich um ihren Mantel
und sprang wohl in die See,
"Lebt wohl, lieb Vater und Mutter,
ihr seht mich nimmermehr."

Da hört' man Glöckchen läuten,
da hört' man Jammer und Not.
Hier liegen zwei Königskinder,
sind alle beide tot.

Die Erinnerungen an ihre Kindheit in dem kleinen Örtchen Bonnieux traten ihr immer deut-licher vor Augen. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie die blühenden Lavendelfelder riechen. Dieser Duft war in ihren Gedanken unauslöschlich mit ihrer Mutter verbunden.
Sie war. Die Berührung ihrer Hände, die in ihrem Leben schon so viel hatten verrichten müssen, hatte ihr stets Trost und Halt versprochen. Wie sie die Berührungen ihrer Mutter vermisste!

Nachts, wenn sie wieder einmal nicht einschlafen konnte, da ihr die dunklen Schatten in den Zimmerecken zusetzten, setzte sich die Mutter an ihr kleines Bettchen in der sauberen, aber kleinen Kammer, nahm sie in den Arm und begann die alten bretonischen Weisen ihrer eigenen Kindheit zu singen, um die Tochter in den Schlaf zu wiegen.

Während ihre Mutter so da saß und mit ihrer ungewöhnlich rauen Stimme sang, betrachtete sie sie immer sehr genau und sie versuchte eine Ähnlichkeit zwischen ihnen beiden zu finden. Das helle Haar ihrer Mutter war dem ihren dunklen so fremd. Auch erzählten die warmen, hellbraunen Augen der Mutter von einer Zeit voller Liebe und Geborgenheit. Die Augen des kleinen Mädchens hingegen waren grau und kalt. Nie vermochte sie ihre Gefühle durch sie zum Ausdruck zu bringen, sie verbarg sie stets hinter einer Maske aus kühler Distanz. Es schien fast so, als hätte sie damals, mit ihren zarten fünf Jahren, geahnt, wie dunkel ihre Zukunft einst aussehen würde.

Doch trotz allem war ihre Kindheit schön gewesen, denn die Liebe der Mutter entschädigte sie für alle Opfer, die sie zu bringen hatte. Sie waren nicht reich, obwohl die Mutter oft von den alten Tagen erzählte, in denen die Familie noch Wohlstand und Ansehen genoss, aber sie kamen gut zurecht. Der Vater war schon kurz nach ihrer Geburt an der Schwindsucht gestorben und so hatte die Mutter allein für sie sorgen müssen.

Der Vater, den sie nie kennen gelernt hatte, war in den letzten Jahren seines Lebens kein guter Wirtschafter mehr gewesen. Er war in Geschäftsdingen schlecht beraten gewesen und so hatte er den Großteil seiner Ländereien, die zwar nie riesig gewesen waren, verloren. Die Mutter konnte schon bald all die Feldarbeiter nicht mehr bezahlen und so begann sie noch mehr Land zu verkaufen, um so wenigstens einige der Leute halten zu können und einen Teil des Landes somit bestellen zu können. Von den Tieren konnten sie auch nicht alle behalten. Einige vielen dem Schlachter zum Opfer, damit die kleine Familie durch den Winter kam, andere wurden des Geldes wegen verkauft. Vor allem die Anfangszeit war schwer gewesen, das wiederholte die Mutter immer wieder. Doch inzwischen hatte sie das kleine Landgut gut im Griff und sie sahen wieder besseren Zeiten entgegen.

Am liebsten mochte sie immer die zutraulichen Kälbchen, die ihr mit der rauen Zunge über die Hände fuhren. Ganze Tage hatte sie schon bei ihnen im Stall verbracht, ihrem Muhen und Schnauben gelauscht. Manchmal, wenn die Mutter böse mit ihr war, hatte sie sich oft gewünscht auch ein kleines Kalb zu sein und nur Gedanken an Grasen und Milchsaugen zu verschwenden. Dann könnte sie den ganzen Tag über die Wiesen tollen, mit ihren Geschwistern spielen und am Abend würde die Mutterkuh ihren Schlaf bewachen.

Den Tag verbrachte die Mutter meist damit, dass sie auf der Terrasse saß und allerlei Näharbeiten verrichtete. Manchmal, wenn das Geld ein wenig zu knapp wurde, dann begann sie auch damit, Körbe für den hiesigen Markt zu flechten oder sie bestickte Taschentücher. In der Zwischenzeit versorgte ihre Nana, wie sie ihre Kinderfrau und Haushälterin immer genannt hatte, den Haushalt.

Wenn das kleine Mädchen nicht den Tag in den Ställen verbrachte, dann stromerte es über Wiesen und Felder. Bei diesen Ausflügen ließen sich die größten und spannendsten Abenteuer erleben. Was waren das für sorglose Tage gewesen, als sie barfuss, mit fliegenden Rockschößen über die Felder tollte, bis ihr die Luft ausging. Dann legte sie sich oft in das hohe Gras einer der vielen Wiesen und sah den Wolken auf ihren Reisen zu. Manchmal malte sie sich dann aus, wohin sie mit ihnen fliegen würde. Dann war sie in Gedanken auf dem Weg nach Paris, um den eleganten Städterinnen beim Flanieren im Bois de Boulogne zu zusehen und an anderen Tagen befand sie sich auf einer wilden Safari im afrikanischen Dschungel, wo sie hinter wilden und fremden Tieren herjagte. Oder es verwandelte sich ein kleiner Grashüpfer in ein unbekanntes Urwaldmonster und eine streunende Katze wurde zu einem brüllenden Löwen. Während sie so da lag und ihre Abenteuer spann, verfloss der Tag zusehends und es wurde wieder Zeit um nach Hause zurück zukehren.

