Besetzung:
Melchior: Rasmus Borkowski
Wendla: Patrizia Leitsoni
Moritz: Wolfgang Türks
Ilse: Jennifer Kothe
Hänschen: Johannes Huth
Martha: Sonja Dengler
Ernst: Matthias Bollwerk
Georg: Dominik Hees
Thea: Jeannine Wacker
Anna: Jana Nagy
Otto: Marlon Wehmeier
Erwachsene Frauen: Julia Stemberger
Erwachsene Männer: Daniel Berger
Chair of Rock:
Senta Sofia Delliponti, Jana Stelley, André Naujoks, Sebastian Smulders
Musiker der Vereinigten Bühnen Wien unter der Leitung von Michael Römer.
Was für ein Lichtdesign! Ja, etwas ungewöhnlich, einen Bericht so zu beginnen, aber da ich finde, dass diese Sparte eh meist zu kurz kommt (leider!), dachte ich mir, ich fang einfach diesmal damit an!


Also für diejenigen, die die Handlung nicht so gut kennen, schreib ich hier mal kurz auf, worum es geht, wer sie schon kennt, kann`s ja überspringen!

(Die Zusammenfassung der Zeitschrift „Musicals“ fand ich recht gelungen, daher nehm ich einfach mal diese zur Hand

Im Mittelpunkt der Handlung stehen die Schüler Melchior, Moritz und Wendla. Melchior ist ein aufgeklärter Gymnasiast, Klassenprimus und Mädchenschwarm, der gegen die Scheinheiligkeit der Erwachsenenrebelliert. Wendla will von ihrer Mutter aufgeklärt werden, doch diese flüchtet sich nur in Allgemeinplätze und so ist Wendla völlig überrascht, als sie nach dem ersten Sex mit Melchior schwanger wird. Auch Moritz, der schlechteste Schüler in der Klasse, weiß nichts über das, was die Hormone in seinem pubertierenden Körper anstellen, weshalb ihm Melchior eine Abhandlung über die Fortpflanzung schreibt, angereichert mit eindeutigen Skizzen. Helfen kann ihm das nicht und die Tragödie nimmt ihren Lauf: Moritz erschießt sich, weil er in der Schule nicht versetzt wurde und Angst vor dem Zorn seines Vaters hat. Melchior wird beschuldigt, ihn mit seiner schriftlichen Aufklärung in den Freitod getrieben zu haben, weshalb man ihn in eine Erziehungsanstalt steckt. Wendla stirbt an den Folgen einer illegalen Abtreibung.
(Quelle: MUSICALS, Heft 136)
Ich werde jetzt nicht Szene für Szene beschreiben, denn das würde den Bericht nur anstrengend machen. Ich kann nur pauschal sagen: Ich war begeistert!!! Hin und weg! Am liebsten wär ich gleich noch ein paar mal reingegangen, aber leider wohn ich ja quasi am anderen Ende der Welt…:roll:
Wir hatten super Sitzplätze in einer Loge ganz in der Mitte des ersten Ranges in der ersten Reihe (gut, dass die Tickets im Verhältnis so günstig waren!). Von dort hatten wir vor allem bei den Ensembleszenen einen wunderbaren Überblick und man konnte, das eingangs erwähnte Lichtdesign in voller Pracht bewundern!


Bevor ich jetzt zu den Darstellern etwas schreibe, möchte ich noch zu ein paar Szenen, die mich besonders beeindruckt haben etwas sagen:
Klar, eines meiner Lieblingslieder gleich zu Anfang: „Mama“ und „Mama Repr.“ (Mama Who Bore Me + Reprise). Und was soll ich sagen? Die Übersetzung ist bei weitem nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte! Ganz ehrlich: Ich bin immer noch der Meinung, dass man nicht alles unbedingt immer übersetzen sollte, aber hier muss ich sagen, hat man sich echt Mühe gegeben und manche Passagen sind sogar echt ganz gelungen. Und das gilt für das gesamte Musical. Klar gibt es auch wieder so ein paar „Reim dich, oder ich fress dich“-Ausrutscher, aber es hält sich in Grenzen.

Bei der Reprise hätte sich meine Schwester noch etwas mehr Power gewünscht. Vielleicht hat sie Recht, aber ich mag diese (leider) kurze Stelle so gerne, dass ich selbst ziemlich mitgegangen bin und mir das gar nicht auffiel.

„So`n verficktes Leben“ (The Bitch of Living) war natürlich choreografisch der absolute Hammer! Klar hat man sich das auf Youtube schon X mal ansehen können, aber live ist das doch nochmal was Anderes! Und gerade hier bin ich froh, dass sie NICHT die Übersetzung genommen haben, die man ja schon mal zur Probe im Internet hören konnte!

