Jetzt gehts mal ein wenig weiter

Er schaute mich verdutzt an. „Sie, sie wissen von uns? Du hast es ihnen erzählt?“, brachte Leon hervor.
„Ich weiß auch nicht warum ich es getan hab“, brach ich heraus. „Mein Vater fing wieder mit diesen ganzen Sticheleien an. Ich wollte das einfach nicht länger ertragen und da ist es mir herausgerutscht.“ Während ich sprach, sank mein Blick gen Boden. Ich konnte ihn nicht anschauen.
„Es ist okay“, kam von ihm. Dann spürte ich wie er seinen Finger unter mein Kinn legte und meinen Kopf sanft nach oben drückte, bis ich ihm in die Augen schaute. Dann küsste er mich.
„Aber warum gab es Streit?“, wollte er wissen. „Naja“, wieder wanderte mein Blick zu meinen Füßen. „Es ist nur… du bist nun mal fast 5 Jahre älter als ich und das hat ihnen nicht gepasst. Aber sie haben sich am nächsten Morgen für ihre Überreaktion entschuldigt.“, erläuterte ich die Situation.
„Schau mich an, Nora“, begann Leon. Dieses Mal hob ich meinen Kopf selbst an. Und als ob er genau wusste, was mein Vater eingewandt hatte, sagte er: „Du weißt, dass ich es ernst meine mit dir. Ich liebe dich, hörst du? Ich liebe dich!“ – „Ja, ich weiß. Und ich, ich liebe dich“, antwortete ich ihm und als wollten wir dieses Liebesbekenntnis besiegeln, küssten wir uns abermals.
Am kommenden Samstag war es so weit. Ich hatte meinen Eltern berichtet, dass Leon gegen Nachmittag kommen würde und wir dann zusammen zum Theater fahren würden. Ich war schon den ganzen Morgen sehr aufgeregt, es war also soweit, ich würde Leon meinen Eltern vorstellen.
Meine Mutter, die sonst eigentlich nie backte, servierte einen selbstgebackenen Kuchen. Als Leon klingelte, hatte meine Aufregung den Höchstpunkt erreicht. Ich stellte ihn meinen Eltern vor und sie schienen angenehm überrascht zu sein, soweit ich das in ihren Gesichtern lesen konnte.
Es wurde ein recht ruhiges Kaffeetrinken. Meine Eltern erkundigten sich wie es am Theater lief und wir erzählten von den Shows, dann fragte Leon sehr höflich, was meine Eltern beruflich machten und fachsimpelte kurz mit meiner Mutter. Dann lobte er noch den leckeren Kuchen. Das musste auch ich zugeben, dafür, dass sie so selten selbst etwas gebacken hat, schmeckte dieser Kuchen wirklich ausgesprochen gut.
Nach dem durchaus etwas steifen Kaffeetrinken setzten wir uns alle aufs Sofa und nach einer kurzen Stille, begann Leon: „Ich wollte noch etwas loswerden.“ Alle schauten ihn gespannt an. „Ich habe heute Morgen Bescheid bekommen. Also das Ergebnis der Final Auditions für Mozart!“, begann er.
Meine Augen leuchteten und innerlich war ich total aufgewühlt. „Jetzt mach es doch nicht so spannend!“, drängelte ich. „Na gut“, gab er mit einem großen Grinsen nach. „Ich habe eine Zusage. Allerdings wollen sie meine Persönlichkeit ein wenig spalten.“
Wieder diese Andeutungen. Zuerst kam mir Jekyll & Hyde in den Kopf, aber dann begriff ich: „Du wirst Mozart spielen“, strahlte ich. Er nickte. „Und zwar die 1st Cast“, fügte er in seiner bescheidenen Art hinzu. Ich freute mich so sehr für ihn, dass ich meine Eltern total vergaß und ihn stürmisch umarmte. Doch bei dem Anblick des Gesichts meines Vaters, löste ich mich schnell aus seinen Armen. Aber auch meine Eltern gratulierten ihm, wenn auch nicht so stürmisch.
„Wann beginnen denn die Proben?“, erkundigte sich meine Mutter. „Zum Beginn des Sommers. Der Auditiontermin war ziemlich spät, deshalb ist es nicht mehr so lange hin.“, erklärte Leon.
Ein paar Stunden später machten wir uns auf den Weg zum Theater. Draußen angekommen und um ein paar Ecken gebogen, konnte ich ihm nochmals ausgiebig gratulieren, ohne die strengen Blicke meiner Eltern im Nacken zu haben.
„Machen einen ganz netten Eindruck deine Eltern“, meinte Leon. „Naja, sie haben heute ein wenig Fassade aufgesetzt, so perfekt wie sie schienen, sind sie eigentlich nicht, aber im Grunde schon ganz in Ordnung“, gab ich zurück.
Die Show wurde großartig, denn Leons Freude über sein neues Engagement hatte zur Folge, dass er an diesem Abend einen noch überzeugenderen Jesus spielte und auch ich hatte das Gefühl heute besser zu singen als sonst.
Dieser Tag veränderte nicht nur Leons Zukunft, sondern auch meine. Nicht nur, dass wir jetzt öffentlich zu unserer Beziehung standen und auch im Theater kein Geheimnis mehr daraus machten, sondern auch meine weitere Zukunft sollte von Leons Engagement beeinflusst werden.