Martin L., Erfurt, 13.07.2008

Wie gefiel euch eine Vorstellung und was würdet ihr kritisieren?

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Gaefa
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Martin L., Erfurt, 13.07.2008

Beitragvon Gaefa » 16.07.2008, 21:41:10

Martin L., Erfurt, 13.07.2008

Schon vor Showbeginn konnten wir den Domplatz begutachten, der durch riesige Pfeiler durchbrochen hinter der Tribüne, auf der wir später sitzen sollten, dalag. Schon allein diese Szenerie war sehr beeindruckend und als wir dann noch den Soundcheck mitbekamen, freuten wir uns noch mehr auf die Show. Zum Soundcheck seien noch ein paar Worte gesagt. Ein Darsteller sang und plötzlich kannte ich den Text. Wir hatten eigentlich gedacht, dass zum Soundcheck Lieder aus „Martin L.“ genommen würden, aber der Darsteller sang ein Stück aus Tanz der Vampire, was mich leicht verwirrte. Der Chor sang dann allerdings das Kyrie Eleison, das auch später im Stück vorkommen sollte. Es wurde immer später und es begann langsam zu dämmern, als wir kurz nach 21Uhr endlich eingelassen wurden. Ein kurzer Blick auf die Cast verriet uns, dass wir dieses Mal tatsächlich Glück haben und Yngve sehen sollten. Schon vor dem Einlass wurde klar, dass das Publikum überwiegend aus älteren Herrschaften bestand, was sich dann auch im zurückhaltenden Applaus während des Stücks widerspiegelte. Die angesprochenen Pfeiler, die im ersten Moment sehr beeindruckend aussahen, erwiesen sich als recht hinderlich, da ich in der ersten Reihe ganz am Rand saß und mir einige dieser imposanten Gebilde die Sicht auf bestimmte Stellen der Domstufen, die als Bühne dienten, nahmen. Dennoch freute ich mich, als eine Stimme aus dem Lautsprecher alle darauf aufmerksam machte, dass wir nicht vergessen sollten unsere Handys nach der Vorstellung wieder einzuschalten.

Nun zur Vorstellung von „Martin L.“:
Ich werde zuerst ein wenig zum Ablauf und den Charakteren sowie deren Besetzung schreiben, bevor ich zum Schluss noch ein paar Worte dem Stück selbst widme.

Hier mal die Besetzung:
Martin: Yngve Gasoy-Romdal
Jörg: Carsten Lepper
Ursula Schalbe: Petra-Madita Kübitz
Bunz: Fernand Delosch
Steffen: Frank Josef Winkels
Caspar: Máté Sólyom-Nagy
Frau Cotta: Veselina Teneva
Herr Schalbe: Reinhard Becker
Georg Kieritz: Jörg Rathmann
Herr Kieritz: Ralph Heiligtag
Hans Luther: Axel Meinhardt
Abt: Christian Schlegel
Äbtissin: Veselina Teneva
Johann Staupitz: Michael Tews
Andreas Karlstadt: Frank Josef Winkels
Papst Leo X.: Charlie Serrano
Hieronymus Aleander: Jörg Rathmann
Friedrich der Weise: Axel Meinhardt
Georg Spalatin: Frank Logemann
Johann Tetzel: Fernand Delosch
Thomas Müntzer: Matthias Sanders
Kaspar Sturm: Christian Schlegel
Philipp Melanchton: Máté Sólyom-Nagy
Johannes von der Ecken: Michael Tews