Es ist immer noch etwas gewöhnungsbedürftig gewesen, dass in einem Musical die Darsteller plötzlich ihre Handmikrofone auspacken und anfangen wie Rocksänger hineinzusingen. Aber das hat schon was! Vor allem wird dadurch auch sehr gut deutlich, dass die Songs nicht immer die Handlung vorantreiben sollen, sondern die Gefühle und Gedanken der jeweiligen Person(en) ausdrücken sollen, die für die Dauer des Songs einen Moment aus der Handlung aussteigen.
„Meine Sucht“ (My Junk) ist auch ein Ensemblestück das ich sehr mag. Leider ist bei diesem Lied ausgerechnet „Theas“ Mikrofon ausgefallen, die ja einen Hauptpart in diesem Song hat und gerade hier hätte ich gerne den Text ml genauer angehört!

„Was sich nicht erzähl`n lässt“ (The Dark I Know Well), das Lied von Martha und Ilse, die beide von ihren Vätern missbraucht wurden, ist ein sehr ausdrucksstarkes, intensives Lied. Hier stand dem doch ein wenig die holprige Übersetzung im Wege und irgendwie hatte ich den Eindruck, dass, wenn man es nicht weiß, nicht so richtig deutlich wurde, dass es hier um Kindesmissbrauch geht… Aber stark vorgetragen – hier sei auch mal die großartige kleine Band lobend erwähnt! - war das Stück auf alle Fälle!
Im Zweiten Akt recht zu Anfang kamen dann auch gleich wieder zwei meiner Lieblingslieder: „Mach`nicht auf traurig“ (Don`t Do Sadness), des verzweifelten Moritz und „Winterwind“ (Blue Wind) der auf der Straße lebenden Ilse, die von ihren Eltern rausgeworfen wurde (weil sie erzählt hatte, dass ihr Vater sie sexuell missbraucht). Zwei sehr berührende Songs, der eine sehr rockig und der andere eher ruhig, die sich schließlich zu einem Duett verbinden. (Siehe meine Signa

Jetzt muss ich mal bemerken, dass ich erst zweimal bei einem Musicalbesuch (und es waren viele im Laufe der Jahre) wirklich Tränen vergossen habe. Berührt war ich schon öfter aber meist so fasziniert von dem Drumherum, dass ich gar nicht zum Heulen gekommen bin. Das erste Mal war bei RENT, als am Schluss „Angel“ wieder zu den anderen auf die Bühne kam, und das zweite Mal eben hier bei Spring Awakening bei eben diesem Lied: „Es bleibt zurück“ (Left Behind). Ein wunderschönes Lied. Aber das ist es nicht allein. Melchior steht an Moritz` Grab und singt anklagend zu Moritz` Vater, während nach und nach alle Ensemblemitglieder nach vorne Kommen und eine Blume in das Loch im Bühnenboden werfen. Und hier hat auch der Text viel dazu beigetragen. Die deutsche Übersetzung ist, meiner Meinung nach, noch etwas trauriger geraten, als das englische Original!


Danach, war dann aber auch schnell wieder gut mit Traurigssein. Es folgte das wohl stärkste Stück im Musical (meiner Meinung nach): „Im Arsch“ (Totally Fucked), bei dem Melchior von seinen Lehrern zur Rede bezüglich der Abhandlung, die er für Moritz geschrieben hat zur Rede gestellt wird und die sich dann zu einer mitreißenden Ensemblenummer mit ausgelassener, energiegeladener Choreografie steigert. Da reißt es einen wirklich beinahe vom Sitz, wenn schließlich selbst die Lehrer über die Bühne hopsen! :mgreen: Also für mich wirklich das Highlight der Show!

„Nicht mehr hier“ (Those You`ve Known), bei dem Melchior an den Gräbern von Moritz und Wendla trauert und sich selbst auch töten will, dann aber von den Geistern der Beiden aufgehalten wird und sich dann doch für das Leben entscheidet, ist eine sehr ruhige musikalisch wunderschöne Szene gewesen, wobei ich sagen muss, dass ich dann doch in meiner Rührung etwas gebremst wurde, denn es sah schon etwas komisch aus, wie Moritz und Wendla plötzlich kerzengerade aus dem nebelbedeckten Boden aufstiegen. Da wäre, für mich, ein schlichter Auftritt der beiden von den Seiten doch etwas netter gewesen…
Ja, und das anschließende Finale, bei dem, angeführt von Ilse, nach und nach das ganze Ensemble in „Das Lied vom Wind des Sommers“ (The Song of Purple Summer) einstimmt (inklusive Erwachsene), war dann wieder Gänsehaut pur! Ein Song, den man vielleicht ein paar Mal hören muss, der einen dann aber nicht mehr los lässt und einfach wunderschön ist. Wie sich dann das ganze Ensemble an den Händen genommen hat (und Quasi „Friede“ zwischen den Erwachsenen und den Kindern geschlossen wurde), das war schon ergreifend!
Ein bisschen gestört hat mich nur, dass Rasmus als Allerletzter seinen Auftritt von hinten durch eine extra-Tür hatte, wobei alle anderen von der Seite aufgetreten waren. Aber das musste wohl sein…:roll:
Das Ensemble war durchweg gut, einige mehr, manche weniger, aber die Gesamtleistung war überzeugend. Ich kann jetzt, glaube ich, nicht ganz zu jedem etwas schreiben, da gerade die einzelnen Jugendlichen gerade in der Gruppe gewirkt haben und ihre Stärke hatten.
Zu ein paar Darstellern möchte ich aber doch was schreiben, was aber nicht heißt, dass die anderen schlechter waren!

