Freut mich, dass es euch gefällt

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Dass ich mich mit Alexej ausgesprochen und vertragen hatte, wollte ich Liam erst nach der Probe mitteilen. Wir waren beide aufgeregt, er besonders, weil es das erste Mal war, dass er sich wirklich im Gesamtbild bewähren musste. Außerdem bereitete ihm das Kunstblut große Probleme – als er es das erste Mal probiert hatte, hatte er den Geschmack keine zwei Sekunden aushalten können, und bei den ersten Proben, in denen er es nicht sofort wieder ausgespuckt hatte, dauerte es lange, bis er für sich den richtigen Trick raushatte, damit es wie ein echter Biss aussah. Am Ende dieses Tages hatte ich ihn nicht einmal mehr küssen wollen – selbst wenn es ein einseitiger Austausch von Körperflüssigkeit gewesen war, für mich reichte es.
Die erste Durchlaufprobe verlief allerdings sehr gut und pannenfrei. Ich hatte schon in den Proben feststellen können, dass ich die Gänge und Auftritte noch sehr gut im Kopf hatte und konnte mich so ganz auf meine Rolle konzentrieren. Ein wenig merkwürdig fand ich es noch, dass Liam und ich als echtes Paar spielten – nicht, weil ich Angst hatte, irgendwelche Privatismen könnten in unser Spiel hineingelesen werden, das würde sich vermutlich sowieso nie ganz vermeiden lassen, vor allem bei den romantisch veranlagten Fans. Aber die Rollenverteilung innerhalb der Krolock-Sarah-Beziehung – er als der dominante, sie als der schwache, sehnsüchtige Part – wirkte auf mich immer etwas befremdlich; wenn Liam auf meine Badewanne stieg, fühlte ich mich seltsam befangen, ohne einen wirklichen Grund zu haben. Sogar bei unserem Duett oder im Tanzsaal fühlte ich eine Scheu, die jedes Mal erst mit dem Ablegen des Kostüms von mir abfiel. Nach dem ersten Schreck darüber fand ich diese Empfindungen so interessant, dass ich mich jedes Mal aufs Neue auf eine Probe freute, in der sich mit diesen Verlagerungen in unserer Beziehung spielen konnte. Es zeigte ja nur, dass wir tatsächlich in der Lage waren, professionell zu bleiben.
Aber nicht nur deshalb erwartete ich die Premiere in kribbeliger Anspannung. Ich selber fühlte mich sicher, aber Liams Aufregung schien sich regelrecht auf mich zu übertragen: je weiter die Proben voran schritten, desto schweigsamer wurde er; nach jedem Interview oder Fototermin, die er alle mit Bravour absolvierte, verzog er sich in seine Garderobe, auf die Probebühne oder in den Orchestergraben. Am Morgen der ersten Preview stand er in aller Herrgottsfrühe auf, und ich fand keinen Schlaf mehr, weil er im Badezimmer mit der ganzen Palette Atem- und Stimmübungen begann. Ich wusste, was ihn bedrückte: nach dem Phantom war das nach langer Zeit die erste sehr beliebte Rolle, und er musste mir nicht sagen, dass er Angst hatte, erneut in den Augen der Zuschauer zu versagen.
Ich versuchte ihn aufzuheitern, ihn mit belanglosen Kommentaren abzulenken, aber er war ganz in Gedanken versunken.
„Ist der große Mann aufgeregt?“, fragte Alexej, als wir im Theater ankamen, und sah Liam hinterher, der in die Maske ging. Ich stieß ihn unsanft in die Rippen.
„Sag keinen Ton zu ihm, oder ich vergesse unsere Aussprache, ich schwöre es dir!“
Er hob abwehrend, aber immer noch grinsend die Hände. „Keine Sorge: für die Anfangszeit ist das Kriegsbeil begraben.“
Ich verdrehte die Augen, sagte aber nichts weiter zu diesem bescheuerten Spiel zwischen den beiden. Stattdessen vertrieb ich mir die Zeit auf der Bühne, wo ich mich vor der Geräuschkulisse der Techniker und Bühnenarbeiter ein wenig einsang, mit Arjen, der mich am Piano begleitete.
„Das wird schon gehen“, sagte Arjen, als wir beschlossen, unsere Kostüme anzuziehen.
„Für mich bin ich gar nicht aufgeregt“, erwiderte ich seufzend. „Aber Liam ist-“ Ich unterbrach mich, als ich lautes, näher kommendes Lachen hörte; im nächsten Augenblick betrat die quirlige Elena die Bühne, Liam im Schlepptau. Sie quasselte ohne Unterlass, irgendeine Anekdote, und Liam lachte erneut. Er war schon im Kostüm, nur die Perücke fehlte noch, wodurch sein Kopf eigenartig klein wirkte.