Die Show begann pünktlich um 21:30Uhr, was meiner Meinung nach etwas spät ist, auch wenn dadurch schon die Nacht hereingebrochen war und die Lichteffekte besser ankamen.
Alles fing mit dem Auftritt des Chores, der die Domstufen hinunterschritt an. Man hörte einen Mann singen und ein wenig zweifelnd über Martin Luther im Gesang zu erzählen. Dass es Carsten Lepper war, der als Luthers zweites Ego Jörg den zweifelnden Part innehatte, bemerkte ich erst, als er von der Tribüne hinunter in Richtung Domstufen ging. Schon hierbei mischte sich Yngve als Martin unter das Volk und als es still wurde, konnten wir seinem sachten Gesang lauschen. Mit diesem wollte er Ursula beeindrucken, der er vergebens hinterher eilte. Dies wurde durch Jörg bestärkt, der ihm zurief, dass es zu spät sei. Auch im weiteren Verlauf sollte Carsten noch einige Ratschläge an Yngve richten. Aber weiter ging es erstmal mit Martins Freunden, unter denen ich vor allem Fernand Delosch erkannte. Sie zogen ihn ein wenig auf und versuchten sowohl durch Text, als auch ihr Verhalten etwas Witz in die Situation zu bringen, was ihnen durch viel Aktion auf der Bühne gelang. Doch all dies wurde ziemlich kurz gehalten und schon kam nach einem kurzen Gesangsstück Martins Frau Cotta, die ihn für ein Theaterstück engagieren wollte. In diesem sollte auch Ursula mitspielen, weshalb Martin hin und weg war. Man merkte sofort, dass er sich in sie verliebt hatte, denn er fand kaum die richtigen Worte. Ich fand es sehr lustig, als er sich mit „Ich heiße Jura.“ vorstellte, dann aber schnell verbesserte: „Ich studiere Jura. Ich heiße Martin.“ An dieser Stelle sei zu erwähnen, dass Yngve das „Martin“ immer sehr lustig ausgesprochen hat, sehr akzentreich eben, hörte sich lustig an bei ihm. Als Martin Ursula nach Hause begleitete, sangen seine Freunde noch ein stimmungsvolles Liedchen, wobei Yngve und Petra im Hintergrund über die Domstufen wanderten. Darauf folgte ein wundervolles Liebesduett zwischen Martin und Ursula, das von beiden schön gesungen wurde. Allerdings singt Petra für meinen Geschmack eindeutig zu hoch und zu schrill, die tieferen Töne waren schöner. Auch für Carsten gilt so etwas Ähnliches. Er mischte sich vor dem Lied auch wieder ein und sobald er hoch sang, wurde seine Stimme für mich unangenehm anzuhören. Die tiefen Töne gefielen mir von ihm sehr gut, nur leider wurde er zu oft zu hoch, so dass ich an einigen Stellen auf seine zweifelnden Kommentare ohne weiteres hätte verzichten können. Yngve hingegen hatte die Möglichkeit viele schöne Facetten seiner Stimme zu zeigen, die in jeder Tonhöhe schön klingt. Seine und Petras Stimmen harmonierten sehr gut bei ihrem Duett.
Weiter ging es mit der Nachricht, dass Ursula einen anderen heiraten sollte, was Martins Freunde verhindern und sich einen Streich ausdenken wollten. Es folgte ein Stück der Theateraufführung, bei der Martin die Rolle des Engels Gabriels bekommen hatte. Hierbei stand er oben auf bzw. hinter einem dieser Pfeiler und überblickte das Spektakel von oben. Es tauchten viele Menschen mit Fratzenmasken auf und auf den ersten Stufen wurde von Teufelähnlichen Figuren ein Gitter aus Bändern aufgespannt, in dem der Hauptdarsteller des Stückes, Georg Kieritz, gefangen wurde. Den Sinn dieses Theaterstückes für die Show habe ich allerdings nicht begreifen können und auch meiner Mutter fand diese Szene sehr rätselhaft. Es hatte keinen vorantreibenden Effekt und falls es einen tieferen Sinn gehabt hat, blieb mir dieser verborgen. Die ganzen vorhergehenden Szenen wurden recht knapp gehalten und auch das Liebesduett wurde immer wieder zwischendrin unterbrochen, um Dialogen Platz zu schaffen und die Gemeinsamkeit der beiden zu unterbrechen. Ich hätte mir gewünscht, dass diesen Szenen mehr Raum zugewiesen wurde, um sie mehr ausspielen zu können und das wundervolle Duett nicht so zu zerreißen, dafür hätte ich bestens auf das Theaterstück, das ich sowieso nicht verstanden habe, verzichten können. Aber nun gut. Im Anschluss an dieses Stück (oder war es die Probe zum Stück?) gratulierten Martins Freunde Herrn Kieritz zum gelungenen Auftritt und der bevorstehenden Hochzeit, wobei sie ihn reichlich abfüllten. Es folgte also ihr Streit, indem sich einer der drei als Frau verkleidete und den betrunkenen Georg augenscheinlich verführte. Das haben sie natürlich so inszeniert, dass