Zwischen Traum und Wirklichkeit

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Christine
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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Christine » 12.02.2012, 17:40:37

So... Heute nun wie versprochen ganz pünktlich das nächste Kapitel :) Viel Spaß und ein schönes Restwochenende.




Eine Stunde später saß ich im Auto und war auf dem Weg zu dem Club, in dem Diana ihren dreißigsten Geburtstag feierte.
Anders als sonst nahm ich Jan heute nicht mit – er spielte mit Diana die heutige Vorstellung; die beiden wollten danach zusammen zu dem Club fahren und Yvonne mitnehmen, die die heutige Vorstellung ansah, um Diana und mich vergleichen zu können. Ich verzog das Gesicht. Natürlich wusste ich, dass viele Fans die Show mehrmals ansahen, um die Darsteller in den Rollen vergleichen zu können.
Aber zu wissen, dass jemand genau in dieser Minute im Theater saß, Dianas umwerfende Stimme hörte und mit mir verglich… Dabei fühlte ich mich doch unwohl.

Ich warf einen Blick auf den Beifahrersitz, wo neben meiner Handtasche eine riesige Flasche Prosecco lag – mein Mitbringsel zur Party. Es war nicht sehr persönlich, aber Diana, unsere „Partymaus“, wie sie im Ensemble scherzhaft hieß, würde sich freuen.
Ich sah wieder auf die Straße und lächelte. Normalerweise ging ich nicht gern auf Partys, aber auf heute Abend freute ich mich. Ich genoss es, wenn ich meine Kollegen privat erleben konnte – dann erst entstand das Gefühl wirklicher Freundschaft. Außerhalb des Theaters hatten viele von uns – wie ich – kaum noch Kontakte. Dafür fehlte die Zeit.

Mein Blick fiel auf die Uhr am Armaturenbrett und ich wusste, dass die Vorstellung ungefähr jetzt zu Ende sein musste. Ich stellte mir Jan vor, der sich gerade verbeugte, und musste lächeln. Obwohl er fast zwei Jahre älter war als ich, hatte er so eine kindlich-fröhliche Art, sich über den Applaus zu freuen, dass ich nur neidisch sein konnte. Sicher, ich war auch stolz auf die Anerkennung jeden Abend, aber diese bedingungslose Freude war mir verloren gegangen.

Ich sah in den Rückspiegel – und erschrak so heftig, dass ich den Wagen beinahe auf die Gegenfahrbahn gelenkt hätte. Auf der Rückbank saß mein Bekannter, für den ich mir noch einen Namen ausdenken musste.
Rasch lenkte ich mein Auto wieder richtig in die Spur und sah ihn vorwurfsvoll im Spiegel an. „Du wolltest dich nicht zufällig vorher ankündigen?“, fragte ich mit einem strengen Blick. Er schüttelte den Kopf und blickte – absichtlich? – über meine Kritik hinweg.
„Das tue ich meistens nicht“, erklärte er und ich musste ihm wohl oder übel zustimmen. Er kündigte sich eben nur bei sehr alten Menschen und schwer Kranken an; das leuchtete mir ein. Aber trotzdem.

„Ich will heute Abend unbedingt noch erleben“, beschwerte ich mich. „Denk nicht mal dran, mich jetzt mitzunehmen. Diese Party werde ich mir nicht entgehen lassen.“
Er lächelte. „Keine Sorge, ich nehme dich schon nicht mit. Noch nicht. Amüsier dich ruhig heute Abend.“

Einen Moment überlegte ich, ob ich ihn fragen sollte, was er mit noch nicht meinte, aber entschied mich dann doch dagegen. So genau wollte ich es gar nicht wissen und beschloss, die Andeutung nur als Hinweis zu verstehen, dass ich sterblich war.

Ich konzentrierte mich auf den Verkehr, aber bei jedem Blick in den Rückspiegel sah ich seine düsteren Augen, deren Blick forschend auf mir ruhte. Fröstelnd zog ich die Schultern auf und drehte die Heizung höher, obwohl ich ahnte, dass die Kälte in meinem Inneren nicht von außen kam.

Die Fahrt verlief, bis auf die automatischen Ansagen meines Navigationsgeräts, schweigend. „Sie haben Ihr Ziel erreicht“, verkündete die Stimme schließlich, als ich fast genau vor der Tür des Clubs eine Parklücke fand.
Ich stellte den Motor ab und sah ihn herausfordernd an. „Was jetzt? Kommst du mit oder wie?“
Er lächelte wieder und schüttelte unbestimmt den Kopf. „Ich lasse mich vielleicht mal blicken. Aber ansonsten lasse ich dir heute einen ruhigen Abend. Amüsier dich gut, Elisabeth – es ist vielleicht die letzte Party, an die du dich gern erinnern wirst.“
Nun wollte ich doch wissen, was diese seltsamen Andeutungen zu bedeuten hatten. Aber noch während ich Luft holte, um ihn zu fragen, blickte mir im Spiegel nur noch der leere Rücksitz entgegen.

Ich schüttelte den Kopf und beschloss, nicht darüber nachzudenken. Heute jedenfalls wollte ich seinen Rat befolgen und mich amüsieren. Energisch griff ich nach meiner Handtasche und der Proseccoflasche, stieg aus dem Wagen und ging auf den Club zu.

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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Kitti » 12.02.2012, 20:24:17

Hui, das wird aber langsam unheimlich mit den plötzlichen Besuchen des geheimnisvollen "Mannes". Du machst es spannend! Bitte bald weiter! :)
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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Gaefa » 13.02.2012, 11:33:32

Seine Andeutungen finde ich irgendwie unheimlich!
Ich bin gespannt, was es damit auf sich hat, lass uns nicht zu lange warten!
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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Christine » 14.02.2012, 20:26:04

Danke für eure Kommis :) Heute nochmal eine Fortsetzung. Auf die nächste müsste ihr wahrscheinlich eine Weile warten, aber dafür ist die hier extra lang... Viel Spaß :)



Es wurde tatsächlich ein sehr netter Abend.

