Mich trägt mein Traum

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armandine
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon armandine » 01.11.2017, 14:51:39

oh oh. Es wäre wohl besser, wenn sich alle Beteiligten etwas aus dem Weg gehen. Oder Annouk beiden eine klare Ansage macht. So etwas kann einen Arbeitsprozess sehr unangenehm für alle machen. Da hat die Arme ja einiges vor sich!

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Ophelia
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Ophelia » 09.11.2017, 20:55:29

Schön dass ihr fleißig mitlest :) Weiter geht's:

Die Probenzeit genoss ich sehr. Es war schön, mit Liam gemeinsam zur selben Arbeit zu gehen und zusammen zu arbeiten. Wir stellten fest, dass wir über genügend Professionalität verfügten, die unsere Beziehung in den Hintergrund rücken ließ, solange wir uns bei den Proben aufhielten. Im Gegenzug wurde sie, sobald wir die Probe verließen, noch verstärkt: es war, als würde sich durch das Unterlassen von Berührungen und Blicken oder Gesten eine Energie in uns aufstauen, die nach den langen Probentagen hervorbrach und sich entlud: an manchen Abenden konnte ich Liam stundenlang bei den banalsten Dingen beobachten, wie Fernsehen oder wenn er mit leicht gerunzelter Stirn in der Zeitung oder einem Buch las, und spürte dabei einen tiefen Frieden. Immer öfter dachte ich in diesen Momenten an unser Gespräch, das nun schon einige Monate zurücklag, in dem wir über Hochzeit und Kinder gesprochen hatten. Ich fragte mich, ob auch er weiter darüber nachdachte, wollte aber im Moment nicht die Sprache darauf bringen, da wir in einem gemeinsamen, etwas hektischen und aufregenden Engagement steckten. Ich wusste auch gar nicht, welche Erwartungen ich in dieser Sache an ihn hatte: war ich jemand, der einen romantischen Heiratsantrag erwartete? Da wir bereits so pragmatisch über alles gesprochen hatten, könnten wir auch genauso sachlich einen Termin ausmachen; andererseits lag in diesem letzten klassischen Werben doch ein gewisser, romantischer Reiz, der ja zu Liams Art perfekt passen würde.
Außerdem schaffte Liam es, mich immer noch zu überraschen: an jenem ersten Probentag hatte ich ihn, sobald er die Bühne betrat, kaum mehr wiedererkannt. Während Alexej als Graf immer etwas raubtierhaftes, hinterlistiges an sich hatte, der sich geschmeidig an Sarah heranpirschte, sie mit hypnotischen Blicken verführte und anschließend ganz egoistisch „verspeiste“, war Liam der große Verführer, der gar keine Versuche unternahm, hinterlistig zu wirken, sondern allein durch seine ausgelebte Macht und Dominanz irgendwie anziehend wirkte. Ich merkte erst im Laufe dieses ersten Tages, wie sehr er sich im Geiste auf die Rolle vorbereitet hatte – und vielleicht ja auch in unserem Studio, schließlich hatte er abends ausreichend Gelegenheit dazu, abgeschiedenen und ganz auf sich konzentriert bestimmte Bewegungsabläufe für sich zu finden und zu verfeinern. Auch stimmlich konnte er mich begeistern – vermutlich hatte die vorangegangene Unterhaltung mit Alexej dazu beigetragen, jedenfalls sang er so korrekt und inbrünstig, dass mich mehrmals schauderte. Als in einer kurzen Pause mehrere Kleinigkeiten auf dem langen Tisch im hinteren Hallenbereich serviert wurden, hängte ich mich bei ihm ein.
„Eins zu eins, würde ich sagen“, flüsterte ich ihm zu, und sein zufriedenes Gesicht sprach Bände.

