Mich trägt mein Traum

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armandine
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon armandine » 14.07.2016, 21:21:48

Was für ein schöner Teil! Die Stimmung hast du toll eingefangen!

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Ophelia
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Ophelia » 20.07.2016, 20:04:02

Schön dass es euch gefällt :) Nächster Teil:

Probenbeginn. Ich stellte mich vor den Spiegel und atmete tief ein, und beim Ausatmen verzog sich mein Mund zu einem Lächeln. Ich war aufgeregt, aber nicht ängstlich. Ich wollte proben, ich wollte nirgendwo anders sein als in einem Theater.
„Ist das nicht schön?“, fragte ich Liam, als wir in der Küche saßen, „wir stehen gemeinsam auf, frühstücken zusammen, gehen zur Arbeit und kommen abends heim…“
„Nachts meinst du wohl eher“, sagte er mit einem Blick auf meinen Probenplan, den Harold scherzhaft an den Kühlschrank geklebt hatte. Ich folgte seinem Blick. „Na ja, aber sonntags habe ich frei und samstags nur den halben Tag.“
„Halber Tag steht da nur, um den Schauspielern ihr Zeitgefühl zu rauben“, brummte er. „Weißt du noch, wie wir auf der Schule mal Unterrichtende um 13 Uhr hatten und uns total freuten? Als wir rauskamen, war es fünf. Fünf!
„Beim Proben vergeht die Zeit ja auch wie im Flug!“, rechtfertigte ich den Plan und die Vergangenheit. „Sieh lieber zu, dass deine Schüler ordentliche Techniken lernen!“
Liam, Harold und ich verließen gemeinsam das Haus; Ilene widmete sich montags und dienstags ihrem Roman. Harold setzte auf dem Weg erst Liam, dann mich ab, wodurch ich ziemlich früh da war. Die Probenräume befanden sich fürs Erste in einem kleinen Theater. Heute war eine gemeinsame Einstiegsprobe – ein erstes Kennenlernen. Ab morgen aber waren unsere Probenzeiten klar durchstrukturiert: Tanz, Gesang, Szene, alles war in feste Zeiten gegliedert. So hatte ich donnerstags zwei Mal zwei Stunden Pause, die aber so ungünstig gelegt waren, dass es sich kaum lohnen würde nach Hause zu fahren, mittwochs würde ich aber kaum zum Verschnaufen kommen: Der Tag begann um neun mit Gesang Einzel, dann ging es weiter mit Choreographie und Szene, später sofort Duettprobe und anschließend wieder Szene – welche, das war nicht immer klar. Und ab nächster Woche, wurde mir erschreckend klar, würden auch schon die Kostümfittings anstehen! Bei der Erinnerung an das ständige An- und Ausziehen der Elisabeth-Garderobe wurde mir heiß und kalt.
Heute aber stiegen wir mit einem langen Regievortrag ein und ersten Tanzproben, Formalien wurden immer wieder zwischendurch geklärt sowie ständig Fotos gemacht, um die Probeneindrücke einzufangen. Meine erste Gesangsprobe fand mit dem kleinen Matt statt, der Gustave spielen sollte und auf meine naive Frage, ob er aufgeregt sei, ganz locker antwortete: „Ehrlich gesagt ist alles etwas langweilig, bei Billy Elliot haben wir mehr gemacht, und bei Les Mis auch.“ Ups, ich hatte es wohl mit einem Profi zu tun! Dadurch gestalteten sich die Proben aber auch sehr angenehm, denn er war wirklich talentiert und konnte umsetzen, was man ihm sagte.
Der Tag floss etwas träge dahin, ich hatte nur lose Kontakt zu dem Ensemble, aber das sollte sich schon am nächsten Tag ändern: nachdem ich in meine Probensachen geschlüpft war, ging es sofort los mit Christine Disembarks, und die anschließende Duettprobe mit Adam Crivello machte großen Spaß. Adam war ein recht ernster, etwas verschlossener Charakter, aber als er merkte, dass er mich mit seiner Stimmgewalt etwas unterdrückte, passte er sich mir an, bis ich den richtigen Ausdruck gefunden hatte und mit ihm agieren konnte. Natürlich widmeten wir Beneath a moonless sky viel Zeit und Ausdauer, und neben dem bloßen Proben besprachen wir auch ausführlich mit dem Coach und den Regisseuren, worauf der Song hinauslief, was unsere Geschichte war, wie wir die Rollen agieren lassen wollten… Adam sprach nicht oft mit mir, ich konnte ihn erst nicht einschätzen und hatte manchmal ein etwas mulmiges Gefühl, andererseits war ich auch genervt und ratlos. Umso erstaunter war ich, als er sich in einer kurzen Pause an mich wandte: „Du hast eine großartige Stimme“, sagte er.
„Oh“, machte ich und wusste vor Überraschung erst nicht, was ich sagen sollte außer „Danke“. Dann kamen mir langsam Worte in den Sinn. „Na ja, an deine Lautstärke komme ich allerdings noch nicht ran… Vielleicht solltest du kein Mikrofon tragen?“, versuchte ich einen schwachen Witz, aber er wirkte. „Wahrscheinlich bin ich immer noch im Valjean-Modus, da konnte ich wirklich über mich hinauswachsen. Und ich hatte eine tolle Gesangstrainerin, Amy Schuber, falls sie dir was sagt“ (allerdings!), „sie hat ungeahnte Kräfte in mir freigesetzt.“
„Dann solltest du dir das besser nicht abgewöhnen…“
„Ich will dich nicht übertönen. – Übrigens, Elisabeth war klasse!“, wechselte er abrupt das Thema.
„Du hast es gesehen?“, fragte ich ungläubig – das hätte mir doch jemand erzählt, wenn er im Publikum gesessen hätte?
„Nicht live, aber ich habe eine Aufnahme zugeschickt bekommen. Jetzt bereue ich, dass ich nicht da sein konnte.“
„Wenn ich noch mal Elisabeth spiele, reserviere ich dir eine Karte“, scherzte ich, und endlich war das Eis zwischen uns gebrochen: in Plauderlaune fiel es uns schwer, wieder zurück zur ernsten Probe zu kommen.

Nach der ersten Probewoche war ich völlig platt. Liam holte mich Samstagnachmittag nach den Proben ab und schlenderte mit mir durch die Stadt, aber ich war zu müde, um mich für die Sehenswürdigkeiten richtig erwärmen zu können, also traten wir schnell wieder den Heimweg an. Liam schlug vor, ein paar Filme zu schauen, und seine Eltern ließen uns taktvoll und ohne darum gebeten worden zu sein allein. Ich hörte sie oben werkeln, Ilene tippte unablässig auf dem PC und Harold hörte leise Radio.
Wir sahen Midnight in Paris an, aber ich schlief nach den ersten fünfzehn Minuten ein. Als ich wieder aufwachte, war es bereits dunkel. Im Dämmerlicht der Stehlampe sah ich Liams Silhouette, er machte sich am Fernseher zu schaffen.
„Ich wollte dich nicht wecken“, sagte er, als er bemerkte dass ich wach war.
„Nein, schon gut“, erwiderte ich rasch, „ich bin jetzt viel wacher… Diese intensiven Proben bin ich wohl nach Elisabeth nicht mehr gewöhnt.“
Tatsächlich fühlte ich mich viel ausgeruhter, und wir sahen uns noch die Verfilmung von Les Misérables an, wobei das Ansehen sich eher auf kräftiges Mitsingen, Imitationen und Kritiken beschränkte – „Toll dass sie jemanden nehmen, der gar nicht singen kann – Hauptsache namhaft“, „Wow, merkt er nicht, dass er’s nicht mehr drauf hat?“, „Fantastisch, sie ist perfekt“ und so weiter.
„Würdest du so etwas machen wollen?“, fragte Liam nach einer Weile.
„Was?“
„Na, Film.“
Ich lachte. „Nee! Die Bühne ist mir lieber.“
Er legte den Arm um mich. „Mir auch.“ Er küsste mich, und dann knutschten wir eine Weile rum, aber mit dem untrüglichen Instinkt eines Vaters kam Harold die Treppe runter und räumte im Wohnzimmer im Regal rum, also richteten wir Kleidung und Haare und sahen brav den Film zu Ende, obwohl wir in anderer Stimmung waren.
„Lass uns hochgehen“, murmelte Liam, kaum dass der letzte Ton verklungen war, aber nachdem wir an Liams Mutter vorbeigekommen waren, die immer noch schrieb, standen wir uns bloß ratlos gegenüber. Probeweise küssten wir uns wieder, aber Liam machte sich rasch wieder los. „Also… ich kann irgendwie nicht, wenn meine Eltern dabei sind…“
Ich kicherte. „Nee, ich auch nicht…“
Eine Weile kramte ich in meinem Nachttisch, Liam stand auf dem Balkon und sah zu den Nachbarn. Als ich zu ihm kam, nahm er mich in den Arm.
„Sieh mal nach rechts“, sagte er leise. Über dem Balkongeländer hing Unterwäsche, wie Harold gesagt hatte, aber es war eigentlich ganz hübsche.
„Wenn sie selbst das stört“, murmelte er zwischen Resignation und Belustigung, „können wir unseren Sex wohl vergessen.“
„Bestimmt gehen sie mal abends aus“, murmelte ich, „oder Sonntagsmorgens in die Kirche…“
„Trotzdem“, erwiderte er. „Ich habe meine Meinung geändert: wir brauchen ganz dringend eine eigene Wohnung.“

Die Wohnungssuche gestaltete sich allerdings erst einmal schwierig. Mein einziger freier Tag war der Sonntag, und allein wollte Liam keine Wohnungen besichtigen. Anfangs hatte ich es bei Liams Eltern gemocht, aber inzwischen fehlten trotz unserer begrenzten gemeinsamen Zeit dringend benötigte Freiräume. Auch ich sehnte mich danach, abends ein gemeinsames Essen zu haben und viel Zeit im Bett zu verbringen, ohne Tür an Tür mit den Eltern zu sein… Aber in der zweiten Probenwoche nahm mich der Stress endgültig gefangen: ich musste zur Anprobe, zum Make-up Fitting, musste mir Abläufe merken, Änderungen so schnell wie möglich lernen und umsetzen, kurzfristige Planänderungen in Kauf nehmen und weiter an meinem Gesang feilen. Die Arie, obwohl schon lange vertraut, hatte höchste Priorität, und abends klingelten mir regelmäßig die Ohren von meinem eigenen Gesang.
Ilene, die unser Streben nach mehr Freiraum natürlich mitbekommen hatte, nahm uns eines Abends beiseite.
„Hört mal, ihr beiden“, sagte sie. „Euer ständiges Getuschel macht mir Sorgen, vor allem weil ich es nicht verstehe. Gibt es Probleme?“
„Ach nein, eigentlich nicht“, setzte ich an – immerhin nahmen sie uns gastfreundlich auf, uns, zwei erwachsene Leute! – aber Liam sagte ehrlich und rundheraus: „Mum, wir halten es hier nicht mehr lange aus.“
Ich senkte den Blick und schämte mich bereits für ihn, aber Ilene lachte bloß. „Ja, das dachte ich mir fast. Wer will schon in diesem Alter mit Eltern und Schwiegereltern zusammen leben?“ Sie zwinkerte mir zu, dann wurde sie ernst. „Ich kann verstehen, dass ihr Zeit für euch wollt, aber bitte: wartet noch eine Weile, wenigstens bis zu Anouks Premiere, bis alles seinen Gang läuft. Wie wollt ihr jetzt einen Umzug schaffen? Wenn sie Zeit genug hat und du eingearbeitet bist, könnt ihr euren Tag flexibler planen.“
Sie sprach so vernünftig, dass sogar Liam einsah, dass ein Umzug unmöglich war.
„Ach, und wenn ihr mal allein sein wollt“, sagte sie im Gehen und zwinkerte uns zu, „dann sagt doch einfach Bescheid, wir gehen oder stellen den Fernseher laut. Euch hat ja auch nicht einfach der Storch gebracht.“
„Oh, Mum“, sagte Liam und vergrub das Gesicht in den Händen. Ich lachte, aber ich wusste: jetzt gab es einen weiteren Grund, die Proben schnell hinter mich zu bringen.
Was ich rette, geht zu Grund
Was ich segne muss verderben
Nur mein Gift macht dich gesund
um zu leben musst du sterben

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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon armandine » 25.07.2016, 15:34:28

Das hast du sehr schön und realitätsnah beschrieben. Ich konnte das den beiden echt nachfühlen. Bitte bald weiter!