Alle waren wirklich gut gelaunt, die Musik war gut und nicht zu laut und ich fühlte mich alles in allem viel wohler, als das sonst auf Partys der Fall war.

Mein „neuer Bekannter“ (ich hatte mir noch keinen Namen ausgedacht) hielt Wort und brachte mich ausnahmsweise nicht damit aus dem Konzept, plötzlich aufzutauchen und auf meine Gedanken zu antworten oder so ähnlich.
Hin und wieder sah ich ihn in der Spiegelung der hohen Fenster, dann lächelte er und hob sein Glas. Wenn ich mich umdrehte, stand er aber nicht neben mir und ich lächelte auch – sein dezentes Erscheinen stand wie ein kleines Geheimnis zwischen uns und der Welt.

Ich traf viele Kollegen; auch solche, die ich lang nicht mehr gesehen hatte oder die ich nur von CD-Aufnahmen kannte. Es war schön, auf einer Party ausnahmsweise Menschen kennenzulernen, mit denen man sich wirklich unterhalten konnte.

Jan wurde – leider – die meiste Zeit von seiner neuen Freundin beschlagnahmt. Als Diana merkte, dass ich immer wieder zu den beiden hinübersah, ging sie kurzentschlossen selbst auf den kleinen Stehtisch zu und verwickelte Yvonne gekonnt in eine anregende Unterhaltung.
Schon nach kurzer Zeit gingen die beiden zu einer Raucherpause nach draußen, und ich hätte schwören können, dass Diana mir im Vorbeigehen zuzwinkerte.
Ich hätte sie umarmen mögen. An Feingefühl und Einfühlungsvermögen kam niemand sonst, den ich kannte, an Diana heran; sie merkte einfach alles und was ich fast noch mehr schätzte: Sie stellte keine Fragen.

„Hi“, begrüßte ich Jan, der gerade noch Yvonne und Diana nachgesehen hatte. Er lächelte. „Schön, du hast es doch nicht vergessen.“
„Wie hätte ich können? Du hast mich ja noch rechtzeitig erinnert.“ Ich erwiderte sein Lächeln und genoss wie so oft, dass mein Kollege einfach immer gut gelaunt war. Ich konnte mich nicht erinnern, dass er einmal wirklich unglücklich gewesen wäre. Sicher, auch er hatte seine Schwierigkeiten – aber seine Art, das Leben einfach bei den Hörnern zu packen und das Beste daraus zu machen, verblüffte und beeindruckte mich immer wieder.

„Wie war die Show heute?“, fragte ich. Ich hatte mein Ziel nicht vergessen, ihn nach seiner Meinung für das Casting zu fragen, aber ich wollte es langsam angehen lassen und nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Dank Diana hatten wir nun mindestens eine Viertelstunde für uns.
Jan, der nach unseren Shows immer begeistert wirkte, zuckte zu meiner Überraschung nur gleichgültig mit den Schultern. „Es geht so. Diana ist wirklich nett und hat eine gute Stimme, aber… Ich weiß auch nicht. Von der Chemie her ist es mit dir irgendwie leichter.“

Ich musterte ihn überrascht. Ich hatte immer geglaubt, Jan – der schon längere Bühnenerfahrung hatte als ich und schon in vielen Produktionen mitgewirkt hatte – hätte mit überhaupt niemandem Probleme. Vor allem, weil er so ein positiver Mensch war. Und nun hatte er ausgerechnet mit Diana, charakterlich seinem weiblichen Spiegelbild, Schwierigkeiten? Das hätte ich nie erwartet.

„Mir fällt das Spielen mit dir auch leichter als mit Martin“, gab ich zu. „Muss wohl die geheime Anziehungskraft zwischen uns sein.“ Ich verzog keine Miene, aber das war auch nicht nötig. Jan verstand meinen Humor und grinste. „Ja, bestimmt. In deiner Nähe krieg ich immer ganz weiche Knie.“ „Solange du noch tanzen kannst“, lächelte ich nonchalant.

„Aber klar doch.“ Jan grinste hinterhältig und als er mich auf die Tanzfläche zog, wusste ich auch, warum. „Ich zeig’s dir.“
„Ähm, nein… Jaaan… Also, so war das nicht gemeint…“ Ich versuchte einen Rückzieher, aber umsonst – nach den monatelangen Fitnessübungen war mein Kollege natürlich stärker. Ich verzog das Gesicht – Disco-tanzen hatte ich noch nie gemocht. Seufzend ergab ich mich meinem Schicksal – nur um eine halbe Minute später von der Tanzfläche zu sprinten und mich an einem Stehtisch festzuhalten.

Jan folgte mir, hatte aber zum Glück Erbarmen. Mein Hundeblick hatte schon immer funktioniert. Ich lächelte triumphierend.
„Okay, jetzt aber zurück zu den ernsten Dingen. Ich brauche deinen Rat“, verkündete ich und nippte an meiner Cola. Jan zog eine Augenbraue hoch und sah mich aufmerksam an.
Ich erklärte ihm kurz die Situation, erwähnte aber nicht, dass Elisabeth abgelöst werden sollte. Das war noch nicht offiziell und Tim würde großen Ärger bekommen, wenn schon verfrüht solche Gerüchte die Runde machten. Auch wenn ich ein schlechtes Gewissen hatte, Jan solche Neuigkeiten zu verschweigen… Ich erwähnte doch lieber nur, dass ich Rebecca ins Auge gefasst hätte und für das Casting einen Song aus dem Stück bräuchte.