Sie wanderte durch die Dämmerung und ließ sich von den Faltern umschweben. Von einem kleinen Hügel aus konnte sie das schöne Landgut ihrer Mutter sehen, wie es sich in die kleine Senke verkroch, in der es lag. Die Holzschindeln schimmerten warm im Abendrot und hießen sie daheim willkommen. Oft schien es ihr so, als hätte das Haus den ganzen Tag auf der Lauer gelegen, nur um darauf zu warten, sie wieder aufzunehmen und von den Abenteuern ihres Tages zu erfahren. Ohne nachzudenken rannte sie dann den Abhang hinunter und stolperte atemlos ins Haus, wo schon die Mutter und Nana mit ein Paar Broten und einem Becher Milch auf sie warteten. Dann setzten sich alle um den runden Tisch in der wohnlichen Küche und jeder erzählte von seinem Tag…

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Beitragvon Kitti » 27.09.2007, 20:42:18

Wieder ein schöner Teil. Besonders das Gedicht passt sehr schön in dieses Kapitel. :)
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Beitragvon ChristineDaae » 29.09.2007, 15:12:04

Ich finde den neuen Teil auch super, nur weiter so! :)
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Beitragvon Schwanenkoenigin » 07.10.2007, 21:33:03

Und weiter gehts...

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Plötzlich fuhr sie aus ihren schönen Erinnerungen auf und die Wirklichkeit hatte sie wieder. Irgendetwas hatte sich verändert. Die Lichtverhältnisse waren noch immer so schlecht wie sie es vor ihrem geistigen Abdriften gewesen waren. Was war es also? Da…schon wieder! Ihr schien, als hätte sie in der Ferne das Wiehern eines Pferdes vernommen. Angestrengt lauschte sie und da war es wieder. Ein Reiter schien langsam aber sicher näher zu kommen.

Ob er es wohl war? War er gekommen, um ihr die letzte Ehre zu erweisen? War er auf der Suche nach ihren sterblichen Überresten? Im Stillen hoffte sie, dass er es war, der näher kam. Aber was würde er tun, wenn er sie entdeckte und sie lebendig vorfand? Schließlich dachte er, er wäre sie nun endlich und für immer losgeworden. Würde er versuchen ihr misslungenes Werk zu beenden, oder würde er sie einfach der Wildnis überlassen und umkehren?

Bei dem Gedanke an seine mögliche Reaktion begann es sie zu frösteln. Aber ihr war klar, dass sie nicht hier draußen bleiben konnte. Entweder er gewährte ihr Hilfe oder sie war dem Tod ausgeliefert. Viele Möglichkeiten blieben ihr nicht. Entweder die wilden Tiere und die Kälte oder eben doch die Vernichtung durch die Hand ihrer einzigen Liebe. Tief in ihrem Innern glaubte sie jedoch auch jetzt noch, dass die Möglichkeit bestand, dass er ihr vielleicht doch das Leben retten würde. Daher machte sie sich mit leisen, heiseren Rufen bemerkbar. Es viel ihr unheimlich schwer selbst diese leisen Laute von sich zugeben. Ihr Hals war wie zugeschnürt und fühlte sich an, als wäre dort nur noch blutiges Fleisch vorhanden. Doch trotz der Schmerzen machte sie weiter.

Lauschte er einem Ruf in der zunehmenden Dunkelheit? Oder hielt er aus ihr nicht bekannten Gründen gerade in diesem Moment an? Nach einer kleinen Ewigkeit setzte sich der Reiter wieder in Bewegung und kam in ihre Richtung. Hatte er sie gehört? War es Zufall? Da sie nicht sicher sein konnte, rief sie noch einmal. Und nun war sie sich sicher, dass man sie gehört haben musste, denn der Reiter kam schneller in ihre Richtung…
Als er nur noch wenige Meter von ihr entfernt sein musste, hörte sie eine samtene Stimme, die sie überall wieder erkannt hätte…

„Anne, wo bist du denn? Ich suche dich schon im ganzen Haus. Sag doch etwas, wenn du mich hören kannst!“ Diesen Ruf hörte sie, als sie gerade am Weiher stand und in den nächtlichen Sternenhimmel starrte. Sie liebte die Sterne, das hatte sie schon als Kind getan. Doch mit den Jahren hatte sich ihr Verhältnis zu den Sternen geändert. Früher war es einfach nur Faszination gewesen, doch inzwischen klammerte sie sich an den glauben, dass die Sterne tatsächlich etwas zu bedeuten hatten. Für sie hingen dort am Himmel ungeträumte, aber auch längst zerbrochene Träume. Träume aller Art…unschuldige, lüsterne, kindliche oder auch unerfüllbare. Und mindestens einer dieser zerbrochenen Träume hatte einst ihr gehört.
Aber daran wollte sie jetzt nicht denken, schließlich war dies hier ihr großer Tag – ihr Hochzeitstag. Wobei…Tag konnte man schon nicht mehr sagen. Inzwischen war der Tag schon fast vorbei und die Nacht hatte sie eingeholt. Sie fürchtete sich vor dem, was jetzt kommen mochte. Doch sie war zu stolz, um sich das ansehen zu lassen. Mit einem schnellen Schütteln ihres dunklen Kopfes vertrieb sie die sich anbahnenden düstren Gedanken und versuchte sich wieder auf die Schönheit der Nacht zu konzentrieren.

Als sie weiter so in den Himmel starrte, musste sie an ihre Mutter denken. Ob sie von dort oben wohl den heutigen Tag begleitet hatte und nun stolz auf ihre Tochter war? Die junge Frau war sich sehr sicher, dass ihre Mutter heute bei ihr war. Und sie war stolz! Bei diesem Gedanken stahl sich ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht. Ja, ihre Mutter hatte sie geliebt und war stets stolz auf sie gewesen. Sie hatte immer versucht, ihrer Tochter soviel Liebe zukommen zu lassen, wie sie nur aufbringen konnte. Und das war nicht immer leicht gewesen. Doch ihre Mutter hatte es geschafft. Sie hatte den Balanceakt zwischen zwei Kindern und ihrem Mann ausgezeichnet überstanden. Anne hatte nie den Eindruck gehabt, dass ihre Mutter jemanden vernachlässigt hatte.