Ursulas Vater dies mitbekam. So wurde die Verlobung von Georg und Ursula gelöst, womit scheinbar der Weg für Martin frei stünde. Doch dieser war nicht vom Streich seiner Freunde begeistert und man nahm Yngve komplett ab, dass er zwischen dem Beichten der Wahrheit und dem freien Weg zu Ursula zerrissen war. Dies kommentierte Carsten natürlich noch zynisch mit ein paar Zeilen Anschuldigung in Richtung Yngve. Direkt im Anschluss folgte das eindrucksvolle Gewitter, das durch die Lichteffekte, die als Blitze dienten, sehr schön dargestellt wurde. Yngve rannte über die Treppen, suchte Schutz und flehte um sein Leben. Carsten mischte sich in das Lied ein und ließ auch hier einige zweifelnde Bemerkungen laut werden. Leider übertönte das Gewitter an einigen Stellen tatsächlich den Gesang, so dass das Textverständnis leider darunter gelitten hat. Dennoch war es eine sehr beeindruckende Szene, auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass der Blitz in einen der Pfeiler eingeschlagen hätte, das wäre noch imposanter geworden. Martins Gelübde Mönch zu werden, ging ebenfalls ein wenig im Donner unter, weshalb es im Zwiegespräch zwischen Luther und seinem zweiten Ich Jörg nochmals klar gestellt wurde. Doch auch hier ging alles etwas schnell, sein Vater lehnte sich kurz dagegen auf, aber Martins Entschluss stand fest, was Yngves Tonfall sehr gut anzumerken war. Die nächsten Zweifel an der Entscheidung kamen, als einen Moment später Ursula von der Auflösung der Verlobung erzählte, da nun nicht mehr ihrem Glück mit Martin im Wege stand. Auch in dieser Situation passte Yngves vorwurfsvoller Tonfall sehr gut und man sah ihm an wie er mit sich rang. Ursulas Verzweiflung kam in ein paar sehr hoch gesungene Zeilen gefasst ein wenig kurz. Schön war allerdings, dass sie das Liebesduett wieder aufnahm und sich damit von ihm verabschiedete. Denn auch ihr war es nicht möglich Martin eines anderen zu überzeugen, der das Gewitter als Zeichen sah. Jörg wiederum machte sich sowohl über das Gelübde, als auch die Abwendung von Ursula nur lustig. Es folgte die Aufnahme Martins und Ursulas in die Klöster. Ursula wurde weiter oben bei den Nonnen aufgenommen, während Martin weiter unten zu einem Mönch wurde. Schöne Idee und auch recht gut umgesetzt, doch dadurch dass der Abt und die Äbtissin das gleiche ein wenig zeitversetzt sangen, litt wieder das Textverständnis. Das folgende Kyrie Eleison des Chors war sehr schön gesungen und passte voll uns ganz zur Stimmung der Szene, in der die Mönche auch mit Kerzen und Weihrauch auf der Bühne standen.
Es folgten die Jahre Luthers im Kloster. Gezeigt wurde Yngve wie er links neben einem diesen Pfeilern stand und dort scheinbar betete und arbeitete. Währenddessen unterhielten sich Karlstadt und Staupitz in einem recht stimmungsvollen Liedchen darüber, wie es Bruder Martin ginge. Da er jeweils zu fleißig war, sollte man ihm mehr zu tun geben. So wurde er zum gelehrten Mönch, zum Professor und wurde nach Wittenberg geschickt. Interessant gelöst, allerdings war es auch wieder eine recht schnelle Abhandlung von allem, ohne dass wirklich auf Luthers Leben im Kloster eingegangen wurde. Dem Zuschauer blieb so verwährt wie schnell die Jahre vorbeizogen.
Nach dem Lied musste sich ein Altbekannter natürlich wieder einmischen – Jörg. Dieser wollte zynisch von Martin wissen, ob es Neuigkeiten von Gott gäbe. Man nahm Yngve sehr gut ab, wie genervt er von Jörg war. Er präsentierte Bruder Martin dann noch den neuesten Klatsch und Tratsch aus Rom. Es geht wohl mittlerweile nicht mehr, dass man ein Musical schreibt und keine witzig-moderne Nummer mit hineinnimmt. Ich frag mich immer wieder warum, so auch bei Hole in one. Der Papst samt Gefolge kam mit Golfwagen auf die Domstufen gefahren und Papst Leo X. begann Golf zu spielen. Als Klatsch beim Golf ging es um den Ablasshandel und wie viel er verlangen könne. Die Gründe hierbei waren: 1,2 Millionen – 100000 für jeden Apostel, 700000 – 100000 für jede Todsünde und 1mio – 100000 für jedes der 10 Gebote. Sollte lustig werden, ich fand es eher daneben als lustig. Genauso wie das Gesamtpaket für den Ablasshandel, das der Papst eben Hole in one auf den Markt bringen wollte. Diese Szene verdeutlichte zwar wie absurd die Idee des Ablasshandels war, aber mir gefiel es trotzdem nicht. Muss man immer eine so modern herausstechende Szene hineinbringen? Für mich passt es dann einfach nicht ins Gesamtkonzept, was ich einfach schade fand. Aber logisch, dass Jörg es mit „cool, was?“ kommentiert.
