Musical - Ein Teil meines Lebens

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Gaefa
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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon Gaefa » 12.09.2014, 16:47:09

Danke für eure Kommentare! Jetzt geht es tatsächlich mit der Premiere von Elisabeth weiter. Viel Spaß. Ich freu mich wie immer über möglichst viele Kommentare ;)

Am Samstagmorgen des letzten Ferienwochenendes stieg ich mit einem etwas mulmigen Gefühl in den Zug, der mich nach Berlin bringen sollte. Ich hatte Leon am Vorabend eine Sms geschrieben, in der ich ihm die Ankunft meines Zuges mitgeteilt hatte. Eine Antwort, ob er mich abholen würde, hatte ich allerdings nicht erhalten.
Die lange Zugfahrt vertrieb ich mir mit einem Buch über die Kaiserin Elisabeth. Ich war sehr gespannt auf das Stück und natürlich auch auf Leon als Kronprinzen. Schon am Abend war die Premiere. Dass ich nicht schon am Vortag gefahren war, lag daran, dass Leon noch Proben hatte, worauf dann die Derniere der alten Cast folgte.
Ich schaute immer wieder auf den Fahrplan, den ich mir ausgedruckt hatte, da ich mich auf dieser Strecke noch nicht auskannte. Dann endlich kam die Haltestelle, an der ich aussteigen sollte. Ein letzter Blick zurück versicherte, dass ich nichts im Zug hatte liegen lassen. Mit klopfendem Herzen stieg ich aus.
Meine Augen suchten sofort nach Leon, aber ich konnte ihn unter den vielen Leuten am Bahnsteig nicht erkennen. Ich konnte zahlreiche freudige Widersehen beobachten, was mir nur noch mehr einen Stich gab. Ich hatte mir während der Fahrt immer wieder ausgemalt wie es werden würde, wenn ich auf Leon treffen würde oder was ich machen würde, wenn er nicht kommen würde, aber letztendlich überforderte mich die Situation trotzdem.
Ein dicker Kloß in meinem Hals war zu spüren als ich orientierungslos durch den Bahnhof lief. Nach einer gefühlten Ewigkeit fand ich den Weg nach draußen. Es war ein angenehmer spätsommerlicher Nachmittag. Ich setzte mich auf eine Bank vor der Bahnhofshalle und überlegte was ich wohl tun würde.
Wo sollte ich hin? Zum Theater? Da würde man mich wohl kaum mit Koffer hineinlassen. Zu Leon nach Hause? Aber was wenn er nicht dort war?
Während ich so überlegte, hörte ich plötzlich eine bekannte Stimme: „Nora?“ Ich blickte auf. „Leon!“, stieß ich hervor. Er war also doch gekommen.
Ich erhob mich von der Bank und wir schauten uns an, unschlüssig was wir tun sollten. „Schön, dass du gekommen bist.“, flüsterte er. Ich nickte nur.
Ein kurzes Schweigen trat ein. Dieses wurde abermals von Leon unterbrochen: „Wir müssen los. Mein Wagen steht da drüben.“ Er deutete über den Parkplatz. Er nahm mir meinen Koffer ab und wir machten uns auf den Weg. „Wie war die Zugfahrt?“, wollte er nun von mir wissen, als gäbe es nichts anderes zu bereden. „Gut.“, entgegnete ich. „Allerdings ziemlich lang.“ Diesmal war er es, der nickte.
„Freust du dich auf die Premiere?“, wollte ich wissen, wobei ich wohl auch nur nach einem Gesprächsthema suchte. „Ja schon“, gab er zurück. „aber ich hab auch eine ganze Menge Lampenfieber.“
Die Fahrt durch Berlin machte mir nicht besonders viel Spaß. In solchen großen Städten war man mit dem Auto nicht sonderlich gut bedient. „Wir können übrigens vor der Show nicht mehr zu mir nach Hause, das würde zu lange dauern.“, informierte er mich irgendwann. „Aha. Aber irgendwas zu essen kann ich vor der Show noch bekommen, oder?“, fragte ich, da mein Magen nun langsam vermeldete Hunger zu haben. „Ähm, ja. Im Theater gibt es eine Kantine.“, war seine knappe Antwort. Abermals nickte ich. Die restliche Fahrt verlief schweigend. Die letzten Wochen standen doch deutlicher zwischen uns als ich es gedacht hätte.
Im Theater angekommen, merkte man die angespannte Stimmung eindeutig. Als wir auf die Stage Door zugegangen waren, hatte Leon demonstrativ nach meiner Hand gegriffen. Ich hatte mich gefreut, dass er öffentlich zeigte, dass wir noch zusammengehörten, aber es fühlte sich irgendwie komisch an. Mich durchströmte nicht mehr dieses warme Gefühl seiner Nähe.
Auf den Weg zur Kantine stellte er mir ein paar Leute vor, bei denen ich allerdings das Gefühl hatte, dass es sie nicht weiter interessierte wer ich war. Als wir in der Kantine waren, brachte Leon mir etwas zu essen und setzte sich zu mir. „Ich kann grade nichts essen.“, kommentierte er.
Ich hatte gerade angefangen zu essen, da kam schon wieder jemand auf Leon zu und meinte, dass er nach oben kommen solle. Er schaute mich an und meinte: „Ich komme gleich wieder, es dauert nicht lange.“
Da saß ich nun alleingelassen in der Kantine des Berliner Theaters, das ich gar nicht kannte. Ich fühlte mich nicht wohl in meiner Haut. Ich hatte schon längst aufgegessen als Leon völlig gestresst zurück kam.
„Du kannst dich in meiner Umkleide fertigmachen.“, erklärte er mir auf dem Weg durch das Theater. Gesagt, getan. Ich hatte mir wieder ein Kleid von Svenja geliehen, da meine eigene Garderobe noch immer nichts Passendes für solche Anlässe hergab.
„Du siehst toll aus.“, sagte Leon als er mich sah und gab mir vorsichtig einen Kuss. „Du kannst schon nach vorne ins Foyer gehen. Ich weiß, es ist noch ein wenig hin bis zur Show, aber ich muss mich jetzt auch fertig machen.“, erklärte er mir die Situation. Ich nickte.
Die Zeit bis zur Show zog sich wie Kaugummi in die Länge und ich kam mir überflüssig vor wie ich da zwischen den sich unterhaltenden Gästen allein im Foyer rumstand. Am liebsten wäre ich im Boden versunken.
Die Show war klasse. Allerdings musste ich viel zu lange warten bis ich Leon endlich auf der Bühne sehen durfte. So ganz war er meiner Meinung nach noch nicht in die Rolle hineingewachsen, aber er machte es für die erste Show echt gut. Die drei Stunden waren allerdings auch das schönste an dem ganzen Tag.
Auf der After-Show-Party fühlte ich mich wie ein Anhängsel, dem keinerlei Beachtung geschenkt wird. Leon unterhielt sich hier und dort, ich stand stumm daneben und versuchte zu lächeln. Ich fühlte mich nur noch überflüssiger, es war das absolute Gegenteil zur Premiere in Essen im vergangenen Jahr. Irgendwann zog ich mich zurück und wartete auf einem Sofa in der Ecke bis Leon soweit war und wir in seine Wohnung fuhren.
„Das war wirklich ein schöner Abend.“, begann er als wir angekommen waren. Ich nickte.
Als ich mich in der Wohnung umschaute, bemerkte ich wie viel kleiner sie war. Eine Wohnküche und ein kleines Schlafzimmer waren vorhanden. „Die neue Wohnung ist nicht besonders groß.“, bemerkte ich. „Nein, aber sie reicht mir. Was Größeres ist in Berlin kaum bezahlbar.“, war seine Antwort. So war das also, dabei waren wir schon eine ganze Ecke weiter hinaus gefahren.
„Ich bin müde.“, erklärte ich ihm. „Schade, ich dachte wir setzen uns noch ein wenig gemütlich aufs Sofa und erörtern die Show.“, legte er seinen Plan dar.
Er hatte scheinbar nicht bemerkt wie es mir während des ganzen Abends ergangen war.
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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon Dori » 12.09.2014, 17:46:25

Ich freu mich, dass es weitergeht. :)

Nur leider sieht die Zukunft mit Leon nicht mehr rosig aus...Zuneigung zwischen den beiden ist gar nicht mehr zu spüren und eigentlich sollte man sich um seinen Partner bei der Premiere kümmern, wenn dieser dort fremd ist.