Es hatte Anne fast das Herz gebrochen, dass sie ihre eigne Hochzeit ohne ihre Mutter begehen musste. Aber das hatte sie sich leider nicht aussuchen können. Es gab Dinge im Leben, die geschahen einfach. Ob man es wollte oder nicht. Aber irgendwie war ihre Mutter bei ihr, sie spürte es.

Plötzlich hörte sie hinter sich ein Rascheln und kurz darauf auch schon seine Schritte. Er hatte sie also doch noch gefunden. Das war kein Wunder. Schließlich war sie nicht hierher gekommen, um sich zu verstecken, sondern um ein wenig ihren Gedanken nachzuhängen. Und das war ihr auch geglückt. Nun freute sie sich erst einmal ihren Gatten wieder bei sich zu haben. Er schien über ihr Verschwinden auch nicht erbost, sondern eher belustigt zu sein. So als ob er geahnt hätte, dass sie sich so verhalten würde.

„Hier bist du also. Wenn du hier nicht gewesen wärst, dann hätte ich auch nicht weiter-gewusst.“, meinte er ruhig.
„Du würdest mich immer und überall finden.“, antwortete sie ihm, als er sie von hinten umfasste und sein Kinn auf ihren Kopf stützte. „Es ist schön, dass du nun hier bist…bei mir. Langsam wurde es mir hier fast schon zu einsam und meine Gedanken waren auch nicht mehr allzu fröhlich. Ich musste an Mutter denken.“
„Sie war heute bei uns, ganz sicher Chéri. Nie hätte sie ihre älteste Tochter allein vor den Altar treten lassen.“, meinte er und atmetet ihren Duft ein.
„Ich weiß, aber ich vermisse sie trotz allem.“, meinte Anne mit einem traurigen Unterton in der Stimme. Er hatte recht mit dem was er sagte. Jedes Wort war nur eine Bestätigung dessen, was sie längst tief in ihrem Inneren wusste.
„Lass uns wieder ins Haus gehen. Es ist spät und wir sind beide müde. Schließlich war das ein langer und überaus aufregender Tag.“, meinte er leise, nahm ihre Hand und führte sie hinter sich her.

Schweigend gingen sie zusammen den Weg zum Haus zurück. Jeder war in seine eignen Gedanken versunken. Er dachte über ihr manchmal so kindliches Naturell nach, während sie sich mit den kommenden Ereignissen dieser Nacht auseinandersetzte. Sie wusste, was von ihr erwartet wurde. Ihre Mutter hatte sie schließlich über die Pflichten einer Ehefrau gründlich in Kenntnis gesetzt. Doch sie hatte trotz allem unheimliche Angst. Er wusste manches nicht und dies sollte nicht der Zeitpunkt werden, in dem er über alles informiert werden musste.
Bald waren sie im Haus angekommen und schnell nahm er sie auf den Arm und trug sie die breite Treppe hinauf. Vor der Türe ihres gemeinsamen Schlafzimmer hielt der einen Augenblick inne und meinte leis’: „Nun beginnt unser gemeinsames Leben, Chéri!“
Dann hatten sie auch schon das Zimmer betreten und die Türe fiel hinter ihnen mit einem dumpfen Laut ins Schloss…

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Beitragvon ChristineDaae » 09.10.2007, 19:39:23

Wieder super geschrieben, gefällt mir sehr gut! :D
Nur eine kleine Anmerkung: Da Milady angesprochen wird, muss die Form der Anrede weiblich sein, also "Chérie" mit "e" hinten.
Hm, das schaut auch komisch aus... keine Ahnung, aber ich glaube, so gehört das. :wink:
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Beitragvon Carrie2401 » 09.10.2007, 21:11:48

Schwanenkoenigin, deine Geschichte ist richtig toll, ich bin schon ganz gespannt wie es weitergeht. Großes Lob an dich.

@ChristineDaee: Du hast Recht, Chérie ist die weibliche Form, die man Milady zuordnen würde.

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Beitragvon Schwanenkoenigin » 06.02.2008, 17:03:49

Vielen Dank für die Anmerkungen. Hier geht es endlich weiter...

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Inzwischen kroch die Kälte immer schneller ihren Körper empor. Sie fror sehr stark und allmählich wurde sie zudem auch schläfrig. Doch sie durfte nicht einschlafen, musste wach bleiben und dem Schmerz die Stirn bieten. Wenn sie sich jetzt in die Arme des Schlafes fallen lassen würde, dann wäre sie für immer verloren. Dann gäbe es kein zurück und sie wäre endgültig dem Tod geweiht! Und diesem war sie doch eben erst entkommen, obwohl sie es eigentlich nicht vorgehabt hatte. Aber noch einmal könnte sie nicht bewusst versuchen ihren Tod herbei zu führen. Dazu fehlten ihr bei weitem die Kraft und der Mut.
Wieder hörte sie das Rufen, die Stimme, doch diesmal schienen die Lauter aus weiter Ferne zu kommen. War er umgekehrt, oder konnte sie sich auch auf ihr Gehör nicht mehr verlassen? Oder bildete sie sich alles nur noch ein? Waren die Rufe, die sie glaubte zu vernehmen, wieder nur eine Erinnerung, die sie noch nicht losgelassen hatte? War sie überhaupt wach oder träumte sie? Doch da… Sie war vollkommen still und versuchte die Geräusche in direkter Umgebung auszublenden und allmählich filterte ihr Gehör diese Stimme aus all den andren nächtlichen Geräuschen heraus. Da war es wieder! Das Rufen…

Sie war wieder ein Kind. Es war Winter. Sie kam ins Haus gestürmt und rannte dabei fast auch Nana um, die gerade damit beschäftigt war, den Hausflur zu fegen. Nana tat dies mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit, denn der Baron hatte dafür genug Personal.
Das Mädchen war vom Schnee völlig durchnässt und die roten Wangen stachen aus dem Weiß ihres blassen Gesichts hervor. Doch die Kälte schien dem Kind nicht viel auszumachen.