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Gaefa
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Gaefa » 26.07.2016, 09:35:07

Ein schöner Teil. Ich bin schon sehr auf die Premiere gespannt. Bitte bald weiter!
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Ophelia
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Ophelia » 20.08.2016, 19:00:53

Entschuldigt die lange Pause - Ideenlücke :tja:

Eineinhalb Wochen vor der Premiere reiste meine Mutter an, sie übernachtete in einer Pension in unserer Straße. Die Hauptprobenzeit war nun abends, tagsüber verbrachte ich die meiste Zeit in der Kostümschneiderei oder bei meiner Gesangslehrerin. Inzwischen hatten wir die Proben in das Swann Theatre verlegt, wo bereits das Bühnenbild aufgebaut war. Als ich es das erste Mal gesehen hatte, kam es mir grau und fade vor, und dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch die Freaks, deren strahlende Kostüme gerade begutachtet wurden. Doch als die Lichttechniker an die Arbeit gingen, änderte sich das Bild – es leuchtete geradezu in den intensivsten Bühnenfarben. „Tja“, sagte Edwin, als ich mich bewundernd äußerte, „in die Bühnentechnik haben wir eine Menge investiert.“
Auch sonst konnte man dem Theater nicht nachsagen, durchschnittlich zu sein: das Foyer, von allen überflüssigen Schrauben, Tüchern und Seilen befreit, wirkte edel, grazil und schlicht, und auch wenn der Theatersaal unerwartet klein war, war er doch sehr prachtvoll. Und als ich das erste Mal meine Garderobe betrat, wollte ich sie eigentlich gar nicht mehr verlassen: hinter weiß lackierten Türen fand sich eine geräumige, praktisch eingerichtete Garderobe mit großem Spiegel, Schminktisch, Sofa und Tischchen sowie einer langen, in die Ecke platzierte Kleiderstange – so mussten meine Kostüme nicht mehr sorgfältig und doch faltig über die Sofalehne gehängt werden! Das gestreifte Tapetenmuster in weiß und beige verlieh dem Raum etwas Modernes und zugleich Gemütliches. Ganz oben in der Zimmerecke hing außerdem, wie mir erst später auffiel, ein kleiner Fernseher, auf dem ich die Vorstellung verfolgen konnte. Bei der Erkenntnis geriet ich fast aus dem Häuschen, bis mir klar wurde, dass ich kaum Gelegenheit zum Zusehen haben würde.
„Ja, hübsch“, sagte Liam, als ich ihn hineinführte, etwas verhalten – aber ich konnte deutlich sehen, wie er voller Bewunderung und Neid über die glänzenden Tischplatten und den weichen Sofabezug strich.
„Du hast ja sogar Bücher hier stehen!“, sagte er erstaunt, als er die kleine Buchreihe auf dem Board über dem Schminktisch sah.
„Ach, das sind nur Bildbände oder Theoriezeugs“, winkte ich ab – jede Garderobe war mit gebrauchten Exemplaren bestückt. Neben The Oxford illustrated history of theatre verfügte ich über ein paar ausgelesene Exemplare von The Tempest, A midsummernight’s dream und Much ado about nothing sowie das äußerst interessant anmutende Changed for good: a feminist history of the broadway musical, was auch Liam hervorzog.
“Na sieh an”, sagte er, “da kannst du ja in deiner Freizeit eine ganze Menge lernen!”
„Wenn es nicht so schwer zu lesen wäre, gern“, konterte ich etwas lustlos. „Außerdem habe ich auch so schon eine Menge zu lernen.“ In meinen freien Stunden zwischen Gesang und Kostümprobe unterwies mich nämlich eine Mrs. Davis in die geheimnisvolle Welt des britischen Akzents. Mrs. Davis war eigentlich nett, aber ich bekam vieles, was aus ihrem Mund so einfach und sonnenklar klang, einfach nicht richtig hin, und das nervte mich. Das einzige, was mir beinahe sofort gelungen war, war das weite Ah, alles andere verlangte mir höchste Konzentration ab. Ich dachte immer, das R solle möglichst verschnörkelt ausgesprochen werden, jetzt aber eröffnete mir Mrs. Davis, es sei in vielen Wörtern gar nicht zu hören, nämlich wenn ein Vokal davor stehe. Und nicht durch die Nase sprechen, weit hinten im Rachen die Wörter bilden… inzwischen hatte ich das Gefühl, meine Zunge schwelle an wenn ich nur an den Akzent dachte. Und wenn ich mich beim Singen zu sehr darauf konzentrierte, vergaß ich den Text.
„Du musst ja nicht gleich Queen’s English sprechen“, beruhigte Liam mich, als ich ein bisschen darüber jammerte. „Du sollst nur ein Gefühl für die Sprache bekommen und möglichst alle deutsche Härte aus deiner Aussprache verbannen.“
„Ein Gefühl für die Sprache bekomme ich, wenn ich sie einfach spreche“, nörgelte ich. „Und dieses verdammte th wird wohl immer die ein d bei mir klingen.“
Als ich am späten Abend nach Hause kam, lag auf meinem Bett ein Buch: „The Ghostwriter“ von Cecilia Ahern.
„Habe ich für dich gekauft!“, sagte Liam stolz.
„Oh, danke!“, sagte ich erfreut. „Endlich was normales zum lesen in der Garderobe!“
Liam verdrehte die Augen. „Das ist nicht zu deinem Vergnügen“, schalt er mich, und mir dämmerte, was er im Schilde führte. „Das ist unsere neue Abendlektüre.“
„Unsere Abendlektüre?“, wiederholte ich.
„Ja.“ Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und machte es sich bequem. „Und du wirst vorlesen.“

So kam es, dass ich sogar in den späten Abendstunden noch Nachhilfestunden in englischer Aussprache bekam. Liam bestand jeden Abend darauf, und manchmal war ich so müde, dass ich in einer kurzen Atempause einfach mit dem Buch auf dem Bauch einschlief. Und trotz meiner Nörgeleien über Liams Lehrabenden setzte ich mich vor Beginn der Previews in der Garderobe hinter ein Buch und las meiner Stylistin ein paar Seiten aus The Oxford illustrated history of theatre vor.
Die Previews waren, wenn auch nie ausverkauft, doch schon ziemlich gefüllt. Vor der ersten Show war ich, wie gewohnt, furchtbar aufgeregt, aber diese Nervosität war nichts im Gegensatz zu den Gefühlen, die am Premierenmorgen auf mich einstürmten.
Liam war im Unterricht und hatte mich ausschlafen lassen – wie er glaubte – aber ich lag bloß wach und gab vor zu schlafen, während er leise durch unser Schlafzimmer tappte und sich fertig machte. Als ich die Haustüre klappern hörte, sprang ich förmlich aus dem Bett und rannte stumm auf der Stelle, um mein Herzrasen mit körperlicher Anstrengung in Einklang zu bringen und um meine ersten, frühmorgendlichen Adrenalinschübe abzubauen. Dann stand ich einige Sekunden lang still da, schnappte nach Luft und kämpfte gegen einen leichten Schwindel an. Ich sollte mich noch einmal hinlegen… Aber ich wusste, ich würde dazu keine Ruhe haben. Also machte ich mich fertig und verließ das Haus, um mit meiner Mutter in unserem Lieblings-Pub Prince of Teck zu frühstücken. Erst, als wir vor der klebrigen Tischplatte saßen und die Höflichkeiten der Bedienung über uns ergehen ließen, wurde ich ruhiger, nicht nur durch die stetigen Bestärkungen meiner Mutter: „Du hast doch gesagt, die Previews kamen gut an“, meinte sie, und ich verfiel wieder in meine Ja-aber-Strategie, die absolut keinen Nutzen hatte, aber vollkommen automatisiert war: „Ja, aber Love never dies wurde bisher immer so kritisch aufgenommen…“
„Na ja, das wusstest du ja.“ Sie starrte auf die riesige Portion, die unsere Bedienung vor sie stellte, und die offenbar nicht mit ihren Vorstellungen dieses Frühstücks zusammenpasste.
„Ja, aber da war alles noch so weit entfernt, dass ich das gar nicht richtig einschätzen konnte!“
„Jetzt ist aber gut, Anouk“, sagte sie streng. „Du wusstest, worauf du dich einlässt. Außerdem muss es doch in jedem Künstlerleben einen absoluten Fehltritt geben, oder? Und wenn du mir noch einmal widersprichst, dann stopfe ich dir diesen absolut üblen Frühstücksmuffin in den Mund!“

Nach dem Frühstück wollte meine Mutter noch mit mir durch die Straßen schlendern, aber ich konnte beim besten Willen keine Geduld dafür aufbringen. Auch wenn sie enttäuscht war, konnte ich im Moment keine Rücksicht auf sie nehmen. Ich kehrte nach Hause zurück und versuchte, mich abzulenken: da ich das Haus ganz für mich allein hatte, zog ich mich ins Wohnzimmer zurück und zappte durch die Fernsehkanäle. Als jedoch Werbung für Love never dies eingeblendet wurde, schaltete ich wieder aus, rollte mich eng auf dem Sofa zusammen und hing meinen Gedanken nach. Ich dachte, wie verrückt alles war, dass ich nun hier am West End spielte, und dass mein Erfolg nur auf den ersten Blick ein Erfolg war – wie gut ich abschneiden würde, würde am Ende die Presse entscheiden. Ich wusste, dass viele Zuschauer nicht viel von Love never dies hielten, doch trotz der inhaltlichen Ungereimtheiten und der absolut an den Haaren herbeigezogenen Story hatte ich das Stück ins Herz geschlossen: wenn die Songs auch kaum an Phantom der Oper heranreichen konnten, so waren sie doch meist hörenswert – die Arie, das Duett, Gustaves Einsätze… Und nach der Bühnebildänderung war das Ganze sogar etwas für die Augen. Ich setzte mich auf und starrte gegen die Wand. Ich musste meine Zweifel abwerfen. Um erfolgreich zu spielen, musste ich zu hundert Prozent hinter diesem Stück stehen. Ich war Christine, eine aus ihren Mädchenträumen gerissene Frau, eine liebende Mutter, eine gute Sängerin, voller Zweifel und Sehnsüchte. Ich stand auf und begann entschlossen, meine Stimme aufzuwärmen.

Vor dem Swann Theatre war ein roter Teppich ausgerollt – nicht sehr groß, aber recht breit, beinahe quadratisch. Es nieselte etwas; ich huschte mit gesenktem Kopf aus dem Taxi und durch den Haupteingang. Es war schon viel los; überall wurden gerade die Stehtische dekoriert – mit einer schmalen Vase, in der je eine Rose steckte und jede versehen mit einer kleinen Phantommaske – einige glückliche Zuschauer würden heute Abend ein schönes Andenken mitbekommen.
Auf der Bühne herrschte reges Treiben, aber in Raouls Garderobe hatten sich bereits einige Darsteller versammelt. Sie redeten und lachten, aber an der enormen Lautstärke ihrer Stimmen konnte ich erkenne, wie nervös alle waren. Ich begrüßte die Anwesenden, wir tauschten die üblichen panischen Blicke aus, dann zog ich mich zurück und besprach mit der Maskenbildnerin meine Premieren-Frisur: sie hatte versprochen, mir die Haare zu legen, die nach den engen Perücken jedes Mal völlig zerknautscht und knittrig aussahen.
„Na“, begrüßte mich Adam, als wir uns ein zweites Mal über den Weg liefen, „aufgeregt?“
„Und wie!“, antwortete ich. Ich begleitete ihn in die Maske, die für ihn sehr viel Zeit in Anspruch nahm, und während er geduldig saß und wartete, plauderten wir und wurden etwas gelassener. Doch Adam bestand nach seiner Verwandlung darauf, völlig in Ruhe gelassen zu werden, und hinter der Bühne breitete sich allmählich nervöses Schweigen aus, sodass auch ich mich in meiner Garderobe einschloss, mich aufwärmte und wartete, bis es so weit war, bis der Vorhang sich heben würde…
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon armandine » 21.08.2016, 00:39:54

cool, da bin ich also weiter gespannt auf die Premiere! Anouks Mutter macht das übrigens gut!

