Mich trägt mein Traum

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armandine
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon armandine » 13.11.2016, 12:08:13

Interessanter Teil. Ein bisschen arrogant kommt Anouk schon rüber in Berzug auf den Freund ihrer Mutter, finde ich. Ihn nicht mit Namen anzureden, weil man den Namen komisch findet - hm. Das Wiedersehen mit Bertelin finde ich dagegen super. Und natürlich ist es auch schön, dass sie jetzt weiß, wo sie hingehört. Da bin ich ja gespannt auf neue Vorsingen in London.

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Ophelia
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Ophelia » 26.11.2016, 18:40:59

Heute ein etwas kürzerer Teil als sonst, viel Spaß trotzdem!

Ich saß in meinem Zimmer, vor einem Schreibtisch voller Papierstapel, und studierte Audition Ausschreibungen, die eben frisch ausgedruckt waren: Viktoria hatte ganze Arbeit geleistet. Einige hatte ich bereits auf den undankbaren linken Stapel gelegt (links für nichts für mich), aber es waren auch einige interessante Sachen dabei: die Weihnachtskonzert-Reihe des West End, für die ich mich schon einmal interessiert hatte, hatte verschiedene Darsteller angefragt, darunter auch mich, und ich hatte den Zettel bereits mit einem großen grünen Haken versehen: meine Zusage hatten sie. Gerade las ich mich in die Ausschreibungen für den bald anstehenden Castwechsel bei Les Misérables ein: Viktoria hatte mir Fantine und Cosette angestrichen. Mit aufgeschlagenem Wörterbuch ging ich die Texte durch.

Fantine: Female, 20-29
poor factory girl, struggling to support her fatherless daughter; later is a pauper, a prostitute, a consumptive and a ghost; earthy and poignant; although is finally defeated by circumstances she should appear to be strong and a survivor; puts up a valiant fight against the horrors of her life; belt up to C, sings to E flat.
Ethnicity: All Ethnicities

Cosette: Female, 18-25
Fantine’'s daughter (first seen as and played by a child); delicate, elegant, vulnerable and beautiful; falls in love with and later marries Marius; soprano (to high C) but a light, young floating” sound, without heavy vibrato.
Ethnicity: All Ethnicities

Ich war eigentlich kein großer Fan von Cosette; es war eine jener undankbaren Musicalrollen, die zwar oft von tollen Stimmen gesungen wurden, charaktermäßig aber völlig uninteressant waren. Obwohl die Anforderungen hier besser zu mir passten, hatte ich doch ein very heavy vibrato, und ich mochte Fantine einfach lieber. Ich dachte, dass ich Sierra Boggess auch eher als Cosette eingeschätzt hätte, aber sie hatte schon Fantine gespielt und es war toll gewesen, also strich ich Cosette beherzt durch und machte einen Schlängel neben den ersten Text. Rechter Stapel.
Nach etwa zwei Stunden konzentrierten Arbeitens hatte sich nicht nur mein Wortschatz erweitert, sondern auch der rechte Stapel: neben den Konzerten und Les Misérables würde ich für Johanna in einer auf wenige Wochen reduzierte Inszenierung von Sweeney Todd im Februar, einen Ensembleersatz von Phantom of the Opera und Eliza Doolittle in Mayfair Lady vorsingen. Die meisten Rollen waren groß und ich unterdrückte einen ängstlichen Impuls: ich war jetzt so weit, dass ich ohne mich dumm zu fühlen für solche Shows vorsingen konnte. Mit fester Entschlossenheit und großer Vorfreude scannte ich die Papiere wieder ein und schickte sie mitsamt einer kurzen Mail an Viktoria, damit sie mich für die Auditions anmeldete. Dann warf ich einen Blick auf die Uhr. Viel Zeit hatte ich nicht mehr, ehe ich mit Marius im Tonstudio verabredet war, aber ein wenig konnte ich doch noch üben. Meine Mutter und ihr Freund waren beide außer Haus, weshalb ich gar nicht erst den Weg zur Musikschule antreten musste.