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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon armandine » 14.09.2014, 20:31:04

Das klingt wirklich nicht gut. Aber man muss auch verstehen, dass sich der Künstler bei der Party um Kollegen und/oder andere wichtige Menschen kümmern muss. Jetzt wäre es doch vielleicht Zeit für eine ehrliche Aussprache?

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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon Gaefa » 19.09.2014, 12:09:56

Obwohl ich ziemlich erschöpft von der langen Zugfahrt sowie der Feier war, konnte ich lange nicht einschlafen. Meine Gedanken kreisten um den vergangenen Tag und den Mann, der neben mir lag.
Ich konnte seine Nähe spüren, aber nicht mehr so genießen wie noch vor der Mozart-Derniere. Die Zeit der Trennung, naja, da wir uns nicht gesehen hatten, konnte man es schon so nennen, hatte etwas verändert und ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, ob noch mal alles so werden würde wie vorher. Als ich ihn auf der Bühne gesehen hatte, spürte ich wie stolz ich auf ihn war. Die Zeit ihm das zu sagen, hatte ich allerdings nicht.
Dass ich mich nicht wohl gefühlt hatte, hatte er nichtmals bemerkt. Früher hatte er es immer sofort gemerkt, wenn irgendwas nicht stimmte. Hatten wir uns schon so lange nicht mehr gesehen, dass wir so was nicht mehr erkannten?
Ich wusste, dass ich ihn noch liebte. Sonst wäre es mir nicht so schwer gefallen, die letzten Wochen ohne ihn zu verbringen. Aber warum fühlte ich mich jetzt nicht glücklicher, da ich doch neben ihm lag? Ich verstand meine Gefühle selbst nicht. Als ich ihn gesehen hatte, war mein Herz aufgesprungen, aber ich wusste nicht wie ich mich verhalten sollte. Wir müssen das wohl wieder langsam aufbauen, sagte ich mir.

Am nächsten Morgen frühstückten wir noch gemeinsam, bevor Leon mich wieder zum Bahnhof brachte. Da er den ganzen Tag im Theater verbringen würde und die Zugfahrt zu lange dauern würde, als dass ich erst am nächsten Morgen nach Hause fahren könnte, hieß es schon wieder Abschied nehmen.
„Ich hab mich gefreut, dass du gekommen bist.“, begann Leon. „Und es tut mir leid, dass ich dich nicht persönlich eingeladen hab, aber ich war…“ – „Schon gut.“, unterbrach ich ihn. „Es war nicht einfach in der letzten Zeit“.
Er schüttelte den Kopf: „Das war es ganz sicher nicht. Aber ich hoffe wir haben einen Schritt in die richtige Richtung gemacht und alles wird wieder so wie es war.“ – „Ich hoffe es.“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Du musst bald wieder her kommen.“, bat mich Leon. Ich nickte.
Er gab mir einen Kuss und ich erwiderte ihn. In mir wurde es warm, ich fühlte wie ich es vermisst hatte, ihn zu küssen. „Ich liebe dich, Nora.“, sagte er zum Abschied. „Und ich liebe dich.“, gab ich zurück, bevor ich in den Zug steigen musste.
Ja, ich liebte ihn noch, das war mir wieder deutlich vor Augen geführt worden durch diesen Kuss und den Abschied von ihm. Die Gefühle, die ich solange hatte verdrängen wollen, waren wieder präsent und ließen mich die ganze Rückfahrt nicht zur Ruhe kommen. Warum hatte ich das Gefühl gehabt soweit weg von ihm zu sein, als er mir ganz nah war und jetzt, als ich mich wieder von ihm entfernen musste, sehnte ich mich so nach seiner Nähe. Warum musste Liebe nur so kompliziert sein?

Am folgenden Tag begann das letzte Schuljahr und mein Stundenplan sollte mir nicht gewogen sein. Am Montagmorgen fing es direkt um acht Uhr mit Mathe an und Freitag hatte ich bis 15 Uhr Unterricht. „Na das ist ja herrlich.“, murmelte ich, als ich meinen Stundenplan fertig zusammengestellt hatte.
Dass das Abitur nun vor der Tür stand, ließen uns die Lehrer schon in der ersten Woche merken. Sie bombardierten uns mit Hausaufgaben, verteilten Referatsthemen und nannten die zu lesenden Bücher.
Meine Zeit außerhalb der Schule war auch ganz gut verplant. Am Dienstag hatte ich dieses Jahr Gesangsunterricht, mittwochs war die Ballettstunde und nicht zu vergessen die Musicalballettstunde am Freitag.
Am Mittwoch sprach mich Anja diesbezüglich noch mal an: „Nora. Ich hab jetzt einen Termin für die Musicalstunde. Sie fängt um 16 Uhr an und geht so bis 18 oder auch 18.30 Uhr. Passt dir das?“ Ich atmete tief durch: „Ja. Das ist okay. Dann lohnt es sich wohl kaum noch von der Schule nach Hause zu kommen, aber das ist in Ordnung. Und das ist alle 2 Wochen?“ – „Ja, da es ein Testlauf ist. Wir beginnen diesen Freitag. Ich freu mich schon. Bis dann.“, verabschiedete sich Anja von mir.

Am Wochenende war ich total geschlaucht von dieser Woche und dabei hatte das Schuljahr gerade erst begonnen.
„Wie war die Ballettstunde mit den Musicals?“, erkundigte sich Svenja als sie am Sonntag, ihrem probenfreien Tag, anrief.
„Es war echt schön.“, begann ich zu erzählen. „Wir haben mit der Eingangschoreographie von Phantom der Oper begonnen, du weißt schon, da wo Christine Daae zu spät kommt.“ – „Ja, klar. Das ist eine schöne Stelle und passend, da Madame Giry ja auch als Tanzlehrerin anwesend ist, das ist ein guter Einstieg. Ich bin echt neidisch. Wenn du das nächste Mal herkommst, musst du mir das unbedingt vortanzen.“, sprudelte es aus Svenja heraus. „Wenn ich mir irgendwas davon merken kann, werd ich mein bestes versuchen, es ist nämlich absolut nicht einfach.“, schränkte ich die Forderung ein. „Das kann ich mir vorstellen, aber du bekommst das hin, da bin ich mir sicher.“, machte mir Svenja Mut.
„Übrigens möchte ich dich gern einladen, damit ich das auch sehe. Nein Scherz, aber ich möcht dich gern zur Premiere von Jekyll & Hyde einladen. Wir würden uns alle sehr freuen, wenn du kommen würdest. Du gehörst irgendwie noch dazu, auch wenn das Stück gewechselt hat. Die Woche, in der du hier warst, hat einfach wieder total viel Spaß gemacht. Dir wird übrigens auch dein Lieblingsplatz reserviert.“ – „Oh, das ist toll. Ich freu mich.“, gab ich zur Antwort.
„Das heißt du kommst? Das ist fein, wirst gleich abgehakt.“, lachte Svenja.
Plötzlich wurde sie ruhiger: „Meinst du, Leon kommt auch?“
Ich schwieg einen Moment. „Ich weiß nicht. Als ich am Wochenende da war, hatte er viel zu tun. Beinahe zu viel.“, gab ich zu bedenken.
„Hm, wann fährst du denn wieder zu ihm?“, wollte Svenja nun wissen.
„Ich hab vor am nächsten Wochenende nach Berlin zu fahren. Ich hoffe es klappt.“ – „Ich drück die Daumen. Grüß unseren Mozart dann mal von mir und tritt ihm auf die Füße, dass seine alten Kollegen seine Unterstützung bei der Premiere brauchen.“, erwiderte sie. Ich musste grinsen.
„Ich werds versuchen.“, versprach ich, nicht sicher wie viel Glück ich dabei haben würde.
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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon Ophelia » 19.09.2014, 21:09:26

Mann, da hab ich glatt den vorletzten Teil verpasst! Aber dafür gab's jetzt zwei auf einmal :) Ich bin mir nicht sicher, ob Leon und Nora noch eine Chance haben, auch wenn sie glaubt, ihn noch zu lieben..? Und ob das so gesund ist für Leon, dass er so viel zu tun hat? Ich warte ungeduldig! ;)
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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon Gaefa » 26.09.2014, 11:45:02

