Tutanchamun – Das Musical | Gutenstein (A) 02. bis 06. Juli 2008
Musik: Gerald Gratzer
Buch & Lyrics: Sissi Gruber, Birgit Nawrata, Niki Neuspiel
Inszenierung: Dean Welterlen
Choreographie: Cedric Lee Bradley
Bühnenbild: Edi Neversal
Kostüme: Uschi Heinzl
Tutanchamun: Jesper Tydén
Anchesenamun: Sabine Mayer
Haremhab: Rob Fowler
Eje: André Bauer
Ofir: Harald Tauber
Teje / Saamiya: Kerstin Ibald
Tutanchamun als Kind / Straßenkind: Karoline Vetter
Anchesenamun als Kind / Straßenkind: Leonie Grimps-Kowarz
Kebi / Tochter des Bettlers: Larissa Hois
Sedje / Kashta: André Wright
Udimo: Dave Moskin
Meba: Bas Timmers
Taharka: Markus Simader
Erzieherin: Ariane Swoboda
Wadjet: Raphaela Pekovsek
Mundschenke: Carla Weissmann, André Wright
Amun-Hohepriester: Alexander Riff
Aton-Hohepriester: Markus Simader
Aton-Priesterin: Sabrina Schruf
Klagemänner/-weiber: Kerstin Löcker, Daniela Nitsch, Raphaela Pekovsek, Nina Tatzber, Carla Weissmann, Robert Schmelcher, Bas Timmers
Dämonen: Kerstin Löcker, Daniela Nitsch, Ariane Swoboda, Nina Tatzber, Carla Weissmann
Schreiber/innen: Kerstin Löcker, Raphaela Pekovsek, Ariane Swoboda, Nina Tatzber, Carla Weissmann, Alexander Riff, Robert Schmelcher, Markus Simader, Bas Timmers
Priester/innen: Kerstin Löcker, Daniela Nitsch, Raphaela Pekovsek, Ariane Swoboda, Nina Tatzber, Carla Weissmann, André Wright, Hovannes Bakoyan
Haremsdamen: Kerstin Löcker, Daniela Nitsch, Raphaela Pekovsek, Nina Tatzber,
Händler/innen: Daniela Nitsch, Alexander Riff, Markus Simader, André Wright, Stefanie Beisteiner, Lotte Gleissner, Reinhilde Preissl, Sabrina Schruf
Bettler: Dave Moskin, Bas Timmers
Bauer: Dave Moskin, Robert Schmelcher, André Wright
Militär: Robert Schmelcher, Bas Timmers, Hovannes Bakoyan
Nubier: Dave Moskin, Alexander Riff, Robert Schmelcher, Markus Simader, Bas Timmers, Hovannes Bakoyan
Hofstaat: Stefanie Beisteiner, Lotte Gleissner, Reinhilde Preissl, Sabrina Schruf
Gutenstein ist ein kleiner, idyllisch gelegener Luftkurort im Piestingtal. Im Theaterzelt vor Schloss Hoyos wurden im Rahmen der Sommerfestspiele bisher ausschließlich Dramen von Ferdinand Raimund aufgeführt, in diesem Jahr mit „Tutanchamun“ erstmals ein Musical und dazu noch ein bis dato völlig unbekanntes. Das war sicher ein Wagnis, dürfte sich für den Ort im Nachhinein allerdings auszahlen. Das Theaterzelt ist sehr groß und bietet Platz für mehrere hundert Leute. Die Bühne ist dementsprechend mindestens doppelt so breit wie in einem gewöhnlichen Stadttheater. Links und rechts am Rand stehen Sphinxen, die ägyptisches Flair vermitteln. Im Foyer des Theaters kann man sich an einem Stand über Ägyptenreisen informieren und diverse Fanartikel zum Musical kaufen: CD (19 Euro), T-Shirt (12 Euro), Basecap (9 Euro), Programmheft (3,50 Euro), außerdem Souvenirs zu Tutanchamun an sich, die es auch bei der gleichnamigen Ausstellung in Wien zu kaufen gibt (Tut-Bär, Magneten etc.). Rechts daneben befindet sich die Tageskasse. Wo man auch hinschaut, sieht man goldene Säulen, Stellwände mit Hieroglyphen und weitere orientalisch anmutende Dekorationen. Vom Theaterzelt führt ein überdachter Gang zu einem weiteren Zelt, wo Speisen und Getränke verkauft werden. Bei gutem Wetter kann man dort in der Pause oder nach der Vorstellung auch draußen auf einer Terrasse sitzen oder durch den Schlosspark schlendern.