„Oh, hey!“ Elena strahlte mich an. „Seid ihr hier fertig? Liam und ich wollten uns nur noch eben einsingen, er will noch einmal das Duett durchgehen.“
Ich hob die Brauen und zuckte gleichgültig mit den Schultern, während mich ein Stich der Eifersucht durchfuhr, von der Stärke eines Elektroschocks. „Klar, kein Problem.“ Ich verbarg meinen analytischen Blick hinter einem ebenfalls offenen, kameradschaftlichen Lächeln: waren ihre Lippen röter als sonst? War da Scham in ihrem Blick? Waren ihre Wangen zu heiß? Aber sie sah aus, wie sie eben immer aussah: äußerst ausgelassen und positiv.
„Super.“ Elena schwang sich auf den Klavierhocker. „Okay, dann mal los.“
Ich warf Liam einen raschen Blick zu. „Bis später!“, sagte ich kühl. Er musterte mich mit einem überraschten Blick. „Ja, bis nachher.“
Ich folgte Arjen ins Off. Das letzte, das ich hörte, waren die ersten Takte des Duetts und Elenas Stimme, die die ersten Zeilen sang – etwas tiefer als ich.
„Okay, Arjen – bis nachher.“ Ich winkte ihm zu und ging rasch in meine Garderobe, wo ich die Türe extra laut zuschlug und mit der Faust auf den Tisch schlug. In mir brannte immer noch alles: Eifersucht, von solcher Heftigkeit, wie ich sie an mit nie zuvor erlebt hatte, ein Feuerball aus Neid, Angst und Unverständnis, der sich langsam auflöste und sein Gift in meine Venen spritzte. Weshalb probte Liam mit Elena und nicht mit mir? Sie war nur mein Cover, ich war die erste Sarah –
seine Sarah! Und wieso verhielt er sich ihr gegenüber so fröhlich, während er sich mir verschlossen hatte und keine meiner Berührungen erwiderte? Ich ließ mich auf meinen Stuhl fallen, sprang aber im nächsten Moment wieder auf und lief unruhig im Zimmer herum. In meinen Augen brannten Tränen, und obwohl ich wusste, dass ich mich kleinlich benahm, wurde mir dennoch Angst und Bange. Ich dachte, dass ich gar keinen Grund hatte, mich dermaßen aufzuregen, und auch gar kein Recht, bedachte man die Sache mit Alexej. Das stürzte mich erneut in Verzweiflung: konnte Liam Alexejs Anwesenheit vielleicht doch nicht so gut ertragen, wie ich angenommen hatte? Oder – ich blieb abrupt stehen. Hatte Alexej doch irgendetwas erwähnt, irgendeinen Kommentar gemacht, der Liam zu sehr gekränkt hatte? Ich tigerte erneut auf und ab. Je mehr ich darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher erschien es mir. Ich riss die Garderobentüre auf und stapfte zu Alexej, der sich im Flur mit ein paar Ensemblemitgliedern aufhielt.
„Kommst du mal eben?“, fragte ich ihn eisig. Meine Stimme klang gepresst. Die anderen starrten mich besorgt an. Alexej sah sie an und hob die Schultern.
„Sicher“, sagte er und beeilte sich, mir zu folgen – in meiner Verwirrung und Wut raste ich bereits wieder ruhelos den Gang hinunter. „He, Anouk, alles klar? Ist was passiert?“, fragte er und schloss die Türe. Ich wirbelte zu ihm herum.
„Was hast du Liam gesagt?“
„Wie?“
„Du hast ihm irgendwas gesagt, irgendwas schlimmes. Wegen eurem bescheuerten Spiel oder wie ihr es nennt, dieses… ständige Provozieren! Du hast ihn beleidigt!“
Alexej wirkte vor den Kopf gestoßen. „Liam und ich verstehen uns sehr gut“, sagte er nach einer Weile, „besser, als du vielleicht glauben willst. Und ich würde ihn niemals absichtlich beleidigen“, fügte er gekränkt hinzu. „Ich kenne die Grenzen.“
„Schön“, schnaubte ich atemlos und starrte zu Boden. Alexej machte einen Schritt auf mich zu. „Was ist eigentlich los?“, fragte er.
„Liam singt sich mit Elena ein!“, sagte ich, lauter als beabsichtigt. Alexej wirkte maßlos irritiert. „Jaah“, sagte er gedehnt und sah sich um, als sei eine Erklärung an die Wände geschrieben, „und?“
„Mit ihr, nicht mit mir!“, sagte ich wütend und schlug mir die Hände vors Gesicht. „Tagelang redet er kaum mit mir, weil er aufgeregt ist – dachte ich! Und eben lacht er sich mit Elena halb tot und singt sich mit ihr ein, obwohl ich das gern gemacht hätte!“
Es war einige Sekunden still, dann begann Alexej zu lachen. Ich riss die Hände vom Gesicht. „Was ist so witzig?“
„Ich dachte nur gerade, dass du dich umsonst aufregst. Und dass deine Eifersucht ziemlich ironisch ist. Du weißt schon“, er wedelte mit der Hand zwischen sich und mir hin und her.