Als ich am kommenden Freitag mit dem letzten Zug nach Berlin aufbrach, freute ich mich sehr Leon wiederzusehen. Er holte mich am Bahnhof ab und ich lief ihm in die Arme. „Ich habe dich vermisst!“, flüsterte ich ihm ins Ohr. Er drückte mich fest an sich, das war Antwort genug.
„Komm, wir wollen nach Hause, es ist schön spät.“, meinte er kurz darauf. Das war es tatsächlich. Leon war direkt aus dem Theater gekommen und hatte extra die Hintertür genommen, damit ich nicht mitten in der Nacht auf ihn warten musste.
„Hier ist für diese Uhrzeit noch einiges los.“, bemerkte ich auf dem Weg zu seinem Auto. „Das ist nun mal Berlin, Deutschlands Hauptstadt. Ich hab mich langsam an den Großstadtrummel gewöhnt, aber Essen gefiel mir eindeutig besser.“, antwortete Leon. „Das glaub ich, Essen ist auch echt schön.“, stimmte ich ihm zu.
In seiner Wohnung angekommen, machte er sich in seiner recht kleinen Küche zu schaffen. „Du setzt dich ins Wohnzimmer und ruhst dich von der langen Reise aus.“, war sein einziger Kommentar. Meinen Einwand, dass ich die ganze Zeit im Zug gesessen hätte, ließ er nicht gelten.
Ich schaute mich also genauer als noch vor zwei Wochen in seiner Wohnung um und erkannte einige Sachen aus Essen wieder. Allerdings war hier nur Platz für ein Sofa und auch eine Terrasse suchte ich vergebens. Einzig zwei kleinere Fenster ließen den Blick aus dem fünften Stock des Hauses zu, viel konnte ich aufgrund der Dunkelheit allerdings nicht erkennen. Gedankenversunken starrte ich hinaus in die Nacht und fragte mich wo ich einmal landen würde und ob es für uns eine gemeinsame Zukunft geben sollte.
„Abendessen ist fertig.“, sagte eine vergnügte Stimme hinter mir und riss mich unsanft aus meinen Gedanken. Ich zuckte zusammen. „Hab ich dich etwa erschreckt?“, wollte mein Freund wissen. „Ich war nur gerade in Gedanken versunken.“, gab ich zurück.
„Hm, das sieht ja lecker aus.“ Ich hatte das auf dem Esstisch angerichtete Abendessen erblickt: Rührei mit Schinken und dazu frisches Brot. So gut wie es aussah schmeckte es auch. Das war doch viel besser als allein in der Kantine des Theaters essen zu müssen.
Ich war noch nicht ganz fertig, als Leon schon sein Besteck zur Seite legte. Ich spürte wie sein Blick auf mir lag und als ich ihm begegnete, sah ich ein Funkeln in seinen Augen, das mein Herz höher schlagen ließ.

Als ich am nächsten Morgen in Leons Armen aufwachte, war ich einfach nur glücklich und genoss seine Nähe. Die vergangene Abend sowie die Nacht hatten mir wieder gezeigt wie schön es mit ihm war. Dieser Glückszustand sollte jedoch nicht sonderlich lange andauern.
„Hast du Lust heute in wenig Berlin zu erkunden?“, wollte Leon nach dem Frühstück von mir wissen. „Ich würd gern, schließlich hab ich bisher kaum was von der Stadt gesehen, aber ich hab noch unglaublich viel zu lernen.“, antwortete ich betrübt.
„Das kannst du später immer noch machen. Ich hab endlich mal einen halben Tag frei und du bist hier, da willst du lernen? Das versteh ich nicht, Nora.“, gab er leicht gereizt zurück. „Ich muss die nächste Woche zwei Referate halten, außerdem muss ich für Englisch noch einen Essay schreiben, der ist Montag fällig.“, versuchte ich ihm zu erklären.
„Warum hast du das denn nicht schon etwas früher gemacht?“, wollte er nun wissen. „Weil ich gestern einige Stunden Zug gefahren bin, da meine Deutschlektüre gelesen habe und vorher noch keine Zeit gefunden hab. Den Essay haben wir erst gestern aufbekommen und die Referate sind einfach umfangreich.“, erläuterte ich ihm verzweifelt.
„Das kann doch gar nicht sein, dass ihr da so viel für tun müsst.“, wollte Leon einlenken. „Ich mache im Frühjahr Abitur, da ist das normal, dass man viel zu tun hat.“, gab ich zu bedenken. „Und das ist dir wichtiger als einen Vormittag mit deinem Freund zu verbringen?“, hielt er mir nun vor.
„Nein!“, rief ich aus. „Sonst wär ich doch gar nicht hier. Natürlich will ich Zeit mit dir verbringen, aber ich muss auch sehen, dass ich den Schulstoff nicht vernachlässige.“
Leon schwieg. Ich biss mir auf die Zunge. Warum mussten wir uns schon wieder streiten?
„Wie wärs, wenn du dich während der Mittagsshow in meine Umkleide setzt und dort deinen Essay schreibst? Dann können wir jetzt was unternehmen.“, begann er einen erneuten Versuch. Ich biss mir abermals auf die Lippe. „Okay. Wo gehts hin?“, antwortete ich mit gespielter Fröhlichkeit. Ich wusste, dass ich es mir eigentlich nicht erlauben konnte den halben Tag in Berlin rumzulaufen, gerade weil ich am Abend noch die Show sehen wollte. Aber noch weniger Lust hatte ich mich mit Leon deshalb zu streiten, jetzt als es gerade wieder besser zwischen uns lief.

So zeigte mir Leon einige Sehenswürdigkeiten Berlins wie den Bundestag, das Stelenfeld und natürlich das Kaufhaus des Westens. Es war ein herrlicher Spätsommertag und die Sonne begleitete unseren Ausflug. Doch ich konnte mich nicht recht daran erfreuen, weil ich genau wusste, dass mir die Referate im Nacken saßen.
Auch beim Mittagessen hatte ich nicht sonderlich viel Appetit. „Schmeckt dir das Essen nicht?“, wollte Leon wissen. „Du stocherst schon seit zwei Minuten in deinen Nudeln herum ohne eine zu essen.“ – „Doch schon, aber irgendwie hab ich nicht so großen Hunger.“, antwortete ich.
„Wenn du lieber was anderen gegessen hättest, hättest du es nur sagen müssen, wir hätten auch irgendwo anders als im Theater essen können.“, wandte mein Freund ein. „Nein, das ist es nicht. Es ist nur…“, ich brach ab. „Es ist schon gut.“ – „Aber…“, wollte er einwenden, doch gerade kam ein anderes Castmitglied, das ihn grüßte und ihm die neusten Infos weitergab.
Als er sich wieder mir zuwandte, wechselte ich schnell das Thema: „Wie geht es mit deinen Proben für den Tod voran?“
Leon lachte: „Das hört sich ganz schön makaber an, wenn du das so sagst. Aber es läuft ganz gut. Es wird aber wohl noch einige Wochen dauern bis zur meiner Premiere.“
Das war das Stichwort, mir fiel Svenjas Einladung wieder ein. „Apropos Premiere. Svenja hat uns beide zur Premiere von Jekyll & Hyde nächsten Samstag eingeladen. Ich für meinen Teil habe zugesagt. Was ist mit dir?“, wollte ich von meinem Freund wissen.
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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon Ophelia » 27.09.2014, 15:46:14

Oh, ein neuer Teil :) Hm, ich weiß nicht, was ich nun von Leon denken soll. Er meint es gut mit Nora, aber er ist auch ziemlich rücksichtslos! Ich bin gespannt, ob er sie zur Premiere begleitet. Bitte bald weiter!
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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon Gaefa » 03.10.2014, 15:45:39

Danke für den Kommentar, Ophelia! Liest sonst keiner mehr mit? Hier gibts auf jeden Fall den nächsten Teil mit einer scheinbar schwerwiegenden Entscheidung:

Er verschluckte sich an seinem Wasser. „Nächsten Samstag?“, prustete er. Ich nickte.
„Ich fürchte ich bekomme keinen Urlaub. Ich müsste dann ja mindestens zwei oder sogar drei Shows frei bekommen und das wird nicht gehen.“, antwortete er.
„Svenja meinte, ich solle dir ausrichten, dass du deine alten Kollegen bei der Premiere unterstützen sollst.“, gab ich ihre Worte wider, obwohl alle Hoffnung, die ich mir gemacht hatte, mit einem Mal vergangen war.
„Tut mir leid, aber ich muss hier spielen.“, gab er zurück.
„Du kannst dir also nicht mal ein wenig Zeit für deine alten Freunde nehmen?“, wollte ich etwas gereizt von ihm wissen. „Zumindest nicht an einem Wochenende, da muss ich alle Shows spielen. Ich hab nun mal hier meinen neuen Job und den muss ich auch wahrnehmen.“, erklärte er.
„Aber ich muss mir neben dem Abi die Zeit nehmen den langen Weg nach Berlin zu reisen und mir wird dann noch vorgeworfen, dass ich mir doch Zeit für dich nehmen soll und nicht an meinen Aufgaben arbeiten soll. Aber du kannst dir nicht mal einen Tag freimachen, um andere zu besuchen.“, brach es aus mir heraus.
„Nora, es ist etwas anderes für die Schule zu lernen oder seinen Job zu machen. Das Lernen kann man auch mal verschieben, das läuft nicht weg, mein Job und die Shows schon.“, entgegnete er gereizt.
„Achja, ist das so? Du weißt ja nicht wie es ist Abitur zu machen. Wenn das Referat ansteht, muss man es fertig haben, denn sonst ist es gelaufen. Ich hab auch nicht alle Zeit der Welt dafür. Außerdem brauch ich das Abi. Ich weiß, man kann auch ohne Abitur Musicaldarsteller werden, aber meine Eltern würden mich dann nicht unterstützen und es kann nicht jeder das Glück haben direkt ein Stipendium zu bekommen.“, eräußerte ich mich.
„Nora, jetzt komm aber mal wieder runter. Und nicht hier vor den Leuten.“, murmelte er mir zu. „Wieso?“, fragte ich. „Wann sonst?“ Mein Gesicht glühte.
Leon nahm mich an der Hand und wir gingen schweigend in seine Umkleide.
„Was sollte das, Nora?“, fragte er gekränkt. „Du weißt genau, dass ich versuche so viel Zeit für dich zu haben wie es geht und dich auch zu verstehen…“ – „Ja, aber scheinbar hab ich immer zu wenig Zeit und du darfst Einladungen absagen und andere müssen das verstehen.“, ereiferte ich mich.
„Nagut.“, er holte tief Luft. „Ich werde mit dem Spielleiter sprechen und schauen was sich machen lässt.“ Ich nickte.
„Ich muss noch ein paar Sachen erledigen vor der Show. Du kannst hier deine Schulaufgaben machen.“, sagte er in einem strengen Tonfall.
Als er die Tür hinter sich schloss und ich allein in diesem unbekannten Raum blieb, liefen mit die Tränen in die Augen. Wir hatten uns in nichtmals 24 Stunden schon zweimal gestritten. Dabei war ich noch am morgen so glücklich gewesen. Wie sollte das nur weitergehen?
Allein in Leons Umkleide konnte ich mich während draußen die Show lief, kaum konzentrieren. Immer wieder schlugen Türen zu und Menschen liefen an der Tür vorbei. Ich brachte kaum etwas zu Papier und die wenigen Sätze kamen mir grausam geschrieben vor.

Wenigstens die Abendshow konnte ich ein wenig genießen. Allerdings saß ich relativ weit am Rand im mittleren Parkett und hatte keine sonderlich gute Sicht auf die rechte Ecke. Abgesehen davon war es ein gelungener Abend. Leon war ein ganzes Stück in seiner Rolle gewachsen und die alternierende Elisabeth, die an diesem Abend auf der Bühne stand, gefiel mir um einiges besser als die Erstbesetzung beim letzten Mal.
Am Abend in Leons Wohnung war die Stimmung wieder relativ angespannt. Die Streitigkeiten vom Tag lagen in der Luft und ich verzog mich schnell an den Esstisch, um noch ein wenig an meinem Essay zu schreiben. Diesmal sagte Leon allerdings nichts. Scheinbar wollte auch er keinen Streit riskieren.
Er setzte sich auf das Sofa und schaltete den Fernseher ein. Dass das meine Konzentration stark einschränkte, ließ ich unerwähnt, es hätte nur einen neuen Streit gegeben.
Seufzend ließ ich den Füller über das Papier fahren. Eigentlich war es schon viel zu spät für eine solche Aufgabe, aber was sollte ich machen.
Es war weit nach Mitternacht als Leon den Fernseher ausschaltete.
„Willst du noch lange schreiben?“, erkundigte er sich vorsichtig. „Naja, ich muss den Essay noch zu Ende schreiben.“, antwortete ich. „Hattest du dafür nicht den ganzen Tag Zeit?“, wollte er nun wissen.
Ich schluckte. „Schon, aber lange englische Aufsätze gehen nicht so einfach von der Hand. Ich bin bald fertig. Geh ruhig schon ins Bett.“, antwortete ich bemüht ruhig.
Ich musste wirklich nur noch ein paar Sätze schreiben und der Essay war vollendet. Danach blieb ich jedoch noch eine kleine Weile am Esstisch sitzen und ließ meine Gedanken kreisen.
Wenn wir Zeit für uns hatten, war alles wunderschön. Doch sobald die täglichen Pflichten, meine Aufgaben für die Schule oder sein Job hinzukamen, gab es Uneinigkeiten, Unverständnis und letztendlich Streit. Momentan schienen unsere Leben nicht gut kombinierbar zu sein. Aber es hatte doch in Essen geklappt, dachte ich traurig bei mir, warum dann nicht auch hier?
In Essen hatten wir mehr Zeit füreinander, wir konnten uns öfter sehen und meine Aufgaben konnte ich im Aufenthaltsraum in aller Ruhe erledigen. All das war anders.
Aber wie würde es werden, wenn ich wirklich eine Musicalausbildung machen würde und kaum noch einen Tag frei hätte? Oder wenn wir beide dann an verschiedenen Orten spielten und nur ein oder zwei freie Tage in der Woche hatten? Wie würde das gut gehen können?
Nachdenklich ging ich ins Bett und fragte mich, ob Leon wohl auch schon darüber nachgedacht hatte, was in Zukunft sein würde.

Am nächsten Morgen war noch immer recht trübe Stimmung, doch auch der Abschied drängte sich wieder auf. Da ich kaum etwas geschafft hatte, wollte ich schon früh wieder fahren. Obwohl Leon mittags spielfrei hatte, musste er zum Theater, Proben für den Tod. Also brachte er mich schon vor dem Mittagessen zum Bahnhof.
„Wie sieht es nun mit der Premiere von Jekyll aus?“, wollte ich noch von ihm wissen. Bisher hatte ich mich nicht getraut ihn wieder darauf anzusprechen.
„Ich hab nachgefragt, aber mehr als eine Show bekomme ich definitiv nicht frei. Da samstags aber Doppelshows sind, bedeutet das, dass ich nicht aus Berlin weg kann. Außerdem sind für nächstes Wochenende weitere Proben für die Cover angesetzt, bei denen ich nicht fehlen darf.“, erklärte er mir.
„Du kommst also nicht mit?“, fragte ich. Aus irgendeinem Grund sagte mir mein Gefühl, dass dies eine schwerwiegende Entscheidung war.
„Nein.“, sagte er bestimmt.
Ich war nicht enttäuscht, viel mehr bestätigte er mir meine Gedanken, dass unsere Leben sich weiter auseinander entwickeln sollten.
„Okay.“, antwortete ich und stieg in den Zug.
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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon Ophelia » 03.10.2014, 21:57:44

Hat Leon da grad das Todesurteil der Beziehung ausgesprochen? Andererseits kann ich verstehen, dass er nicht immer frei haben kann, wie's ihm oder Nora passt - das sollte sie bedenken. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass die beiden wenigstens eine Pause brauchen - um zu sehen, wie sehr sie einander brauchen oder eben nicht. Ansonsten gefällt mir dieser Teil total gut, weiter so! :)
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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon Gaefa » 10.10.2014, 10:57:56

Es ist wieder Freitag - also kommt der nächste Teil! Würde mich über ein paar mehr Kommentare freuen!