Ich war so gespannt auf das Stück, weil ich vorher schon gehört hatte, dass die Musik sehr ansprechend sein soll und das multimediale Bühnenbild beeindruckend, die Besetzung spricht auch für sich und die Geschichte Alt-Ägyptens hat ohnehin schon immer einen gewissen Reiz auf mich ausgeübt. Die spektakulärste der 4 Vorstellungen, die ich gesehen habe, war natürlich die Premiere: Vor Beginn der Show hielten der Landeshauptmann, der Landesdirektor des ORF und weitere lokale Persönlichkeiten Ansprachen bis der Bürgermeister von Gutenstein die Festspiele eröffnete. Begrüßt wurden auch einige geladene Gäste aus Ägypten, darunter der Rat der ägyptischen Botschaft. Zum Abschluss der Eröffnung erklang die niederösterreichische Bundeshymne, zu der sich alle von ihren Sitzen erhoben. Für einige Lacher sorgten die Ansagen vor Beginn der Vorstellung: „Die Vorstellung beginnt … jetzt! Bitte vergessen Sie nicht, Ihr Handy nach der Vorstellung wieder einzuschalten.“ Dann erklangen endlich die ersten Töne der Ouvertüre, eine orientalische Flöte. Schon bei der melancholischen Violinenmelodie und den darauffolgenden sanft gezupften Gitarrenakkorden hatte ich eine Gänsehaut: mystisch-entrückt, eine Musik die etwas Archaisches, aber gleichzeitig Unendliches evoziert. Die Darsteller/innen singen zu einem Halbplayback, vielleicht einer der wenigen Kritikpunkte. Das ist mir aber erst im Laufe der Show klar geworden. Ich hatte zuerst überlegt, ob die Band vielleicht hinter der Bühne sitzt, weil die Aufnahme wirklich so gut ist, dass man sie vom Klang eines Live-Orchesters nach dem ersten Höreindruck nur schwer unterscheiden kann. Ich habe mir im Nachhinein erklären lassen, dass alle Instrumente einzeln im Studio aufgenommen und die Tonspuren dann im Nachhinein übereinandergelegt wurden. Demnach ist auch die CD qualitativ wirklich sehr gut. Während der Vorstellung natürlich nichts schiefgehen, da sonst der Gesamtablauf des Stückes durcheinander gerät.
Zunächst liegt die Bühne noch im Dunkel und man sieht nur einen weißen, halbdurchsichtigen Vorhang, auf den zuerst nur ein goldenes Gebilde projiziert wird (im ganzen Stück wird viel mit Videoprojektionen gearbeitet). Daraus entwickelt sich nach und nach ein Gesicht, das Gesicht von Tutanchamun, das zuletzt in die berühmte Totenmaske des Pharaos übergeht. Im Hintergrund hört man die Stimme von Anchesenamun (Sabine Mayer), die einen Segenswunsch ausspricht: „Auf dass Dein Ka (= Lebenskraft, Seele) lebe!“ Mit ihren letzten Worten bewegt sich der weiße Vorhang zur Seite und dahinter steht Tutanchamun als Kind (Karoline Vetter), beleuchtet von einem hellen Lichtstrahl. Auf der Videoleinwand im Hintergrund sieht man zwischen den Säulen eines Tempels die aufgehende Sonne. Das Stück beginnt mit dem Tod Echnatons, des bisherigen Pharaos. Sein Leichnam ist im hinteren Bereich der Bühne aufgebahrt und wird von den Priestern einbalsamiert. Im Vordergrund tanzen die Klagefrauen und beweinen ihren Herrscher („Pharao ist tot“). Die Trauer wird deutlich durch ihre Bewegungen ausgedrückt. Carla Weissmann tanzt sich in einer Art Solo bis zur vermeintlichen Extase, was sehr gut zu den rituellen Handlungen der Priester und zur Musik passt. Der Song hat einen mitreißenden Rhythmus, wie überhaupt viele Lieder in dem Stück. (Gerald Gratzer ist halt Schlagzeuger.) Die Gesangsparts sind so aufgeteilt, dass die Männer eher sprechen und die Frauen darüber die Melodie singen. Bei dem Wort „Echnaton“ werden dann alle Stimmen nach und nach aufgefächert, was sehr interessant klingt. Mit dem Auftritt der Priester („Siehe, Du wirst beweint …“) geht die Musik in eine meditative, orientalische Melodie über, die noch häufiger im Stück zu hören sein wird.
Als die Priester und Klagefrauen verschwinden, schleichen sich der junge Tutanchamun, seine Halbschwester Anchesenamun (Leonie Grimps-Kowarz) und deren Freundin Kebi (Larissa Hois) zu dem Toten und betrachten ihn neugierig. Kebi bemerkt erstaunt, sie die Augen entnommen und ein Loch in den Schädel gebohrt haben. Ihre kindliche Neugier sorgt im Publikum für einige Lacher. Tutanchamun und Anchesenamun jedoch bedauern, dass sie ihren Vater Echnaton nie wirklich kennen gelernt haben. Als die Priester zurückkommen, verstecken sich die drei Kinder schnell. Anchesenamun kitzelt es in der Nase, Kebi hält ihr von hinten die Hand vors Gesicht und Tutanchamun hilft ihr dabei. Zuletzt muss sie aber doch noch niesen. Die Priester glauben, dass das ein Zeichen der Götter war und bitten diese, zu ihnen zu sprechen. Kebi sagt etwas mit verstellter, tiefer Stimme und die Priester lauschen ehrfürchtig. Die Kinder kichern und schleichen auf Zehenspitzen davon, laufen allerdings direkt ihrer Erzieherin (Ariane Swoboda) in die Arme, die sie streng ermahnt. Teje (Kerstin Ibald), Tutanchamuns Großmutter, hält ihn am Arm zurück und fragt ihn, ob er sich nicht besser zu benehmen wüsste. (Kerstin trägt als Teje ein weißes, schulterfreies Kleid und wie auch später im Thronsaal eine Nachbildung der Krone Unterägyptens). Tutanchamun zuckt aber lediglich mit den Schultern, läuft nach links seinen Freunden hinterher und lässt Teje kopfschüttelnd zurück.