„Aber ich weiß noch nicht mal, für welche Rolle ich mich bewerben will“, endete ich. „Ich meine, die ICH zu spielen wäre schon klasse, aber ich weiß einfach nicht… Auf Dauer sind Hauptrollen auch ganz schön anstrengend. Vielleicht wäre es besser, ich lasse es langsam angehen.“

Jan musterte mich nachdenklich. „Das musst du dir natürlich überlegen. Aber wenn du meinen Rat hören willst: Wenn du dir die ICH vorstellen kannst, bewirb dich dafür. Dass du für die Hauptrolle vorsingst, heißt ja noch lange nicht, dass du sie kriegst – zumindest im echten Leben, du Traumprinzessin“, lächelte er und ich senkte verlegen den Blick. Mir war ja klar, dass es riesiges Glück war, dass ich gleich beim ersten Casting nach meiner Ausbildung die Hauptrolle in Elisabeth abgesahnt hatte. Aber sicher – wenn es nach mir ginge, könnte es schon so weitergehen. „Wenn du die Hauptrolle kriegst, hast du sowieso mehr Glück als Verstand“, fuhr Jan fort. „Versteh mich nicht falsch, du bist gut. Aber erstens gibt es da draußen auch noch andere, die auch gut sind, und zweitens könnte schon eine besser sein, die gleich gut singt und deren Nase der Jury besser gefällt als deine. Da kann man nichts machen.“ Ich nickte nachdenklich.

„Was wirst du machen?“, fragte ich. „Willst du Elisabeth noch lange spielen?“ Jan senkte den Blick. „Ich weiß nicht genau“, murmelte er. „Es ist ja schon so lange hier, vielleicht wird es irgendwann abgesetzt. Dann suche ich was anderes.“ „Ja, vielleicht“, stimmte ich zögernd zu. Das war alles, was ich zu diesem Thema sagen durfte.

Ich traf Jans Blick – und wusste, dass er es wusste. Er sah mich an und wusste, dass ich es auch wusste. Und dann mussten wir beide lachen. „Geheime Quellen“, murmelte er. „Wir sollten es noch nicht weitererzählen“, gab ich leise zurück. Er schüttelte den Kopf. „Sei nicht böse, aber – ich hätte es dir nicht gesagt.“ „Ich dir auch nicht.“ Wir lächelten im besten Einvernehmen, als Yvonne wieder zurück an den Tisch kam.

„Hi, Lia, ich hab dich ja noch gar nicht gesehen“, strahlte sie und umarmte mich, als wären wir alte Freundinnen. „Tolle Party, oder? Und Diana ist ja so nett. Stell dir vor, ich hab sie heute als Elisabeth gesehen… Aber ich könnte mich beim besten Willen nicht zwischen euch entscheiden. Ihr habt beide so eine tolle, ganz eigene Ausstrahlung. Ich könnte mir das noch hundertmal ansehen“, schwärmte sie und gab Jan ein Küsschen auf die Wange. „Und, was habt ihr so geredet?“, fragte sie lächelnd.

„Ach, so alles Mögliche“, gab Jan unverbindlich zur Antwort. „Berufliches, hauptsächlich“, ergänzte ich und erwiderte ihr Lächeln. Zwar wollte ich immer noch nicht recht mit ihr warm werden, aber ich nahm mir vor, es zumindest zu versuchen. Sie konnte ja nichts für meine Vorurteile gegen künstliche Blondinen. Trotzdem war mir ihre ansteckende Fröhlichkeit plötzlich zu viel, ohne dass ich hätte sagen können, warum.

Freundlich, aber recht kurz verabschiedete ich mich von den beiden und suchte Diana, um ihr für die Ablenkung zu danken und mich zu verabschieden.

Zu Hause angekommen schminkte ich mich schnell ab, putzte meine Zähne und fiel ins Bett. Von einem Moment auf den anderen hatte die Feier mich müde gemacht.
Mein letzter Gedanke, bevor ich in einen traumlosen Schlaf fiel, war, dass ich meinen Wecker nicht gestellt hatte.

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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Gaefa » 15.02.2012, 18:46:25

Ein schöner und vor allemm langer Teil :)
Schön, dass Lia eine tolle Party hatte und witzig mit den geheimen Quellen der beiden.
Ich bin gespannt wie es weiter geht, irgendwie hat der Teil so ein wenig etwas retardierendes gehabt.
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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Kitti » 16.02.2012, 12:09:54

Ich kann Gaefa eigentlich nur zustimmen, eine schöne Fortsetzung. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Lia vielleicht doch mehr für Jan empfindet als Freundschaft? Ich bin jedenfalls sehr gespannt, was jetzt noch so kommt. :)
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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Dreamcatchress » 27.03.2012, 19:14:28

Hab mir gerade sämtliche Teile durchgelesen und es gefällt mir wirklich auch echt super. Freu mich schon auf eine Fortsetzung :mrgreen:
Ich lieg so gern auf Wasserleichen, die sind so weich und doch so menschlich.

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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Christine » 27.03.2012, 20:40:46

Vielen Dank für eure Kommis :)
Sorry dass so lang keine Fortsetzung kam, hatte nach der Trennung von meinem Freund ein ziemliches KreaTief :(
Aber werd mich die nächsten Tage mal an einen neuen Teil setzen, damit hier auch mal was weitergeht ^^

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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Christine » 12.04.2012, 20:27:30

So, nun hab ichs endlich geschafft mit der Fortsetzung... Erstmal eine großes SORRY für die lange Pause, und der nächste Teil ist auch gar nicht besonders lang, aber dafür stell ich morgen oder spätestens Sonntag schon den übernächsten rein.
Jetzt erstmal ein kleiner Teil, zum wieder reinkommen ;) Viel Spaß.