Martin begann natürlich sich über diese Lüge in seinem nächsten, wie immer schön von Yngve gesungenem Lied aufzuregen. Doch auch dies kam leider recht kurz.
Nun traten Friedrich der Weise und Spalatin auf, die in einer kurzen Unterhaltung ankündigten Tetzel sehen zu wollen. Dieser tauchte dann auch mit dem gesamten Chor auf und begann Werbung für seinen Ablasshandel zu machen. Gesanglich konnte Fernand Delosch hierbei nicht durchgehend überzeugen. Er hatte meiner Meinung nach schon bessere Parts, aber er passte durchaus gut zur Rolle und überzeugte glaubhaft die umstehenden Leute, die er in seinen Bann zog, was man daran merkte, dass sie ihm mit jedem Schritt folgten.
Yngve stellte ihn nun als Betrüger dahin und versuchte das Volk davon zu überzeugen, dass Gnade nur von Gott geschenkt würde. Er legte sich die Worte genau so zurecht, dass Tetzel zum Schluss des Gesprächs „Das ist Betrug“ sagte und Martin natürlich genau das als seine Aussage nahm. Leider kamen die paar Gesangszeilen Martins wieder etwas kurz im Anschluss und wieder wurde eine kurze Unterhaltung von Friedrich und Spalatin zwischengeschaltet.
Als nächstes schrieb Luther die Thesen, die an die Kirche angeschlagen wurden. Doch auch bei dieser Szene fehlte mir leider ein wenig Ausdruck. Man merkte, dass Martin Thesen schrieb und sich gegen den Papst sowie den Ablasshandel auflehnte, doch den Rest bekam man eher von außen mit. Ein Bote schritt immer wieder über die Domstufen und pries „Neues von Luther“ an. Jörg stand auf einem dieser Pfeiler und animierte das Volk zur Parole: „Martin ist der Mann, er führt uns an.“ Doch eben dieses wurde immer wieder von verschiedenen Unterhaltungen unterbrochen, was die Szene etwas zerstreut wirken ließ. Dadurch dass vieles durcheinander geschah gingen die Thesen leider etwas unter. Ich hätte mir gewünscht, dass Yngve zu einer der beiden Kirchen, vor denen gespielt wurde, geht und tatsächlich einen Zettel mit den Thesen anbringt, worauf ich leider vergebens wartete. Martin stand an seinem Pfeiler und schrieb, las, quälte sich, während an der anderen Seite mittels einer Projektion die Thesen an eine Wand geworfen waren. Das war auch der Zeitpunkt, an dem ich die Projektion, die zuvor wohl schon Jahreszeiten angezeigt hatte, registrierte. Wirklich schade, dass diese Szene so durcheinander geraten ist. Oft wusste man auch gerade gar nicht, wo jemand sang oder auf wen man jetzt achten sollte oder musste, um zu verstehen wie es nun weiter gehen würde. Immer wieder kam das Volk mit „Martin ist der Mann“, was ein recht eingehender Schlachtruf war, der auch von Thomas Müntzer aufgenommen wurde. Als Martin nun nach Worms berufen wurde, stritten sich Martin und Jörg aufs Neue, wobei deutlich wurde wie unterschiedlich diese beiden Seiten doch waren.
Martins Begegnung mit Thomas war ein wenig verwirrend im ersten Moment. Es schien so als verstehen sich die beiden sehr gut, bis Thomas von seinen Visionen erzählte und scheinbar doch Luther entgegenwirkte. Ebenfalls wieder sehr kurz gehalten diese Unterhaltung, weshalb der Stimmungsumschwung nicht ganz nachzuvollziehen war, wenn man mal wieder nicht jedes Wort verstanden hatte, was die beiden von sich gaben.
Es folgte der Reichstag zu Worms, bei dem Luther all seine Schriften widerrufen sollte. Seine Bedenkzeit wurde durch ein Lied, das größtenteils von Carsten gesungen wurde, überbrückt. Während Jörg sang, spielte Martin, denn man sah ihm seine Verzweiflung und Zerrissenheit deutlich an. Yngve wälzte sich, wie schon in einer vorhergegangenen Szene, gequält auf dem Boden herum, während Carsten ihm eintrichterte, dass er nicht zu Satan und nicht zu Gott gehöre. Das Lied ist recht gut gelungen, doch ich konnte es nicht recht genießen, da Carsten die Töne abermals so hoch zog, was ich nicht mag und was seine Stimme als unangenehm wirken lässt. Angenehmer wurde es, als Yngve den Gesangspart übernahm und das Lied verzweifelt fortführte, wobei er den Text von Carsten übernahm. Doch schon kurz darauf ging er über zu „Ein feste Burg ist unser Gott“. Diesen Satz wiederholte er und auf Jörgs zweifelnde Fragen woher er diese Worte nahm, kam eine überzeugte Antwort von Martin, denn er nehme es aus dem Glauben. Dieses kirchliche Lied passte durchaus gut zur Situation und Yngve sang diese Strophe sehr eindrucksvoll und wirkte dabei komplett überzeugt, was mir gut gefallen hat. Nun konnte er auch selbstbewusst seine Antwort geben und sich abermals gegen den Papst wenden, da er sich auf die heiligen Schriften stützen wollte. Die Reichsacht wurde vom Richter im tiefen Bass verkündet und schon wurde Yngve unter ein Tuch gehüllt und weg geschafft.