Die nächsten zwei Wochen in Deutschland glitten träge an mir vorbei. Die Arbeit an der CD ging viel zu leicht von der Hand, und meinen Besuch bei Linda musste ich auf unbestimmte Zeit verschieben: sie war zu beschäftigt mit Proben. Die meiste Zeit verbrachte ich mit Bertelin in der Musikschule, wo wir gemeinsam mit einigen Schülern probten oder er sich meine Songvorschläge für die Auditions anhörte, lobte oder kritisierte. Als Liam anrief und mir von dem Haus vorschwärmte, wollte ich noch dringender zurück. Daran konnte auch die Bedrückung meiner Mutter nichts ändern, die sich mehrere Male besorgt über meine „Auswanderungspläne“, wie sie es nannte, äußerte. Ich antwortete immer gleich: „Ich bin nicht aus der Welt, Mama. Aber ich fühle mich in London zu Hause. Vielleicht kommen wir ja irgendwann zurück, aber jetzt möchte ich auch nicht mehr darüber reden.“ Als bei meiner Abreise dann trotzdem Tränen bei ihr flossen, fühlte ich den Anflug eines schlechten Gewissens, wehrte mich aber rasch dagegen: ich hatte meine Wahl getroffen, und ich fühlte mich gut dabei. Ich lebte mein Leben, nicht ihres. Als ich im Flieger saß und beim Start in den Sitz gedrückt wurde, schloss ich vor Erleichterung die Augen: es ging endlich nach Hause.
Zurück in London, absolvierte ich einen Casting-Marathon. Eine Zusage für die Weihnachtskonzerte erhielt ich nach dem ersten Song, der offenbar nur obligatorischer Art war: man hatte mich nach einer Zusage schon fest eingeplant. Die anderen Auditions verliefen mehr oder weniger erfolgreich: Mayfair Lady sagte mir schon nach der ersten Runde ab, weil ich durch den Umstand, dass Englisch nicht meine Muttersprache war, nicht in der Lage sei, dem Akzent der Eliza gerecht zu werden. Sie wollten ein „britisches Original“. Ich war etwas enttäuscht, aber die anderen Auditions waren vielversprechender: beim Phantom kam ich eine Runde weiter; man ermutigte mich, auch einen Song für Christine Daae einzustudieren, was mich zwar in helle Aufregung versetzte, aber nicht deutlich machte, was ich damit eigentlich genau erreichen könnte; das Vorsingen für Fantine verlief ebenfalls gut, auch wenn ich den Eindruck hatte, der Rolle noch nicht gerecht zu werden. In beiden Fällen hieß es: „Wir melden uns“, also blieb mir vorerst nichts anderes übrig als mich in Geduld zu üben. Außerdem stand ja noch die Hausbesichtigung an… Liam und ich machten uns an einem Samstag auf den Weg. Das Haus lag nicht weit von unserer derzeitigen Bleibe entfernt, wir machten einen ausgedehnten Spaziergang und waren da. Schon von außen sprach es mich an: die beinahe quadratische Fassade war weiß, mit blauen Fensterrahmen und einer blauen Eingangstüre, die Ruperts Frau öffnete, als wir klingelten.
„Da seit ihr ja!“, sagte sie erfreut und ließ uns eintreten. „Nun, Anouk, ich bin gespannt, ob dir unser Haus so gut gefällt wie Liam.“ Sie bedeutete uns, ihr zu folgen, und führte uns durch die Räume: wir betraten das Haus durch einen großen, quadratischen Eingangsbereich, der durch die Garage in der vorderen, rechten und ein Badezimmer in der hinteren linken Ecke schön symmetrisch begrenzt wurde. Das Bad war groß und weiß; die Kacheln hatten eine feine, grüne Borte und ich dachte, hier macht sich unser Badvorleger gut. Vom Flur aus ging es direkt ins Wohnzimmer, vorbei an einer freistehenden Wendeltreppe, die wie eine hölzerne Säule aus dem Boden wuchs und sich nach oben auf eine zurückgebaute Galerie schraubte. „Im Nebenraum befindet sich die Küche“, sagte Ruperts Frau, „und hier ist das Wohnzimmer.“ Sie nannte ein paar Zahlen, die gar nicht nötig waren; auch so war erkennbar, dass der Raum geradezu luxuriöse Ausmaße hatte: er erstreckte sich über die gesamte Längsseite des Hauses. Die Küche war ebenfalls sehr groß; Küche und Eingangsbereich waren jeweils halb so lang und breit wie das Wohnzimmer. Wir stiegen die Galerie hinauf, wo wir einen langen, schmalen und etwas düsteren Flur hinabschauten. Vor uns reihte sich Tür an Tür, ein bisschen so, wie ich mir immer mittelalterliche Zimmerfluchten in alten Burgen vorgestellt hatte. Insgesamt gab es weitere fünf Zimmer, allesamt etwas kleiner als die riesigen Räume im Erdgeschoss, darunter ein kleines Bad, drei Schlafzimmer und einen Raum, der bisher als Musikzimmer genutzt worden war. Während der ganzen Besichtigung zogen Bilder vor meinem inneren Auge her: wo unser Bett stehen könnte und der Schrank, wie gut sich eine helle Couch vor den großen Fenstern machen würde und als was wir das Musikzimmer nutzen könnten.
„Diesen Raum hier nutzen wir als Gästezimmer“, sagte Ruperts Frau gerade, als wir in dem zweiten Schlafzimmer standen, „aber es kann ja auch anderweitig genutzt werden. Als Büro zum Beispiel.“
„Oder Kinderzimmer“, schlug Liam vor. Ich warf ihm einen raschen, erstaunten Seitenblick zu, aber er äußerte sich nicht weiter dazu, also tat ich es auch nicht und bewahrte die Erinnerung an seine Worte sorgsam auf, um später darauf zu sprechen zu kommen.
Als wir wieder ins Wohnzimmer zurückkehrten, sahen Liam und ich uns lange an.
„Wir nehmen es“, sagte ich irgendwann. „Oder?“
„Auf jeden Fall“, stimmte Liam zu, und mit einem Händedruck und einer Umarmung besiegelten wir den freundschaftlichen Kaufvertrag.
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Gaefa » 27.11.2016, 13:38:31