In der darauffolgenden Vollmondnacht streiten sich die Angehörigen des Hofstaates beim Totenmahl lautstark darüber, wer wohl der neue Pharao wird („Wer wird der neue Pharao“). Echnaton hatte den Eingottglauben an Aton eingeführt. Die Aton-Priester fürchten nun um ihren Einfluss, weil die Amun-Priester die Rückkehr zur Vielgötterei fordern. Optisch gefielen mir hier Alexander Riff und Markus Simader mit ihren kahlgeschorenen Köpfen und markanten Gesichtern als Priester am besten. Die Musik beginnt zuerst mit einer spannenden Posaunensequenz - im Hintergrund hört man ein Xylophon – und baut sich dann immer mehr zu einem großen Tohuwabohu auf. Ofir (Harald Tauber), der oberste Schreiber am Hof, macht dem Durcheinander ein Ende und übergibt das Wort an Teje, die Mutter des verstorbenen Pharaos, die links auf ihrem Thron Platz genommen hat. Ofir führt zunächst Eje (André Bauer), den Wesir, vor und verheißt ihm eine erfolgreiche Amtszeit als Echnatons Nachfolger. Eje erläutert Teje seine Reformpläne. Dann geleitet Ofir Haremhab (Rob Fowler), den Oberbefehlshaber des Heeres, zu Teje und verheißt ihm mit leicht hämischen Lachen das gleiche wie Eje. Haremhab erklärt, dass er für den Thron sogar bereit wäre, Teje zu ehelichen, worauf sie ganz trocken antwortet: „Das habt Ihr Euch aber schon gut überlegt.“ Im Grunde hofft hat sie schon längt ihren Enkel Tutanchamun als neuen Pharao auserkoren. Einziges Problem ist, dass dessen Mutter Kija nur eine Nebenfrau Echnatons war und er daher nicht zum Thronfolger erzogen wurde. Plötzlich werden alle durch Tutanchamuns Schreie aufgeschreckt: „Eine Schlange, eine Schlange!“ Er bekommt sie am Schwanz zu packen und schleudert sie durch die Luft. Die Frauen laufen erschreckt auseinander, wobei eine an eine Säule stößt, auf der die kostbare Doppelkrone Ober- und Unterägyptens ruht. Tutanchamun kann sie im letzten Moment noch auffangen und steht plötzlich in einem Lichtkegel. Mit schicksalhaftem Blick schaut er gen Himmel. Teje deutet dies als Zeichen der Götter und erklärt ihn zum Nachfolger Echnatons.
Um seine Macht abzusichern, wird der 9-jährige mit seiner etwas älteren Halbschwester und bis dahin besten Freundin Anchesenamun verheiratet. Nachdem sie sich vor dem Priester im Tempel das Ja-Wort gegeben haben, kichern beide noch belustigt über die seltsamen Vorgänge. Gleich nach der Zeremonie werden sie aber getrennt und Tutanchamun muss allein mit den Priestern im Tempel zurückbleiben. Er fürchtet sich und sucht Schutz in den Armen seiner Großmutter Teje. Die hat Mitleid mit ihm, muss sich aber an die traditionellen Vorschriften halten. Ihr bleibt daher nichts anderes übrig, als ihm gut zuzureden und ihm Mut zu machen („Sieh nach vorn“). Aus der Melodie klingt eine gewisse Schwere heraus. Die Musik fließt und man hat den Eindruck, als ob die Stimmen von Teje und Tutanchamun ineinander übergehen. Kerstin hat eine außergewöhnliche Stimmfarbe, die sehr gut zu dem Song passt, und ich finde, man kann die Sorge um ihren für das Amt noch viel zu jungen Enkel sowohl an ihrem Gesichtsausdruck erkennen, als auch aus ihrer Stimme sehr gut heraushören. Teje ist einerseits ernst und pflichtbewusst, hat andererseits aber auch ein großes Herz und hält schützend ihre Hand über Tutanchamun. Eine starke Frau, die sich mit Ruhe und Besonnenheit auch in einer von Männern dominierten Welt gut durchsetzen kann. Kerstin spielt diese eher kleine Rolle sehr überzeugend.
Im Hintergrund werden sandfarbene Schrägwände mit Hieroglyphen durch die jeweiligen auftretenden Ensemblemitglieder auf die Bühne geschoben, ineinander verschränkt und dienen so als Bühnenbild. Tutanchamun bekommt im Tempel ein offensichtlich unangenehm schmeckendes heiliges Brot gereicht und wird von den Priestern mit einer Nackenstütze auf den Stufen vor dem Altar gebettet, wo er Krummstab und Wedel über Kreuz vor der Brust verschränkt halten und so die Nacht verbringen muss („Prüfungen“). Die rituellen Handlungen, wie auch zuvor schon die anlässlich Echnatons Todes, wirken sehr authentisch. Man merkt, dass das Team vom ägyptologischen Institut der Universität Wien wissenschaftlich beraten wurde. Zu Anfang erklingt wieder die gebetsartige, orientalische Melodie vom Auftritt der Priester bei „Pharao ist tot“. Als es dunkel wird und Tutanchamun die Augen geschlossen hat, erscheinen ihm im Traum zunächst vier Götter der Toten und stellen sich hinter ihm auf. Sie tragen Holzmasken, die sie eindeutig charakterisieren. Anubis z.B. hat den Kopf eines Schakals, Ra den eines Falken usw. Plötzlich tauchen von links und rechts die schlangenartig aussehenden Dämonen des Chaos auf (graue Catsuits mit Kapuzen, an denen links und rechts rote Schlangenaugen angebracht sind), die sich auf beiden Seiten um Tutanchamun herum positionieren. Das Zischeln der Zungen und das Rasseln der Schwänze hört man auch in der Musik. Optisch deuten es die Tänzer/innen durch schnelles Auf- und Abbewegen der Finger bei abgeknicktem Handgelenk vor dem Mund an. Die ohnehin schon spannend klingende Musik schwillt zu einem Höhepunkt an, als zwei weitere Personen auftreten: die Schlangengöttin Wadjet (Raphaela Pekovsek) und einer ihrer Gefolgsmänner (Robert Schmelcher). Die beiden duellieren sich mit den Dämonen und verjagen sie mit gezielten Tritten, Schlägen und lauten Kampfschreien. Immer mehr Instrumente kommen hinzu und die Bläser tönen immer greller. Am Ende positionieren sich Wadjet und ihr Gehilfe zum Schutz hinter Tutanchamun und verschränken ihre Arme zu einem X. Langsam wird es wieder heller und der neue Tag beginnt. Die Instrumente werden nach und nach wieder weniger, bis nur noch der Bass zu hören ist.
