So, da gehts auch schon weiter. Heut mal etwas früher, aber ich geh nachher nach Freiburg.
Das ist die erweiterte Version der Szene, ich hab sie nochmal verlängert.
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Wie auch schon als sie beim Ball in Debrezin ihre Ruhe haben wollte, lief Sisi auf direktem Weg in den Schlossgarten. Da würde sie wahrscheinlich niemand suchen und sie konnte in aller Ruhe über das, was da eben geschehen war, nachdenken. Katinka war eifersüchtig auf sie, das war klar. Sie sah in ihr eine Gegnerin die man erbittert bekämpfen musste, nicht nur weil sie die Kaiserin von Österreich und somit eigentlich eine Feindin Ungarns war sondern allein aufgrund der Tatsache, dass sie sich so gut mit Graf Andrássy verstand.
Aber die Eifersucht ist irgendwie berechtigt, darum habe ich erstmal gar nichts gesagt… dachte Sisi bei sich und sah gedankenverloren in den Sternenhimmel. Die Sterne wissen es schon längst, denn unter ihnen habe ich es das erste Mal erkannt, dass ich dem ungarischen Grafen verfallen bin…
Verfallen, ein merkwürdiges Wort.
„Aber es stimmt“, bemerkte sie laut zu sich selbst, „und trotz der Zwietracht die zwischen unseren Ländern immer noch herrscht und auch wenn es eigentlich verboten ist, liebe ich ihn. Am liebsten würde ich es in die ganze Welt hinaus rufen – ich liebe Gyula Andrássy.“
Das hatte sie natürlich nicht ausgerufen, sondern deutlich leiser gesagt, aber einer hatte es trotzdem mitbekommen. Andrássy war ihr nämlich nach draußen gefolgt und legte ihr jetzt seinen schweren dunkelblauen Mantel um die Schultern.
Es war nämlich ziemlich kalt an diesem Abend Ende September und ihr Kleid nicht gerade das wärmste.
„Und ich liebe die Kaiserin Sisi“, erwiderte er ganz ruhig, „oder eben Erzsébet királyné.“
Er lächelte sie an.
„Ich muss mich wirklich für Katinka entschuldigen“, bemerkte er. „Das müssen Sie nicht“, erwiderte Sisi jetzt doch wieder förmlich. „Sie hat doch Recht mit ihrer Eifersucht. Ich muss mich im Gegenteil dafür bedanken, dass Sie mich verteidigt haben.“
„Das war überhaupt nichts. Im Gegenteil. Es war eine Selbstverständlichkeit. Denn eines muss ich dir unbedingt noch sagen, … was ich dir vor vier Monaten nicht mehr sagen konnte.“
Er sah sie ernst an.
„Was denn?“
Sisi sah ihn verwundert an.
- „Es gibt eigentlich nur drei Dinge in meinem Leben, die mir etwas bedeuten. Angefangen mit dem unwichtigsten sind es mein Land, mein Sohn und…“ Andrássy hielt inne.
Eines fehlt noch, dachte Sisi, aber es gibt da zwei Möglichkeiten… Ich weiß nicht, aber vor der einen Möglichkeit fürchte ich mich…
„Was ist denn die dritte Möglichkeit?“
traute sie sich zu fragen.
„Du bist die dritte Möglichkeit, Erzsébet“, erwiderte er direkt heraus. „In der richtigen Reihenfolge heißt es: Meine Königin ist mir wichtig und bedeutet mir etwas, mein Land, und mein Sohn.“
Und seine Frau steht nicht auf der Liste?! überlegte Sisi nur einen kurzen Moment. Dann lächelte sie verlegen.
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll…“
Herrschaftszeiten nochmal, warum bin ich jetzt schon wieder so unsicher? Ich bin doch kein kleines Mädchen mehr… aber in seiner Gegenwart komme ich mir ab und zu so vor…
„Für dich würde ich alles tun. Wenn ich kämpfen muss, kämpfe ich, wenn ich fliehen muss…“ – „… dann fliehen Sie. Das wäre jedenfalls nicht das erste Mal, das Sie das müssen.“ Vorsichtig sah sie sich um, ob sonst noch jemand in der Nähe war, dann gab auch sie die Förmlichkeit auf und fragte:
„Woher wusstest du eigentlich, dass ich hier bin?“
- „Weil du manchmal sehr leicht zu durchschauen bist, Erzsébet. Ich sag nur eines: Irgendwo wird immer getanzt.“ Sisi verkniff sich ein Grinsen. Natürlich. Sie war beim Ball in Debrezin schon raus in den Park gegangen, als ihr alles zuviel geworden war und jetzt war es genau dasselbe.
„Genau.“ stimmte sie ihm einfach zu. Mehr zu sagen hielt sie eigentlich für überflüssig, dann fiel ihr etwas anderes ein. „Ich glaube, den Ausgleich allein zu erreichen, war eine ziemlich unsinnige Idee von mir. Das ist fürchterlich kompliziert. Wahrscheinlich hat die Gräfin Recht. Es gibt noch genug Menschen, die mich und mein Land verabscheuen, warum sollte das alles so einfach sein?“
„Es ist wirklich nicht einfach.“ pflichtet Andrássy ihr bei. „Auf meiner Seite ist es genauso. Wie viele Österreicher machen noch einen großen Bogen um alles was Ungarn betrifft. Aber wenn wir beide mit gutem Beispiel vorangehen, wird das schon irgendwann gelingen.“
- „Ich hoffe es, denn so kann es nicht weitergehen. Und außerdem wollte ich wirklich nicht, dass es zu einer Auseinandersetzung kommt… eigentlich sollte das ein schöner Abend werden…“ Sisi klang auf einmal niedergeschlagen.
„Also wenn man über diese Sache hinweg sieht, dann ist der Abend doch schön. Allein aufgrund der Tatsache, dass du wieder da bist.“ – „So kann man es natürlich auch sehen…“ – „So muss man es sogar sehen.“
In dem Moment erschien am Himmel eine Sternschnuppe.
„Es gibt zwei Redensarten über Sternschnuppen. Einmal, dass jedes Mal wenn eine erscheint, ein Mensch stirbt (Sisi fröstelte schon bei dem bloßen Gedanken daran trotz des schweren Mantels), oder natürlich dass man sich etwas wünschen darf. Mir gefällt die zweite Redensart besser.“
„Und was hast du dir gewünscht?“ erkundigte sich Andrássy.
- „Wenn ich das jetzt sage, geht es nicht in Erfüllung.“ antworte Sisi und sah gedankenverloren in den Sternenhimmel hinauf.
„Das Risiko, dass mein Wunsch nicht in Erfüllung geht, nehme ich jetzt einfach mal in Kauf.“
- „Warum?“ fragte Sisi.
„Weil ich nicht daran glaube, dass er sich nicht erfüllt, ganz einfach. Ich habe mir gewünscht, dass Ihre Majestät die Kaiserin von Österreich mich morgen auf einem Ausflug begleiten wird.“
„Ein Ausflug?“ wiederholte sie verwundert.
- „So ist es. Damit Ihr noch etwas mehr von meinem Land seht als nur die Schlösser hier in Budapest und Debrezin.“