Ein kurzer, aber trotzdem schöner und ereignisreicher Teil.
Mein erster Gedanke bei Les Mis war ehrlich gesagt die Rolle der Eponine, aber mal sehen, was daraus wird. Ich hoffe, sie hat Erfolg mit einer neuen Anstellung. Das mit dem Haus klingt großartig! Ich würde es auch nehmen, so wie du es beschrieben hast XD Da kann man glatt auf die beiden neidisch werden, dass sie sich etwas aufbauen können. Allerdings ist es auch recht mutig, da man als Darsteller ja nie weiß, wo es weitergehen wird. Ich würde mich dann nicht trauen, ein Haus zu kaufen. Es freut mich jedoch sehr für die beiden - und ich bin gespannt, wohin der Einwurf mit dem Kinderzimmer noch führen wird!
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon armandine » 29.11.2016, 20:36:24

Mir gefällt der Teil sehr gut, das mit dem Haus auch und vor allem bin ich auf das neue Engagement gespannt!

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Ophelia
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Ophelia » 10.12.2016, 11:38:58

Hier ist der nächste Teil:

Wir begannen mit dem Umzug, sobald Rupert und seine Frau ausgezogen waren. Da die Räume des Hauses größere Maße hatten als die unserer ersten Wohnung, mussten wir einiges an neuen Möbeln besorgen. Wir fanden einige schöne Stücke in einem Second hand-Laden, darunter ein großes Sofa, das gut zu dem hellblauen Teppich im Wohnzimmer passte, der den ganzen Raum ausfüllte. Meine Mutter kam für ein paar Tage zu Besuch, und während Liam arbeitete, hängte sie mit mir Gardinen auf, richtete die Küche ein und half mir mit kleineren Arbeiten, die keine Männerhand erforderten. Mit Hilfe von Liams Freunden, Eltern und Bekannten schafften wir es, uns innerhalb einer Woche einzurichten. Wir ließen das Gästezimmer unbenutzt; für ein Kinderzimmer gab es keinen Grund, und falls wir einmal Übernachtungsbesuch haben sollten, konnte dafür immer noch die Couch aushelfen. Stattdessen überlegten wir, was wir mit dem ehemaligen Musikzimmer anfangen sollten. Erst schlug Liam vor, es tatsächlich in ein kleines Büro umzuwandeln, aber ich schlug den Vorschlag aus; als ich im Scherz meinte, wir könnten ja einen Probenraum errichten, verstrickten wir uns in die unmöglichsten Fantasien und unternahmen schließlich den Versuch, eine eigene, kleine Heimbühne zu schaffen: wir legten den Boden mit schwarzem Linoleum aus, das mit täuschend echt wirkendem Holzmuster bedruckt war. Gemeinsam strichen wir die Wände dunkelblau und teilten die Seiten des Raumes durch Drahtseile in kleine Nebenkammern ab; verhängt wurde alles mit schwarzem Tuch, das wir relativ günstig bei der Versteigerung alter Theaterrequisiten ergattert hatten. Der Raum war recht düster, aber er erfüllte seinen Zweck: hinter den Vorhängen lagerten wir unsere über die Jahre angesammelten Erinnerungsstücke – alte Kostümteile, Requisiten, Maskenstücke; außerdem war endlich Platz für die zahllosen Notenhefte und Textbücher. Wir tauften den Raum „Studio“ und fühlten uns sehr professionell und künstlerisch, wenn wir darin probten. Und ich hatte bald allen Grund zu proben: sowohl in Les Misérables als auch in Phantom of the Opera wurden mir Rollen angeboten – ersteres hätte mich gern als Fantine, beim Phantom sollte ich das Cover der Christine übernehmen und ansonsten im Ensemble spielen. Es war eine schwere Entscheidung, war doch beides so vielversprechend! Nach einem kurzen, aber intensiven Hin und Her entschied ich mich, dem Ensemble von Les Misérables beizutreten. Ich entschloss mich dazu aus mehreren Gründen. Der erste und naheliegendste lautete, dass es sich bei Fantine um die Erstbesetzung, bei Christine jedoch „nur“ um das Cover handelte. Außerdem hatte ich Christine gerade erst gespielt, und weil es keine gute Erfahrung und dazu noch ihr älteres Ich, das schon alles erlebt hatte, gewesen war, fühlte ich, dass ich noch nicht bereit war für diese Rolle. Zwar hatte ich kurz Sorge, dass ich mir damit eine große Chance nahm, aber andersherum wäre es genau so gewesen. Des Weiteren hatte ich von der sehr familiären und warmen Atmosphäre gehört, die bei Les Misérables herrschte. Das konnten bloß Gerüchte sein, sicher, aber ich fühlte mich zu dieser Produktion einfach mehr hingezogen: es war, nach meinen ganzen typisch weiblichen, eleganten zwar auch eine dramatische Rolle, aber ein anderer Typ Frau: arm, zerrissen, verzweifelt. Fantine hatte nicht Elisabeths Ruhm, Sarahs Jugend oder Christines Eleganz, sie war schlicht und klein und nur der winzige Teil eines großen Ganzes, das zu spielen mich reizte.
Es war nun Ende November, und am 10. Dezember würde der Castwechsel stattfinden. Das waren noch rund drei Wochen, von denen ich zwei zum Proben hatte. Neben Fantine würde es auch noch eine neue Cosette, einen Javert und einige Änderungen im Ensemble geben. Ich erhielt meinen Probenplan kurz nach der Zusage und fand, dass er recht überschaubar war. Da Javert und das gesamte Ensemble einen deutlich größeren Teil des Stückes einnahmen als Fantine, wurde darauf mehr Zeit verwendet. Ich fand das nicht schlimm; ich kannte Fantines Parts größten Teils auch auf Englisch auswendig, und in den Rest würde ich mich ebenfalls schnell einarbeiten. Die restliche freie Zeit, stellte ich erfreut fest, würde ich mit Weihnachtsvorbereitungen verbringen können. London hatte sich in den letzten Tagen in eine andere Welt verwandelt, und das Winter Wonderland, eine alljährliche Attraktion, lag im Hyde Park und somit direkt vor unserer Haustüre. Mir stand eine aufregende Zeit bevor!