Ein Geräusch weckte mich. Verschlafen öffnete ich die Augen und blinzelte in das Sonnenlicht, das durch mein Schlafzimmerfenster fiel. Eine Sekunde später schoss ein stechender Schmerz durch meinen Kopf und mit einem Stöhnen kniff ich die Augen wieder fest zu.
Zwar hatte ich nicht viel getrunken, um keine Probleme mit der Autofahrt zu bekommen, aber bei mir zeigten sich oft schon kleine Mengen Alkohol verheerend. Zumindest in Hinblick auf den Kater.

Das Geräusch, das mich aufgeweckt hatte, wiederholte sich. Erst beim dritten Mal realisierte ich, dass es die Klingel war. Wer wollte nur so früh am Morgen zu mir…? Widerwillig blinzelte ich erneut ins Sonnenlicht.

Moment. Sonnenlicht?!?

Ich fuhr hoch und ignorierte den scharfen Schmerz, als mein verkaterter Kopf protestierte. Mein Schlafzimmer lag auf der Westseite. Wenn hier Sonnenlicht einfiel, war es mindestens schon Mittag. Wahrscheinlich wollte Jan mich abholen und er war derjenige, der dort unten gerade zum vierten Mal klingelte.
Ich riss das Fenster auf und beugte mich hinaus. Meine Vermutung war richtig; tatsächlich stand Jan an der Haustür und runzelte besorgt die Stirn. Als ich ihn rief, sah er nach oben.

„Verschlafen!“, rief ich nach unten. „Fahr ruhig vor, ich komme nach. Reicht ja, wenn einer von uns zu spät ist.“
Ich knallte das Fenster wieder zu, zog auf halbem Weg ins Bad mein Nachthemd aus und sprang unter die Dusche. Mein Kopf schmerzte heftig und durch das Rauschen des Wassers glaubte ich fast, schon wieder die Klingel zu hören. Ich schüttelte mir das Wasser aus den Haaren und fragte mich, wann sich ein Geräusch zum letzten Mal so in meine Gedanken eingebrannt hatte.

In Rekordtempo trocknete ich meine Haare so gut es ging mit einem Handtuch, putzte schnell meine Zähne und schlüpfte in die ersten Klamotten, die mir aus meinem Kleiderschrank entgegenfielen.
Gott sei Dank hatte ich gestern zu viel Kaffee gekocht, sodass jetzt zumindest noch etwas kalter da war. Um neuen Kaffee zu kochen, hatte ich keine Zeit – ich musste spätestens in… mein Blick fiel auf die Küchenuhr und ich runzelte die Stirn. War sie stehen geblieben?

Mein Handy klingelte und als ich abhob, kam Jan meinen langsamen Gedankengängen zuvor. „Du bist nicht zu spät“, erklärte er, und ich konnte das Grinsen in seiner Stimme förmlich hören. „Es ist erst halb zwei. Ich komme nur vorbei, weil es jetzt offiziell ist – heute hatte ich den Brief vom Theater im Briefkasten, dass Elisabeth abgesetzt ist. Sorry, dass ich dich geweckt hab, ich dachte, du bist schon längst wach.“
„Stehst du immer noch unten?“, fragte ich kleinlaut und versuchte, die Neuigkeit zu verarbeiten. – „Ja, allerdings. Was hast du gemacht, dass du mich schon wieder nicht gehört hast?“ Statt einer Antwort drückte ich den automatischen Türöffner neben dem Eingang.
„Komm rauf.“ Ich legte auf, ließ die Haustür offen stehen und war gerade dabei, frischen Kaffee aufzusetzen, als Jan mit einem breiten Guten-Morgen-Lächeln in meine Küche spaziert kam.

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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Gaefa » 12.04.2012, 22:13:18

Schöne Fortsetzung! Und schön, dass es weiter geht. Ich kenn das nur allzu gut, dass man öfter keine Zeit hat zu schreiben und deshalb recht lange pausen entstehen. Hauptsache ist aber, dass es irgendwann weiter geht. Hab mich sehr gefreut wieder einen neuen Teil zu lesen und bin auf den nächsten schon gespannt!!
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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Kitti » 12.04.2012, 22:16:11

Super, es gibt eine Fortsetzung! Mir gefallen die mysteriösen Andeutungen, z.B. mit der Uhr. Ich bin gespannt, wann sich der geheimnisvolle Besucher wieder blicken lassen wird. Bitte schnell weiter! :)
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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Christine » 13.04.2012, 12:42:07

Vielen Dank für eure lieben Kommis :) Zum Dank gibts jetzt gleich wieder eine Fortsetzung; diesmal etwas länger. Ich war heute schon kreativ. ;) Viel Spaß!

@Kitti: Mit der Uhr war eigentlich nur gemeint, dass es noch nicht so spät ist wie Lia dachte, deshalb hat sie gemeint die wäre stehen geblieben ;) Sorry wenn das etwas kompliziert war. Ich wusste nicht wie ich das sonst schreiben soll, nachdem sie ja verkatert und etwas durcheinander ist. Ich überleg mir noch, ob mans anders formulieren kann^^




Es war meinem Kollegen anzusehen, dass er sich auf dem Weg nach oben mindestens eine Handvoll witziger Bemerkungen über meine Alkohol-Unverträglichkeit überlegt hatte, aber als er meinen warnenden Gesichtsausdruck sah, schluckte er sie wohlweislich herunter. Besser für ihn.