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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Gaefa » 23.08.2016, 22:08:50

Juhu, es geht weiter! Schöner Teil. Auch ich bin sehr auf die Premiere gespannt. Mal sehen, ob ihr Englisch in den Kritiken erwähnt wird. Ich fand die Vorlese-Idee von Liam echt toll. Bitte bald weiter.
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Ophelia » 26.08.2016, 14:04:44

Schön, dass es euch gefällt. Hier geht es u.a. um die Premiere:

Als meine Aufregung kurz vor dem ersten Auftritt erheblich sank, hätte mich misstrauisch machen müssen. Als Adam „Till I hear you sing“ anstimmte, durchströmte mich eine eigentümliche Ruhe: er brachte schon jetzt eine starke Leistung, das Publikum jubelte – und er hatte mir erst vor einigen Minuten ein letztes Mal versichert, für wie geeignet er mich für meine Rolle hielt. Und das alles machte mich entsetzlich ruhig, was so ungewöhnlich war, dass ich ganz durcheinander geriet. Ich war für einige Momente so mit mir selbst beschäftigt, dass ich kurz vollkommen vergaß, wie meine ersten Worte lauteten. Das brachte mich zur Besinnung; das stolze Hochgefühl schwand, und ich wurde zittriger denn je.
Der Abend war eine Premiere in jeder Hinsicht: nicht nur eröffnete ein neues Theater mit einem neu inszenierten Stück, es war auch das erste Mal, dass ich, die bisher erfolgreiche und tadellose Anouk Steger, einen Blackout von der Größe des Ozonlochs erlitt – so zumindest fühlte es mich an, auch wenn mir hinter der Bühne eindringlich flüsternd versichert wurde, dass es sich bloß um einige Sekunden gehandelt hatte. Aber für mich waren es schreckliche Sekunden. Schon vor der Strophe And I kissed you/ And caressed you/ And the world around us fell away/ We said things in the dark/ We never dared to say überlegte ich, was ich wohl singen müsste – war es tatsächlich And I kissed you – oder doch schon And I loved you? Nein, schoss es mir durch den Kopf, nein, das kam erst später – doch dieser blitzartig kurze Gedankengang genügte, um mich vollkommen aus der Fassung zu bringen – das Englische entfiel mir, zusammen mit der Strophe, völlig. Nach einer gefühlt stundenlangen Pause sang ich einen eigentümlichen Mischmasch aus beidem, und Adams trotz allem gefasste, starke Stimme übertrumpfte mich in diesem Moment eindeutig.
Ich war zu sehr in das Stück eingebunden, um mir weitere Gedanken darüber zu machen, aber in der Pause konnte ich kaum die wütenden Tränen zurückhalten, die sich hinter meine Augen drängten.
„Es ist nicht schlimm!“, sagte ein Ensemblemitglied zum ungefähr hundertsten Mal, „das kann doch jedem passieren!“
Aber es durfte nicht passieren, nicht mir – ich hatte hier meine Bewährungsprobe zu bestehen, die neue Deutsche, das unbekannte Talent – und ich hatte das Gefühl, gerade alles vermasselt zu haben.
Ich gab mir doppelt Mühe bei der Arie, die ich ja schon seit Jahren verinnerlicht hatte, und erst bei dem folgenden stürmischen Applaus hob sich meine Stimmung etwas. Aber es gelang mir den ganzen Abend nicht mehr, in der Rolle aufzugehen – ich spürte eine Art Leblosigkeit des dargestellten Charakters, der meiner so lebendigen, emotionalen Elisabeth einfach nicht nahe kommen konnte.
Beim Schlussapplaus regnete es Blumen, die man mir überließ – aus Höflichkeit, schätzte ich, oder aus Mitleid? Ich hatte ein schlechtes Gefühl, als ich die Bühne verließ und mich für die Premierenfeier zurechtmachte.
Ich blieb nicht lange. Mit Liams Hilfe bewältigte ich einige Interviews und ließ mich auf dem roten Teppich sehen, aber die in schnellem Englisch gestellten Fragen und Glückwünsche machten mich ganz schwindlig – ich fühlte mich nervös und fehl am Platz. Schon nach kurzer Zeit begannen alle, sich über meine anscheinend übertriebenen Sorgen lustig zu machen – meine Mutter behauptete eiskalt, sie hätte meinen Aussetzer gar nicht bemerkt, aber ich nahm es ihr nicht ab. Sicher, ich war stolz über diesen großen Schritt – von Deutschland ans West End, und das bereits jetzt, mit nicht mal dreißig Jahren! – , aber ich fühlte mich auch bang, denn wie die Öffentlichkeit letztendlich über mich werten würde, das konnte ich absolut nicht einschätzen.

In der Nacht hatte ich noch lange wachgelegen – die Nachwirkungen der ganzen Aufregung hielten mich wach. Mit der Müdigkeit überkam mich aber schließlich auch eine warme Zufriedenheit – natürlich hatte ich meine Sache gut gemacht, natürlich war ich es wert, gelobt zu werden; wie sonst ginge es an, dass man mich hierher geholt hatte, an das berühmte West End? Mit diesen Gedanken fiel ich endlich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Schon am nächsten Morgen bekam ich meine Kritik.
Wir saßen beim Frühstück, Liam klickte sich durch das Internet.
„Ah“, sagte er plötzlich, „ah, ja…“ Er sah über dem Bildschirmrand zu mir. „Hier ist eine erste Kritik“, sagte er, „und, oh, noch ein paar… Möchtest du eine hören?“
„Ja“, krächzte ich und räusperte mich. „Bitte.“
Er lächelte gutmütig, dann runzelte er die Stirn. „Mal sehen… Nein, das ist ein Blog, erst mal keine selbsternannten Experten… oder wäre dir das lieber?“
„Nein, nein“, wehrte ich rasch ab, „lieber… lieber etwas Seriöses. Ich will sofort… einen richtigen Kritiker hören.“
„Na gut. – Oh, the critcs“, erklärte er seinen Eltern, die unser plötzlich auf Deutsch geführtes Gespräch etwas irritiert hatte. Sofort nahm Ilene meine Hand und lächelte mir aufmunternd zu.
„Also, hier ist etwas“, sagte Liam, „von Roger C. Williams – der schreibt immer ehrlich und kennt sich aus. Bereit?“
„Ja“, flüsterte ich.
Liam begann zu lesen – er übersetzte sofort auf Deutsch, wodurch das Ganze an eine Leseübung der ersten Klasse erinnerte.
„Also: Love never dies – neues Theater mit altem… ähm… Gewäsch. Oh, na ja… Mal sehen, was er schreibt… Ja, ja, das wissen wir doch“, murmelte er ungeduldig, „Fortsetzung… Phantom zwei… Coney Island… bla, bla… blablabla… Jaah, wir wissen doch, dass die Story fragwürdig ist… Aha, nun: …Dabei gibt der Brite Adam Crivello nach seinem Broadway-Debut einmal mehr eine hintergründige, zerrissene Rolle: das Phantom. Stimmlich weiß der 42-jährige – puh, wen interessiert denn das? – durchaus zu überzeugen: besonders in Beauty underneath, einer der wenigen Rocknummern des Stücks, die stilistisch völlig aus dem Rahmen fallen, beweist er Wandlungsfähigkeit und zeigt, dass er nicht nur klassisch kann. Mimisch kratzt er meistens knapp an der Übertreibung vorbei… oh, na, das fand ich aber nicht so…, harmoniert aber voll mit seiner Mitspielerin Anouk Steger. – Das bist du, Achtung! – Die aus Deutschland stammende Sopranistin debütiert mit dieser anspruchsvollen Rolle am Londoner West End und weiß sich gegen die internationale Cast durchzusetzen: mit einer nuancierten, klaren Stimme brilliert sie stimmlich, ohne besondere Akzente zu setzen: ein klassischer, aber fein ausgebildeter Sopran. Steger mimt eine flache Christine ohne nennenswerte Tiefe; obwohl mit großem Geschick für dramatische Augenaufschläge und gequälte Mimik ist von der einstigen Christine kaum eine Spur mehr zu sehen: dass es sich einst um ein aufstrebendes, aber schüchternes, ja gequältes Mädchen handelte, ist nicht mehr zu erkennen. Diese Auslegung eignet sich bestens für Zuschauer, die das Sequel sehen, ohne je von dem Original gehört zu haben. Auch zeigten sich einige Textunsicherheiten, ausgerechnet in dem großen Duett, welche den zuerst positiven Eindruck minderten. Glücklicherweise konnte Steger, dank ausgedehntem Sprachtraining, einen deutschen Akzent nahezu vollkommen ablegen, und wenn die Aussprache auch noch etwas sauber daherkommt, kann ein Lob in dieser Beziehung ausgesprochen werden.
Heimlicher Star des abends: Fiona May sticht schauspielerisch weit aus der Truppe hervor. Eine besessenere, verletztere, tiefschürfendere Meg Giry wird man schwerlich wiederfinden.
“ Er brach abrupt ab, und alle verfielen in Schweigen – Liam aus Verlegenheit, ich aus Erschütterung und seine Eltern, weil sie nichts verstanden und doch bemerkt hatten, dass etwas nicht stimmte. Das verlegene Schweigen war international.
„Tja“, sagte ich in die Stille hinein, aber es klang bitter.
„Du hast doch gut abgeschnitten!“, sagte Liam.
„Jaah, stimmlich bin ich brillant. Aber ansonsten besitze ich keine Tiefe“, sagte ich sarkastisch. „Nun, wenigstens sind die von den anderen begeistert.“
Liam scrollte durch einige Seiten, immer noch lag drückende Stille auf uns. „Also, die anderen Zuschauer sind von dir angetan“, sagte er. „Hier, diese Blog-Schreiberin, sie nennt dich eine Entdeckung… oder hier: Ein Sopran, wie er im Buche steht.“
„Also durchschnittlich“, schnaubte ich. Liam zitierte mutig weiter.
„Ein weiterer Kritiker: „Klare, saubere Stimme.“ Oder eine Besucherin: „Hörenswert.“ Oder hier: „Stimmlich überwältigend, aber…“ – Na, das ist doch was!“, endete er kläglich. Ich saß da und starrte auf meine Hände, die schlaff und hilflos auf der Tischplatte lagen.
„Gib ihnen einfach Zeit“, sagte Liam leise. „Du bist neu und das West End setzt hohe Maßstäbe.“
„Denen ich anscheinend nicht gerecht werden kann“, entgegnete ich bitter. Mir war der Appetit vergangen; ich schob mein unberührtes Frühstück von mir und verließ eilig den Raum.

Obwohl es kühl und der Himmel bewölkt war, hatte ich mich auf den Balkon zurückgezogen. Die Füße auf die Brüstung gelegt, beobachtete ich die gegenüberliegende Häuserreihe und ließ die Gedanken an mir vorüberziehen. Es gab an meinen Gefühlen nichts zu deuten: ich war hochgradig eifersüchtig. Dass man Adam lobte, damit konnte ich leben – er hatte für mich immer außer Konkurrenz gestanden, weil er einfach so gut war, dass man über negative Kritiken nur lachen konnte. Ich würde auch mit allem zufrieden sein, das über mich geschrieben stand: dass ich mich versungen hatte, dass mein Akzent beinahe unhörbar war, sogar die zynischen Äußerungen zu meiner Darstellung konnte ich, wenn auch mit Sodbrennen, schlucken: ich hatte es ja selbst gemerkt. Es war auch nur natürlich: nach der intensiven Erfahrung mit Elisabeth konnte alles andere nur schlechter abschneiden. Aber noch nie, niemals hatte man mich als durchschnittlich bezeichnet. Meine Stimme war immer als unverwechselbar gelobt worden; in Deutschland hatte man in den höchsten Tönen von mir geredet. Was war nur anders in London, dass ich damit nicht ankam? Hatten die Leute einen anderen Geschmack? Waren ihre Ohren vielleicht anders geeicht? Lag es daran, dass ich in einer fremden Sprache sang, minderte das im Endeffekt doch meine Leistung?
Aber mit all dem hätte ich klarkommen können. Ich konnte mich noch steigern. Ja, das ging immer, es war schließlich die Premiere gewesen, da war man immer etwas steif, immer etwas übertrieben… Aber dass sie Fiona so sehr gelobt hatten… Ich hatte mir den Artikel, den Liam nicht beendet hatte, selbst noch einmal durchgelesen. Fiona, so der Verfasser, zeige ein diffiziles, berührendes Spiel: man musste sie einfach gernhaben und bemitleiden, so sehr, dass man sie am liebsten in den Arm nehmen wolle. Man verzeihe ihr sogar den Mord. Sie hatte Tiefe, war ein runder, ausgereifter Charakter.
Ich war es nicht mehr gewöhnt, an zweiter Stelle zu stehen. Sollte nicht eigentlich Christine, die tragische, berühmte Christine, im Mittelpunkt stehen? Wie unendlich peinlich – von der weiblichen Nebendarstellerin, die auf der Bühne weit unter ihr stand und nie beachtet wurde, im richtigen Leben übertrumpft zu werden. Ich konnte es nicht fassen. Das war, als würde man Frau Wolf mehr Beachtung schenken als Elisabeth. Ich fühlte mich gekränkt und übergangen.
Nach einer halben Stunde stieß Liam zu mir. Er lehnte sich gegen das Geländer und sah mich an.
„Nun sei nicht enttäuscht“, sagte er mitfühlend. „Vielleicht hätte ich dir nicht den Kritiker schlechthin vorlesen sollen… Das war dumm von mir.“
„Nein“, erwiderte ich, „schon gut. Es ist nur…“ Ich zögerte, ihm von meinen Gefühlen zu erzählen; aber ich wusste, würde ich es nicht loswerden, würde ich nur gereizter werden.
Während meiner Schilderung wurde Liams Miene erst verständnisvoll, dann ernst und schließlich belustigt.
„Aha“, sagte er trocken. „Nur, um das mal zusammenzufassen: du kannst es nicht ab, dass jemand besser ist als du?“
Ich schwieg und musterte finster meine Knie. Liam lachte herzhaft auf.
„Oje, Anouk, das ist… entschuldige, aber das ist so… kindisch! Ich wusste ja gar nicht, dass du so eine Diva bist!“ Er beugte sich zu mir und nahm mich fest in den Arm, aber er lachte immer noch.
„Nun sei doch nicht so!“, murmelte er, als ich einfach stumm dasaß und nicht auf ihn einging. „Warte erst mal ab, bis sich der erste Ansturm auf dich gelegt hat! Und denk dran, dass wir uns jetzt endlich nach einer Wohnung umsehen können! Meine Mutter hat eine Liste für uns gemacht. Wollen wir nicht einen Blick drauf werfen?“
Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, dem Vorschlag zuzustimmen. Die Wohnungssuche lockerte meine Stimmung, weil sie wieder etwas Neues, Aufregendes war – ein nächster Schritt in die Zukunft.
„Na gut“, sagte ich, noch etwas verhalten, „suchen wir ein neues Zuhause.“
Was ich rette, geht zu Grund
Was ich segne muss verderben
Nur mein Gift macht dich gesund
um zu leben musst du sterben

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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Gaefa » 27.08.2016, 18:13:58

Ein schöner und sehr realistischer Teil. Es kann nicht immer alles gut gehen und das macht die Geschichte glaubwürdig. Ich hoffe, dass sich Anouk dadurch nicht aus der Bahn werfen lässt und zu ihrer gewohnten Topform zurückfindet. Außerdem hoffe ich natürlich auf eine schöne Wohnung für die beiden - aber auch das kann sich ja manchmal als schwerer erweisen als man denkt. Ich freu mich auf die Fortsetzung!
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon armandine » 01.09.2016, 23:11:20

Mir hat es auch gefallen. Diese Erfahrung macht wahrscheinlich jeder Darsteller mal - und es beweist wieder mal, dass man nicht zu viel auf Kritiken geben sollte.