„Ich freu mich so, dass du gekommen bist, Nora. Ich bin so aufgeregt, ich halt das schon gar nicht mehr aus.“, sprudelte es aus Svenja heraus, als sie mich am Freitagabend vom Essener Bahnhof abholte.
„Ich freu mich auch hier zu sein.“, gab ich ihr zur Antwort, als sie gerade Luft holte. „Aber wenn du heute schon so aufgeregt bist, wie wird das erst Morgen kurz vor der Show sein?“, lachte ich.
„Du glaubst nicht wie sie schon die ganze Zeit ist aus dem Hauschen.“, kommentierte Adrian das Verhalten seiner Freundin. „Mit jede Preview wurde es schlimmer als besser, was ich dachte eigentlich.“ – „Es geht doch auch immer näher auf die Premiere zu!“, rechtfertigte sich Svenja vergeblich.
Wir mussten alle lachen. Ihr Verhalten war rational nun mal wirklich nicht zu verstehen. Obwohl sie schon einige Shows gespielt hatte, wurde sie nur noch aufgeregter, schon irgendwie paradox, dachte ich mir, bevor wir in Adrians Auto stiegen und zu ihrer Wohnung fuhren.
Svenja hatte offensichtlich ein wenig umdekoriert und frische Blumen standen auf dem Tisch.
„Du kannst deine Sachen wie immer ins Gästezimmer werfen.“, merkte Svenja an. „Was ist eigentlich in dem Karton da drin, den du mit dir rumschleppst?“ Neugierig beäugte sie den nicht gerade großen Transportbehälter. „Oh das, das ist ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk von meinen Eltern. Sie meinten, das könne ich jetzt besser gebrauchen als in zwei Wochen.“, grinste ich und öffnete langsam das Päckchen.
Zum Vorschein kam ein wunderschönes dunkelblaues Abendkleid mit Strasssteinen besetzt. „Oh, wie schön ist das denn!“, ließ Svenja sichtlich hingerissen verlauten. „Wirklich hubsch.“, merkte auch Adrian an. „Danke. Ich wollte mich nicht wieder an Svenjas Garderobe vergreifen müssen. So langsam wird es ja Zeit, dass ich selbst mal was zum Anziehen für solche Anlässe habe.“, erklärte ich mit einem Strahlen auf dem Gesicht.
Es war wirklich ein schönes Geschenk von meinen Eltern gewesen und ich hatte mich riesig darüber gefreut als ich mit meiner Mutter in der Boutique war und mein erstes Abendkleid aussuchen durfte.
„Na, dann müssen wir ja auch dafür sorgen, dass du es noch häufig anziehen kannst und dich zu jeglichen Premieren einladen.“, scherzte Svenja.
„Na hör mal, eigentlich möchte ich irgendwann selbst beteiligt sein und nicht nur als Gast geladen werden. Wobei es momentan echt noch anderes zu tun gibt.“, gab ich zu Bedenken.
Ich verbrachte einen gemütlichen Abend mit Svenja und Adrian bei einem guten Glas Wein. Ja – ich wurde langsam erwachsen, ging es mir an diesem Abend durch den Kopf.

Meine Befürchtungen was Svenjas Aufregung anging, bestätigten sich leider. Schon früh am Morgen wuselte sie durch die Wohnung und konnte kaum eine Minute stillsitzen. So aufgedreht hatte ich sie noch nie erlebt.
„Erde an Svenja!“, begann ich beim Mittagessen, als sie schon wieder wie von der Tarantel gestochen in die Höhe fuhr, um irgendetwas zu holen. „Du hast deine Rolle super gelernt, bei den Previews ist alles toll gelaufen und du bist nur im Ensemble. Kein Grund für übermäßige Aufregung.“
Adrian grinste mir zu. „Meinst du nicht, das hätte ich schon oft ihr gesagt?“, flüsterte der Däne.
„Na und? Du wirst doch im Publikum sitzen und mich sicherlich die ganze Zeit mit Argusaugen beobachten. Außerdem kommen meine beiden Schwestern. Was weiß ich, wann mich Mara das letzte Mal auf der Bühne stehen sehen hat. Ich glaub ich muss mich gesanglich schon bald hinter ihr verstecken.“, steigerte sie sich nur noch in ihre Aufregung hinein. Es war scheinbar wirklich sinnlos sie beruhigen zu wollen.
Zum Glück konnte ich sie am Nachmittag damit beschäftigen mir die Haare hochzustecken, was sie scheinbar ein wenig ablenkte.

Ziemlich rechtzeitig fuhren wir zum Theater, das schon mit dem Jekyll & Hyde Banner und einem roten Teppich versehen war. „Das sieht ziemlich seltsam aus. Mozart hängt da gar nicht mehr rum.“, bemerkte ich leicht melancholisch an. „Ja, aber man gewöhnt sich daran. Wir sehen das schon so viele Wochen, dass es fast schon normal ist.“, antwortete Svenja aufmunternd.
Vor dem Theater standen schon zwei Frauen, die Svenja freundlich zuwinkten. „Oh, meine Schwestern sind schon da!“, rief Svenja erfreut und lief auf die beiden zu. Als wir zu ihnen trafen, sagte sie: „Ich möchte euch Nora vorstellen. Ihr wisst schon, sie hat mich vertreten, als mein Fuß kaputt war.“ – „Schön, dich mal kennen zu lernen. Svenja hat immer nur in höchsten Tönen von dir gesprochen.“, begrüßte mich Mara.
Sie war ihrer großen Schwester wie aus dem Gesicht geschnitten, nur waren ihre Haare ein ganzes Stück länger und fielen ihr bis in den Rücken. „Kommt, wir zeigen euch ein wenig den Backstagebereich. Aber aufgepasst, am Tag der Premiere ist es dort sehr hektisch.“, erklärte Svenja.
Und sie hatte nicht zu viel versprochen. Es ging wirklich drunter und drüber hinter den Kulissen. Alle waren aufgeregt, suchten noch letzte Sachen zusammen und ließen sich noch ein letztes Mal den Text abfragen.
Dennoch freute ich mich sehr wieder in meinem geliebten Colo zu sein.

Eineinhalb Stunden vor Beginn der Show wurden wir drei rausgeschmissen und machten uns auf den Weg ins Foyer. Es war sehr viel angenehmer dort nicht allein herumzustehen, sondern sich nett unterhalten zu können.
Svenjas Schwestern waren sehr sympathisch und es war interessant ein paar Kindheitsgeschichten erzählt zu bekommen. Ein Glück, dass Svenja nicht dabei war, ich glaub sie hätte das weniger lustig gefunden. Aber so verging die Zeit bis zur Vorstellung wie im Flug und schon hieß es: Vorhang auf für Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Die Show war klasse. Rolf war in die anspruchsvolle Doppelrolle super hineingewachsen und stimmlich einfach umwerfend. Tonia gab eine wunderbare Lisa ab, auch wenn ich nicht der größte Fan dieser Rolle werden würde. Die Rolle der Lucy hingegen fand ich sehr viel spannender. Sie wurde von einer Engländerin namens Patricia verkörpert und man nahm ihr die Rolle wirklich ab. Stimmlich fehlte mir aus unerfindlichen Gründen das gewisse etwas.
Adrian machte eine gute Figur und Svenjas Aufregung war eindeutig unbegründet, da sie klasse war. Mir fiel sie in jeder ihrer Szenen positiv auf und ich war schon gespannt sie mal in einer ihrer Coverrollen zu sehen.
Die Show ging viel zu schnell vorbei. Beim Schlussapplaus tobte das Premierenpublikum und honorierte die großartige Show mit minutenlangen Standingovations. Dann hieß es auch schon: Auf zur Premierenparty! Ich freute mich darauf Svenja, Adrian und all den anderen, von denen ich ja viele seit Mozart! kannte, zu ihrer gelungenen Premiere zu gratulieren.
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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon Ophelia » 11.10.2014, 13:07:27

Tolle Premiere! Kommt Leon vielleicht doch noch überraschenderweise zur Party..? Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Teil! :)
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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon armandine » 14.10.2014, 17:13:43

Auch hier Entschuldigung, ich war ein paar Wochen nicht online. Die neuen Teile gefallen mir hier auch, allerdings sehe ich doch einige Beziehungsprobleme. Beide scheinen im Moment nicht genügend Verständnis füreinander aufzubringen. Aber manchmal entwickelt man sich eben auseinander, vielleicht ergibt sich ja für Nora auch bald wieder eine andere Situation. Weiter so!