Es sang Jörg „Der Funke zündet“ an, was abermals ein sehr schönes Lied war, bei dem er sich auch gegen den Tumult des Volkes durchsetzen konnte, doch auch hierbei konnte ich seiner Stimme leider nichts abgewinnen.
Als nächstes stand Matthias Sanders als Thomas Müntzel im Vordergrund und rief das Volk sehr glaubwürdig und mit ausdrucksstarkem Gesang zum Bürgerkrieg auf. Passend zu diesem Aufruf stimmte Carsten wieder kurz „der Funke zündet“ an. Doch auch hier wurde wieder die Szene durch eine Unterhaltung bei Friedrich dem Weisen auseinander gerissen, was immer wieder den Eindruck des Zusammenhalts schwächte.
Mittlerweile war die Dunkelheit komplett über den Domstufen hereingebrochen und es war Zeit für einen romantischen Rückblick, für den die Pfeiler mit kleinen sternähnlichen Lichtern angestrahlt wurden und Martin mit einem wunderschönen Lied an die Zeit mit Ursula zurück dachte. Wunderschön von ihm gesungen, doch leider konnte man aufgrund seines Akzentes nicht den ganzen Text verstehen, was nichts daran änderte, dass man die Sehnsucht in seiner Stimme und seinem Schauspiel fühlen konnte.
Doch die Romantik musste jäh durch Jörg gebrochen werden, der mit herbem Text Martin beleidigte. Er begann, indem er die Melodie von Yngves Lied aufnahm und kam dann zu Der Funke zündet zurück. Martin war im ersten Moment so wütend auf sein zweites Ego, dass er im Affekt nach dem Tintenfässchen griff und es einmal quer über die Bühne schleuderte, was zu dem legendären Tintenfleck in einem Zimmer auf der Wartburg führte. Doch leider kam auch das etwas kurz. Meine Mutter saß weiter hinten und hatte gar nicht begriffen was er da genau über die Bühne geworfen hatte, schade, dass man so genau hat aufpassen müssen. Wieder eine Szene, die man mehr hätte ausspielen können.
Nun machte sich Martin auf den Weg nach Wittenberg, was er in einem Brief, dessen kurzen Inhalt er selbst singen durfte, ankündigte. Nun folgte das Verhör mit Thomas Müntzer, bei dem Matthias nochmals sein tolles Schauspiel zeigen konnte. Auch stimmlich konnte er hierbei wieder überzeugen. Thomas jedoch drehte langsam ein wenig ab und wollte mit Gewalt seine Pläne durchbekommen. Luther wurde hinter ihm hergeschickt und nach dem Tod von Friedrich dem Weisen sowie des scheinbaren Vergewaltigung einer Nonne, die vielleicht Ursula war, der Luther helfen wollte und wonach Martin nochmals das Liebesduett anstimmte, kam es zur gesanglichen Auseinandersetzung zwischen Müntzer und Luther. Yngve kletterte den rechten Pfeiler hoch und rief das Volk dazu auf, dass sie sich einen solchen Anführer wie Thomas Müntzer nicht gefallen lassen sollten. Matthias kletterte dann den linken Turm hoch und begann seinerseits einen Aufruf, von dem ich allerdings nicht viel mitbekam, da Yngve direkt vor mir lautstark sang und Matthias somit übertönt wurde. Außerdem war auch die Musik sehr laut, weshalb der Text und der Gesang etwas untergegangen sind. Dieses Gesangsduell endete im Krieg der Massen, die Thomas Müntzer töteten. Über diesen Aufruf mussten sich dann Jörg und Martin abermals streiten, wobei Jörg immer wieder versuchte Martin ein Wort zu entlocken, das gegen seinen Lebenssinn stieß. Er schaffte es auch abermals ihn in Verzweiflung zu stürzen und ihn dazu zu bewegen über alle nachzudenken. Doch war es auch Jörg, der Martin daran erinnerte, dass aus all dem Martin Luthers Reich werden könne und Gott noch immer lebt, wenn auch alle gestorben sind. Diese abschließende Unterhaltung, in der beide die Wahrheit voneinander forderten, blieb für mich dennoch ein recht offenes Ende und komplett konnte ich diesen letzten Dialog, dem nur noch ein kurzes Chorstück folgte, leider nicht folgen. Es war ein recht sang- und klangloses Ende, was ich ein wenig schade fand. Auf der anderen Seite war es auch ein nachdenkliches Ende, was gut zu Luther und der ganzen Geschichte passt.