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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Ophelia » 03.09.2016, 12:19:49

Weiter geht es:

Nachdem die erste Aufregung um Love never dies sich gelegt hatte, ging es mir wieder besser: ich war nicht mehr aufgeregt vor den Shows, sondern gespannt, und mein Körper und Geist gewöhnten sich allmählich an den neuen Tagesrhythmus, die neue Sprache. Morgens schlief ich immer lange – ich wachte auf, wenn Liam aufstand, und drehte mich nach einem Abschiedskuss noch einmal um. Irgendwann zwischen zehn und zwölf Uhr frühstückte ich, dann unternahm ich häufig einen Bummel durch die Gegend, die Stadt oder die Parks. Bei schlechtem Wetter sah ich mir Filme an, trank Tee in den Pubs oder beantwortete meine Fanmails. Außerdem lernte ich jeden Tag fleißig Vokabeln – Liam hatte ein Programm gestartet, das bald auf die ganze Familie übergriff: Every day a new word, ein Lernprogramm, das es tatsächlich so gab, wandte er erst nur auf mich an, indem er mir jeden Tag einen Zettel mit einem neuen Wort auf den Nachttisch legte, das es zu übersetzen galt. Bald machten wir das selbe für seine Eltern, mit dem Erfolg, dass ihr erster deutscher Satz „Unsere Treppe ist klein und rot“ lautete, mit dem sie mich jeden Morgen begrüßten – womit der Satz jeden Tag sowohl akzent- als auch sinnfreier wurde. Anschließend traf ich mich, wenn es sein Zeitplan zuließ, mit Liam in der Stadt oder an einem vereinbarten Treffpunkt, um eine Wohnung zu besichtigen – dadurch baute ich auch rasch Ortskenntnisse auf.
Die Wohnungen, die wir ansahen, waren allesamt schön, aber auch teuer; viele standen zum Verkauf, was für uns erst einmal nicht in Frage kam, auch wenn ich immer enttäuschter wurde, wenn Liam sagte: „Tut mir leid, aber wir werden nicht für immer hier wohnen – wir können nicht kaufen!“ Auch wünschte ich mir eigentlich ein Haus mit Garten, aber solange wir nicht aufs Land zogen, war das wohl zu viel verlangt von den englischen Stadtbauten.
Einige Wohnungen kamen schon bald in die engere Auswahl, darunter eine in der Stratford Road, die zu Fuß nicht einmal zehn Minuten von der Earl’s Court Road entfernt war. Das Haus lag in einer ruhigen Straße, die Wohnung verfügte über drei Zimmer mit Küche und Bad, war aber wegen ihres etwas baufälligen Charakters recht günstig.
„Eigentlich ist diese Wohnung perfekt für uns“, meinte Liam, als wir nach der Besichtigung eines weiteren unerschwinglichen Objekts durch Sainsbury's schlenderten.
„Die in der Stratford Road.“
„Hm“, machte ich – ich hatte gerade eine neue Leckerei entdeckt, die ich noch nicht kannte, und versuchte herauszufinden, worum es sich handelte.
„Natürlich sind wir dann immer noch weiter vom Zentrum entfernt, als wünschenswert… andererseits – wo gibt es so ein Schnäppchen in Kensington? Oder sollte uns der Preis… Das sind Kaubonbons, Anouk“, unterbrach er seinen Monolog etwas ungeduldig. „Und das hier ist mit Sahne gefüllt, ich bin nicht sicher, ob du danach noch in deine Kostüme passen wirst.“
Ich verzog traurig den Mund, legte die Sahneküchlein weg und behielt die rosa Kaubonbons.
„Also“, nahm Liam den Faden wieder auf, „sollte uns der Preis nicht misstrauisch machen?“
„Der Preis? Meinst du, ein Pfund ist zu viel hierfür?“
Liam guckte, als wäre er mit seinem Latein am Ende, und mir schwante, dass sich seine Frage nicht auf meinen Süßkram bezog.
„Anouk, könntest du mal aufhören, ständig an Essen zu denken?“, fragte er streng, aber um seinen Mund zuckte es. „Ich rede von der Wohnung.“ Wir stellten uns an der Kasse an und er senkte die Stimme. „Stratford Road.“
„Ach so, jaah…“, sagte ich. „Na ja, ich bin nicht sicher… Die Tapeten waren schon recht fleckig, und die Teppichböden… aber die können wir ja rausreißen.“
„Ja, aber wer weiß, was wir darunter entdecken. – Lass mich das machen.“ Er nahm mir das Geld ab, das mich immer noch irritierte, und zählte rasch die Münzen ab, während die Kassiererin mich neugierig musterte. Ich lächelte ihr zu, und sie griff verlegen nach einem Stift.
„Sagen Sie, sind Sie nicht Anouk Steger?“ Sie sagte Anjuk Stiedscher, was ich ganz reizend fand.
„Oh, ja, die bin ich“, sagte ich.
„Dann habe ich doch Recht! Ich kenne Sie aus Love never dies. Ich saß ganz hinten, deshalb war ich mir nicht sicher... Könnte ich ein Autogramm haben?“
„Aber sicher, wenn Sie etwas zu Schreiben da haben.“
„Oh… ja…“ Sie kramte in ihrer Kasse und riss schließlich ein leeres Stück Bon von der Rolle, auf das ich meinen Namen und eine kleine Maske mit Rose setzte. Sie war entzückt.
„Ich hoffe, die Show hat Ihnen gefallen“, sagte ich, während Liam meine Einkäufe einpackte.
„Oh ja, sehr!“, sagte die Frau. „Sie waren wunderbar!“
„Vielen Dank!“
Wir verließen den Laden, und ich war doppelt guter Laune.
„Nehmen wir die Wohnung“, sagte ich, beschwingt wie ich war. „Sie ist so günstig, dass wir ein bisschen renovieren können, und die Küche gibt es sowieso dazu!“
Liam nahm meine freie Hand. „Na gut“, sagte er, „ich rufe den Inhaber an und sage, dass wir interessiert sind… trotzdem möchte ich noch etwas anderes ansehen. Nur zur Sicherheit.“
Auch zu Hause setzten wir unsere Diskussion fort. Inzwischen war es wie ein neues Hobby für uns – immer wieder die gleichen Argumente darzulegen und Für und Wider abzustimmen. Ilene hantierte in der Küche herum, und dass wir mal wieder über unser Lieblingsthema sprachen, erkannte sie am ungeduldig-gespannten Ton und den Schlüsselwörtern „Haus“, „teuer“ und „unsicher“.
„In den Mews nebenan ist ein Haus frei geworden“, sagte sie. „Seht es euch doch mal an.“
Mein Herz tat einen Hüpfer; manchmal, wenn ich einkaufen ging, machte ich einen Schlenker zu den nächsten Mews und schlenderte zwischen den bunten Fassaden und den herumstehenden Blumentöpfen umher und stellte mir vor, eines davon sei mein Haus. Abends, wenn hinter den Fenstern Lichter brannten, schaute ich so unauffällig wie möglich die Einrichtungen an und dachte, das würde ich genauso machen oder, das Sofa müsste weiter zurück.
„Das klingt toll!“, sagte ich etwas zu überschwänglich. „Lass es uns ansehen!“

Das taten wir. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, aber innerlich zitterte ich vor Aufregung: noch ehe ich das Haus überhaupt richtig gesehen hatte, wollte ich es schon. Das Haus, das wir ansahen, hatte eine hellgraue Fassade mit Stuckmustern um die blaue Haustüre und seltsame Eisengebilde ersetzten die sonst typischen, rankenden Blumen. Der Inhaber stellte sich als freier Künstler heraus. Im Innenbereich standen kaum Möbel, überall lehnten Leinwände an den Wänden und es roch nach Farbe, aber der Schnitt und die Zimmer gefielen mir außerordentlich gut: man betrat direkt ein großes Wohnzimmer mit Einbauküche – die Zwischenwände hatte der Künstler ausgerissen, „um mehr Raum zu spüren“, wie er sagte. Mitten im Zimmer ragte eine freistehende Treppe wie schwebend gen Obergeschoss, das ein wenig zurückgesetzt und von einer gläsernen Balustrade eingegrenzt wurde, die eher an einen modernen Gartenzaun erinnerte. Oben befanden sich ein Bad, ein Schlafzimmer und ein Atelier, das natürlich auch für andere Dinge genutzt werden konnte.
Aber als er uns den Preis nannte, mussten wir beide schlucken.
„Das Haus gefällt uns sehr“, sagte Liam. „Wir werden uns auf jeden Fall melden. Haben Sie noch andere Interessenten?“
„Oh ja, eine Menge“, erwiderte der Inhaber. „Sie sollten sich also besser beeilen!“
Auf dem Rückweg schwiegen wir. Ich stellte mir vor, ich würde den Künstler anrufen und ihn unter Tränen gestehen, dass wir uns das Haus eigentlich nicht leisten konnten, aber wir seien auch Künstler, und er wisse sicher, wie schlimm das manchmal war… Und er würde gerührt sein – von meinem Kummer, meinem hinreißenden Akzent, der Tatsache, Ebenbürtigen sein Zuhause vermachen zu können, und sagen: „Well, Madam… Sagen Sie mir, was Sie aufwenden können“, und dann würde er kurz schweigen, weil ich ihm verlegen die Summe nannte, und dann würde er einatmen, ausatmen, und dann sagen: „Na ja, mehr ist es eigentlich nicht wert, und man muss die Kunst unterstützen!“, und dann sah ich uns in unserem hellen, freundlichen Wohnzimmer sitzen und zufrieden hinaus in den Hof sehen.
„Wir können es uns nicht leisten“, sagte Liam und meine Vision zerplatzte. Ich seufzte auch und versuchte, meinen Ärger zu unterdrücken. „Was soll das heißen?“, fragte ich, „wir haben doch eine Menge gespart…“
„Schon“, sagte Liam, „und theoretisch wäre es auch möglich, aber…“ Er sah mich an. „Es ist trotzdem sehr kostenintensiv, und ich denke an dich. Wir wollen doch zurück nach Deutschland, irgendwann. Da wäre es nicht sehr sinnig, ein teures Haus auf kurze Zeit zu kaufen. Denk an die Möbel, die Küche muss neu gemacht werden…“
„Oh“, sagte ich und starrte abwesend in das Fenster eines Pubs. „Deutschland. Stimmt.“

In der darauffolgenden Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich war erschöpft von der Abendvorstellung Heim gekommen, und weil mir schwindlig vor Müdigkeit war, hatte ich mich sofort ins Bett gelegt. Liam kam rasch nach; ich hörte ihn noch kurz an irgendeiner Hausarbeitenkorrektur arbeiten, dann machte er sich rasch fertig und legte sich zu mir. Aber jetzt, da sein Arm um mich lag, schwer vom Schlaf, war ich wieder hellwach; wann immer ich einnickte, träumte ich unangenehme Halbträume vom Theater, von der Bühne und vom Phantom. Mehrmals schreckte ich mit einem ekligen Gefühl auf, und um zwei Uhr schob ich sachte Liams Arm von mir und schlüpfte in Strickjacke und Hausschuhe.
Unten im Wohnzimmer wurde der Regen gegen das Haus gedrückt und prasselte dumpf gegen die Fenster. Ich schaltete die Stehlampe ein und lehnte die Türe an, um die anderen nicht zu stören, wenn ich Fernsehen sah. Eine Weile schaltete ich herum, und die belanglosen Shows und gekünstelten Stimmen der Nachrichtensprecher entspannten mich. Ich wurde wieder schläfrig, und als ich zurück ins Bett tappte, fasste ich einen Entschluss.