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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon Gaefa » 17.10.2014, 15:12:44

Danke für eure Kommentare, schön, dass du noch mitliest, armandine :)

„Ihr wart großartig!“ – „Tolle Show.“ – „Warum hast du dich eigentlich so verrückt gemacht, du warst super!“ Wir redeten alle drei gleichzeitig auf Svenja ein, als wir sie auf der Premierenfeier in die Arme schlossen.
„Danke. Ihr seid so lieb!“, brachte sie hervor und ich sah wie ihre Augen vor Rührung glitzerten.
Nachdem Svenja mir jeden noch so kleinen Fehler, den sie glaubte gemacht zu haben, berichtet hatte, beruhigte ich sie, dass man nichts von alledem gemerkt hatte.
Danach machte ich mich auf den Weg durch die Menge, um den anderen Casties zur gelungenen Premiere zu gratulieren. „Mensch, Nora. Du siehst ja schick aus.“, gab Tonia zurück, als ich mich zu ihr durchgeschlagen hatte. „Danke.“, rief ich ihr zu, bevor sie sich ein neues Glas Sekt nahm und in ein anderes Gespräch verwickelt wurde.
„Hallo Rolf.“, begrüßte ich den Hauptdarsteller. „Oder soll ich lieber sagen Mr. Hyde?“ Er musste lachen. „Schön dich zu sehen. Wie geht es dir?“, gab er mit einem charmanten Lächeln zurück. Rolf war der Star des Abends und doch nahm er das alles ganz locker. „Mir geht es gut, danke. Wie soll es denn auch anders sein, wenn ich eine so großartige Premiere sehen durfte.“, versteckte ich das Lob in meiner Antwort.
„Ich würde dir ja gern meine Frau und meine Tochter vorstellen, aber Noelle war sehr müde, weshalb sie gleich nach der Show gefahren sind.“, berichtete er.
„Oh, deine Tochter hat die Show auch gesehen?“, wollte ich von ihm wissen.
„Ja, sie wollte unbedingt. Ich hab ihr vorher auch genau erklärt, dass wir auch wirklich keinem weh tun und alles nur gespielt ist. Sie war zu Hause auch schon Lady Beaconsfield und hat erlebt wie Mr. Hyde sie umbringt. Sonst würde ich auch nicht gerade sagen, dass Jekyll das richtige Stück für eine Zehnjährige ist. Aber sie war gut vorbereitet.“, erklärte er mir. „Dann ist sie ja eine richtige Insiderin.“, gab ich zurück. Für Kinder war dieses Musical nun wirklich nicht geeignet.
„Ah, Nora. Hier steckst du.“, unterbrach uns eine bekannte Stimme direkt hinter mir. Ich drehte mich herum und stand Bob, dem musikalischen Leiter gegenüber. „Hallo Bob. The show was great.“, lobte ich ihn mit einem Zwinkern.
„Ich möchte dir gern jemanden vorstellen. Das ist Johannes Richter, er ist Dozent an der Folgwang Universität der Künste. Du kennst vielleicht die Folgwang Musikschule, die ist direkt hier hinterm Theater. Die Uni ist in Emden.“, stellte mir Bob einen schmalen Herrn mittleren Alters mit gelockten blonden Haaren, die ihm bis auf die Schultern fielen, vor.
„Guten Tag, Herr Richter.“, begrüßte ich ihn. „Ach, bitte nenn mich Joe.“, erwiderte er und streckte mir die Hand entgegen, die ich ergriff.
„Ich habe gehört, dass du in der letzten Produktion in einer der Hauptrollen auf der Bühne gestanden hast, ohne eine richtige Ausbildung oder Vorbereitung.“, begann er.
Was wollte er mir damit bloß sagen? Dass das nicht mit dem Leitbild seiner Universität übereinstimmte? Dass ich damit weit fähigeren Kandidatinnen einen Platz streitig gemacht habe? Bevor ich noch weiter überlegen konnte, fuhr er fort:
„Ich find das eine beachtbare Leistung und habe großen Respekt davor. Mich würde sehr interessieren wie es dir dabei ergangen ist. Du musst wissen, dass ich Workshops für Studieninteressierte veranstalte. Ich komme also häufig in Kontakt mit jungen Leuten, die den Wunsch haben Musicaldarsteller zu werden. Allerdings nur die wenigsten von ihnen schaffen das auch. Ich könnte mir vorstellen, dass sie deine Erfahrungen auch interessieren würden.“
Ich kam nicht ganz mit. Er schlug eine vollkommen andere Richtung ein, als ich gedacht hatte.
„Direkt am nächsten Wochenende findet wieder ein solcher Workshop statt und ich würde mich sehr freuen, wenn du dabei sein könntest. Du müsstest natürlich nichts bezahlen, kannst aber alles mitmachen. Es wir Stimmtraining geben, Tanzeinheiten, Schauspiel, einfach mal alles ausprobieren und auch sich selbst etwas ausprobieren mit anderen gleichgesinnten, die auch diesen Beruf anstreben. Natürlich hast du schon weit mehr Erfahrung als alle anderen. Deshalb würde ich dich auch bitten ein wenig von deiner Zeit bei Mozart! zu berichten. Von Schwierigkeiten, schönen Erlebnissen und allem, was dieser Beruf so mit sich bringt. Es ist sicherlich informativer und authentischer von dir zu hören als von mir, der ich ja schon viel älter bin und sowieso nur mit klugen Ratschlägen um mich werfe.“, endete er seinen Wortschwall und grinste mir zu.
Langsam begriff ich warum Bob ihn mir vorgestellt hat. „Wow, ich bin leicht sprachlos.“, gab ich zu.
Meine Gedanken kreisten. Ich sollte Ratschläge verteilen? Von meinen Erfahrungen auf der Bühne berichten? War ich wirklich schon so viel weiter als alle anderen?
„Du muss natürlich nicht, wenn du nicht möchtest.“, begann Joe erneut.
„Ich fühle mich sehr geehrt und würde die Einladung gerne annehmen.“, brachte nun endlich hervor.
Auf Bobs Gesicht bemerkte ich einen Ausdruck der so etwas wie „Hab ichs dir nicht gesagt, dass sie zustimmen wird?“, signalisierte. Ich musste nun auch grinsen.
Joe und ich verzogen uns in eine Ecke. Er berichtete von den Konzepten seines Workshops und wie er sich den Ablauf vorstellte. Ich hörte ihm begeistert zu. Solch ein Workshop war der erste Schritt in Richtung Ausbildung, ja sogar Studium zum Musicaldarsteller, wie er mir berichtete.
Ich weiß nicht wie lange wir dort saßen, letztendlich verabschiedete er sich mit den Worten „Dann sehen wir uns nächsten Samstag um 9 Uhr in der Uni.“ und ließ mich verwirrt zurück.
„Hier steckst du!“ Das war Svenja. „Wir haben dich bestimmt seit zwei Stunden aus den Augen verloren. Was ist los?“ Die Frage bezog sich eindeutig auf meinen verwirrten Gesichtsausdruck. Ich deutete mit der Hand in die Richtung, in die Joe verschwunden war.
„Bob hat mir Joe, ich meine Johannes Richter vorgestellt. Er ist Dozent an der Folgwang und hat mich zu seinem Workshop nächste Woche eingeladen, um von meinen Erfahrungen bei Mozart! zu berichten.“, fasste ich in aller Kürze zusammen, was geschehen war.
„Das ist toll.“, sagte Adrian, der hinter seiner Freundin stand. „Klasse Nora. Vitamin B hilft immer.“, freute sich auch Svenja.

Die Aftershowparty dauerte bis in den frühen Morgen hinein. Dass sie am nächsten Tag wieder eine Show hatten, schien dabei keine Rolle zu spielen. „Wozu gibt es denn Maskenbildner? Die können das alles überschminken.“, scherzte Tonia und genoss die Feier in vollen Zügen.
Es war schon beinahe der nächste Morgen als Svenja, Adrian und ich, Svenjas Schwestern hatten sich schon eine Stunde zuvor verabschiedet, in die kleine Wohnung der beiden zurückkehrten. Langsam wurde es auch Zeit sich aus der Abendgarderobe zu schälen.
Nach einem kurzen „Gute Nacht“ zog ich mich in das kleine behagliche Gästezimmer zurück und ließ mich aufs Bett fallen. Ich würde am nächsten Wochenende wieder in Essen sein und an einem richtigen Musicalworkshop teilnehmen, ja mehr noch, ich war der Special Guest.
Mit freudigem Gefühl glitt ich in den Schlaf und dachte zu dem Zeitpunkt nicht daran, wie Leon auf diesen Plan für das nächste Wochenende reagieren würde.
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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon armandine » 18.10.2014, 10:52:29

Tja, da entwickeln sich die zwei tatsächlich auseinander, scheint mir. Aber für Nora ist das sicher der richtige Weg, wenn sie in den Beruf weiter hineinkommen will.

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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon Ophelia » 19.10.2014, 14:23:13

Ich sehe da wieder Streit vorprogrammiert - ich glaube, es ist Zeit für das Ende der Beziehung, wenn Nora selbst kaum oder gar nicht mehr an Leon denkt. Aber toll für sie, dass sie an dem Workshop teilnehmen darf! Bin schon gespannt auf ihren Einsatz!
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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon Dori » 22.10.2014, 16:49:49

Eine schöne Premiere und auch schön, dass es sie nun öfter wieder nach Essen zieht!