Tutanchamun hat die Prüfungsriten bestanden. Am Morgen präsentiert Ofir im Thronsaal zunächst stolz und feierlich den neuen Kindkönig, der würdevoll zu seinem Thron schreitet, und dann seine Gemahlin Anchesenamun, die von der Erzieherin in Begleitung ihrer Freundin Kebi hereingeführt wird. Das Königspaar nimmt auf den Thronen Platz. Gleich nach der Krönungszeremonie werden die beiden aber wieder getrennt und Anchesenamun zum Schutz vor Attentaten nach Achet-Aton gebracht. Als Tutanchamun sich im Thronsaal umschaut, wird er sogleich von einigen Haremsdamen umringt, die mit ihm zu flirten beginnen. Ofir steht mit dem Rücken zu der Gruppe und unterhält sich gerade mit einem seiner Beamten. „Da, die Haremsdamen!“ ruft dieser plötzlich und zeigt mit dem Finger auf sie. Ofir dreht sich um: „Ah, das sehe ich jetzt auch!“ Sofort eilt er zu ihnen und versucht, sie vom Pharao fernzuhalten. „Der ist aber süß! Wollen wir zusammen spielen?“ fragt die eine kokett. Ofir echauffiert sich: „Das ist gegen die Etikette!“ ruft er mit erhobenem Zeigefinger und weist den Haremsdamen den Weg. Die eine streicht ihm im Vorbeigehen mit der Hand über die Brust und wirft ihm einen vielsagenden Blick zu, woraufhin er sich noch mehr aufregt. „Das ist doch wohl …“ So richtig scheint ihn niemand ernst zu nehmen. Aufgebracht scheucht er die Haremsdamen die Stufen hoch und nach rechts von der Bühne.
Mit zufriedenem Gesichtsausdruck kommt er zurück, reibt sich die Hände und wendet sich wieder dem Pharao zu. Bevor der etwas sagen kann, erhält er von Ofir eine ausgiebige Einführung in das komplexe Staatssystem („Wo kein Beamter, da kein Staat“). Der Song beginnt ganz dramatisch und pompös mit einer Fanfare und Streichern, was in dem Zusammenhang natürlich eher ironisch wirkt. Die Strophen klingen sehr statisch und abgehackt, etwas brummig, während der Refrain harmonisch völlig unerwartet mit Glockenspiel, Flöten und Trompeten ganz andere, fröhlich-festliche Töne anschlägt. Die Wirkung ist recht erstaunlich. Ofir wird ständig von einem seiner Schreiber unterbrochen, der ihm noch ein Formular zum Unterschreiben vorlegt und dann noch eines und noch eines. (Mir fiel auf, dass Harald einmal mit rechts und dann wieder mit links unterschreibt. Er meinte im Scherz: „Ich bin Ofir! Als oberster Beamter darf ich das natürlich!“ Der wahre Grund ist allerdings, dass er laut Regieanweisung einfach immer mit der Hand zum Publikum schreiben soll.) Während seines Solos werden auf der linken Seite der Bühne einige Bedienstete gezeigt, die sich bei ihrer Arbeit eher unbeholfen anstellen. So dreht sich z.B. einer (Bas Timmers) mit einem Pfosten im Kreis herum und schlägt den Umstehenden, die sich gerade noch rechtzeitig bücken können, dabei fast die Köpfe ab. Auch diese kurze Episode sorgte beim Publikum für einige Lacher. Bei der Aufzählung der ganzen Ämter und wer genau wem untersteht, wird Ofir immer schneller und schneller und verwirrt Tutanchamun damit immer mehr, sodass dieser die finale Frage, wer denn nun der höchste am Hofe sei, mit einem unsicheren „Ofir?“ beantwortet. Ofir schüttelt leicht genervt den Kopf – ts, ts, natürlich ist es der Pharao selbst -, tadelt und korrigiert ihn und fährt dann fort. Die Musik steigert sich zu einem operettenhaften „Geträller“ zu dem Ofir zunächst mit großen Schritten und ausgebreiteten Armen nach links schreitet und dann die Treppen zum Thron hinauftänzelt, den obersten Ton allerdings gründlich versemmelt. Live ist die Stelle göttlich, auf der CD kommt das leider nicht ganz so lustig über. Da hustet er nur ganz arg nach dem letzten hohen Ton und fährt dann fort. Jedenfalls scheint Ofir sehr von sich selbst und seinem großartigen „Verwaltungsapparat“ überzeugt zu sein und wie er sich über das Kleingedruckte freut! Er nimmt sich selbst natürlich viel zu wichtig und wirkt dadurch ein bisschen lächerlich, aber gerade das macht ihn ja zu einer so komischen, aber auch liebenswerten Figur. Tutanchamun lässt sich zunächst von der Begeisterung anstecken und will gleich die ersten Dokumente unterzeichnen: „Mit dem Binsenkiel, nicht mit dem Kajal!