„Kopfschmerzen?“, fragte er stattdessen mitfühlend. Ich nickte. „Für dich auch Kaffee?“ – „Ja, danke.“ Ich füllte noch mehr Wasser und Kaffeepulver in die Maschine und sah dann zu, wie frischer, starker Kaffee in die Kanne tröpfelte. Schade nur, dass das so lang dauerte… Ich beschloss, meine Kaffeemaschine bei nächster Gelegenheit mal wieder zu entkalken.
„Nun ist es also offiziell?“, nahm ich den Faden des Gesprächs wieder auf, während ich Tassen aus dem Schrank nahm und auf den Tisch stellte. Jan nahm sich eine davon und setzte sich auf meine kleine Eckbank. „Ja, sieht so aus. Wie gesagt, heute war der Bescheid im Briefkasten; du hast sicher auch einen. Bin gespannt, wie die im Theater reagieren. Und was sie jetzt machen wollen.“

Ich nickte nachdenklich. „Ich werde auch ein paar Bewerbungen rausschicken. Rebecca hat Priorität; ich will nicht schon wieder umziehen. Mir reicht’s noch vom letzten Mal.“ Jan verkniff sich ein Lächeln. „Lia, du wohnst schon fast drei Jahre hier. Für unseren Beruf ist das ‘ne halbe Ewigkeit.“
„Ich weiß.“ Ich stand auf und füllte Kaffee in beide Tassen. „Milch, Zucker?“, murmelte ich zerstreut, bevor mir im gleichen Atemzug einfiel, dass Jan seinen Kaffee schwarz trank. Wie schon seit drei Jahren in jeder Mittagspause, die wir zusammen verbrachten.
Anscheinend war auch meinem Kollegen aufgefallen, dass ich das eigentlich wissen müsste, denn er sah mich stirnrunzelnd an. „Alles okay bei dir? Du wirkst irgendwie… Abwesend.“
Ich hob meine Schultern. „Ja, passt schon. Ich bin nur verkatert – nicht lachen“, fügte ich streng hinzu, als Jan sich mühsam ein Grinsen verkniff. „Ich weiß, dass ich gestern nur ein Glas Sekt hatte. Ich war auch nicht betrunken. Aber ich vertrag halt nicht viel.“

Jan schüttelte mitleidig den Kopf. „Naja, wenigstens trinkst du auf die Art nie zu viel.“ Er sah auf seine Tasse hinunter und fügte mit einem kleinen Lächeln hinzu: „Yvonne hatte gestern, ähm… vielleicht einen Drink zu viel. Oder zwei.“
Ich blickte überrascht von meinem Kaffee auf und goss prompt etwas Milch daneben. „Sie wirkte doch noch ganz normal, als ich gegangen bin?“, fragte ich und wischte die kleine Milchpfütze auf. – „Ja, schon. Wir sind nicht allzu lange nach dir gegangen; ich hab heute Vormittag Büroarbeit gemacht und wollte nicht, dass es abends zu spät wird. Sie ist noch weiter durch die Bars gezogen und hat mich irgendwann gegen fünf angerufen; sie klang ziemlich dicht.“ Er seufzte. „Tja, das ist wohl der Vorteil der Jugend. Als Student darf man sich noch amüsieren.“

Ich nahm mitfühlend seine Hand. „Das stimmt. Du armer, alter Mann. Du kannst das natürlich n…“ Weiter kam ich nicht; Jans bitterböser Blick bei dem Wort alt löste bei mir einen Lachanfall aus. „Wart’s nur ab“, drohte er, „du bist auch nicht so viel jünger als ich; und ich hab gehört, für Frauen ist der dreißigste Geburtstag noch viel schlimmer…“ – „Aber ich werd erst mal neunundzwanzig“, grinste ich. „Deine Gnadenfrist ist schon vorbei.“

Jan seufzte gespielt verzweifelt und trank seinen Kaffee aus. „Mach du dich erst mal gesellschaftsfähig“, konterte er mit einem Blick auf die Uhr. „So in zehn Minuten sollten wir fahren.“
„Ich bin gesellschaftsfähig“, protestierte ich. „Geduscht, angezogen, Zähne geputzt; geschminkt werde ich sowieso im Theater…“ Jan zog die Augenbrauen hoch und blickte vielsagend an mir herunter. Ich folgte seinem Blick und merkte, dass ich in der Eile über meinen dunklen BH ein weißes T-Shirt angezogen hatte – anscheinend war ich doch noch nicht ganz gesellschaftsfähig.

„Ups.“ Ich stand auf. „Bin in zwei Minuten fertig“, rief ich über die Schulter und verschwand in meinem Schlafzimmer.
Ich schloss die Tür hinter mir, drehte mich um – und sah mich einem bekannten Gesicht gegenüber. Einem Gesicht mit tiefen, dunklen Augen.
„Verschwinde“, zischte ich leise und hoffte, dass Jan in der Küche nichts hörte – der würde mich für verrückt halten. Vielleicht nicht ganz zu Unrecht. „Ich kann dich jetzt nicht brauchen. Ich muss mich umziehen und dann zur Arbeit. Schau doch einfach im Theater wieder zu; das kannst du doch so gut.“
Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Dass meine Gesellschaft immer so unwillkommen ist… Sogar bei dir…“
„Was soll das denn heißen?“ Ich verdrehte die Augen. „Es gibt genug todesfanatische Leute da draußen, und Kriege haben wir auch ein paar. Du solltest eigentlich beschäftigt sein. Geh und mach dich nützlich.“