Ich kann mir denken, wie Leon auf die Pläne reagieren wird, aber das kann ihr echt egal sein. Es ist nur traurig, wenn die Beziehung so in die Brüche geht. Vor einiger Zeit waren sich beide ihrer Gefühle noch so sicher und dann muss man nun ein bisschen daran arbeiten...ich hoffe zumindest noch, dass sie das tun werden. ;)

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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon Gaefa » 24.10.2014, 10:10:33

Toll, dass du auch noch mitliest, Dori! Danke euch dreien für die Kommentare, hier kommt der nächste Teil!

Am Mittag desselben Tages fuhr ich mit dem Zug wieder nach Hause. Ich hätte gern noch die Nachmittagsshow gesehen, die verständlicherweise allerdings ausverkauft war.
So meinte Svenja hätte ich wenigstens einen Grund wieder einmal vorbei zu schauen. Als ob ich den das nächste Wochenende nicht sowieso gehabt hätte. Natürlich hatten die beiden mir zugesagt, dass ich bei ihnen eine Unterkunft bekam.
Auf der Rückfahrt zog ich die neuste Deutschlektüre aus meiner Tasche, Fontanes Irrungen und Wirrungen. Na herrlich, eigentlich wollte ich viel lieber in Gedanken schwelgen, aber vielleicht irrte ich mich ja, wenn ich das Buch von vorn herein verurteilte.
Nicht viele Stationen von zu Hause entfernt klingelte plötzlich mein Handy. Es war Leon. Freudig nahm ich ab. „Hey mein Schatz. Wie ist dein Wochenende?“, begrüßte ich ihn gut gelaunt. „Hey, soweit ganz gut. Nur ziemlich anstrengend mit den ganzen Shows und Proben.“, beklagte er sich wie schon seit Wochen. Ich seufzte. „Das hast du auch bald alles hinter dir.“, versuchte ich ihn aufzumuntern. Nicht so, dass ich das schon öfter gesagt hätte, aber so verliefen unsere Gespräche meist streitfrei ab und ich fühlte mich gut, wenn ich ihn etwas aufbauen konnte. Ich schaute auf die Uhr. Er rief wohl gerade in der Pause der Show an.
„Wie laufen denn die Proben für den Tod? Machst du Fortschritte darin Elisabeth um den Finger zu wickeln?“, zog ich ihn auf. Leon musste Lachen und ich grinste zufrieden. „Ja, es läuft immer besser. Dummerweise will die Kaiserin genauso wenig von mir wissen, wenn ich Rudolf spiele wie wenn ich den Tod spiele. Aus unerfindlichen Gründen werde ich immer abgewiesen.“, feixte er. So gefiel mir das schon besser.
„Ich weiß nicht so recht, was ich noch mit ihr tun soll, das viele Üben hilft auch nicht weiter.“ – „Na dann bin ich ja beruhigt, dass ihr Elisabeth nicht neu erfindet.“, antwortete ich scherzhaft. „Ich hatte mir gedacht, dass ich dir vielleicht mal ein paar Facetten des Todes vorführe, wenn du nächste Woche kommst. Langsam geht es auf die Endproben zu. Ein Termin für meine Premiere steht zwar noch nicht fest, aber allzu lange wird es nicht mehr dauern.“, berichtete er.
Mir stockte der Atem. Nächstes Wochenende? Oh man, dass ich nach Berlin wollte, hatte ich total vergessen als Joe mich wegen des Workshops fragte.
„Außerdem hab ich vielleicht bei dir mehr Chancen als bei Elisabeth.“, fügte mein Freund lachend hinzu.
Mir lief es kalt den Rücken runter. Wie sollte ich ihm davon erzählen ohne einen riesigen Streit loszutreten? Meine Gedanken schwirrten durcheinander und mein Kopf arbeitete auf Hochtouren, eigentlich hätte man das schon hören müssen.
„Nora? Bist du noch da?“, wollte Leon wissen. „Äh, ja. Natürlich.“, stammelte ich. „Der Empfang hier drin ist nur etwas schlecht.“ Das war wohl gerade die beste Ausrede die mir einfiel. „Wo bist du denn?“, fragte er mich nun. „Im Zug, auf dem Weg nach Hause.“, antwortete ich wahrheitsgemäß und bekam langsam meine Fassung zurück.
„Wo warst du denn?“, stellte mein Freund die nächste Frage, die meinen Atem jedoch wieder stocken ließ. Hatte er das etwa vergessen? Tief durchatmen. „Ich war in Essen bei der Jekyll Premiere.“, antwortete ich betont ruhig und nebensächlich. „Ach so. War es gut?“, wollte er in demselben Tonfall wissen.
„Ja, die Show war echt klasse. Und auf der Aftershowparty hat Bob mir einen Dozenten von der Folkwang vorgestellt.“, begann ich langsam zu erzählen. „So? Willst du nach dem Abi dorthin?“, fragte er argwöhnisch. „Ähm, ich weiß noch nicht. Aber Joe, also der Dozent, hat mich zu einem Workshop eingeladen. Er hält solche Wochenendveranstaltungen für Studieninteressierte und hat mich gefragt, ob ich ein wenig von meiner Zeit bei Mozart! berichte.“, erklärte ich weiter.
„Okay. Das hört sich ja gut an.“, kommentierte Leon. „Ja, schon.“, sagte ich langsam, wobei mein Herz unangenehm im Hals schlug. „Es ist nur so, dass der Workshop schon in der nächsten Woche stattfindet.“ Nun war es raus. Eine kurze Stille trat ein.
„Das ist ja schade. Wäre sicherlich eine schöne Erfahrung gewesen.“, hörte ich ihn sagen. Dachte er ich hätte abgesagt? Es verschlug mir die Sprache. Scheinbar wollte er sich auch versichern, denn er fügte hinzu: „Du musstest ja leider absagen. Aber dafür bekommst du ja dann eine Extravorführung vom Tod.“
Glaubte er mich dabei bei Laune halten zu können? In mir brodelte es. „Nein.“, stieß ich hervor. „Ich habe zugesagt.“ – „Wie bitte?“ – „Solch ein Angebot bekommt man nicht jeden Tag, das konnte ich unmöglich abschlagen. Das ist eine riesige Chance.“, rechtfertigte ich meine Entscheidung.
„Du hattest versprochen zu kommen.“, hielt er dagegen. „Siehst du nicht, dass der Workshop eine einmalige Möglichkeit ist einen Schritt in Richtung Ausbildung zu gehen?“, rief ich enttäuscht über sein Unverständnis ins Telefon. Dass mich die in der Nähe sitzenden Fahrgäste schon anschauten, war mir in diesem Moment egal.
„Und das ist dir wichtiger als Zeit mit deinem Freund zu verbringen.“ – „Nein, aber es ist nun mal an diesem Termin und nicht wann anders. Das kann ich nicht ändern. Du bist auch die Woche danach noch in Berlin. Der Workshop findet dann nicht statt.“ – „Aber der kann auch ohne dich stattfinden.“, hielt Leon dagegen. „Du kannst das Wochenende auch ohne mich überleben.“, gab ich wütend zurück.
„So ist das also. Ich bin dir nicht mehr gut genug, wenn du was anderes zu tun hast. Denk daran, dass du ohne mich diese Möglichkeiten niemals hättest, Nora.“ – „Wer war es denn, der zuerst keine Zeit hatte und mich wochenlang nicht sehen konnte, weil er proben musste?“, hielt ich ihm vor.
„Das ist was anderes.“ – „Ja, weil es um dich geht. Du darfst absagen, ich nicht.“, ereiferte ich mich. „Nora, du gehst da völlig freiwillig hin, das ist keine Verpflichtung, ich hingegen muss hier meinen Job machen. Aber du scheinst das nicht zu verstehen. Ich bin gebunden.“, begann er wieder die alte Leier.
„Und ich muss springen, wie es dir passt. Nein, dieses Mal nicht. Ich muss jetzt aussteigen. Und ich werde den Workshop nicht absagen.“
Mit diesen Worten drückte ich energisch den Anruf weg und stieg wuterfüllt aus dem Zug.
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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon Ophelia » 24.10.2014, 14:43:33

Oh mann! Mir lief es beim Lesen auch heiß und kalt den Rücken runter, als mir klar wurde, dass Nora Leons Einladung vergessen hat! Diesmal kann ich allerdings auch Leon verstehen - ich wäre auch enttäuscht, wenn der Partner meine Premiere vergessen würde. Ich hoffe, die beiden sprechen sich mal anständig aus, sonst wird das nichts mit der Beziehung.
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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon Gaefa » 24.10.2014, 15:14:42

Ähm... du mujsst mir auf die Sprünge helfen - welche Einladung von Leon hat Nora vergessen?? Nora bezog sich eigentlich darauf, dass Leon die J&H Premiere, bei der sie war, vergessen hat und deshalb fragte, wo sie war. Nora war ja bei der Elisabeth Premiere und die Cover-Premiere von Leon als Tod steht noch aus. Nora hat "lediglich" das Wochenende, das sie bei Leon verbringen wollte (sie hatten ja geplant, dass sie jedes zweite Wochenende nach Berlin fährt), anders verplant. Ist das so nicht ganz deutlich geworden??
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Re: Musical - Ein Teil meines Lebens

Beitragvon Gaefa » 01.11.2014, 11:20:43

Es geht weiter mit Teil 70. Viel Spaß!