“ korrigiert ihn Ofir, nimmt ihm den Kajal aus der Hand, wendet sich von ihm ab und malt sich heimlich selbst einen Strich unters Auge. In dem Moment kommt ein Bote mit einer Papyrusrolle auf ihn zu. Ofir versteckt peinlich berührt den Kajal und beginnt, den Brief zu lesen. Tutanchamun bemerkt es und fragt, ob es eine Nachricht von seiner Großmutter sei und ob sie bald wieder zurück nach Memphis komme. Doch Ofir sieht vom Brief auf und schaut Tutanchamun ernst und mit traurigen Augen an. Zögerlich erklärt er, dass Teje überraschend verstorben sei. Dann verneigt er sich vor dem Pharao und lässt ihn mit seiner Trauer allein. Kurze Zeit später tritt Haremhab auf. Tutanchamun begrüßt ihn, doch Haremhab reagiert gar nicht. Er reißt ihm den Federkiel aus der Hand, zerbricht ihn, packt ihn bei den Schultern und dreht ihm den Arm nach hinten, um ihm Angst zu machen. Tutanchamun verzieht das Gesicht vor Schmerzen, kann die Tränen gerade noch zurückhalten und läuft schnell weg, als Haremhab ihn freigibt.
Ofir betritt die Bühne, findet den zerbrochenen Federkiel, schüttelt den Kopf und winkt ungeduldig seine Schreiber heran. Aufgeregt laufen sie zunächst alle durcheinander, finden sich aber bald in zwei Reihen links und rechts am Bühnenrand ein, nachdem Ofir sie durch zackige Bewegungen und abgehackte Laute auf die richtigen Plätze dirigiert hat. Die Kostüme sind eher schlicht: Sowohl Männer, als auch Frauen tragen schwarze Glatthaarperücken, weiße Gewänder mit Gürteln und auffälligen, gold- und edelsteinbesetzte Krägen. Einige der Männer sehen, ehrlich gesagt, nicht wirklich wie Ägypter aus - Robert z.B. eher wie ein Indianer – aber das liegt natürlich auch an der allgemeinen Physiognomik der jeweiligen Person. Die Schreiber erkennt man zusätzlich noch an ihren Holztafeln, dem Federkiel und den Hieroglyphen an ihrem Gürtel. Ofir hat zudem einen türkisfarbenen Falken mit ausgebreiteten Flügeln auf der Brust. Um seinen kahlgeschorenen Kopf trägt er ein goldenes Stirnband mit der Kartusche mit dem Eigen- und Thronnamen seines Pharaos, am Kinn einen unechten, mit Goldbändern umwickelten Bart. (Harald sollte zunächst eine schwarze Langhaarperücke und einen schwarzen Spitzbart bekommen, sah damit allerdings eher wie Rasputin aus. Die Variante mit der Glatze fanden alle für die Rolle dann doch passender.) Ofir stakst mit großen Schritten etwas unbeholfen, aber übereilig die Treppe hinauf, landet mit Schwung hinter Anchesenamuns Thron, fällt fast vornüber und kann sich gerade noch an der Lehne festhalten. Als Tutanchamun auf den Thron steigt, um über sein erstes Amtsjahr zu berichten, reißen Eje und Haremhab sogleich das Wort an sich und reden die in Wahrheit angespannte Lage im Land nach ihrem Willen schön („Das Land in starker Hand“). Vom Aufbau und von der Stimmung her erinnert der Song zu Beginn ein klein wenig an „Die Schatten werden länger“ aus „Elisabeth“. Es entwickelt sich ein regelrechter Schlagabtausch zwischen Eje und Haremhab und die Worte fliegen nur so, dass die Schreiber Mühe haben, alles so schnell zu notieren. Die immer aggressiver werdende Musik unterstreicht jedes der Worte noch einmal und man wird auch als Zuschauer ganz nervös. Tutanchamun jedoch ist von dem Gerede gelangweilt und schläft bald auf seinem Thron ein. Ofir, der den Ernst der Lage erkennt, versucht immer wieder verzweifelt, ihn aufzuwecken, doch hat keinen rechten Erfolg. Als eine seiner Schreiberinnen (Kerstin Löcker, die eine schöne Stimme hat und mir auch durch ihre Mimik schon zuvor in der Szene aufgefallen war) die Frage stellt, wann Anchesenamun denn zurück nach Memphis kommen soll, versucht er gleich, sie zum Schweigen zu bringen und das Thema zu wechseln. Vielleicht ist es Teil seines ausgeprägten Ordnungssinns, dass er immer sehr um das Wohl des Pharaos bemüht ist und darum, den Frieden zwischen allen Parteien zu wahren. Solange Tutanchamun noch Kind ist, wirkt Ofir oft wie ein Lehrmeister für ihn, im Gegensatz zu Haremhab aber einer, der nur gute Absichten hat. Das macht ihn schon zu diesem Zeitpunkt durchaus sympathisch. Am Ende der Nummer stehen Eje und Haremhab links und rechts neben Tutanchamun und bewegen ihn an unsichtbaren Fäden hin und her, lassen ihn aufstehen, heben seine Arme, doch er bleibt schlaff wie eine Marionette. Er lässt alles mit sich machen und ist ihnen quasi hilflos ausgeliefert. Es gefiel mir sehr gut, dass sie den Text durch diese Gesten untermalt und noch einmal optisch verdeutlicht haben.