Seine tiefschwarzen Augen wurden schmal. „Ich mache mich durchaus nützlich.“ Er trat einen Schritt auf mich zu, und unwillkürlich wich ich zurück. Seine Lippen verzogen sich zu einem angedeuteten Lächeln. „Nein, keine Sorge. Ich hatte nicht vor, dich mitzunehmen. Ich habe in der Gegend zu tun und dachte, ich schaue vorbei.“
Sein letzter Satz klang so normal, dass es paradox wirkte. Da stand in meinem Schlafzimmer ein unverschämt gutaussehender Typ, der über Leben und Tod gebot, und sagte so normale Sachen, dass ich ihn auch für einen Kollegen oder Nachbarn hätte halten können. „Aber da meine Gesellschaft offensichtlich unerwünscht ist“, nun vibrierte wieder eine fühlbare Macht in seinen Worten, die alle Normalität zunichte machte, „werde ich mich verabschieden. Vielleicht bin ich dir in ein paar Wochen willkommener. Bis dahin, Elisabeth.“

Binnen eines Augenzwinkerns war er verschwunden. Ich ging verwundert zur Tür. Erst mit der Hand auf der Türklinke realisierte ich, dass ich mich noch gar nicht umgezogen hatte. Schnell holte ich das nach und ging zurück in die Küche, um mit Jan zum Theater aufzubrechen.
Zuletzt geändert von Christine am 13.04.2012, 20:58:25, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Gaefa » 13.04.2012, 17:50:03

Schöner Teil!! Aber der Tod ist schon etwas unheimlich mit "ich hatte in der Gegend zu tun"... Ich bin gespannt, was er sich in ein paar Wochen für neue Sprüche ausdenkt. Schnell weiter!
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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Kitti » 13.04.2012, 20:24:34

@ Christine Ach so, na ja, vielleicht willst du ja später doch noch unheimliche Andeutungen einbringen... :D

Zum neuen Teil: Irgendwo am Ende steht anstatt "dich" "doch", kann das sein? Ansonsten bin ich gespannt auf die Fortsetzung, der Tod ist wirklich etwas unheimlich.
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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Christine » 13.04.2012, 21:00:11

Danke für eure Kommis :) @ Kitti, danke für den Hinweis, war ein Tippfehler, habs geändert ;)
Morgen gibts schon den nächsten Teil. Kreativität sei Dank :)

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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Christine » 14.04.2012, 12:05:30

So, nochmals vielen Dank für eure beiden Kommis :) Jetzt noch schnell ein weiteres Kapitel; danach komm ich wahrscheinlich erst im Lauf der kommenden Woche wieder zum Schreiben.
Viel Spaß, und würde mich auch über weitere Kommis freuen :)




Im Theater war heute, wie Jan und ich erwartet hatten, die bevorstehende Ablösung von Elisabeth das Gesprächsthema Nummer eins.
Die meisten Darsteller hatten gemeinsam mit der Benachrichtigung eine förmliche Einladung zum Casting für Rebecca erhalten, sodass das Nachfolgestück kein Geheimnis mehr war. Heimlich verfluchte ich mich, dass ich vor der Fahrt zum Theater nicht mehr in meinen Briefkasten gesehen hatte. Obwohl es sehr wahrscheinlich war, dass ich als momentane Erstbesetzung der Hauptrolle auch eine Einladung zum Casting für die Folgeproduktion bekommen würde, war doch nichts sicher – und außerdem erntete ich einige verständnislose Blicke. Ich schien wirklich die Einzige der ganzen Besetzung zu sein, die noch nicht wusste, ob sie zum Casting eingeladen war oder nicht.

Spekulationen über die Besetzung waren in vollem Gange, als Jan und ich den Backstage-Bereich betraten. „Also, ich bleibe auf keinen Fall“, erzählte Diana jedem, der es hören wollte, während sie in ihr Todesengel-Kostüm schlüpfte. „Die ICH ist mir viel zu brav, mit Beatrice kann ich nichts anfangen und auf Ensemble hab ich auch keine Lust mehr.“ „Warum versuchst du dich nicht an Mrs. Danvers?“, fragte ich und verzog das Gesicht, als Alissa, die Maskenbildnerin, mich versehentlich mit einer Haarnadel stach.

Diana schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht. Erstens bin ich, glaube ich, noch zu jung; und zweitens auch äußerlich nicht unbedingt der Typ dafür. Außerdem will ich wieder mehr tanzen; ich bin zurzeit lieber Todesengel als Elisabeth. Ich glaub, ich bewerbe mich für Dirty Dancing und für Cats und noch für ein paar Ensemblerollen.“
Ich schloss die Augen, damit Alissa meine Augenschatten überschminken konnte. „Du solltest mehr schlafen, Lia“, beschwerte sie sich. „Ich brauch immer jede Menge Make-Up bei dir, bis du wach aussiehst.“ Ich murmelte ein leises „Sorry“ und schielte zur Decke, als sie mehrere Schichten Mascara auf meine Wimpern auftrug. „Die Maskenbildner bleiben am Theater, oder?“, versuchte ich das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. „Ja, das stimmt.“ Alissa trug mir Eyeliner und Lippenstift auf und reichte mir dann mein Kleid für die erste Szene. „Wir sind direkt am Theater angestellt, nicht für die einzelnen Produktionen.“
Ich schlüpfte in das Kleid und nickte. Ab jetzt sprach ich nicht mehr; ich lauschte den Spekulationen und summte dabei leise Einsingübungen vor mich hin.


Die heutige Vorstellung verlief ohne Probleme. Obwohl die meisten durch die Ankündigung der bevorstehenden Ablösung abgelenkt waren, vergaß niemand seinen Text oder seinen Auftritt.