„Kleines, nicht so stürmisch. Was ist denn passiert?“, fragte die alte Kinderfrau interessiert.
„Nana, schau mal was ich gemacht habe! Ist das nicht richtig schön geworden? Komm und schau.“, erzählte das Mädchen voller Begeisterung und viel zu schnell.
Die Kinderfrau wusste noch immer nicht, was das kleine Mädchen so begeisterte und daher beschloss sie, ihr nach draußen vor das Haus zu folgen. Schnell legte sie sich ihr dickes Schultertuch um und verließ das Haus. Das Mädchen sprang voraus, wobei es unheimlich viele Schneeflocken aufwirbelte.
„Nun, was gibt es denn hier so schönes? Meinst du, ich habe im Leben noch keinen Schnee gesehen, Anne?“
„Wart nur, Nana. Gleich siehst du es.“, rief das Mädchen begeistert über die Schulter zurück.
Oh ja, Nana würde Augen machen, wenn sie erst sah, was sie aus dem Schnee geformt hatte. Und da waren sie auch schon auf der großen Wiese, von der man nun allerdings nicht mehr viel erkannte, da sie sich in ein winterlich weißes Schneemeer verwandelt hatte, angekommen. Mitten aus dieser Schneemasse erhob sich eine Figur, die ebenso weiß war wie ihre Umgebung und sich nur durch ihren Schattenwurf vom restlichen Schnee abhob.
„Voilà! Das bist du, Nana. Ist es nicht einfach großartig geworden?“, fragte das Kind und sprang ungeduldig von einem Fuß auf den andren.
Anne hatte sich mit der Schneefigur solche Mühe gegeben. Seit Stunden war sie hier draußen im Schnee gewesen und hatte daran gearbeitet. Hatte werde zu Mittag gegessen oder sich im Haus aufgewärmt. So sehr war sie von ihrer Arbeit in Anspruch genommen worden. Und nun war sie fertig und mit dem Resultat ihrer Arbeit mehr als zufrieden. Die Figur sah dem Original unheimlich ähnlich, wie sie fand.

„Nana, du sagst ja gar nichts. Gefällt sie dir nicht?“, fragte das Mädchen sehr leise.
Plötzlich war alle Begeisterung von ihr abgefallen. Warum hatte sie auch geglaubt, dass sie, die tollpatschige Anne, etwas Schönes hätte formen können! Wieder war sie einem Irrglaube aufgesessen. Vielleicht hatte Caroline Recht, wenn sie sagte, dass aus ihr nie etwas werden würde, da sie für diese Welt einfach zu schusselig sei.
Langsam füllten sich ihre Augen mit stummen Tränen, die langsam ihre Wangen hinab kullerten. Sie war schon wieder am Weinen! Caroline würde jetzt wieder lachen, wenn sie sie so gesehen hätte. Bei dem Gedanken an ihre Stiefschwester wischte sich Anne energisch die Tränen aus dem Gesicht und wartete stumm auf eine Reaktion von Nana. Diese schien gar nicht bemerkt zu haben, wie sehr ihr Schweigen das Mädchen zu verletzten schien.
„Aber natürlich gefällt mir dein Werk, Anne. Ich bin sprachlos…diese Ähnlichkeit. Es ist verblüffend. Und du hast das hier ganz allein gemacht?“, fragte die alte Kinderfrau erstaunt.
„Aber natürlich.“, antwortete Anne nun schon wieder fröhlicher.

Ihre Schneefigur gefiel also doch! Aber in Gedanken war Anne schon wieder bei Caroline. Diese war nur drei Jahre älter als Anne und führte sich trotz allem auf, als wenn sie schon eine erwachsene Frau wäre. Schneemänner und Schneeballschlachten waren in ihren Augen etwas für Kinder und zu diesen zählte sich die 12-jährige schon längst nicht mehr. Immer wenn Anne die Schwester fragte, ob sie vielleicht mit ihr spielen wolle, bekam diese nur eine Abfuhr und wurde wieder aus dem Zimmer geschickt. Immer war sie allein!
Mutter hatte keine Zeit, um mit ihr zu spielen. Sie musste sich um das Baby kümmern und Nana versorgte zusammen mit Roxana, ihrem rumänischen Zimmermädchen, die Damen des Hauses und mit dem Rest des Personals hatte sich Anne nie recht anfreunden können. Caroline wollte sich nicht mit der kleinen Schwester abgeben und schwelgte stattdessen lieber in Träumereien, die alle um einen wunderhübschen Prinzen kreisten, der sie aus dieser Einöde, wie sie ihr Zuhause immer zu bezeichnen pflegte, erretten würde. Allein Pierre verbrachte gern seine Zeit mit ihr. Doch diesen hatte der Vater inzwischen nach Paris geschickt, um dort zu studieren. Ach, wie sie den großen Bruder vermisste.

Sie hatte tagelang geweint, als Pierre abgereist war. Mit ihm war der einzige Mensch gegangen, der in diesen Tagen für sie Zeit gehabt hatte. Nun war sie wieder allein und musste zuschauen, wie sie die Stunden herumbrachte. Doch bald würde er für ein paar Tage wieder nach Nantes kommen. Das hatte er ihr in seinem letzten Brief geschrieben.
Nana riss sie wieder aus ihren Gedanken.