Daran knüpft auch die nächste Szene an, in der Haremhab versucht, den jungen Pharao durch eine harte militärische Ausbildung zu brechen. Der erste Ausbilder Udimo (Dave Moskin) unterstützt Haremhab in seinen strengen Erziehungsmethoden und befiehlt Tutanchamun an, den Bogen fester zu spannen und sich nicht wie ein Weib anzustellen. Dave versteht man leider sehr schlecht und man muss schon genau hinhören, um den Sinn zu erfassen. Ich nehme an, deshalb haben sie ihm wohl auch nur kleinere Rollen zugeteilt. Der andere Ausbilder Sedje (André Wright) hat Mitleid mit dem Jungen und weist seinen Kollegen darauf hin, dass er ja schon ganz blutige Arme habe. Haremhab bricht die Lektion schließlich ab und droht ihm mit der nächsten Trainingsstunde am kommenden Morgen um 4. Tutanchamun fleht um den Beistand seiner Großmutter und nimmt sich nun vor, seinen Pflichten als Pharao nun so gut wie möglich nachzukommen und den anderen seinen Mut und seine Stärke zu beweisen („Nun trete ich meine Herrschaft an“). Karoline singt für ihr junges Alter ausgesprochen gut und es gelingt ihr gerade bei diesem Song sehr gut, über eine tiefere Stimme jungenhafter zu wirken. Sie spricht auf der Bühne natürlich, sehr verständlich, nahezu ohne Dialekt, und betont die Worte an den richtigen Stellen, was bei Kindern eher selten so ist. Auch schauspielerisch macht sie ihre Sache gut. Vor allem ihre Mimik als Tutanchamun finde ich sehr ausdrucksstark, z.B. als er im Tempel in das wenig schmackhafte Brotstück beißen muss, während der Traumsequenz mit den Dämonen oder als er vom Tod seiner Großmutter liest. In der Vorstellung am Samstag fiel leider ihr Mikroport aus, sodass sie mit einem Handmikrofon weiterspielen musste. Ohne vorherige Probe hat sie das zum einen gesanglich sehr professionell gemeistert und das Mikro zum anderen sogar unauffällig in ihr Schauspiel eingebaut, es z.B. im Tempel für die Traumszene ganz sacht auf den Stufen abgelegt. Da habe ich einige erwachsene Profis schon schlechter mit einem Handmikro umgehen sehen.
Doch weiter im Geschehen: Der junge Tutanchamun spannt den Bogen und richtet den Pfeil nach rechts auf sein Ziel aus: „Hoch den Bogen, spann’ die Sehne! Schieß’ den …“ Bevor er das letzte Wort aussprechen kann, wird es plötzlich dunkel, die Bühne ist in ein dunkelblaues Licht getaucht. Um ihn herum bildet sich ein Netz aus weißen Strahlen, die Längen- und Breitengrade des Globus. Von hinten sieht man eine schemenhafte Gestalt auf die Bühne kommen. Sie tritt hinter den jungen Tutanchamun und umfasst seinen Bogen. Die beiden drehen sich langsam im Kreis und die ruhiger und weitläufiger werdende Instrumentalmusik untermalt den Zeitsprung. Der Mann übernimmt von dem Jungen, der nach hinten verschwindet, zuletzt Pfeil und Bogen. Schlagartig wird es wieder hell und auf der Bühne steht nun der herangewachsene Tutanchamun (Jesper Tydén). Er setzt den Text seines jüngeren Ichs fort – der Übergang zwischen den beiden Stimmen ist wirklich sehr gelungen - und schießt: „… Pfeil! Wieder getroffen: Amun sei Dank!“ Haremhab erscheint und Tutanchamun fordert ihn zu einem Wettbewerb im Bogenschießen heraus: „Haremhab, prüfe mich!“ Seine mutige Herausforderung wird durch die Musik noch akztentuiert. Der gesamte Hofstaat ist auf der Bühne versammelt und alle schauen gebannt zu. Tutanchamun wirkt nun schon viel selbstbewusster und seinen Widersachern mittlerweile scheinbar gewachsen. Er spannt den Bogen und zielt nach rechts. Man hört das Zischen des Pfeils und alle schauen ihm nach. Getroffen! Tutanchamun hat Haremhab besiegt. Der Hofstaat jubelt.