„Liam, ich habe mir etwas überlegt“, sagte ich. Wir quälten uns durch den dichten Morgenverkehr; trotz meiner kurzen Nacht war ich wach und kribbelig, denn ich begleitete Liam heute als Gastdozentin zur Schule.
„Lass uns die Wohnung in der Stratford Road nehmen. Sie ist günstig, steht noch frei und ist in einer vertrauten Gegend.“ Wie immer öfter in letzter Zeit sprachen wir auf Englisch miteinander. Die Sprache lag mir inzwischen weich und vertraut im Mund, und das Ausprobieren verschiedener Akzente machte mir großen Spaß. Heute Morgen hielt ich alles etwas flacher, um möglichst britisch herüberzukommen. Liam warf mir einen kurzen Seitenblick zu.
„Ich bin ehrlich gesagt auch dafür“, meinte er. „Diese Sucherei scheint kaum voran zu gehen, und ein besseres Angebot können wir kaum finden.“ Er seufzte, als die nächste Ampel wieder auf Rot sprang. „Bist du dir auch wirklich sicher?“
„Ich bin mir zu Hundert Prozent sicher“, erwiderte ich nachdrücklich. Er lächelte.
„Unsere erste gemeinsame Wohnung…“, murmelte er selig und ungläubig zugleich. Ich lächelte ebenfalls. „Unsere erste Wohnung“, wiederholte ich zustimmend. „In London“, setzte ich hinzu, weil es sich so gut anfühlte.
Was ich rette, geht zu Grund
Was ich segne muss verderben
Nur mein Gift macht dich gesund
um zu leben musst du sterben

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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon armandine » 03.09.2016, 21:45:20

na, das klingt doch schon vielversprechender. Schön!

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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Gaefa » 05.09.2016, 16:48:20

Ein schöner Teil! Bitte bald weiter. Ich bin sehr gespannt, ob das mit der Wohnung nun auch klappt.
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Ophelia » 11.09.2016, 13:47:40

Neuer Teil, neue Aufgaben:

So zog ich schon eine Woche später bereits zum sechsten Mal in meinem Leben um. Die Küche der Wohnung durften wir behalten, und wenn es auch nicht das schönste Modell war, so ersparte es uns doch erst mal eine Menge Geld. Dafür kauften wir uns hübsche Wohn- und Schlafzimmermöbel und strichen die Wände in den wärmsten Farben, die wir finden konnten.
Die Tage der Renovierung waren anstrengend; jeden Abend erreichte ich das Theater in farbfleckigen Jeans und nach neuem Holz riechend. Aber neben den körperlichen Anstrengungen hatten wir eine überraschend schöne Zeit: Liam und seine Eltern hatten einige Helfer aus ihrem Freundeskreis organisiert, und wieder kam ich in den Genuss der britischen Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft: Liams Freunde waren laut und schulterklopfend, brachten kaltes Bier mit und verschlangen mehrere Dutzende von Ilenes köstlichen Sandwiches. Bald hatten sie ein Spiel erfunden, das uns die Arbeit erleichterte, das den Namen Parrot (Papagei) bekam – immer, wenn es zu still und zu langweilig wurde, musste ich einen kurzen, deutschen Satz aufsagen, den alle nachplapperten. Und weil bei Renovierungen ziemlich oft Langeweile herrscht, konnte die ganze Truppe bald auf einen erstaunlichen Wortschatz zurückgreifen: „Ich trinke gerne Tee“, „Ich liebe Katzen“, „Ich bin ein höflicher Brite“ und dergleichen. Irgendwann, wenn es beim Anstreichen und Zusammenbauen zu langweilig wurde, rief jemand, „Hey guys, let’s play parrot“, und jeder spitzte gespannt die Ohren. Ab und an stimmten Liam und ich Duette an, und seine Freunde fielen grölend mit ein.
Nach den Vorstellungen kehrte ich nachts trotzdem zurück in das Haus in der Earl’s Court Road. Auch wenn wir in der neuen Wohnung hätten schlafen können, zog ich unser eingerichtetes, sauberes Schlafzimmer den zwischen vier nach feuchter Farbe riechenden Wänden liegenden Matratzen eindeutig vor. Doch je weiter die Renovierungsarbeiten voranschritten, desto sehnlicher wünschte ich mir, endlich in meinen – nein, in unseren eigenen vier Wänden leben zu können. Ich malte mir in den blühendsten Farben aus, wie unser Alltagsleben aussähe – ich würde Liam morgens das Frühstück bereiten, ihn verabschieden, mich um meinen kleinen eigenen Haushalt kümmern, abends würden wir gemeinsam kochen und Fernsehen, bis wir gemeinsam ins Bett gingen… bis mir einfiel, dass ich arbeitete, wenn er nach Hause kam, und dass für derlei einträchtige Beschäftigungen kaum genug Zeit wäre. Schade eigentlich.
Zwei Tage, bevor wir endgültig Liams Eltern verlassen würden, rief meine Mutter aus Deutschland an. Wir hatten den Termin vorher ausgemacht, um uns ja nicht zu verpassen – wir sprachen viel zu selten in letzter Zeit miteinander, und ich hatte auch schon erschrocken festgestellt, dass der Kontakt zu meinem Vater geradezu brüchig geworden war.
Ich hockte zwischen halb gepackten Koffern und ausgeräumten Schränken, als das Telefon in meiner Hand klingelte. Ich nahm sofort ab, und nach dem üblichen „Wie geht es dir?“ kamen wir auch schon zu wichtigeren Themen.
„Wie sieht es mit der Wohnung aus?“, fragte meine Mutter.
„Oh, sehr gut. Übermorgen ziehen wir ein, da habe ich ein paar freie Tage und wir können uns in aller Ruhe einleben.“ Es fühlte sich seltsam fremd an, in meiner Muttersprache zu sprechen. Vertraut, aber fremd.
„Ich freue mich für euch, Anouk!“, sagte sie herzlich. „Ich kann es kaum abwarten, euch zu besuchen!“
„Dann mach das doch!“, bat ich inständig. Zu meiner Verwunderung kicherte sie.
„Na ja, ich würde gern, allerdings…“ Sie klang etwas verlegen, und als sie weitersprach, hatte ihr Ton etwas Förmliches angenommen. „Anouk, ich habe da jemanden kennen gelernt…“
„Was?“, rief ich aus. „Wirklich? Wen?“
„Nun ja, einen… einen Mann, natürlich… Du bist mir doch nicht böse deswegen?“
Diesmal lachte ich. „Warum sollte ich dir denn böse sein? Ich finde es großartig!“
„Danke, Schätzchen.“ Sie klang erleichtert, wechselte aber sogleich das Thema, als wolle sie mit ihrer Tochter lieber nicht näher über ihre Beziehung plaudern. „Also, wie läuft es sonst so? Ich versuche die Kritiken zu verfolgen, aber – du meine Güte, Englisch ist schwer für mich!“
„Besser, du liest es gar nicht“, riet ich ihr mit dunkler Stimme.
„Diese beiden Kerle haben dir das Blaue vom Himmel versprochen, nicht wahr?“, meinte sie weise.
„Oh ja.“ Ich runzelte die Stirn. Charles und Edwin hatten mir versichert, auch den letzten Rest Potenzial aus Love never dies zu schöpfen – und sie hatten sich auch so ins Zeug gelegt, dass ich überzeugt gewesen war, wir hätten einen Treffer landen können. Aber man konnte aus einem so umstrittenen Stück wie diesem eben keinen Hit mehr machen, egal wie groß man es aufzog.
„Das Wichtigste ist, dass du eine schöne Zeit hat!“, sagte meine Mutter aufmunternd, „und nette Kollegen. Sag, wie lange spielt ihr noch?“
„Die Laufzeit war auf drei Monate beschränkt“, antwortete ich etwas abwesend, „also noch knappe zwei liegen vor uns… Es wird wohl auch nicht verlängert. Ich zumindest werde nicht weiter dabei sein“, gab ich schließlich zu.
„Oh“, machte sie, „na ja, dann… Was machst du dann?“ Ich hörte, dass sie ängstlich klang, und schluckte.
„Ich suche mir was anderes, wie immer.“
„In London?“
„Nun… ja.“
Es entstand eine kurze Pause, in der ich langsam mit einer Hand einen Pullover zusammenlegte und in den Koffer warf, wo er wieder auseinander fiel.
„Das klingt so, als wolltest du dort heimisch werden“, sagte meine Mutter schließlich mit betont lockerer Stimme.
„Ach Mama, mach dir doch keine Sorgen!“, sagte ich, weil ich ihre Stimmung erriet. „Wir haben hier eine Wohnung gemietet – dir muss doch klar gewesen sein, dass wir länger bleiben. Liam hat einen guten Job, und ich… ich fühle mich hier ganz wohl. Aber wenn du möchtest, besuche ich dich, wenn mein Engagement vorbei ist. Ich bleibe etwas länger, ich kann mir eine Pause leisten.“
„Das klingt gut!“, sagte sie erleichtert.
Bald darauf beendeten wir das Gespräch, aber ich sah noch lange nachdenklich auf den Stillen Hörer. Vieles, was ich ihr erzählt hatte, stimmte nicht – und mit vielem hatte sie weit neben den Tatsachen gelegen. Ich hatte vielleicht eine schöne Zeit in London, aber die Stimmung im Ensemble war gespannt. Charles und Edwin hatten wohl nicht nur mir einen großen Erfolg versprochen, und viele fühlten sich hintergangen. Adam Crivello, so stellte sich nach einigen Wochen heraus, war recht dominant und nahm viele Dinge auch ungebeten in die Hand, spielte sich vor den Produzenten auf und verlangte „endlich transparente Tatsachen“ und so weiter. Außerdem machte sich Niedergeschlagenheit breit ob der mittelmäßigen Kritiken des Stückes – jetzt, nach dem ersten neugierigen Ansturm ließen auch die Besucherzahlen nach, und die Motivation begann bei einigen zu sinken. Ich zog meine Kräfte aus den abendlichen Auftritten, aus mir selber, aus meinem Gesang, aus der puren Freude an dem, was ich tat, und schraubte meine Erwartungen an das Publikum herunter. Wir hatten doch alle gewusst, worauf wir uns einließen. Natürlich waren einige Darsteller dabei, die nahmen, was man ihnen vor die Füße warf, selbst wenn es etwas so unsicheres wie Love never dies sein sollte. Aber alle anderen – wir „Großen“ – hatten sich aus freien Stücken entschieden, mitzumachen.
Außerdem nagte an mir, dass ich meine Mutter besänftigt hatte, was meinen Aufenthalt in London anging. Tatsache war, dass ich tatsächlich sehr heimisch geworden war und so gut wie kein Heimweh mehr nach Deutschland verspürte – außer, dass ich einige Musicals vermisste und die verpassten Möglichkeiten, an ihnen teilzunehmen, bedauerte. Hier in London war alles aufregend und magisch, jeder neue Tag glich einem kleinen Abenteuer, obwohl ich nun schon alles kannte. Ich bekam einfach nicht genug von dem Anblick der Tower Bridge, das Globe oder die schnurgeraden Reihenhäuser, dem hinreißenden britischen Akzent und der liebenswerten, höflichen Art der Engländer. Ich war glücklich – trotz der Unannehmlichkeiten bei der Arbeit.
Und die war begrenzt. Trotzdem, in einem hatte meine Mutter Recht: ich musste mir danach etwas Neues suchen, und ich wusste noch nicht, was. Hier in London war ich ein Nichts, nur bekannt aus Love never dies – im schlimmsten Fall würde ich die ganze Casting-Folge überstehen müssen.

Zwei Wochen später lag in meinem Theater-Postfach, nebst Fanpost, ein seriös aussehender Briefumschlag. Die Adresse des Theaters sowie mein Name waren darauf gedruckt, und das Briefpapier war schwer und elegant. Mein Englisch war inzwischen gut genug, dass ich auch die etwas förmliche Sprache gut verstehen konnte – viel war ohnehin nicht geschrieben. Es war eine Einladung zu einer Veranstaltung für West End-Darsteller, und ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, bis sich herausstellte, dass zwei andere Kollegen das gleiche Schreiben bekommen hatten: Adam und Fiona. Besonders Fiona zeigte sich aufgeregt.
„Aber… was ist das?“, fragte ich sie ratlos.
„Solche Diners sind eine gute Gelegenheit, Kollegen, Produzenten und Regisseure kennen zu lernen!“, erklärte sie mit leuchtenden Augen. „Meistens werden aus großen oder neuren Produktionen zwei bis drei Darsteller ausgewählt, die neu sind, berühmt oder einfach sehr gut. Ich war noch nie dort, aber das werde ich mir nicht entgehen lassen!“ Ihre Augen glitten über das Papier. „Dafür werden wir sicher frei bekommen, und es ist eine gute Gelegenheit, endlich mal wieder fein auszugehen.“
„Ich komme nicht mit“, warf Adam lakonisch ein. Als wir ihn fragend ansahen, zuckte er mit den Schultern. „Sie wollen mich sowieso nur, weil ich bekannt bin. Und Kontakte habe ich offensichtlich schon genug.“
„Fein“, sagte Fiona kühl und abschließend und wandte sich mir zu, was Adam automatisch ausschloss. Seit einigen Tagen lag sie im Streit mit ihm, weil er ihr ungebetene Ratschläge gegeben hatte. Und das mochte Fiona gar nicht.
„Also, hast du Lust?“, fragte sie, und als ich zögerte, setzte sie hinzu: „Ich bin ja dabei. Ich bleibe den ganzen Abend an deiner Seite und helfe dir. Also, was hältst du davon, wenn wir Montag zusammen shoppen gehen?“
Ihre kindliche Aufregung und dass sie mir so freundschaftlich zur Seite stand nahmen mir meine Zweifel: ich sagte kurz entschlossen zu und freute mich über diese aufregende und neuartige Abwechslung.
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Gaefa » 12.09.2016, 17:15:57

Interessante Entwicklungen. Es ist sehr realistisch, dass es auch mal nicht so gut läuft und die Stimmung im Ensemble ist durchaus nachvollziehbar. Ich freue mich, dass die beiden die Wohnung bekommen haben. Bei dem letzten Zeitsprung wäre eine kurze Anmerkung nett gewesen, wie sich die beiden in der Wohnung eingefunden haben ;) Auf das Diner bin ich sehr gespannt und drücke Anouk die Daumen, dass sie da neue Kontakte knüpfen und vllt eine neue Rolle bekommen kann. Bitte bald weiter.
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon armandine » 12.09.2016, 23:07:46

Mir hat der Teil auch gut gefallen, und es ist durchaus realistisch, dass die Stimmung gereizt wird, wenn es nicht so gut läuft. In Bezug auf das Dinner drücke ich ihr auch die Daumen.