„Kind, komm! Wir gehen lieber wieder ins Haus, bevor wir uns hier draußen noch den Tod holen. Wir werden uns gemütlich in die Küche setzten und zusammen einen Tee trinken und uns ein wenig unterhalten. Was meinst du?“
„Oh, gerne Nana.“, antwortete Anne erfreut. Inzwischen bemerkte nämlich selbst sie die Kälte und war froh über eine kleine Erfrischung. Schnell fasste sie die Kinderfrau bei der Hand und ging mit ihr zum Haus zurück…

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Beitragvon ChristineDaae » 06.02.2008, 17:21:33

Dieses Kapitel finde ich auch wieder super, nur schnell weiter :D
Freue dich, wenn es regnet – wenn du dich nicht freust, regnet es auch.
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Beitragvon Sisi Silberträne » 06.02.2008, 20:56:05

Ja ja, Caroline das kleine Biest... :evil:

Schön, dass es endlich weiter geht!
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Beitragvon Schwanenkoenigin » 20.02.2008, 19:10:00

So, hier ein weiterer Teil der Geschichte...

__________________________________


Wieder riss der Faden der Erinnerung und sie fand sich in der Realität wieder. Inzwischen schmerzte sogar das Atmen. Wo waren Pferd und Reiter geblieben? Angespannt lauschte sie in die Nacht. Da war es wieder! Ja, er war noch immer hier. Wie viel Zeit war seit ihrem erneuten Abtauchen in die eigne Vergangenheit vergangen? Langsam drehte sie den Kopf in die Richtung, in der sie den nächtlichen Reiter vermutete.

Anfangs war alles nur schwarz und für ihre geschwächten Augen undurchdringlich. Doch nach und nach konnte sie in der Finsternis Dinge unterscheiden. Rings um sie her war nur Gestrüpp. Sie musste in eine wilde Hecke gefallen sein, die ihren Sturz ein wenig abgefangen hatte. Als sie einige Zeit länger in die Nacht gestarrt hatte, war es ihr auch möglich zu erkennen, wo die Hecke eigentlich aufhörte. Wenn sie es schaffen würde, vielleicht fünf oder sechs Meter zu kriechen, dann käme sie aus dem Unterholz und wäre auch für den Reiter gut sichtbar. Doch als sie auch nur versuchte einen Arm zu heben, durchfuhr der Schmerz sie mit neuer Kraft. Gepeinigt schrie sie auf. Das mit dem Kriechen würde wohl doch nicht so einfach wie sie gedacht hatte. Noch einmal strengte sie sich an, um die Welt hinter der Hecke erkennen zu können.

Und plötzlich konnte sie ihn sehen! Da stand er… Athos …vielleicht zehn Meter von ihr entfernt saß er hoch auf seinem Pferd und lauschte in die Dunkelheit. Nun war es an ihr ihn auf sich aufmerksam zu machen. Ihren kurzen Schrei schien er nicht vernommen zu haben.
Wieder mühte sie sich ab, um etwas aufrechter sitzen zu können und somit für ihn besser sichtbar zu sein. Aufgeregt fuhr sie sich mit der Zunge über ihre rissigen Lippen und stieß ein raues Keuchen, welches ein Hilferuf hätte werden sollen, aus. Doch diesmal schien er es vernommen zu haben, denn er schaute angestrengt in die Finsternis, die sie beide umhüllte. Heiser flüsterte er einen Namen – ihren Namen! Wie hatte sie es immer geliebt, wenn er diesen aussprach. Niemand hatte es je vermocht, ihn mit so viel Liebe und Wärme zu artikulieren. Doch in den letzten Jahren hatte sie ihn zu selten vernommen.

Noch einmal versuchte sie ihn zu rufen und diesmal gelang es ihr auch. Ihr Ruf hallte durch die Dunkelheit und kam einem letzten Aufbäumen gegen die drohende Ohnmacht gleich. Daraufhin glitt er vom Rücken seines Pferdes und machte sich vorsichtig in ihre Richtung auf. Dabei setzte er behutsam einen Fuß vor den anderen, um nicht über mögliche Hindernisse zu stolpern. Und kurze Zeit später hörte sie, wie er das Geäst der Hecke durchbrach und die letzten Meter, die sie noch trennten, überwand. Während sie seinen Schritten lauschte, wanderten ihre Gedanken wieder in vergangene Zeiten…

„Mademoiselle, würdet Ihr mir diesen Tanz schenken?“ Überrascht drehte sie sich um und sah in das schöne Gesicht eines jungen Mannes, der sie mit warmen braunen Augen anlächelte. Es war wunderbar dieses Lächeln! Es wärmte ihr das Herz und ein Glücksgefühl erwachte tief in ihrer Brust. Dieses Gefühl hatte sie schon lange nicht mehr so intensiv verspürt und in ihren Gedanken war es immer mit Maman, Pierre oder Aristide verbunden gewesen. Doch nun konnte selbst ein völlig Fremder in ihr diese Gefühle auslösen. Das verstand ihr junger Geist noch nicht.

Sie starrte den jungen Herrn noch immer an, als er, wohl in der Annahme sie hätte ihn nicht verstanden, sein Anliegen wiederholte. „Mademoiselle, würdet Ihr mir diesen Tanz schenken? Ihr würdet mich damit zum glücklichsten Menschen auf Erden machen!“
Langsam dämmerte ihr, dass er tatsächlich mit ihr sprach. Sie schaute sich schüchtern um, um zu sehen, ob sie beobachtet würden. Doch niemand, außer Caroline vielleicht, schien Notiz von ihnen zu nehmen, denn alle waren sie zu sehr mit dem bunten Treiben rings umher beschäftigt. Daher nahm sie schweigend den ihr dargebotenen Arm und ging mit dem Fremden zur hölzernen Tanzfläche, die man tags zuvor eigens für dieses Fest hergerichtet hatte.

Sie wagte nicht zu sprechen, aus Angst, der Fremde würde sich mit dem ersten Wort in Luft auflösen und alles würde sich als Traum herausstellen. Befangen schaute sie auf ihre Schuhspitzen, die schon wieder staubig waren – nie schaffte sie es, ihre Kleidung lange sauber zu halten, ganz im Gegenteil zu Caroline, die immer adrett aussah, als sie bei der Tanzfläche angekommen waren.
Doch plötzlich fasste er sie mit seiner behandschuhten sehnigen Hand unter dem Kinn und zwang sie somit sanft ihn anzusehen. Unsicher fragte sie sich, ob ihm wohl gefiel was ersah. Fand er das spitze, etwas knochige Gesicht mit dem blassen Teint und den kühlen grauen Augen anziehend, oder fand er sie unscheinbar? Wieder schlich sich die viel schönere Stiefschwester in ihre Gedanken.