Haremhab gibt sich jedoch nicht so leicht geschlagen und bemerkt nur kühl, dass er hoffe, der Pharao sei stolz, dass er ihn so gut ausgebildet habe. Haremhab beschreibt in seinem ersten Solo, wie er nach und nach die Macht an sich reißen wird („Zug um Zug“). Das Stück beginnt zunächst ruhig, aber schon in einer gewissen Spannung mit Klavier und Streichern. Diese Sequenz wird auch vor jeder Strophe noch einmal wiederholt. Dann setzt das Schlagzeug und damit der packende Rhythmus ein. Bei dem Text „Zug um Zug, Strategie, die vergisst ein Puppenspieler nie! Die Fäden Thebens in der Hand: So lenke ich das Land!“ bewegt er die Hände tatsächlich so, als ob er die Fäden einer Marionette darin hielte. Er beschließt den Song mit einem fiesen, machthungrigen Lachen. Für die Rolle kann ich mir keinen besseren als Rob Fowler vorstellen! Im gesamten Stück wird er sehr treffend durch die eher rockigen und aggressiven Songs charakterisiert. Dass Tutanchamun als Kind Angst vor ihm hat, wenn er ihn mit festem Griff packt und ihn anschreit, finde ich vollkommen nachvollziehbar. Er wirkt schon optisch durch seinen muskulösen Oberkörper, die breiten Schultern und den Ledergürtel wie ein gestandener Mann, was durch seine unglaublich kräftige Stimme und seine absolute Bühnepräsenz noch unterstützt wird. Genau das macht ihn auch zum Publikumsliebling, obwohl er eigentlich den Bösen spielt. Positiv ist auch noch anzumerken, dass man ihn trotz seiner Herkunft und der vieler Umlaute im Text sehr gut versteht. Irritiert hat mich nur, dass an den Vorstellungstagen, wo er offensichtlich einen Gig hatte, immer seine Fingernägel schwarz lackiert waren. Das war dann doch etwas achronistisch. Am Ende der Szene ruft Haremhab Udimo und Sedje herbei und fragt sie, ob alles für das Opet-Fest vorbereitet sei. Sedje zählt auf: der Wein, die Täubchen … Udimo bestätigt alles, weiß mit den Gazellen allerdings nichts anzufangen und meint dann aus lauter Verzweiflung, sie würden bereits am Spieß geröstet. Haremhab erklärt ihm, die „Gazellen“ seien die nubischen Tänzerinnen und bezeichnet ihn als Idioten. Daraufhin brechen alle drei in schallendes Gelächter aus, dass sich immer mehr ins Künstliche hinein steigert, bis es ganz plötzlich und unvermittelt abbricht und die drei - sehr zum Amüsement des Publikums - mit ernsten Gesichtern getrennte Wege gehen.
Das rauschende Opet-Fest ist eine große Ensembleszene, die wieder sehr orientalisch klingt. Die Bühne ist in warme Rot- und Gelbtöne getaucht, links und rechts am Bühnenrand werden Schalen mit Feuer entzündet. Wenn man in einer der ersten Reihen sitzt, spürt man quasi die Wärme von der Bühne herunterströmen. Die Tänzerinnen schieben beim Betreten des Thronsaales goldene Säulen mit hinein. Wirklich bemerkenswert, wie unauffällig die Auf- und Abbauarbeiten der Bühnenbildteile in die Choreographie eingearbeitet sind. Die Haremsdamen tanzen für Tutanchamun, der zunächst in voller Montur auf seinem Thron sitzt, bald aber seine Kopfbedeckung und sein Oberteil ablegt und mit den Frauen tanzt. Haremhab befiehlt, ihm mehr Wein einzuschenken, um ihn betrunken zu machen: „Gebt ihm Wein, schenkt ein!“ Mit kräftiger Stimme singt er über alle anderen hinweg, eine tolle Passage. Sofort eilt Ofir nach draußen und kommt bald mit einer Mundschenkin (Carla Weissmann) zurück, die er die ganze Zeit über gängelt und fast schon zu Tutanchamun hinscheucht. Haremhabs Plan geht auf, denn bald taumelt der Pharao schon bedenklich von einer Frau zur anderen, lässt sich von ihnen verführen und vergnügt sich mit ihnen. Ohne weiter darüber nachzudenken unterzeichnet er ein Papyrus, dass Haremhab ihm vorhält. Eje ermahnt ihn, nicht soviel zu trinken, weil er an diesem Abend nach Jahren endlich seine Gemahlin Anchesenamun wiedersehen soll. Ich fand es interessant, Jesper einen Betrunkenen spielen zu sehen. Um ehrlich zu sein, hätte ich ihm das gar nicht zugetraut, denn außerhalb der Bühne wirkt er immer so zurückhaltend. In dieser Szene geht er richtig auf Tuchfühlung und lässt sich von den Frauen umgarnen. Bei seinen kurzen Einwürfen wie „Zeig’ Deine Tänze und gib mir den Rest …“ klingt er trotz Trunkenheit sehr männlich und stolz. Als Anchesenamun hereingeführt wird und sich neben ihn auf den Thron setzt, behandelt er sie wie einen alten Kumpel und zieht gleich eine der Haremsdamen mit den Worten „Habe ich nicht eine schöne Frau?“ auf seinen Schoß. Ob er sich einfach nichts dabei denkt oder Anchesenamun mit seinem Verhalten provozieren will, bleibt der eigenen Interpretation überlassen. Anchesenamun wendet sich jedenfalls entsetzt ab. Er missachtet aber ihre Reaktion, zerrt sie mit beiden Händen sehr unsanft vom Thron herunter und zieht sie hinter sich her in eine ruhige Ecke außerhalb des Thronsaales links auf der Bühne. „Ob man mit dir auch Spaß haben kann?