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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Ophelia » 18.09.2016, 21:33:18

Der neue Teil kommt mir etwas unstrukturiert vor... Trotzdem viel Spaß beim Lesen!

Das neue Ereignis bescherte mir unerwarteter Weise eine neue Freundin. Fiona, auf die ich widerwillig so eifersüchtig reagiert hatte, war eigentlich ein nettes, etwas scheues Mädchen. Mit vierundzwanzig Jahren war sie zwei Jahre jünger als ich und nach ihrer Ausbildung recht schnell ans West End gekommen. Eigentlich hatte sie Drama studiert, war wegen ihrer guten Gesangsstimme aber schon das zweite Mal für ein Musical engagiert worden. Ihr großer Traum: Teil der Royal Shakespeare Company zu werden. Fiona war Shakespeare-Expertin, und zu jedem Lebensbereich hatte sie mindestens drei passende Zitate parat. Sie verehrte seine Stücke und kannte große Passagen auswendig.
Erst auf unserem Shopping-Ausflug merkte ich, dass wir uns sehr ähnlich waren – wir konnten herzlich miteinander über dieselben Dinge lachen, aber wir konnten auch viel Ernstes besprechen und ausdiskutieren. Und wir lästerten leidenschaftlich über Adam Crivello.
„Gib bloß nicht zu viel Geld aus“, sagte Liam augenzwinkernd, als ich mich morgens fertig machte.
„Ich weiß ja nicht mal, was man zu diesen Diners anziehen muss“, winkte ich ab.
„Das wird Fiona dir schon sagen“, erwiderte er. „Und ich glaube nicht, dass Frauen bei einem Shopping-Trip nur ein einziges Kleid kaufen.“
Da hatte er Recht. Als erstes lotste Fiona mich in die Boutique ihres Vertrauens. Sie lag in einer bunten Seitengasse, war teurer als andere Geschäfte, aber nicht unbezahlbar, und zeichnete sich durch eine Auswahl hübscher Einzelstücke aus.
„Also“, bat ich Fiona, als wir den Laden betraten, „sag mir, was wir tragen müssen.“
„Einen Dresscode gibt es eigentlich nicht“, sagte sie, während sie mit geübtem Blick die Kleiderstangen taxierte. „Es ist zwar elegant, aber nicht zu elegant. Nicht wie eine Premiere. Ein hübsches Cocktailkleid vielleicht, oder eine feine Hose. Ja, ich hätte eigentlich lieber eine Hose…“
Shoppen mit Fiona machte großen Spaß. Sie war überzeugt von Mode, ohne es zu übertreiben: sie wusste einfach, was sie tragen konnte und was anderen stand, und bei einem Fehlgriff konnte sie lachen. Außerdem war sie eine jener Personen, die mit allem, was sie trugen, etwas Einzigartiges ausstrahlten – irgendwie sah alles immer etwas kreativer und geschickter aus. Schließlich entschied sie sich doch für ein Kleid mit aparten Mustern – kariert und gestreift, alles in schwarz-weiß, und es passte wunderbar zu ihr. Ich selbst fand eine elegante, zartrosa Stoffhose und eine passende weiße Bluse mit ausgefallenem Kragen, und nachdem wir noch die passenden Schuhe ersteigert hatten, schlenderten wir durch die Stadt und aßen in einem Pub zu Mittag.
Gestärkt setzten wir unsere Tour dann fort, und bepackt mit Tüten und Taschen statteten wir der Tower Bridge noch einen Besuch ab.
„So lässt es sich leben“, sagte Fiona und beugte sich über das Geländer. Sie kam aus einem ländlicheren Teil Englands und war in einem einsam auf einem Hügel stehenden Cottage aufgewachsen. „Das habe ich gehasst“, hatte sie mir erzählt. „Ich wollte nur weg und in die Stadt.“ Jetzt konnte sie sich nicht vorstellen, London jemals wieder zu verlassen.
Wie gesagt, wir waren uns sehr ähnlich…

Das Theatertreffen, wie ich es getauft hatte, fand an einem Sonntagabend statt. Fiona und ich spielten die Nachmittagsvorstellung und machten uns dann zusammen zurecht. Wieder einmal gingen uns die Maskenbildner zur Hand, und ich kam mir ganz glamourös vor.
Das Treffen fand etwas außerhalb in einem Bürogebäude statt, und wir teilten uns ein Taxi, das uns hinbringen sollte.
Als wir ankamen, dämmerte es bereits. Das Haus war ein rechteckiges Gebäude mit typisch englischem Vorgarten, die Eingangstüre wurde von zwei hübschen Lampen flankiert und ein junger Mann nahm uns die Einladungen ab.
„Wow, cool!“, murmelte Fiona, als wir das Innere betraten. Die Eingangshalle füllte bereits eine ansehnliche Menschenmenge an hohen, schlanken Stehtischen oder auf gemütlich aussehenden Sesseln. Alles war in den klassischen Theaterfarben Schwarz, Weiß und Rot gehalten, und die Anwesenden unterhielten sich bereits angeregt. Ich kam mir sehr verloren vor, und ein Seitenblick auf Fiona verriet mir, dass sie sich ähnlich fühlte.
„Und jetzt?“, fragte ich leise. Sie zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß auch nicht… Vielleicht…“ Sie blickte hinüber zum Buffett, und im selben Moment näherte sich uns von der Rechten ein hochgewachsener Mann in schnittigem Anzug, der mich unangenehmer Weise an Alexej erinnerte. Seine Gesichtszüge waren allerdings wesentlich europäischer, und von einem rollenden, ansprechenden Akzent weit und breit kein Anzeichen. Stattdessen wandte er sich in so fließendem Britisch an mich, dass ich überhaupt nichts begriff – vor lauter Schreck über die plötzliche Zuwendung, die erste Ähnlichkeit mit meinem Seitensprung und Aufregung plätscherten seine Worte über mich, ohne einen Sinn zu ergeben.
„Äh“, machte ich, als er mir die Hand hinhielt, „sorry…“ Ich versetzte Fiona einen, wie ich hoffte, unauffälligen Stoß mit dem Ellbogen, gleichzeitig erwiderte ich den angebotenen Händedruck und war endlich wieder des Englischen mächtig.
„Es tut mir leid, ich fürchte, ich habe Ihnen nicht richtig zugehört“, sagte ich in einem Englisch, auf das Liam stolz gewesen wäre. „Ich bin Anouk Steger, und das ist Fiona May.“ Mein Name klang zwischen den sanften Zungenschlägen wie ein Kiesel.
„Ah, Love never dies, richtig?“, sagte er. „Louis Davis, Koordinator.“ Er reichte auch Fiona die Hand. „Sind Sie zum ersten Mal hier? – Gut. Für den Abend gibt es kein festes Programm. Wenn Sie möchten, stelle ich Sie einigen Leuten vor, die für Sie von Interesse sein könnten…“ Er folgte Fionas Blick, der auf eine kleine Menschengruppe etwas abseits gerichtet war. „Ah, einige Ensemblemitglieder aus der RSC. Sind Sie ein Shakespeare-Fan?“
„Sie ist nicht bloß ein Fan“, nahm ich Fiona die Antwort ab. „Sie verehrt ihn. Sie ist ein Kenner! In ihrem früheren Leben war sie bestimmt Anne Hathaway.“
Fiona errötete, aber Louis ging schon voraus und stellte uns unverblümt vor, und das nächste, das ich mitbekam, war, dass Fiona in ein angeregtes Gespräch verwickelt war, dem ich nicht mehr folgen konnte (Shakespeare hatte ich eher nachlässig behandelt). Louis aber war unermüdlich: „Oh, einen Moment bitte, Max – hier ist Mrs. Steger, wir sprachen eben erst über sie“, er zog einen zur Glatze neigenden Herrn mittleren Alters herüber. „Maxwell Douglas, Anouk Steger – sehen Sie, ich gebe Ihnen diesen Drink, dann haben Sie beide einen…“ In geübter Geschäftigkeit drückte er mir einen Becher in die Hand, mit den Augen schon bei den nächsten Neuankömmlingen, und ich hatte keine Ahnung, wer Maxwell Douglas war.
Wie sich herausstellte, war er Kritiker und Theaterautor. Wir unterhielten uns über meine bisherige Karriere, und dann wechselten meine Gesprächspartner in rasanter Geschwindigkeit – in den nächsten Stunden war ich damit beschäftigt, Ausschreibungen anzusehen, Ideen anzuhören, Visitenkarten einzustecken und zwischendurch nach Fiona zu sehen, die sich ebenfalls in einem ähnlichen Marathon befand. Mir schwirrte so sehr der Kopf, dass ich mich kurz vor Mitternacht in einer Klokabine einschloss und den Packen an Papier und Pappe aus meiner viel zu kleinen Tasche nahm und noch einmal neugierig durchsah – vieles hatte ich einfach nur freundlich lächelnd entgegen genommen mit den Worten: „Ich werde darüber nachdenken“. Viele der Visitenkarten waren völlig nutzlos für mich, weil ich die Namen schon keinen Gesichtern mehr zuordnen konnte, und einige Auditionausschreibungen gehörten gar nicht in mein Repertoire oder waren für Tourneen, die ich nicht antreten wollte, aber einige Dinge waren recht interessant – eine auf drei Aufführungen begrenzte konzertante Version von The secret Garden (ich kannte genau einen Song daraus), das Konzept von mehreren kleinen Shows, die für das Fernsehen konzipiert waren und sich je mit einem bedeutenden Komponisten beschäftigten, ein Casting für die West End Christmas Show und zwei Auditions für den Castwechsel bei Evita und Phantom of the Opera. Ich musste schmunzeln – es wäre doch zu verrückt, von dem Sequel zum originalen und viel besseren (machten wir uns nichts mehr vor) Original zu wechseln. Ich packte die interessanten Sachen in eine eingenähte Seitentasche und ließ den Rest etwas achtlos zurück fallen.
Mit all dem würde ich mich in den nächsten Tagen beschäftigen.
Jetzt wollte ich erst einmal Fiona finden und versuchen, die von der Shakespeare Company loszulösen.