An dieser Stelle noch ein paar Worte zu den wichtigsten Darstellern bzw. zu denen, die mir am meisten in Erinnerung geblieben sind:
Allen voran natürlich Yngve als Martin. Hab mich sehr gefreut ihn endlich mal wieder zu sehen, nachdem ich lange kein Glück gehabt hatte ihn zu sehen. Schauspielerisch hat er jede Facette von verliebt und schüchtern bis hin zu verzweifelt und in sich zerrissen wunderbar verkörpert. Oft hat er sich gequält über den Boden gewälzt und lag auf den Domstufen. Gesanglich war er einfach großartig! Seine Stimme hat eine wunderbare Klangfarbe und passte perfekt zu Martin. Er hatte auch recht viel zu singen, was mich natürlich sehr gefreut hat. Es war ein Genuss ihm zu zuhören, vor allem auch, weil sich in seiner Stimme jedes Gefühl, sowohl beim Gesang als auch beim Sprechen widerspiegelt. Er hat einfach eine besondere Stimme und das passte zu diesem besonderen Mann Martin Luther. Vom Äußeren her passte er auch recht gut in die Rolle, auch wenn man ihn nur schwer unter den Perücken erkannte. Alles in allem war er echt großartig und ich hab mich sehr gefreut ihn endlich mal wieder live zu sehen und natürlich zu hören.
Sein zweites Ego Jörg alias Carsten Lepper konnte mich wiederum nicht so überzeugen. Schauspielerisch war er gut. Er hatte während des Stücks so ziemlich die Erzähler und Zweiflerrolle inne, die er auch gut ausgefüllt hat. Er hatte einen Ledermantel und Lack/Lederstiefel an, was die rebellische, zweifelnde Seite sehr gut darstellte. Wie ich allerdings schon an der einen oder anderen Stelle erwähnt habe, gefällt mir seine Stimmfärbung und die Art wie er singt einfach nicht. Seine Lieder waren meist gut, aber ich konnte mich mit seiner Art diese zu singen nicht anfreunden. Für mich waren sie deshalb nicht so angenehm zu hören, obwohl ich sagen muss, dass die Idee Martin das zweifelnde Ich gegenüber zu stellen echt gut war und Carsten dazu auch passte, selbst wenn ich seine Stimme nicht mag…
Als Martins Jugendliebe Ursula bleibt Petra-Madita zu erwähnen. Schauspielerisch hat sie die Rolle gut verkörpert, gesanglich an einigen Ecken ein wenig zu hoch und durchdringend, aber insgesamt recht solide. Sie hat auf jeden Fall Abwechslung in dieses von Männern beherrschte Stück gebracht.
Fernand Delosch ist vor allem als Tetzel aufgefallen. Schauspielerisch sehr überzeugend und gemein hat er die Ablassbriefe gut verkauft. Stimmlich hab ich schon bessere Partien von ihm gehört. Zu beachten ist natürlich auch, dass er und einige andere in zwei Rollen während des Stückes auf der Bühne standen, was einiges an Wandlungsfähigkeit voraussetzt, was er auch gut gemeistert hat.
Um eine handvoll Darsteller zu nennen, bleibt noch Matthias Sanders, der als Thomas Müntzer authentisch auf der Bühne stand, zu erwähnen. Ich mag ihn immer mehr. Egal in welches Rolle er steckt, er spielt überzeugend und spielt die Facetten der Person gut aus. Außerdem ist er gesanglich sehr stark und hat eine angenehme, kräftige Stimme, die mir gut gefällt. Ihm hat man echt geglaubt, dass er das Volk begeistert und auch sein Gesangsduell mit Yngve war stark. Er hat mir von den Nebenrollen her echt am besten gefallen und ist am meisten in Erinnerung geblieben.