Regelmäßige Schlagabtausche wurden zu einer Art Spiel zwischen Liam und Alexej, die ich nach einigen Tagen immer unbesorgter hinnahm. Diejenigen aus dem Ensemble, die eines dieser Gespräche mitbekamen, hielten es für belangloses Geplänkel zwischen zwei ebenbürtigen Kollegen. Einzig ich hatte weiterhin Hemmungen und ging Alexej aus dem Weg, obwohl mir mehrere Fragen auf der Zunge brannten: was war mit seiner Familie? Hatte er mich damals wirklich geliebt? Fühlte er sich auch so bedrängt wie ich? Aber da ich jeden Kontakt mied – der Probenplan kam mir dabei sehr gelegen – , erfuhr ich darauf keine Antwort.
Tatsächlich dauerte es bis zu unserem Umzug ins Theater, bis wir zum ersten Mal richtig in Kontakt traten. Auf diesen Tag hatte ich mich schon lange gefreut – es würde die erste Probe im Kostüm sein, ein lockerer Durchlauf, weshalb wir schon früh da waren, Liam sogar etwas eher als ich, da er für seine Maske einfach länger brauchte. Ich war höchst gespannt, ihn in voller Montur zu sehen. Die pudrigen Pinselstriche über mein Gesicht, der Geruch nach Stoff, Make-up und Kunsthaar versetzte mich in eine angenehme Schläfrigkeit, als ich meinerseits in der Maske saß. Bei den Anproben einige Monate zuvor hatte ich ja schon die Veränderungen hier und da an den Kostümen begutachten können; heute sah ich mich zum ersten Mal in dem neuen Nachthemd, das einiges an Schlichtheit eingebüßt hatte und dessen hochgeschlossener Mädchenkragen mich um Jahre jünger machte. Als ich das Endergebnis im Spiegel sah, musste ich erst einmal lachen: die mädchenhafte Sarah war ein krasser Kontrast zu meinen vorherigen Rollen – erst die elegante Christine, deren kiloschweres Make-up mich immer unangenehm gejuckt hatte, dann die abgerissene Fantine: beide Rollen schienen mir nun unwirklich und sehr weit weg, wenn ich dieses Sinnbild von Jugend und Unschuld im Spiegel sah.
„Das sieht doch sehr gut aus“, meinte Alina, die mich geschminkt hatte und nun alles säuberte und aufräumte.
„Ja, aber ungewohnt, irgendwie…“ Ich stand auf mit der Absicht, mein Kostüm zu vervollständigen und das rote Tuch zu holen, an dem ich mich nicht satt sehen konnte: die intensiven Rottöne und die nun stark hervorgehobenen Stickereien waren ein echter Blickfang.
Als ich zurück in die Garderobe kam, war Alina fort und Alexej da. Ich bemerkte ihn nicht sofort, weil ich beim Eintreten auf meine Füße sah und den Sitz der Schuhe überprüfte, die sich irgendwie unangenehm zu tragen anfühlten.
„Alina, kannst du vielleicht – Aah…!“ Ich blieb stehen, den Finger auf den Schuh gerichtet, und Alexej, der im Spiegel den Sitz seiner Perücke begutachtet hatte, blickte auf.
„Ah“, machte ich noch einmal und warf einen raschen Blick zurück auf die Tür. Hatte ich mich im Raum geirrt? Alexej richtete sich auf.
„Entschuldige, dass ich hier bin“, sagte er sehr förmlich, „ich hatte nur schnell etwas überprüfen wollen.“
„Ah. Ja, natürlich. Kein Problem. Hm.“ Ich starrte abwechselnd auf seine Stirn und seine Schuhe. „Tja, dann…“ Ich wollte mich zum Gehen wenden.
„Anouk.“ Er sprach leise, und ich blieb stehen und drehte mich um, vielleicht etwas zu hastig.
„Ja?“
„Wir sind schon so lange hier, und hatten noch gar keine Zeit zu Reden.“ Er sah ernst aus, aber nicht zu ernst, nur das spöttische Glitzern in seinen Augen war nicht zu entdecken.
„Reden“, wiederholte ich und zog das Tuch vor meiner Brust zusammen. „Klar. Worüber?“
Er seufzte. „Anouk, du gehst mir immer aus dem Weg.“
Ich starrte ihn einige Sekunden lang an. „Na ja“, erwiderte ich gedehnt, „es war schließlich alles nicht ganz einfach, vor ein paar Jahren… und Liam…“
Alexej winkte ab. „Der ist in Ordnung.“
Ich verkniff mir ein Grinsen. „Na, da bin ich ja erleichtert…“