Es dauerte noch bis fast zwei Uhr, ehe wir aufbrachen, und als ich endlich ins Bett kam, war es schon beinahe vier. Vor lauter Gesprächen, Einladungen und Vorschlägen brummte mir der Schädel, und erst als es bereits dämmerte, konnte ich zur Ruhe kommen und in einen unruhigen Schlaf fallen.
Am nächsten Morgen schlief ich nicht lange. Nachdem ich die neuen Angebote gestern Abend etwas gleichgültig behandelt hatte, war mir plötzlich ganz schlecht aus Angst vor meiner ungewissen Zukunft: was sollte nach Love never dies kommen? Würde ich in England überhaupt Fuß fassen können, nachdem ich einen nur mittelmäßigen Einstand gefeiert hatte? Ich schwang mich aus dem Bett und setzte mich an den Frühstückstisch, den Liam immer für mich gedeckt ließ, aber ich konnte kaum etwas essen. Stattdessen kramte ich die verschiedenen interessanten Zettel aus der Tasche und unterteilte sie zwischen Brotkorb, Marmeladengläsern und Besteck rasch in uninteressant, zeitlich knapp und interessant. Tatsächlich war The secret Garden ein vielversprechendes Projekt – trotz knapper Probenzeit und begrenzter Auftritte wurde es passabel bezahlt, und es sollte in der Royal Albert Hall inszeniert werden, was natürlich ein weiterer Pluspunkt war. Ich überflog die ausführliche Ausschreibung und markierte mir die Rollen Lily, Rose und natürlich Ensemble; Vorbereitungszeit für Evita und Phantom würde mir keine mehr bleiben, die Auditions begannen schon in den nächsten Tagen, also legte ich diese beiden Projekte mit einem Anflug von Bedauern weg. Für die West End Christmas Show würde ich ebenfalls vorsingen, und dann las ich mich noch einmal genau in die Fernseh-Shows ein: es handelte sich um die Aufzeichnung vor Publikum von 45 bis maximal 90 Minuten langen Episoden, in denen jeweils ein Musical oder ein Komponist vorgestellt werden würde. Jedes Mal kamen andere Darsteller in die Show, um Songs zu präsentieren, vielleicht auch anders als gewohnt; es würden kleine Dokus gezeigt über die Entstehungsgeschichte eines Werkes, Einblicke in Proben und so weiter. Die Serie hatte den einfachen Titel About… und würde auf dem Sender BBC two im Morgenprogramm gezeigt werden. Es klang interessant, aber ich zögerte: eigentlich empfand ich Auftritte im Fernsehen als unangenehm, und die Episode, bei der ich die größten Chancen hatte, war About… Love never dies. Und davon hatte ich im Moment eigentlich mehr als genug. Dennoch… ich markierte die Ausschreibung ebenso wie zwei weitere: About… Sondheim und About… West Side Story.
Dann zog ich meinen Laptop heran und suchte das Album The secret Garden auf Spotify, um es während des Frühstücks zu hören.

Liams Ankunft am Nachmittag bekam ich kaum mit. Erst, als er im Wohnzimmer stand und laut an die Türe klopfte, brach ich abrupt meine Gesangsübungen ab.
„Oh“, sagte ich, „du bist’s… Ist es schon so spät?“
„Allerdings. Was probst du da?“ Er kam näher und besah sich die Texte und Notenblätter, die überall verstreut lagen. „Only love? Habe ich etwas verpasst?“
„Ich bereite mich auf eine Audition vor!“, erklärte ich rasch, während ich meine Sachen wieder zusammen räumte. „Hier.“ Ich reichte ihm die Ausschreibung für The secret Garden.
„Tut mir leid, ich bin noch gar nicht dazu gekommen, etwas zu Essen zu machen… Ich habe den ganzen Tag mit Viktoria telefoniert und meiner Gesangslehrerin. Ich bin noch zu ein paar anderen Sachen eingeladen, aber das hier hat jetzt erst mal Vorrang.“
„Für wen singst du vor?“, fragte er.
„Lily!“, antwortete ich, so inbrünstig, dass er belustigt aufsah. „Ich muss das einfach schaffen!“, brach es aus mir heraus. „Ich muss, ich muss!“
„Ich wusste ja gar nicht, dass du dieses Stück so gern magst…“
„Bis vor ein paar Stunden kannte ich es ja kaum! Aber jetzt…“ Ich konnte nicht aussprechen, was mich wieder ergriffen hatte, was ich schon länger nicht mehr gespürt hatte: die brennende, unbändige Leidenschaft für ein neues Stück, das Verlangen, es einfach zu singen, das Jucken in der Kehle, das Drängen der Zunge jetzt endlich loszulegen… Ich hatte die Songs gehört, und sie hatten mich berührt, so leicht war es zu erklären. Und nun war das Mitwirken an dieser Produktion zu meinem neuen, hohen Ziel erklärt worden.
Und meine Chancen standen gar nicht mal schlecht: die Audition war nicht für jeden Darsteller frei zugänglich, weshalb ich auch so lange hatte telefonieren müssen: mehrmals hatten die Zuständigen meinen Lebenslauf geprüft, mit Viktoria verhandelt, zwischendrin sah es fast so aus, als stünde ich nicht zur Debatte, da ich noch so neu und unbekannt war. Nun aber wollten sie mir eine Chance einräumen, und in zwei Wochen stand mein Vorsingen an. Ich hatte sofort zu proben begonnen.
Das alles berichtete ich Liam. „Wie wäre es, wenn du auch vorsingst?“, fragte ich atemlos. „Sieh mal, einiges hier passt gut zu dir… Vielleicht könntest du zugelassen werden!“
Liam sah mich an und schüttelte den Kopf.
„Weißt du, Anouk“, sagte er, „es ist seltsam, aber… ich will im Moment gar nicht auftreten. Mir gefällt mein Job.“ Er umarmte mich. „Aber ich wünsche dir sehr, dass du das hier schaffst. Und wenn du erst mal richtig berühmt bist, dann werden wir überall gemeinsam auftreten, wie es uns passt“, schmunzelte er.
„Ja, das wäre schön!“, stimmte ich der Träumerei zu.
Was ich rette, geht zu Grund
Was ich segne muss verderben
Nur mein Gift macht dich gesund
um zu leben musst du sterben

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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Gaefa » 18.09.2016, 22:19:20

Ein schöner Teil. Es freut mich sehr für Anouk, dass sie wieder Feuer und Flamme für ein neues Stück ist. Ich drücke ihr fest die Daumen für das Vorsingen und bin schon sehr gespannt, wie es läuft. Bitte bald weiter ;)
Achso, mir ist nicht aufgefallen, dass es unstrukturiert ist. Es passte zu den springenden Gedanken, die Anouk gerade hat.
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon armandine » 19.09.2016, 18:55:29

Gefällt mir! Sie scheint sich ja in London richtig zu etablieren. Nur dass mit dem "Vorsingen für Evita und Phantom sind zu kurzfristig" erscheint mir unrealistisch, die beiden großen Nummern aus diesen Shows hat doch sicher so gut wie jede Sopranistin parat.

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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Ophelia » 24.09.2016, 12:30:38

Wieder ist eine Woche um - also kommt hier der neue Teil:

Wie schnell sich manche Dinge von selbst erledigten…
Die Herren Reed und O’Neill, die in meiner Sympathie ohnehin schon reichlich gesunken waren, starteten einen letzten Versuch, Love never dies doch noch einmal etwas Aufschwung zu geben und verpflichteten Adam und mich zur Teilnahme an der Show About… Love never dies. Von alldem erfuhr ich erst nach der Matinee am Sonntag, als Edwin mir eröffnete, die Produzenten haben uns begutachtet und nun sei alles unter Dach und Fach.
„Ach, und du bestimmst das einfach so, ja?“, protestierte ich aufgebracht. „Du meldest mich da einfach an, ohne mich zu fragen?“ Vor lauter Entrüstung wurde mein Englisch ganz hart und kantig. Auch Edwin fuhr die Krallen aus.
„Du bist bei uns verpflichtet, Anouk, und für die nächsten zwei Monate wirst du eben auch zu Promotionszwecken eingesetzt werden.“
Ich schnaubte. „Das wird auch nichts mehr retten!“, warf ich ihm böse entgegen.
„Ich weiß“, sagte Edwin und war plötzlich ganz ruhig. Und zum ersten Mal sah ich in seinen Augen den gefallenen Mann, den er für alle verkörperte. Der Trottel, der auf die falsche Karte gesetzt und alles verloren hatte. „Ich weiß, dass wir dir viel versprochen haben – und wenig gegeben. Deine vertraglichen Pflichten werden nicht verlängert – überhaupt werden sie das von niemandem. Wir setzen die Show pünktlich ab. Aber, bitte – erledige auch die unangenehmen Jobs. Alles, was du tun musst, ist, die Arie zu singen und einen Teil aus "Beneath a moonless sky". Ein paar Interviews, das ist alles. Und es wird extra bezahlt.“
„Das will ich auch meinen“, knurrte ich, trotz seiner Zerknirschtheit noch nicht ganz besänftigt. „Also, wenn das alles war, brauche ich jetzt dringend eine Pause.“
Ich schloss mich in der Garderobe ein, schälte mich aus meinem blutigen Kostüm und zog die Perücke ab. Dann wartete ich etwas, bis der erste Ansturm in der Kantine vorüber war, und holte mir dort eine heiße Schokolade und ein paar Sandwichs.
Die nächsten Stunden bis zur zweiten Vorstellung verbrachte ich damit, das Kinderbuch "The secret Garden" zu lesen, das mich bereits nach einigen Seiten verzaubert hatte.