So, nun, wie angekündigt, noch ein paar (kritische) Worte zum Stück selbst.
Ich bin mit keinerlei Vorstellung wie das Stück nun genau werden würde nach Erfurt gefahren, jedoch mit einigem Hintergrundwissen bezüglich Martin Luther. Wenn man an diesen Herrn denkt, kommen einem sofort die 95 Thesen gegen den Ablasshandel und die Übersetzung der Bibel, vielleicht noch der Tintenfleck auf der Wartburg in den Sinn. Doch genau diese drei großen und meiner Meinung nach wichtigen Punkte wurden nicht genug herausgearbeitet. Zu den Thesen hab ich oben schon einige Anmerkungen gemacht. Es war sehr schade, dass er nicht wirklich irgendwo einen Zettel mit den Thesen angebracht hat. Die Projektion hätte unterstützend dienen können. Die Übersetzung der Bibel kam nicht eindeutig raus. Er stand an seinem Tischchen an dem linken Pfeiler und schrieb. Wusste man nicht, was er schrieb, so hätte er auch Briefe schreiben können. Ich meine nichtmals gehört zu haben, dass erwähnt wurde, dass er dort das neue Testament übersetzt. Fand ich ein wenig schade. Zum Tintenfass hab ich oben auch schon was geschrieben, kam leider nicht deutlich genug heraus.
Des Weiteren fand ich es, wie schon angesprochen, schade, dass die Lieder immer so zerpflückt wurden und kein Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb des Liedes aufkam. Fast alle Lieder wurden von verschiedenen Dialogen unterbrochen, die die Atmosphäre des Liedes störten oder den Zusammenhang ein wenig zerrissen. Trotzdem waren die Lieder an sich schön komponiert und passten zum Stück. Viele Facetten von rockig über gefühlvoll bis hin zu kirchlichen Liedern wurden bedient, was mir sehr gefallen hat. Leider fehlten Melodien, die sich im Kopf festsetzen und die man sofort mitsummen kann. Das Liebesduett und ein paar andere sind zwar eingängig, aber man müsste sie noch ein paar Mal hören, um die Melodie wirklich im Kopf zu haben, denn erst dann entwickeln diese Melodien Ohrwurmqualitäten. Dies ist leider nicht möglich, da es keine CD von Martin L. zu erwerben gibt.
Zu dem modernen Lied mit dem Golfspielen des Papstes schrieb ich oben schon etwas, aber ich muss es noch mal erwähnen. Mich stören diese Ausbrüche eher, als dass sie mich erheitern. Es soll lustig sein, es soll kritisieren und überspitzt dargestellt sein, okay, aber geht das nicht auch anders? Meiner Meinung nach hätte man es auch anders lösen können…
Des Weiteren war es etwas schade, dass die Figuren oft nur sehr spärlich eingeführt wurden und man nicht unbedingt alle wieder erkannt hat, dadurch dass viele noch Doppelrollen hatten, wurde man noch zusätzlich verwirrt. Die kurzen Unterhaltungen, die immer wieder wo anders hinführten und an anderen Orten spielten, trugen dazu noch bei. Manche Rollen habe ich erst im Nachhinein den Figuren auf der Bühne zuweisen können.
Nicht zuletzt wurde ein umfangreiches Hintergrundwissen vorausgesetzt, wodurch einige Szenen verwirrend wurden und man nicht immer folgen konnte. Dazu trug auch das nicht immer optimale Textverständnis, was teilweise an der Aussprache der Darsteller oder der zu lauten Musik lag, wenn die Worte nicht vom Winde verweht wurden, bei. Bis jetzt hab ich die Szene der Theateraufführung nicht verstanden und auch manche Dialoge, die viel zu schnell kamen und zu kurz waren, sind nicht hängen geblieben, was ich sehr schade finde. Es hätte mehr aus dem Stoff geholt werden können, wenn ein bisschen mehr auf manche Details eingegangen wäre und alles etwas ausgespielt werden könnte, denn so viel Stoff in keine 2 Stunden zu stecken, ist nicht gerade passend. Etwas längere Spielzeit, dafür intensivere Szenen und mehr Details, die ausgespielt und nicht vorausgesetzt wurden, hätten mir besser gefallen.