Caroline mit den wunderschönen goldblonden Locken!
Caroline mit den umwerfend unschuldigen blauen Augen!
Caroline, die elegant, hoch gewachsen und fraulich geformt war!
Caroline, die alles war, was Anne nicht war!
Caroline, die Verkörperung von allem was Anne zu hassen gelernt hatte!

Langsam wurde sie unsicher, als der junge Mann einfach damit fortfuhr sie so intensiv zu betrachtete. Schließlich fasste er sie leicht um die schmale Taille und begann sie im Walzertakt über die Tanzfläche zu wirbeln. Keiner von beiden sprach. Sie starrten sich nur an und jeder schien im anderen etwas Bestimmtes zu suchen. Selten hatte Anne sich bei einem Fremden so wohl und geborgen gefühlt. Es war, als hätten sie sich schon ewig gekannt. Als er sie nach dem Tanz atemlos zu einer Bank führte, schwelgte sie noch immer in dem ihr unbekannten Glücksgefühl.

„Mademoiselle, darf ich Euch eine kleine Erfrischung anbieten?“ Und noch bevor sie antworten konnte, war er fort um das Angebotene zu besorgen. Plötzlich überkam sie ein ungutes Gefühl. Was tat sie hier? Wer war der fremde Mann? Was wollte er? Was sollte sie tun? Was würde Caroline den Eltern erzählen? Sie wurde immer unruhiger und unsicherer. Als sie ihn wieder zurückkommen sah, floh sie kopflos und tauchte in der Menschenmenge unter. Sie sah nicht zurück und rannte atemlos davon, sicher ihn nie wieder zu sehen…

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Beitragvon Schwanenkoenigin » 07.03.2008, 18:51:57

So... und weiter gehts!

__________________________________________


Am nächsten Morgen war sie schon vor ihrer Mutter und dem Rest der Familie wach. Allein Aristide, ihr fünfjähriger Bruder, war schon auf und turnte durch das Haus. Anne schnappte sich den kleinen Bruder und ging mit ihm im Schlepptau nach unten in die Küche, wo sie hoffte von Nana oder vielleicht auch von Marie, der neuen Köchin, den ein oder andren Bissen ergattern zu können. Sie und Aristide hatten dieses morgendliche Unterfangen schon fast zur Perfektion gebracht.

„Anne, wo waren Caro und du gestern so lange? Ich habe gewartet, du wolltest mir doch noch eine Geschichte erzählen.“, meinte der kleine Junge.
„Oh, das tut mir leid, Aristide. Ich hatte gar nicht mehr daran gedacht. Heute Abend erzähle ich dafür eine viel längere Geschichte. Was hältst du davon?“
„Oh, das wäre vorzüglich!“, rief der Kleine begeistert.
„Großartig…nicht vorzüglich, Brüderchen.“, korrigierte Anne den Bruder.

Und schon waren sie auch in der großen, heimeligen Küche angekommen. Der Raum war sehr hoch und trotz allem immer angenehm warm. An den weiß getünchten Wänden hing kupfernes Brat- und Kochgeschirr, das im Schein des Feuers, das hier stets im Kamin brannte, wunderschön anzuschauen war. Es glänzte wunderschön! In der Mitte des Zimmers stand ein großer hölzerner Tisch, an dem die Bediensteten ihre Mahlzeiten einnahmen und wo ansonst allerlei Arbeiten – das Polieren des Silbers, das Zubereiten der verschiedenen Speisen, oder auch das Stopfen von alten Socken – verrichtet wurden. An eben diesem Tisch saß, wie erwartet, Nana und schnitt allerlei Gemüse für einen Eintopf, den es am Mittag geben sollte, klein. Diese schien über das Auftauchen ihrer beider Schützlinge zu solch ungesund früher Stunden – die Uhr hatte eben erst acht geschlagen – sehr erstaunt zu sein. Immerhin war Samstag und an diesem Tag verirrte sich kaum eines der Kinder vor zehn Uhr in das Reich der Köchin. Vor allem Annes Erscheinen war eine Überraschung, da diese am Wochenende als passionierte Langschläferin bekannt war. Daher fragte sie etwas irritiert, wie denn das vorabendliche Fest gewesen sei, worauf Anne nur erwiderte, dass es amüsant gewesen, sie aber nicht sehr lange geblieben sei, da sie recht müde gewesen war.