„Schon gut, schon gut!“ Ich setzte mich schwer atmend auf den Stuhl und dachte über seine Worte nach. „Umsonst aufregst – was bedeutet das?“
„Er liebt dich“, sagte er achselzuckend.
„Wow, toll. Ich liebe ihn auch, und trotzdem habe ich…“ Ich ahmte seine Handbewegung nach. Alexej rollte mit den Augen und kam näher. „Anouk“, sagte er feierlich und nahm tröstend meine Hand, „bitte zwing mich nicht, mehr zu sagen, außer das: ich weiß
ganz sicher, dass er dich über alles liebt.“
„
Mehr zu sagen? Was gibt es denn dann noch mehr?“
„Kannst du mir das nicht einfach glauben?“
Ich sah Alexej an. Er sah ernst aus; ganz ungewohnt, denn wenn er sonst über Liam sprach, tat er es mit einem spöttischen kleinen Lächeln. Und wenn
er es sagte, wo er einmal in mich verliebt gewesen war, musste es ja stimmen.
„Also, Elena und Liam…“
„…verstehen sich als
Kollegen gut.“
„Ah.“ Ich ließ die Schultern sinken.
„Bist du zufrieden?“
„Hm.“ Ich verzog den Mund. „Vielleicht bin ich trotzdem noch sauer auf ihn. Er singt sich sonst immer mit mir ein.“
„Du bist aber auch kleinlich.“
„Ich liebe ihn halt auch.“ Mir schoss das Blut in die Wangen, als ich es so unverblümt zugab. Als ich aufsah, lächelte Alexej breit. Sofort wurde ich wieder misstrauisch.
„Was gibt’s da so zufrieden zu grinsen?“
„Ach, nichts weiter.“ Er drückte noch einmal meine Hand und ließ mich dann allein.
Ich war tatsächlich immer noch sauer auf Liam – und eher aus Prinzip eifersüchtig auf Elena, gegen die sich meine Wut aber in keiner Sekunde richtete. Als wir uns vor der Preview alle gegenseitig drückten und Toi toi toi wünschten, fiel das Ritual zwischen Liam und mir ziemlich kühl aus. Er sah mich fragend an, aber kindisch wie ich war, drehte ich ihm den Rücken zu.
Erneut erlebte ich, wie sich unsere Bühnen-Beziehung wandelte: heute war Anouk wütend und beleidigt, und Sarah wurde zielbewusster und frecher. Ich ließ den Wandel geschehen, denn ich wusste, dass es bedeutete, dass die Rolle von mir Besitz ergriff, so, wie ich es wollte. Bei unserem Duett stellte der Teil meines Gehirns, der immer noch nur Anouk gehörte, zufrieden fest, wie stark meine Stimme heute war und dass Liam dagegen halten musste.
Der Applaus der ersten Preview fiel nahezu frenetisch aus; für einige kostbare Minuten fiel alles von mir ab, und ich konnte nur grinsen, mich verbeugen, wieder grinsen. Trotzdem fiel mir noch rechtzeitig ein, dass ich ja sauer auf Liam war, ehe er es übersehen konnte.
„Ist irgendwas nicht in Ordnung?“, fragte er, als ich seine innige Umarmung in der Garderobe nur sehr halbherzig erwiderte. Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Ja. Du hast dich heute mit Elena eingesungen, nicht mit mir.“ Je öfter ich es heute wiederholte, desto dümmer kamen mir meine Eifersuchts-Wehwehchen vor. Ich fuhr trotzdem fort. „Du hast sogar mit ihr
gelacht.“
„Du meine Güte!“, schnappte er erschrocken nach Luft und taumelte nach hinten. Ich versetzte ihm einen Schlag auf die Schulter. „Lass das. Ich war wirklich eifersüchtig. Ich musste sogar Alexej um Hilfe bitten.“
Das versetzte ihm den erhofften Dämpfer, aber nur kurz. Dann lachte er, wie Alexej. Ohne auf mein Sträuben zu achten, zog er mich an sich.
„Du hast den ganzen Tag nicht mit mir geredet“, mauschelte ich an seiner Brust, „aber mit Elena singst du dich ein.“
„Hast du mal daran gedacht, dass ich mich so vorbereite?“, fragte er und strich mir über den Rücken.
„Vorbereiten?“
„Ja. Ich weiß auch nicht genau, wie ich es erklären soll… Auf der Bühne mit dir, da fühle ich so anders, verstehst du? Irgendwie emotional distanziert. Das war irgendwie in mir drin, und ich wollte es nicht abschütteln. Ich wollte vorbereitet sein.“
„Hm. Ich hoffe, du bist nicht jeden Tag emotional distanziert.“
Er lachte erneut. „Fühlt sich das hier denn so an?“
„Nein, eigentlich nicht“, gab ich zu. Ich löste mich von ihm und gab ihm einen Kuss. „Okay, ich bin nicht mehr sauer. Aber ich war wirklich, wirklich eifersüchtig“, gab ich beschämt zu. Er legte die Arme um mich. „Du weißt gar nicht, wie sehr mich das erleichtert“, erwiderte er.