Rasmus Borkowski (Melchior):
Also äußerlich passt er wirklich recht gut ins Ensemble, er wirkt, trotz seiner 28 Jahre nicht älter als seine jungen Mitstreiter. Er singt ohne Frage sehr gut. Auf mich wirkte er allerdings darstellerisch, gerade im Gesang, schon etwas zu reif. Man hörte ihm die Musical-Erfahrung und wohl auch –Prägung deutlich an. Er hatte schon so diese musicalmäßig-manieristische Art zu singen, was ihn von den anderen Ensemblemitgliedern doch stark unterschied. Das fand ich schon schade, da der Reiz dieser Produktion für mich auch gerade darin lag, dass man den „Kindern“ ihre Unerfahrenheit (oder besser Unverdorbenheit, da das nicht negativ zu verstehen ist!) anhörte.
Patrizia Leitsoni (Wendla):
Ich vermute mal, sie hatte an diesem Abend ihre erste Vorstellung als Wendla, zumal sie beim Schlussapplaus von einem älteren Herrn (wir haben mal vermutet, es war ihr Papa

Wolfgang Türks (Moritz):
Ihn fand ich absolut stark! Er hat den vollkommen verunsicherten, teiweise am Rande des Wahnsinns balancierenden Jugendlichen sehr glaubwürdig und dabei erfrischend unverbraucht dargestellt. Dazu kommt seine wirklich tolle Rock-Stimme, die besonders bei „Und dann ist`s vorbei“ (And Then There Were None) und eben „Mach nicht auf traurig“ zur Geltung kam!
Jennifer Kothe (Ilse):
Sie ist die einzige Quereinsteigerin ohne Musicalausbildung im Ensemble steht den anderen aber in nichts nach! Sie hat eine echt Starke Stimme. Besonders bei „Was sich nicht erzähl`n lässt“ zusammen mit Sonja Dengler und „Winterwind“ hat sie mich beeindruckt. Ilse ist sowieso eine meiner Lieblingsrollen in diesem Musical und ich finde, sie hat das verträumte, „verwilderte“ Mädchen, das mal hier mal dort lebt, sehr gut gespielt. Einzig ihre Frisur fand ich nicht so prickelnd, aber das scheint, bis auf Lauren Pritchard, die Urbesetzung (siehe meine Signa) bei dieser Rolle wohl mittlerweile dazuzugehören…:roll:
Sonja Dengler (Martha):
Sie hatte ihren großen Auftritt bei „Was sich nicht erzähl`n lässt“. Sie hat auch wirklich eine starke Stimme und klang zusammen mit Jennifer wirklich gut! Auch ihr Spiel, das verängstigte Mädchen, dass Angst hat, wenn sie über den Missbrauch redet, genauso endet wie Ilse, war durchaus überzeugend.
Johannes Huth (Hänschen) und Matthias Bollwerk (Ernst):
Zwei mutige junge Schauspieler! In ihrer gemeinsamen Szene „Mehr als nur Worte Repr.“ (The Word of Your Body Repr.) , in der Hänschen Ernst anbaggert und beide ihre ersten homosexuellen Erfahrungen machen, beweisen sie nicht nur komödiantische Talent, sondern auch eine Menge Mut! Ich denke, es ist nicht einfach, so etwas vor einem großen Publikum zu spielen! Hut ab!
Julia Stemberger (Erwachsene Frauen):
Sie hat, zusammen mit ihrem erwachsenen Kollegen, als einziges Ensemblemitglied nichts zu singen. Dafür muss sie aber umso mehr spielen! Sie schlüpft in kürzesten Abständen in die verschiedensten Rollen und verkörpert diese allesamt überzeugend! Ob als (eher karikierte) Lehrerin im Zusammenspiel mit ihrem Kollegen „Dr.Knochenbruch“ (ein herrliches Duo!

Daniel Berger (Erwachsene Männer):
Er hat mich im gesamten Ensemble schauspielerisch wohl am Meisten beeindruckt. Sowohl als eher komödiantisch angehauchter „Dr. Knochenbruch“ (s.o.) oder der Arzt Dr. Brausepulver, der Wendlas Schwangerschaft feststellt, als auch in den ernsteren Vaterrollen, ich war jedes Mal beeindruckt! Insbesondere, als er, als Moritz Vater, am Grab seines Sohnes, weinend zusammengebrochen ist, hatte ich richtig Bauchschmerzen! Ein wirklich wirklich guter Schauspieler!
Abschließend kann ich nur sagen: Wenn ihr irgendwo, irgendwann nochmal die Gelegenheit bekommen solltet: Seht euch dieses ausergewöhnliche, weil völlig neue Musical an! Es lohnt sich wirklich! Wenn man sich mit einem Minimum an Requisiten und Bühnenbild, allein durch die Songs, die Darsteller und die außergewöhnliche Choreografie in den Bann ziehen lassen will (und das solltet ihr wirklich mal probieren!