„Im Ernst, Anouk.“ Er unterbrach sich, als im Gang Schritte ertönten; ich nestelte an meiner Frisur, er an seinem Kragen herum, bis sie vorbei waren. „Ich dachte ja, dass du zurückhaltend sein wirst, aber…“ Er schüttelte leicht den Kopf. Seine Stimme war gesenkt, damit zufällig Lauschende uns nicht hören würden. Ich stieß mit dem Fuß gegen die Türe, damit sie nicht mehr ganz offen stand.
„Ich wusste ja nicht, wie du reagierst“, versuchte ich zu erklären.
„Wieso, hast du gedacht, ich falle über dich her?“ Der Spott war wieder da, aber unangenehm anzuhören. „So wie vor ein paar Jahren?“
„Du weißt, dass ich nicht denke, dass es so war!“, fuhr ich hitzig auf. „Wir hatten das ja schon damals geklärt!“
„Ja. Entschuldige.“ Er setzte sich auf einen Stuhl und schlug die langen Beine übereinander.
Ich lehnte mich gegen die Wand.
„Ich war verunsichert, wegen Liam… er war damals so eifersüchtig. Wenn ich mit dir reden würde… ich wüsste nie, was er denkt. Ich hätte immer Angst, er sieht irgendwelche Gespenster.“
Alexej musterte mich stirnrunzelnd. „So?“ Er trommelte nachdenklich mit den Fingern auf der Stuhllehne herum. „Das denke ich nicht“, sagte er plötzlich.
„Was?“
Er sah mich eindringlich an, und um seinen Mundwinkel zuckte es. „So wie du ihn anbetest, kann er nicht mal auf den Gedanken kommen, dass du an andere denkst, Geschweige denn an mich.“
„Anbetest?“, echote ich. „Ich bete ihn nicht an!“ Gleichzeitig schoss mir das Blut in den Kopf. Alexej lachte leise, und ich bekam eine Gänsehaut.
„Oh ja, oh doch.“
Ich räusperte mich verlegen. „Danke für die Info“, sagte ich dann. „Ich werde versuchen, es zu lassen.“
„Ich finde es ganz süß“, entgegnete er unbefangen. Ich starrte ihn an und wand mich. Alexej stand auf.
„Ich denke, wir sollten-“
„Eine Frage noch“, fiel ich ihm ins Wort. Er blieb stehen. „Ja?“
Ich spürte, dass ich wieder rot wurde. „Also, ich dachte auch, dass… ich bin mir nie sicher, ob… hm…“
„Ja?“, sagte er erneut.
„Na ja, vor ein paar Jahren. Damals.“ Ich gab mir einen Ruck. „Hatte ich irgendwie den Eindruck, dass du mich… Also, ich fand dich irgendwie anziehend“, sagte ich bestimmt, „aber nicht mehr. Ich frage mich nur…“
„Ob ich verliebt war?“
„Also… ja.“
„Und es noch bin?“
„Jaah…“
Er schwieg eine Weile. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Als ich aufsah, blickte er nachdenklich aus dem Fenster.
„Nein“, sagte er schließlich bestimmt. „Vielleicht damals. Aber wir hatten so viel Abstand zwischen uns… meine Frau, und mein Sohn, verstehst du… Wir haben uns wieder einigen können.“ Ein stolzes Lächeln flog über sein Gesicht. „Ich habe jetzt noch eine kleine Tochter!“
„Oh, herzlichen Glückwunsch!“, sagte ich, während in mir alles vor Erleichterung zusammensackte. Er liebt mich nicht, er liebt mich nicht, dachte ich, während wir uns ansahen, erleichtert lächelten und dann beide loslachten, halb verlegen, halb belustigt.
Was ich rette, geht zu Grund
Was ich segne muss verderben
Nur mein Gift macht dich gesund
um zu leben musst du sterben

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armandine
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon armandine » 10.11.2017, 15:13:36

Wunderbar! Eine prima erwachsene Lösung!

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Gaefa
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Gaefa » 11.11.2017, 20:26:17

Ein schöner Teil. Es freut mich für die beiden, dass sie die Situation klären könnten und dass Alexej zu seiner Familie zurück gefunden hat!
~*Niemand nimmt mir meine Träume und schließt meine Sehnsucht ein, wo es Liebe gab und Freiheit wird mein Herz für immer sein*~


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