Abschließend bleibt zu sagen, dass es ein schöner Abend mit einer recht guten Show war. Die Darsteller waren klasse. Allem voran hat es mich gefreut Yngve endlich mal wieder live erleben zu dürfen. Außerdem war es ein Erlebnis das Stück vor dieser imposanten Kulisse zu sehen. Das Stück an sich hat mich nicht komplett überzeugt, dennoch waren sehr schöne Lieder dabei, die ich noch mehr hätte genießen können, wenn sie nicht so zerrupft gewesen wären. Es war auf jeden Fall ein schönes Erlebnis und eine gute Show, bei der es mir allerdings reicht sie einmal gesehen zu haben.
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Re: Martin L., Erfurt, 13.07.2008

Beitragvon athosgirl » 16.07.2008, 22:08:07

wow, danke für den schönen Bericht, ist sehr interessant zu lesen.
Schade, dass es keine CD geben wird. Hätt mich ja schon interessiert, das mal zu hören.

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Re: Martin L., Erfurt, 13.07.2008

Beitragvon Elphaba » 17.07.2008, 01:37:20

Da schließe ich mich an: Vielen Dank für deinen langen und ausführlichen Bericht Gaefa! :)

Die Musik hätte mich auch wirklich mal interessiert. Aber vielleicht gibt es ja demnächst den einen oder anderen Ausschnitt bei youtube zu sehen. :D
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Nörri
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Re: Martin L., Erfurt, 13.07.2008

Beitragvon Nörri » 19.07.2008, 08:57:20

hai gaefa:
super klasse, was für ein toller Bericht, sehr detailliert und fair, vielen lieben Dank
ich habe gehört, dass es wohl über kurz oder lang eine CD geben soll, aber nichts genaues weiß man nicht
Gruß Nörri

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Re: Martin L., Erfurt, 13.07.2008

Beitragvon Kitti » 21.07.2008, 10:22:18

Wow, vielen Dank für deinen ausführlichen Bericht. :D
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spoelline

Re: Martin L., Erfurt, 13.07.2008

Beitragvon spoelline » 24.08.2008, 21:13:28

Ich muss jetzt auch mal meinen Senf dazugeben :D Also ich fand das Stück auch recht gut, aber überwiegend auch wegen der Besetzung. Ich denke ohne Yngve und Carsten z. B. wäre es nicht so gut rübergekommen, die beiden zusammen sind ja auch (wie ich zumindest finde) einfach ein Augenschmaus! :D Into the woods in Bozen muss ja auch der Hammer gewesen sein... Ich war gerade total erleichtert, als ich gelesen habe, dass evtl. doch eine CD veröffentlicht werden soll, das wäre so super! Aber es muss natürlich Yngve´s Satz "Ich heiß Jura" irgendwie mit drauf sein, das war einfach das Beste am ganzen Stück und natürlich als Ursula ihm das Du anbietet und er sie immer wieder Siezt. Einfach niedlich!


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