Für die Audition bereitete ich „Only love“ aus The scarlet Pimpernel sowie einige Songausschnitte aus The secret Garden vor, die ich mit meiner Gesangslehrerin erarbeitete. Außerdem feilte ich noch einmal an meiner Arie, die sich ebenfalls gut als Song anbot. Meine Tage waren nun sehr ausgefüllt – von mittags bis nachmittags hatte ich Gesangsstunden, danach blieb kaum noch Zeit zum Einkaufen, ehe ich ins Theater ging. Aber ich fühlte mich sehr gut. Die Vorbereitungen halfen mir, mich wieder mehr wie eine Künstlerin zu fühlen. Das derzeitige Engagement füllte mich nicht aus und die Zeit zog sich – ich hatte das Gefühl, auf der Stelle zu treten.
Aber jetzt, das spürte ich, würde sich etwas ändern. Es gibt sie – diese Rollen, bei denen man weiß, dass sie für einen geschaffen sind. Dass man die reelle Chance hat, sie wirklich zu bekommen. Deshalb war ich auch nicht nervös, sondern freudig aufgeregt, als das Vorsingen endlich anstand. Am Abend vorher heftete ich die eben erst säuberlich abgeschriebenen Notenblätter in eine brandneue, professionell aussehende Kladde und legte am Abend mein Outfit zurecht – ich wählte neben einer schlichten Hemdbluse einen schwarzen Rock mit schwarzer Strumpfhose, beides noch aus meiner Ausbildungszeit. Ich wusste und glaubte zwar nicht, dass es große Bewegungsprüfungen geben würde, trotzdem wollte ich bei der Audition meine Weiblichkeit betonen, was im Theater klassischerweise durch das Tragen von Röcken oder bequemen Kleidern geschah.
Das Vorsingen würde in einem Theater stattfinden, am West End. Daher ließ ich mich von Liam dort absetzen, und weil es inzwischen recht kühl geworden war, saß ich noch eine Stunde in einem Café mit Blick auf Piccadilly, ehe ich mich auf den Weg machte.
Mein Termin war um 09.30 Uhr, also schon recht früh; man hatte mir die Daten zusammen mit einem Papier geschickt, das mich als angemeldet auswies. Ich ging eine Weile um das Theater herum, in dem gerade Les Misérables aufgeführt wurde; es dauerte etwas, bis ich die Bühnentür fand, durch welche ich nach Kontrolle der Papiere eingelassen wurde.
Drinnen war es herrlich. Ich erhaschte einige Blicke auf die Requisiten und Kostüme, ehe ich im Foyer auf meinen Moment wartete. Um mich herum waren nur wenige Mitbewerber; ich zählte noch sechs weitere Frauen, die für Lily zugelassen waren, und mehrere Männer, mit denen ich aber nicht ins Gespräch kam. Ich wusste also nicht, für wen sie vorsangen. Einer von ihnen war Niederländer; ich konnte kurz hören, wie er telefonierte, und einen anderen erkannte ich von Auftritten auf dem Broadway. Die Mitbewerberin, die gerade von ihrer Audition zurückkehrte, trug einen großen Namen, aber sie war nicht mehr so jung, wie ich es mir für eine Lily wünschen würde, weshalb ich immer noch gelassen blieb.
Fünfzehn Minuten zu spät wurde mein Name aufgerufen. Ich betrat den Theatersaal und war kurz überwältigt; die leeren Ränge und Sitzreihen, die vor und über mir aufragten, machten mich schwindlig und aufgeregt. Ich konnte spüren: das Theater war meine Welt, und die Bühne mit den Drehelementen und den schattenhaften Barrikaden im Hintergrund haftete fest an meinen Füßen.
„Guten Morgen“, sagte ich in die Stille hinein, und zwei der vier Jurymitglieder grüßten zurück.
„Guten Morgen“, sagte ein recht junger Mann, „könnten Sie uns als erstes Ihren Namen nennen?“
Ich war ein wenig verdutzt, antwortet jedoch und erkannte dann den Grund: die Leute wussten nicht, wie man ihn korrekt aussprach und verrenkten sich beinahe die Zungen, als sie es versuchten. Wir mussten alle lachen, und die Stimmung war plötzlich sehr locker.
„Vielleicht sollten Sie einen Engländer heiraten“, schlug eine Dame schmunzelnd zu, „um wenigstens den Nachnamen aussprechbar zu machen.“
„Nun, Sie haben das doch schon ganz gut gemacht!“, erwiderte ich munter. „Möchten Sie, dass ich jetzt vorsinge?“
„Ja, bitte. Was werden wir hören?“
„Ich werde Only love singen“, antwortete ich, „aus The scarlet Pimpernel.“
„Ah, schön“, sagte die Dame, „mal etwas anderes.“
Ich brachte dem Pianisten meine Noten. Er roch nach Tabak und sah aus wie ein alter Seemann, aber er lächelte mir freundlich zu und schlug ein paar Töne an, bis sie mir passten. Ich hatte erst ein wenig Sorge gehabt, plötzlich ins Deutsche zu wechseln – der Song war schließlich für das Musical Rudolf übernommen worden - , aber es passierte nichts. Ich hatte sogar das Gefühl einer sehr gut sitzenden Stimme und viel Atemkraft, weshalb ich im letzten Drittel des Songs aus reiner Intuition – man könnte sagen, meine Stimme entschied, wohin sie gleiten wollte – noch einige Noten dramatisch höher ging. Manchmal dachte ich beim Singen an bestimmte Menschen oder Augenblicke, und eigentlich hatte ich mir vorgenommen, an Liam zu denken, aber nun war mein Kopf ganz leer, und mein Körper war Gesang. Ich spürte die Arbeit meines Zwerchfells, ein leises Zittern meines Körpers, meine Augen sahen die vielen Sitzreihen und sahen sie doch nicht; Staub tanzte im sporadischen Bühnenlicht und wirbelte vor meinen Lippen zurück, und die vier Minuten, die der Song einnahm, waren purer Genuss, pure Lust am Singen, am Spüren meines Selbst, am Sein, am Ausprobieren, wie weit ich noch gehen konnte.
Ich hätte ewig so weitermachen können.
Die Jury applaudierte, aber ich konnte und wollte das nicht als besonders positiv werten – jeder hatte schließlich seine eigenen Eigenarten.
Sie fragten nach einem weiteren Songausschnitt.
„Was möchten Sie denn hören?“, fragte ich.
„Was haben Sie noch vorbereitet?“
Ich zählte auf: „How could I know als Solostück, Love never dies und Green finch and linnett bird.“ Letzteres war eine gewagte Behauptung; ich kannte den Song zwar, hatte ihn aber nicht vorbereitet. Aber ich fand, dass er passend war. Die Jury entschied sich trotzdem für den Ausschnitt aus ihrem Musical, und baten mich um ein kleines Extra: „Wir möchten, dass sie sich Ihren Partner, also Archibald, direkt vorstellen. Er antwortet Ihnen nicht, und er kann Sie hier nicht sehen, aber Sie singen zu ihm.“
Die Improvisationsaufgabe drohte mich zu verunsichern, aber ich bat lediglich um einige Sekunden der Vorbereitung und nickte schließlich dem Pianisten zu, ohne mir große Gedanken gemacht zu haben.
Bisher war alles intuitiv geschehen. Warum also nicht auch das?
Wieder war ich im Einklang mit mir selbst, aber auch wachsam. Jeder meiner nächsten Handlungsschritte war sowohl intuitiv als auch rasch überlegt; Kopf und Herz arbeiteten Hand in Hand. Ich spürte, dass ich meine Arbeit gut machte, und lächelte der Jury stolz entgegen. Ich fühlte mich sehr erwachsen und professionell. Ich war eine professionelle Sängerin.
„Vielen Dank, Anouk“, sagte der junge Mann. „Wir werden Ihnen nun eine kurze Rückmeldung geben und dann das weitere Vorgehen besprechen.
Ihre Stimme gefällt mir sehr. Sie haben eine saubere, sehr konzentrierte Technik, und Ihre Stimme trägt weit. Sie müssen nur darauf achten, nicht allzu hoch zu werden. Es war noch im Rahmen, aber es drohte beinahe, den zweiten Teil qualitativ etwas zu mindern. – Nicht, dass ihr Stimmumfang nicht beeindruckend wäre“, fügte er rasch hinzu, als er wohl meine Verunsicherung bemerkte.
„Ich stimme Jordan da zu“, schloss sich die Dame an. „Lily ist ein sehr subtiler Charakter, irgendwie ätherisch. Wir sollten da dann nur einige Oktaven herunter gehen, um sie nicht zu… spitz wirken zu lassen. Alles an ihr sollte sehr weich und tragend sein. Aber ihr Ausdruck und Ihr spontanes Spiel gefallen mir sehr. Ihre Gestalt eignet sich gut, finde ich.“ Sie nickte mir aufmunternd zu.
„Ja, ich denke auch, Sie strahlen Professionalität aus“, meinte der Nächste, „und ich habe den Eindruck von Zuverlässigkeit, wenn ich Sie sehe.“
Ich bedankte mich nach jeder Kritik und nahm sie in mich auf.
„Danke, Anouk“, sagte das vierte Mitglied, „wir würden Sie gerne in die zweite Runde einladen.“
Ich war sehr überrascht, dass alles so schnell ging. Er bemerkte das.
„Sie gehören eindeutig in die engere Auswahl, aber wir wollen natürlich noch Ihr Zusammenspiel mit den Mitbewerbern testen, insbesondere mit Archibald. Die zweite Runde findet am Wochenende in der Royal Albert Hall statt, wir wollen dort auch ihr Verhalten auf der großen Bühne und die Wirkung Ihrer Stimme testen. Hier ist Ihre Bescheinigung dafür – vielen Dank!“
Ich nahm, ebenfalls dankend, meine Papiere entgegen und verließ den Saal.
Erst auf der Straße erlaubte ich mir, aus der Haut zu fahren und drei begeisterte Hüpfer zu machen.

Die Royal Albert Hall – du lieber Himmel. Sie war sogar an einem trüben Nieseltag wie diesem beeindruckend und wunderschön. Ich hielt mich auf dem Vorplatz auf, bis man uns – das hieß mich, meine einzige Mitbewerberin (bei der es sich nicht um den großen Namen handelte…) und drei Archibalds einließ. Zurzeit beschäftigte man sich im Innern des geschichtsträchtigen Gebäudes noch mit anderen Rollen.
Liam begleitete mich heute. Wir sprachen über belangloses Zeug, denn heute war ich schon etwas aufgeregt – nur noch eine Mitbewerberin zu haben war irgendwie spannender, als gegen mehrere anzutreten. Es war wichtiger, entscheidender. Ich fing auch ein paar Gespräche mit den Archibalds an – einer von ihnen war der Niederländer, Viktor van Gaal, der passabel Deutsch sprach und einen feinen Humor hatte. Der zweite, Rupert Isaacs, war Mitte fünfzig und vor zehn Jahren Teil der Elite des West Ends gewesen – seine Stimme zeichnete eine angenehme, ungewöhnliche Durchdringlichkeit aus, aber heutzutage kannte ihn in Deutschland niemand und in London drohte er unter der Vielzahl von neuen Talenten in Vergessenheit zu geraten. Der dritte war nur einige Jahre älter als ich, hatte aber bereits als Phantom brilliert und war eher der sportliche Typ. Mit Rupert sprach ich aus lauter Respekt vor seinem unglaublichen Können kaum ein Wort, und meine Mitbewerberin Eve wollte anscheinend kein Wort mit mir wechseln. Dafür unterhielt sie sich aber sehr angeregt mit allen männlichen Bewerbern.
„Ich weiß schon, was da läuft“, murmelte ich belustigt. „Sie will sich schnell mit allen gut stellen, damit die Jury denkt: Ui, da stimmt die Chemie aber…“ Ich fand ihr Verhalten peinlich.
„Mach dir nur keine Sorgen“, meinte Liam. „Du machst deine Sache gut. Ich bin sehr stolz auf dich.“
„Spar dir das für später auf – vielleicht!“, sagte ich, als ein Mitarbeiter uns herüber winkte. „Bis später!“
„Viel Glück!“, rief er mir nach, und ich winkte ihm zu – „Danke“ zu sagen würde bloß Unglück bringen, das wusste ich inzwischen.

Der Zuschauerraum war überwältigend.
Und die Audition war es ebenfalls. Als ich das Gebäude verließ, dämmerte es bereits – und ich hatte es bei verhangener Mittagssonne betreten!
Eine Menge war passiert.
Als erstes stellte sich heraus, dass wir alle im Publikum sitzen würden. Die Archibalds würden das Duett "Lily’s eyes" singen, je mit einem bereits zur Cast gehörenden Partner, und die Mitbewerber sollten anschließend beschreiben, was sie anders machen würden und dies dann sofort umsetzen. So hörte ich allein dieses Duett fünf Mal, ehe ein männliches Solo an der Reihe war – "Where in the world", das alle drei Bewerber interessanterweise völlig anders interpretierten: der Niederländer hatte eine ruhige Version vorbereitet, die an den originalen Broadway Cast erinnerte, Ruperts Version war die wilde, die ich von der Londoner Aufnahme kannte, und das sportliche Phantom erinnerte die ganze Zeit an – das Phantom. Er wurde als erster verabschiedet und nahm es gelassen: er hatte ohnehin soeben ein Engagement in Las Vegas ergattern können. Glückspilz! Anschließend sollten Eve und ich abwechselnd Lilys Teil im Finale singen, der nicht sehr lang war und daher sehr viel Ausdruckskraft und Fantasie benötigte.
Anschließend gab es eine kleine Pause, in der uns ganz nebenbei Maße genommen wurden, um uns in Übergangskostüme zu stecken – weiße, bodenlange Kleider, die eine schlichte Eleganz besaßen. Ein Maskenbildner steckte mir die Haare etwas anders hoch, und dann ging es an das große Duett „How could I ever know.“ Ich sang es drei Mal – mit Rupert, mit Viktor und noch einmal etwas später mit Rupert, wo wir schon erste Regieanweisungen zugerufen bekamen. Auch Eve sang es zwei Mal.
Mit Rupert hatte ich außerhalb der Bühne sofort eine eigenartige Lehrer-Schüler-Beziehung: er lobte mich für meine Leistung und gab mir Tipps, die nicht belehrten, sondern wertschätzten. Auf der Bühne ergänzte er mein Spiel, wie ich fand, in meinem Sinne und sehr passend, und ich verlor meine Scheu vor ihm. Die natürliche Autorität, die ihn immer umgab, verschwand auf der Bühne, und ich fand, dass man ihn als Archibald auswählen sollte, weil er alt genug und traurig genug war.
Als letzte Übung wurden Eve und ich angewiesen, uns rechts beziehungsweise links im hinteren Bühnenbereich zu platzieren, während die beiden Männer im vorderen Bereich und enger zusammen standen. Sie sollten „Where in the world“, singen, und zwar immer im Wechsel, wie es der Jury gefiel – wenn sie auf Rupert deuteten, sang er sofort dort weiter, wo sein Konkurrent gestoppt wurde, welcher solange im Freeze blieb, bis er wieder an der Reihe war. Das Ganze wurde nur kurz geübt, bis die Übergänge fließend waren.
Eves und meine Aufgabe war eigentlich nur Zusehen. Allerdings – nur zusehen war vielleicht nicht die passende Beschreibung. Es ging darum, in der Rolle der Lily zu beobachten – aus der Zwischenwelt dem trauernden Witwer zuzusehen, wie er um seine verstorbene Frau wütete. Ich stellte mir vor, dass Lily – als ätherische Person – wohl aus dem Hintergrund zusähe, sowohl mitleidig als auch wissend: sie war über das Leben erhaben, aber sie vermisste trotz der Erlösung durch den Tod ihren Mann. Sie wollte ihn trösten, ihn aber nicht in seiner Trauer stören. Deshalb sah sie ihm erst nur zu, bis er ihre überirdische Anwesenheit mit seiner liebenden Sehnsucht bemerkte. Sie gab sich ihm zu erkennen, wenn er sie am dringendsten brauchte.
Es war schwer, nicht zu Eve zu linsen, besonders, als sie aus meinem Blickfeld verschwand, weil sie irgendeine kleine Bewegung auf die Männer zumachte. Ich entschied spontan, mich nicht zu nähern, ehe sich der Song dem Ende neigte, und weil die beiden Männer ihre Rollen wirklich gut spielten, konnte ich rasch in die Situation gleiten.
Danach war die Audition recht plötzlich zu Ende, aber diesmal wurden wir nicht mit einem endgültigen Ergebnis entlassen: morgen, spätestens übermorgen, würde man uns kontaktieren. Es verbot sich natürlich von selbst, über das Engagement zu reden, trotzdem wurden wir daran erinnert.
Also zog ich mich um und verließ das beeindruckende Gebäude. Die Vorstellung, auch nur ein Konzert darin zu singen, war fantastisch.
„Wie ist es gelaufen?“, fragte Liam, der mir mit einem Schirm entgegen kam. Er hatte in der Stadt Erledigungen gemacht und dann im Auto auf mich gewartet. Es roch nach Kaffee und war herrlich warm.
„Ich fand, es lief gut für mich“, antwortete ich ehrlich. „Aber alle anderen waren auch gut. Ich kann es gar nicht einschätzen…“ Ich lehnte mich zurück. Erst jetzt überkam mich eine bleierne Erschöpfung – der Tag war anstrengend gewesen!
„Ich fahre dich ins Theater“, sagte Liam munter. Die Erkenntnis, dass ich ja noch arbeiten musste, traf mich wie ein Schlag, und ich seufzte laut auf.
„Tja, ohne Fleiß kein Preis“, sagte Liam weise, während ich versuchte, wacher zu werden.
Er hatte ja Recht.
Was ich rette, geht zu Grund
Was ich segne muss verderben
Nur mein Gift macht dich gesund
um zu leben musst du sterben


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