„Kind, das kann doch unmöglich alles gewesen sein? Wie waren denn die jungen Herren auf dem Fest? Waren sie galant und reich geschmückt?“, fragte die Alte neugierig.
„Waren auch Ritter dabei?“, hakte nun auch der Bruder ein.
„War es ein romantischer Abend mit allerlei Tänzen und heimlichen Rendezvous?“
„Gab es Duelle?“
Anne wurde plötzlich, als hätte man irgendwo eine Schleuse geöffnet, mit Fragen überschüttet. Sie wusste gar nicht, welche sie zuerst beantworten sollte. Oder ob sie das überhaupt wollte. Warum konnte nicht Caroline dies alles beantworten. Sie hätte das mit Vergnügen getan und sich in der ihr dargebotenen Aufmerksamkeit gesonnt. Doch ihr, Anne, war diese Aufmerksamkeit zu viel. Sie wusste ja selbst noch nicht, was sie von diesem Abend halten sollte.
„Anne, was hast du, Kind?“, fragte Nana etwas besorgt, als ihr Schützling so gar nicht auf die Fragen einzugehen schien.
„Hannah, ist Anne böse auf uns?“ Verwundert sah Aristide seine Kinderfrau an.
„Nein, Junge…sie ist nur nachdenklich. Oder, Anne?“
„Wie bitte? Nachdenklich? Ja, entschuldigt. Eure Fragen…ja, es waren allerlei junge und alte Männer anwesend. Reichere und weniger wohlhabende, schöne und unauffälligere. Aber ich kann nicht sagen, ob einer der Herren ein Ritter war. Denn in Rüstung erschien leider keine, obwohl das sicher ein erhebender Anblick gewesen wäre.“, meinte Anne mit einem Zwinkern zu ihrem Bruder.
„Wie schade…gab es wenigstens ein Duell? Und Tote oder wenigstens Verletzte?“, fragte Aristide hoffnungsvoll.
„Ich habe keine gesehen, aber das heißt nicht, dass es vielleicht nicht welche gab.“, antwortete die große Schwester leicht amüsiert über die Begeisterung des Jungen.
Die alte Kinderfrau lächelte bei so viel Neugier nur, strich dem Jungen zärtlich über das Haar und stellte beiden Kindern jeweils eine große Tasse mit heißer Schokolade vor die Nase.
„So und nun lasst es euch schmecken, während ich die Hörnchen in den Ofen gebe. Aber macht euch nicht allzu sehr schmutzig.“, meinte Nana tadelnd.

Schweigend saßen beide Kinder einträchtig am Küchentisch und schlürften ihren Kakao. Anne war für jede Stunde, die sie in dieser Harmonie verbringen durfte, äußerst dankbar. Denn so war es nicht immer. Sobald Caroline die Türe ihres Zimmers hinter sich weithin hörbar ins Schloss fallen ließ, waren die schönen Momente für das jüngere Mädchen vorbei. Dann war sie den Sticheleien und bösen Kommentaren der Stiefschwester ausgesetzt und mit jedem neuen Tag, an dem sie diesen ausgeliefert war, wuchs ihr Hass auf das blonde und anmutige Mädchen. Oh ja, sie hasste Caroline!

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Beitragvon ChristineDaae » 07.03.2008, 20:03:04

Oh, hatte ich den vorigen Teil noch gar nicht kommentiert? :shock:
Das hab ich wohl vergessen... Ich finde beide Kapitel sehr schön :)
Freue dich, wenn es regnet – wenn du dich nicht freust, regnet es auch.
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Beitragvon Sisi Silberträne » 08.03.2008, 01:25:38

Wie immer super, du hast echt einen Gänsehaut-Stil im positiven Sinn =)
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Beitragvon Schwanenkoenigin » 10.03.2008, 10:01:03

Hey, danke für die netten Kommentare. Und zu Babsi: Tja, und das obwohl ich den Titel als Alptraumqueen abgestaubt habe! :wink:

__________________________________


„Anne, du schaust so bös. Was hast du denn? Hab ich irgendetwas falsch gemacht?“, fragte der kleine Bruder besorgt.
Er schien das blasse Mädchen unheimlich gern zu haben und hing sehr an ihr. Vielleicht auch deswegen, weil sie ihm von allen Geschwistern vom Alter her am nächsten war. Doch auch von ihrem Naturell ähnelten sie sich sehr. Beide waren sie stille und zurückhaltende Kinder, die nicht viel Theater benötigten um sich zu beschäftigen. In ihrer Phantasie erlebten sie so manch gefährliches Abenteuer, in dem sie Drachen erlegten oder unschuldiges Volk vor bösen Tyrannen retteten.
„Nein Aristide, ich bin dir nicht böse. Bin nur ein wenig nachdenklich. Entschuldige.“, gab Anne zur Antwort.
„Dafür musst du dich nicht entschuldigen. Denke nur weiter.“, meinte der Junge und widmete seine volle Aufmerksamkeit der Tasse, die er zwischen den kleinen Händen hielt.

Allmählich begann auch das Leben wieder in dem alten Gemäuer Einzug zu halten, denn langsam kamen nach und nach immer mehr der Bediensteten in die Küche und begannen damit, ihr Tagwerk zu verrichten, wenn sie nicht schon in andren Teilen des Hauses damit begonnen hatten. Als Roxana die Küche betrat, grüßte sie die Kinder mit einem freundlichen Lächeln, griff sich dann zwei Eimer mit Kohle und machte sich wieder aus den Weg diese im Haus zu verteilen.
Als beide Kinder ausgetrunken hatten, stand Anne auf, nahm den kleinen Bruder an die Hand und ging Richtung Ausgang. Schnell teilte die der Kinderfrau mit, dass sie beiden nun ein wenig in den Park wollten, um dort die Enten im Teich zu füttern. Nana war einverstanden und band schnell das trockene Brot in ein altes Leinentuch und gab es dem Mädchen mit auf den Weg.

Schnell rannten die beiden aus dem Dienstboteneingang des Herrenhauses ins Freie. Es schien ein herrlicher Tag zu werden. Denn obwohl es erst früher Morgen war, war es angenehm warm. Das Gras kitzelte an den Knöcheln und der Gesang der Vögel bahnte sich seinen Weg in das Ohr williger Zuhörer. Nach einem kleinen Wettrennen, das Anne Aristide gewinnen ließ, hatten sie sehr schnell besagten Ententeich erreicht und setzten sich gemeinsam ins Gras. Keine Minute später kamen auch schon die ersten Enten aus dem dichten Schilf auf sie zu geschwommen, denn diese samstägliche Fütterungsaktion war bei den Kindern, und auch bei den Tieren, fast Tradition geworden. So saßen sie fast eine dreiviertel stunde im Gras und ließen sich besonders viel Zeit mit dem verfüttern des Brotes. Jeder schien dafür seine eignen Gründe zu haben.