Verdammt, auch das noch.
Es regnete wie aus Eimern und ich musste den ganzen Weg nach Hause laufen. Meine Eltern waren bei meiner Schwester und ihrem neuen Freund zum Abendessen eingeladen und konnten mich somit nicht abholen. Aber wer dachte schon an Regen nach einem so schönen Wochenende.
Ich seufzte und zog meine dünne Jacke enger an mich. Ich zog meinen vollen Koffer hinter mir her und hatte den Karton mit dem Kleid unter den anderen Arm geklemmt. Wenn ich mich nicht beeilte, würde mein schönes neues Kleid komplett durchnässt sein.
Ich begann schneller zu gehen bis ich schließlich anfing zu laufen. Es tat gut, einfach weglaufen, dem Streit entfliehen. Mein Koffer begann zu schlingern und zwang mich dazu stehenzubleiben. Blödes Ding, dachte ich mir und stellte ihn wieder auf seine Rollen. Schnell weiter.
Der Weg nach Hause kam mir nun wie eine Ewigkeit vor, obwohl es nur ein paar Straßen waren. Wenigstens musste ich mich so fest darauf konzentrieren durch den Regen vorwärts zu kommen, dass ich für einen Moment das vergangene Gespräch verdrängen konnte.
Außer Atem, nass bis auf die Haut und zitternd kam ich vor dem Haus meiner Eltern an und stocherte mit unsicherer Hand im Schlüsselloch rum. Warum wollte denn der dumme Schlüssel nicht ins Schloss? Mist, runtergefallen. Jetzt ging aber auch alles schief. Einige Sekunden später betrat ich das Haus, rollte meinen Koffer in die Ecke und legte das feuchte Päckchen auf den Schuhschrank.
Bäh, alles nass. Ich zog meine Jacke aus und wollte sie an den Haken hängen. Angesichts der Wassermassen, die sie aber zu beinhalten schien, entschloss ich mich sie mit ins Badezimmer zu nehmen und dort zu lagern. Wie bekämpft man Wasser am besten? Genau, mit Wasser.
Schnell zog ich mir die klebenden Klamotten vom Körper und sprang unter die Dusche. Das heiße Wasser strömte über meinen Körper und ich fühlte wie das Leben in meine Finger zurückkehrte. So eine Dusche tat doch gut. Einfach unter der Brause stehen und nachdenken. Ja, das war der richtige Ort dafür.
Was dachte der sich? Mir vorschreiben wollen, wann ich wo zu sein habe und wie ich mich zu entscheiden habe? Nein, das kann nicht sein. So will ich keine Beziehung führen. Ich muss auch mein eigenes Leben leben dürfen. Er darf das ja schließlich auch. Und sein ach so wichtiger Job steht für ihn weit über meinen Bedürfnissen, Wünschen und Plänen. Natürlich hatte er recht. Ohne Leon wär ich niemals gefragt worden, ich hätte nicht Constanze gespielt, aber wieso steht er mir denn jetzt im Weg? Noch letztes Jahr hat er mich doch ermutigt meinen Weg zu gehen und dafür zu kämpfen. Warum stellte er sich mir jetzt in den Weg? War es wirklich nur, weil ich nicht zu ihm kommen konnte? Natürlich vermisste ich ihn. Aber ich wollte mich nicht abhängig machen, weder von meinen Eltern noch von ihm. Ich wollte selbstständig sein, nur bevorzugt, weil mein Freund Musicaldarsteller ist. Mich nicht an ihn hängen und ihn immer um Hilfe bitten. Doch genau das war er gewohnt. In Essen war ich immer bei ihm, mich gab es als Darstellerin nur wegen ihm. Das musste sich ändern. Dieser Workshop war ein wichtiger Schritt in diese Richtung, das wusste ich genau. Und Leon hatte das zu akzeptieren, ob er nun wollte oder nicht.
Trotzig stellte ich das Wasser aus. Als ich die Tür der Dusche aufstieß, entfaltete sich der Dampf im ganzen Badezimmer. Ich trocknete mich ab und hüllte mich in meinen flauschigen Bademantel. Jetzt ging es mir schon etwas besser. Schnell noch die Sachen aufgehangen und dann ab in die Küche. Jetzt noch ein warmer Kakao und die Welt sieht gleich viel besser aus. Das half auch für einen Moment, aber lange hielt dieser Zustand der Erleichterung nicht an. Wenigstens meinen Eltern konnte ich noch vorspielen, dass es mir soweit gut geht. Ich wollte das Thema nicht aufrollen. Vom Workshop erzählte ich ihnen trotzdem und sie freuten sich für mich.
„Dann fährst du gar nicht nach Berlin nächstes Wochenende?“, kam meine Mutter dann doch auf das heikle Thema zu sprechen. Ich schluckte. „Nein. Da der Wokshop am Samstag früh anfängt, klappt das nicht. Aber das ist eine einzigartige Chance, die ich mir nicht entgehen lassen kann.“, wiederholte ich mehr um mich zu überzeugen als die beiden. „Das wird Leon sicherlich auch versehen.“, fügte meine Mutter mitfühlend hinzu. Ich nickte.

Ich ging früh hinauf auf mein Zimmer. Dort überwältigten mich meine Gefühle.
Warum mussten wir wieder streiten? Warum konnte er sich nicht wirklich für mich freuen? Ich schluchzte. Warum war diese Welt so ungerecht. Liebe ist kompliziert, schoss es mir durch den Kopf. Auf der einen Seite will man den anderen immer sehen und um sich haben, aber man will doch auch nur das Beste für den Partner. Oder? In diesem Fall war eindeutig der Workshop das Beste für mich. Aber ein Teil von mir konnte Leon auch verstehen. Wir würden uns wieder nicht sehen können. Das tat im Herzen weh.
Ich musste mit irgendjemandem reden, jemandem, der mich verstand. Svenja! Sie war die einzige, der ich mich vollkommen anvertrauen konnte. Ich beschloss sie kurz vor Mitternacht anzurufen. Dann war die Show vorbei und wie ich sie kannte, war sie sicherlich noch wach. Zum Glück hatte ich recht.
„Hey Süße, du hörst dich aber gar nicht gut an.“, begrüßte sie mich mitfühlend. „Was ist passiert? Erzähl schon.“
Es tat so gut ihre Stimme zu hören. Ich erzählte ihr jede Einzelheit von dem Gespräch mit Leon. Von dem Angebot, dass er mir was von seiner neuen Rolle vorspielt, wie wir es damals in Essen bei den Mozart Proben so oft getan hatten, über sein Vergessen der Jekyll Premiere bis hin zu unserem riesigen Streit über den Workshop. Es tat verdammt gut das alles loszuwerden. So gern Svenja selbst redete und es immer aus ihr heraussprudelte, so gut konnte sie auch zuhören, wenn es drauf ankam.
„Mensch Süße, das ist ja doof. Manchmal würd ich Leon gern mal den Kopf waschen. Mach dir nicht zu viele Gedanken, du machst das Richtige.“, versuchte sie mich aufzumuntern. Einen Moment war Ruhe. „Ich hab eine Idee. Du hast doch bald Herbstferien. Wie wäre es, wenn du ihm vorschlägst, dass ihr mal ein paar Tage wegfahrt, nur ihr beide? Eine Show bekommt er bestimmt frei, dann habt ihr wenigstens zwei bis drei Tage für euch. Das entschädigt vielleicht für das versäumte Wochenende, an dem ihr euch eh kaum gesehen hättet.“
Svenja hatte immer tolle Ideen. Ich versprach ihr Leon diesen Vorschlag zu unterbreiten und fühlte mich nach dem langen Gespräch deutlich besser. Ich war so froh Svenja als Freundin zu haben.
Erschöpft und etwas erleichtert ließ ich mich in die Kissen sinken und schlief kurz darauf ein.
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