“, fragt er mit provokanter Stimme und meint, sie solle sich doch gefälligst nicht so zieren. Als sie sich trotzdem weiterhin weigert und kühl bleibt, betont er mit einer gewissen Herablassung, dass er der Pharao sei und sie ihm zu gehorchen habe. In dieser Szene wirkt er richtig arrogant und unsympathisch. Nun platzt Anchesenamun verständlicherweise der Kragen und sie sagt ihm gehörig die Meinung: Nur aus Respekt vor Teje werde sie noch mit ihm zusammenbleiben und nach außen hin seine Gemahlin spielen, sonst wolle sie jedoch nichts mit ihm zu tun haben. Wütend lässt sie ihn allein und läuft durch den Thronsaal, wo die anderen kurz innehalten und ihr verwundert nachschauen, dann aber weitertanzen. Auch Sabines Schauspiel gefiel mir in dieser Szene sehr gut. Sie wirkt schon sehr reif und pflichtbewusst, während Tutanchamun offenbar noch dem jugendlichen Leichtsinn verfallen ist. Optisch heben sich Tutanchamun und Anchesenamun von den anderen vor allem dadurch ab, dass sie viel Schmuck tragen, wie z.B. goldene Reifen mit Ornamenten um die Oberarme und Halsketten mit schweren Anhängern. Anches’ Kleid in dieser Szene ist auf einer Seite schulterfrei mit einem roten Gürtel. Als Kopfbedeckung hat sie eine kegelförmige, goldene Krone auf und die schwarzen, halblangen Haare sind zu kleinen Zöpfchen mit Goldbändern geflochten. Tutanchamun trägt statt seiner Krone häufig nur ein goldenes Stirnband mit Ornament. Seine Haare sind dunkelbraun gefärbt statt schwarz. Ich frage mich, ob eine Perücke da nicht besser gewesen wäre, zumal er auch noch blaue Augen hat, was für einen Ägypter doch etwas befremdlich wirkt.
Wie dem auch sei: Tutanchamun ist mittlerweile der Spaß vergangen und er bleibt gedankenversunken zurück. Als Ofir mit der bestellten Weinkaraffe erscheint, klagt Tutanchamun ihm sein Leid und behauptet, für alle eine Witzfigur und der Hofzwerg zu sein. Er stellt Ofir auf die Probe und fragt ihn noch einmal eindringlich, wer er seiner Meinung nach sei. Darauf antwortet dieser fast stotternd: „Ihr seid der Ho-, Ho- … DER Hofzwerg“. Darauf Tutanchamun: „Ihr wisst doch, was auf Beleidigung des Pharaos steht?“ Ofir macht eine Geste, als ob ihm die Kehle durchgeschnitten wird. Dann geht Tutanchamun zu einer der Säulen, streicht mit der Hand darüber und fragt: „Welche Farbe hat diese Säule?“ Darauf Ofir: „Gold.“ „Diese Säule ist blau“, behauptet Tutanchamun. Ofir wird immer unsicherer. „Gut, die Säule ist blau. Oder nein: Blau mit roten Tupfen?“ „Die Säule ist gold. Ihr wisst doch, was passiert, wenn man den Pharao anlügt?“ Ofir macht wieder die Geste des Kehledurchschneidens und sagt dann aus lauter Verzweiflung: „Also gut, die Säule ist … rot!“ (In der Show am Sonntag sagte Harald allerdings „grün, moosgrün“ statt „rot“. Die Farben sind wohl variabel.) Tutanchamun hat nun das erfahren, was er wissen wollte. Er meint, Ofir solle den Wein allein austrinken. Als dieser sich weigert, ruft er ihm ungeduldig zu: „Das ist ein Befehl!“ Daraufhin seufzt Ofir, zuckt mit den Achseln und nimmt genüsslich einen großen Schluck, bevor er nach links abgeht. Das Premierenpublikum dürfte von dieser lustigen Szene leider nicht viel mitbekommen haben, da sich genau in dem Moment eine Frau aufgrund der stickigen Gewitterluft in der ersten Reihe der Tribüne übergeben und von den Sanitätern abtransportiert werden musste. Die meisten schauten dann verständlicherweise in ihre Richtung und nicht mehr auf die Bühne. Schade.
Tutanchamun hat nun erkannt, dass er von den anderen Machthabern ausgenutzt wird und ihm der Rest seines Hofstaates aus Ehrfurcht und Angst vor Strafen nur nach dem Mund redet. Er fühlt sich nutzlos, leer, seinen Pflichten sowie den Erwartungen der anderen nicht gewachsen und drückt dies in einer Art musikalischem Monolog aus („Ich bin das Licht“). Die Strophen des Songs sind etwas kompliziert gestrickt, aber der Refrain bleibt im Ohr. Mit den Holzbläserarrangements fällt der Song im Vergleich zu den anderen vielleicht etwas aus der Rolle und ist in jedem Fall weniger exotisch. Zuletzt fasst Tutanchamun neuen Mut und nimmt sich nun vor, seiner Position als Pharao und Staatsoberhaupt endlich gerecht zu werden. Ich finde, Jesper stellt die innere Zerrissenheit und den daraus folgernden Entschluss, sich zu ändern, in der Szene sehr überzeugend dar. Mut und Ernsthaftigkeit stehen ihm einfach besser als dieses Flegelhafte. Die Wandlung kommt auch nicht so plötzlich, sondern ist nach seiner Auseinandersetzung mit Anchesenamun und dem Gespräch mit Ofir durchaus dramaturgisch begründet. Am Ende des ersten Aktes wird er dem Zuschauer somit auch wieder sympathischer. Es besteht also auch noch Hoffnung, dass sich mit Anchesenamun wieder alles zum Guten wendet.