Aber die Neuigkeiten verbreiteten sich schnell: An der Stage Door fragten bereits die ersten Fans nach meinen Zukunftsplänen. Ich verkniff mir die Frage, woher sie schon davon wussten – es war wohl immer dasselbe: Eine SMS oder ein Twitter-Eintrag, und schon wusste die ganze Welt davon. Bedachte man die Tatsache, dass die ersten Benachrichtigungen wohl vor etwa acht bis zehn Stunden bei den Darstellern eingetroffen waren, war es ein Wunder, dass die Fans nicht schon vor der Show danach gefragt hatten.
Ich antwortete nicht auf Fragen zu meinen Zukunftsplänen; lächelte nur unverbindlich und sagte, ich wolle mich für verschiedene Produktionen bewerben. Sie mussten noch nicht wissen, auf welches Stück ich meinen Fokus legte – mit Sicherheit war es besser für mein Image, wenn nicht jeder wusste, welche Produktionen mich ablehnten. Es würden bestimmt einige sein.

Das Gerede im Theater hatte Jan angesteckt – auch er dachte auf dem Rückweg über Zukunftspläne nach. „Ich habe auch eine Casting-Einladung für Rebecca, aber ich weiß nicht so recht“, erzählte er mir, während er seinen kleinen Ford vom inzwischen fast leeren Theaterparkplatz lenkte. „Da gibt es nicht wirklich große Rollen für gutaussehende junge Typen wie mich.“ Ich sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an und er lächelte verlegen über sein Eigenlob.

„Was machst du dann?“, fragte ich und sah aus dem Fenster den vorbeiziehenden Häuserblocks nach. „Weiß noch nicht“, antwortete er. „Ich weiß ja auch nicht, was sonst noch hier in die Gegend kommt – im Gegensatz zu dir, bestimmt.“ Ich lächelte. „Naja, ein paar Sachen weiß ich schon… Behältst du es für dich?“
Die Frage war rhetorisch – ich wusste, dass ich mich in puncto Verschwiegenheit absolut auf meinen Kollegen verlassen konnte. „Logisch“, antwortete er trotzdem und sah mich gespannt an.

„Hey, grüner wird´s nicht“, erwiderte ich und deutete auf die Ampel vor uns. Hastig legte Jan den Gang ein und fuhr an. „Hmm, na gut“, nahm ich das Thema wieder auf. „Du wirst mir ja wohl kaum Rollen wegschnappen. Also… Meine Quelle hat mir erzählt, dass in der Gegend bald für Wicked und für Sunset Boulevard gecastet wird. Das dürfte dich eher interessieren – da gibt es schließlich genügend große Rollen für gutaussehende junge Typen wie dich“, wiederholte ich seine frühere Aussage und grinste, als mein Kollege doch tatsächlich ein bisschen rot wurde. „Genaue Standorte und Infos wollte meine Quelle mailen; aber ich bin die letzten zwei Tage noch nicht dazu gekommen, mir das anzuschauen. Wenn du willst, sag ich dir bescheid, wenn ich mehr weiß.“

Jan lächelte dankbar. „Das wäre klasse. Ich werde auch meine Quelle nochmal anrufen und fragen, was sonst noch so aufkommt, und vielleicht interessiert dich davon auch was – ich muss mich doch revanchieren“, bot er mit einem schiefen Lächeln an.
Ich erwiderte das Lächeln. „Gern. Solange da dann auch ein paar gutaussehende junge Typen sind, wie du“, grinste ich und Jan sah mich kläglich an. „Wirst du mich damit jemals wieder in Ruhe lassen?“

Ich schüttelte den Kopf und lächelte noch immer, als mein Kollege mich zu Hause absetzte und die Rücklichter seines Wagens die Straße hinunter verschwanden.

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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Gaefa » 14.04.2012, 15:01:30

Schöner Teil, gefällt mir gut. Schön lebendig geschrieben, ich kann mir die Unterhaltung zwischen den beiden bildlich vorstellen. Ich drück die Daumen, dass Lia auch eine Casting-Einladung für Rebecca bekommen hat!!
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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Kitti » 14.04.2012, 15:48:46

Ich kann Gaefa nur zustimmen. Die Unterhaltung ist dir wirklich gut gelungen und du schaffst es, es spannend zu machen, was das Casting angeht! :)
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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Christine » 18.04.2012, 18:34:17

Danke für eure Kommis :) Nun geht es erstmal weiter. Viel Spaß mit der Fortsetzung.



Auf dem Weg nach oben nahm ich den Umschlag aus meinem Briefkasten mit, auf dem das elegante Logo der Theaterkette aufgedruckt war. Ungeduldig riss ich schon den Umschlag auf, während ich die Treppe hinaufging, sperrte dann meine Wohnungstür auf und nahm den Brief heraus, während ich die Tür hinter mir zufallen ließ.

Hastig überflog ich die Seite, in der ich wie erwartet über die Ablösung von Elisabeth informiert wurde. Rebecca wurde mit keinem Wort erwähnt. Stirnrunzelnd wendete ich das Blatt – und ließ die Schultern sinken. Die Rückseite war leer. Verwirrt las ich den Brief noch einmal genauer, aber zwei Minuten später wusste ich mit Sicherheit, dass ich nichts übersehen hatte. Sie hatten mich nicht eingeladen.

Langsam zog ich meine Schuhe aus, hängte meine Jacke an die Garderobe und lief ziellos zwischen Wohnzimmer und Küche hin und her.
Ich wusste nicht, was ich eigentlich wollte; aber nur im Flur stehen zu bleiben, schien mir auch falsch. Schließlich griff ich nach meinem iPod und beschloss, laufen zu gehen. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es schon beinahe Mitternacht war – die Vorstellung hatte lang gedauert und dank der vielen Spekulationen meiner Kollegen, denen man sich kaum entziehen konnte, hatte ich auch backstage länger gebraucht als üblich.