Aristide wollte sicher nicht zu seinen Aufgaben, mit denen er seit diesem Frühjahr begonnen hatte und Anne wollte das Zusammentreffen mit ihrer Schwester vermeiden oder zumindest so weit wie möglich hinauszögern. Doch spätestens am Frühstückstisch würde sie ihr gegenüber sitzen und sich sicherlich dumme Kommentare anhören müssen. Das würde ihr den ganzen Tag ruinieren und ihr die Erinnerungen an den letzten Abend verderben. Denn sicher würde sie davon erzählen, wie die tollpatschige und unansehnliche Anne einfach davongelaufen war, als ein adretter junger Mann ihr seine Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Maman würde daraufhin mitleidig aufsehen und Papa würde wahrscheinlich nur die Augenbraue ein wenig anheben, so wie er es immer tat, wenn er stille Missbilligung auszudrücken gedachte und ansonst schweigen. Sie wollte die beiden nicht verletzten, aber trotz allem konnte sie ihr Verhalten nicht erklären. Sie wollte auch nicht! Schließlich war sie noch jung und wollte auch das ein oder andre Geheimnis hüten dürfen. Ach, was gäbe sie nicht dafür, wenn sie so frei und mehr oder weniger unbehelligt wie ihr kleiner Bruder leben könnte. Oder wie Pierre, der im fernen Paris lebte. Ihm schrieb niemand vor, was er zu tun oder zu lassen hatte. Er war nur sich selbst gegenüber verantwortlich. So stellte sich Anne mit ihren 12 Jahren die Freiheit vor…

Anne reichte Caroline das Körbchen mit den frischen Croissants, die Nana am Morgen gebacken hatte und widmete sich wieder ihrem Frühstück. Sie liebte Croissants, vor allem mit frischer Butter, die sie dann genüsslich darauf zerfließen ließ. Doch an diesem Morgen verging ihr der Appetit, als ihre Schwester begann vom gestrigen Fest zu erzählen. Bei ihr drehte sich alles um Mode, Skandale und die anmutigsten Herren. Unweigerlich kam sie auch auf Annes Flucht zu sprechen.

„Maman, Ihr könnt euch nicht vorstellen was Anne gestern getan hat!“, setzte die Schwester mit ihrer leicht näselnden Stimme an.
„Caroline, ruhig…Erzähl doch in Ruhe und nicht in einem Tempo, dass man annehmen könnte, der Teufel wäre hinter dir her.“, meinte die Mutter leicht tadelnd zu ihrer vor böser Freude fast übersprudelnden Tochter.
„Entschuldigt. Aber Annes Auftreten war einfach so skandalös! Sie wurde doch tatsächlich von einem adretten Herrn zum Tanz aufgefordert – was bei ihrem allgemein ungeselligen Wesen fast an ein Wunder grenzt – und dann wagt sie es doch tatsächlich, nachdem besagter Herr davongeeilt war, um ihr eine Erfrischung zu besorgen, einfach davonzulaufen! Kann man sich das vorstellen?“
„Anne, ist das wahr? Du bist davongelaufen?“, fragte die Mutter mit kaum verhohlener Neugier.
„Hatte er Mundgeruch?“, fragte Aristide, der sich das Verhalten seiner Schwester nur so erklären konnte.
„Sie ist so überstürzt vom Fest verschwunden, dass ihr Abgang nicht nur auffiel.“, fügte Caroline noch schadenfroh hinzu.

Oh ja, es gefiel ihr, die Überbringerin dieser Neuigkeiten zu sein und sie würde ihre Stiefschwester noch sicher einige Zeit mit dieser Begebenheit aufziehen. Schließlich war dies eine einmalige Gelegenheit, um der kleinen Giftspritze all die Herablassung und Miss-achtung, die sie der älteren Schwester entgegenbrachte, heimzuzahlen.
Caroline hatte sich nie mit Anne anfreunden können. Sie hatte auch nie das Bedürfnis verspürt. Was sollte sie denn schon mit einem Mädchen bar aller Manieren und Umgangsformen, das selbst noch mit reifen 12 Jahren von Kinderkram fasziniert und eingenommen war, anfangen?

Anne verstand nichts von Mode, dieses Thema schien sie einfach nicht sonderlich zu interessieren. Völlig einfach und ohne jegliche Raffinesse war sie stets gekleidet. Auch für ihr Äußeres schien die kleine Schwester keine Beachtung zu zeigen. Sie tat nur das nötigste, um sich herzurichten. Dementsprechend sah sie in den Augen Carolines auch aus. Unscheinbar und völlig uninteressant. Von daher hatte sie es fast als Beleidigung verstanden, dass der junge Herr auf dem Fest gestern doch tatsächlich Anne und nicht sie zum Tanz aufgefordert hatte. Sicher hatte er nur Mitleid mit der armen Gestalt gehabt. Ihre auffällige Erscheinung war es sicher nicht, die ihn gelockt hatte. So dachte Caroline, während die anderen über ihre Neuigkeiten zu brüten schienen.

„Anne, willst du uns nicht erzählen, warum du davongelaufen bist? Sicher ist jeder hier am Tisch brennend daran interessiert, die Geschichte aus deiner Sicht zu erfahren. Nicht, dass wir uns nicht selbst unsren Teil denken könnten…“, giftete Caroline.
„Caroline, das reicht! Lass dieses Waschweibergeschwätz in der Küche oder sonst wo. Ich möchte so etwas nicht an meinem Tisch haben!“, fuhr der Vater, der sich bisher aus der Unterhaltung herausgehalten hatte, seine leibliche Tochter an.
Diese verstummte darauf sofort, denn vor ihrem Vater hatte sie stets Respekt und Achtung gezeigt. Schweigend brachten alle Anwesenden daraufhin das gemeinsame samstägliche Frühstück hinter sich.

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GlindaVonOz

Beitragvon GlindaVonOz » 10.03.2008, 10:20:21

wow die ganze geschite super geworden!!!

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Beitragvon Sisi Silberträne » 10.03.2008, 10:36:05

Oh, geht ja schon weiter =)

Wieder super geschrieben! Caroline ist eine dumme Nuss, die verdient eine Ladung Kuhmist über den Kopf :twisted:
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