Aber trotzdem; ich brauchte Bewegung, Ruhe und frische Luft, um einen klaren Kopf zu bekommen. Die Wohngegend war normalerweise sehr ruhig, was sollte schon passieren? Kurz entschlossen zog ich meine Laufschuhe an, steckte meinen Hausschlüssel ein und lief hinaus in die klare Nachtluft.

Es war kühl, aber trotzdem genoss ich die Ruhe und Dunkelheit und Luft um mich herum. Genau die richtige Atmosphäre, um meinen Ärger zu vergessen. Entschlossen schob ich alle Gedanken an das Theater beiseite – ich hatte noch genug Zeit, mich darüber zu ärgern und mir Alternativen zu Rebecca auszusuchen. Morgen, nahm ich mir vor, würde ich mit Jan darüber sprechen. Vorher würde ich nicht mehr an den Brief denken.

Ich ging zum Aufwärmen einmal um den Block, dann suchte ich auf meinem iPod die Liste mit den Laufliedern und joggte in den Stadtpark.
Meine Kondition hatte, wie ich schon neulich bemerken musste, stark nachgelassen und schon nach einer Viertelstunde legte ich die erste Pause ein. Zu allem Überfluss versagte auch noch der Akku bei meinem iPod, sodass ich wohl ohne Musik weiterlaufen musste. Na wunderbar. Entnervt und außer Atem bückte ich mich, um ein Schuhband neu zuzubinden.

„Typisch“, murmelte eine Stimme hinter mir und ich erstarrte – wenn auch nur für eine Sekunde. Inzwischen hatte ich mich schon fast an das plötzliche Auftauchen gewöhnt.

Betont langsam drehte ich mich um und fragte: „Wie bitte?“
Er hob lässig die Schultern. „Kaum passt dir was nicht, stellst du gefährliche Sachen an; das hast du aus deinem letzten Leben. Wenn dich der Hof zu sehr geärgert hat, bist du stundenlang ausgeritten. Aber keine gemütlichen Spazierritte; nein, richtige Gewaltritte, und immer auf den nervösesten Pferden. Und wenn das gerade nicht ging, saßest du die halbe oder auch die ganze Nacht auf deinem Balkon, egal wie kalt es war, bei jedem Wetter. Du hast es fast herausgefordert, eine Lungenentzündung zu bekommen. Und nun? Das Theater – dein neuer ‚Hof‘“, er lächelte amüsiert, „ärgert dich, und was tust du? Läufst mitten in der Nacht durch einen Park. Durch genau den Park, in dem ich neulich zu tun hatte, falls du dich erinnerst.“

Mir wurde plötzlich sehr kalt und ich zog fröstelnd die Joggingjacke enger um meine Schultern. „Du hättest das nicht zufällig sagen können, bevor ich losgelaufen bin?“, versuchte ich mich mit Galgenhumor zu beschweren, aber das Zittern in meiner Stimme verriet mich. Sein Lächeln vertiefte sich. „Das hätte doch den Spaß zunichte gemacht, zu sehen, wie du dich gruselst.“
„Das ist nicht witzig“, zischte ich. Obwohl ich noch nicht wieder völlig fit war, nahm ich mein Lauftempo wieder auf. Unnötig zu sagen, dass er mir folgte – auch wenn er nicht neben mir her joggte. Als Tod hatte er das vermutlich nicht nötig. Stattdessen schien er neben mir durch die Luft zu schweben. Ganz, wie es sich für den Herrn über Leben und Tod gehörte. Ich verdrehte die Augen, musste aber widerwillig eingestehen, dass es irgendwie schick aussah.

Plötzlich war ich froh, dass mein iPod nicht mehr funktionierte. So konnte ich alles in meiner Umgebung hören, ohne dass ich mich dabei feige fühlte, weil ich mich nicht traute, zu Musik zu laufen. Außerdem war es eine gute Ausrede, jetzt schon zurückzugehen…
Ich schrak zusammen und blieb stehen, als ich hinter mir eine Stimme hörte.

„Hey, Entschuldigung!“ Ich drehte mich um. Hinter mir stand ein Mann auf dem Weg, genau dort, wo ich gerade vorbeigelaufen war. Ich runzelte die Stirn. Er wirkte ganz normal… Ich schob meine Angst beiseite. Das ist lächerlich, Lia, sagte ich energisch zu mir selbst. Reiß dich zusammen. Diese Schauergeschichten machen dich noch völlig verrückt.

Ich zwang mich, einen normalen Gesichtsausdruck aufzusetzen und ging ein paar Schritte den Weg zurück. Der Mann lächelte dankbar. „Ein Glück, dass hier noch jemand ist. Ich wusste gar nicht mehr, was ich machen soll. Ich wollte in der Gegend einen Bekannten besuchen und habe mich verlaufen – wissen Sie vielleicht, wie ich zur nächsten U-Bahn-Station komme?“
Es fiel mir schwer, mir meine Erleichterung nicht anmerken zu lassen. Na bitte. Nur ein ganz normaler Tourist mit Orientierungsproblemen. Ich lächelte ihn an. „Natürlich.“ Ich drehte mich um und zeigte den Weg entlang, der aus dem Park herausführte. „Die Station ist nur ein paar Minuten in die…“

Mein letzter Gedanke, bevor ein stechender Schmerz durch meinen Kopf fuhr und ich zu Boden fiel, war, dass ich wohl doch keinen ganz normalen Touristen getroffen hatte.

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Re: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Beitragvon Kitti » 18.04.2012, 18:48:27

Juhu, es geht weiter! Dadurch dass sie nicht zum Casting eingeladen wurde, machst du es noch spannender, finde ich. Süß ist auch die Stelle, an der der Tod elegant herumschwebt, aber das Ende des Teils klingt bedrohlich!! Spann uns bitte nicht zu lange auf die Folter!
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