In der Nacht nach einem „Probentag“, den ich für mich in unserem Studio abgehalten hatte, wo ich Fantines Songs auf dem Diktiergerät aufnahm und mich auf meine gesangliche Qualität prüfte, wachte ich plötzlich auf. Als hätte mir jemand ins Gesicht geschlagen, war ich wach, ganz wach, und konnte nicht mehr einschlafen. Ich tastete nach Liam, aber er schlief ruhig, sein Arm neben meinem Kissen; er hatte mich nicht geweckt. Ich spähte nach dem Wecker – es war vier Uhr in der Früh. Ich lag da, mit klopfendem Herzen, und als ich es nicht mehr aushielt, stand ich leise auf, zog mir einen Pulli über und verließ das Schlafzimmer. Von der Galerie aus sah das Wohnzimmer, durch dessen gewaltige Fenster das Licht einer Straßenlaterne fiel, fremd und seltsam aus, wie von einer anderen Welt, und der Weihnachtsschmuck, den ich vor einigen Tagen aufgehängt hatte, glitzerte hier und da. Ich stieg die Holztreppe hinunter und setzte mich auf unser ausladendes Sofa, viel zu groß für zwei Personen, und starrte in den Raum. Starke Gefühle wallten in mir auf, aber ich wusste nicht, wie sie zu benennen waren – mein Herz klopfte schnell, aber es war keine Angst, mein Bauch kribbelte, aber es war keine Aufregung, und hinter meinen Augen brannte es, aber ich war nicht traurig. Ich muss schlafen, dachte ich, morgen fangen meine Proben an… Geh zurück ins Bett! Aber ich blieb sitzen und lauschte der Stille, die absolut schien, und als ich abermals den verheißungsvollen Weihnachtsschmuck und meine Texthefte auf dem Tisch sah, wusste ich plötzlich, was ich spürte: es war Glück und Freude, und ein benebelndes Gefühl der Vollkommenheit.

Als ich am nächsten Tag das Queen’s Theatre erreichte, standen vor der Bühnentür einige Darsteller und rauchten. Als ich sie sah, verlangsamte ich meinen Schritt, weil ich schnell abschätzen wollte, ob ich jemanden von ihnen erkennen würde, aber sie bemerkten mich ihrerseits, und ein junger Mann mit schulterlangem, blondem Haar kam auf mich zu und schnippte dabei seine Zigarette weg. „Hey“, sagte er, „bist du Anouk Steger?“ Er sprach meinen Namen wie die meisten Engländer unglaublich bemüht und dennoch so falsch aus, dass ich lächeln musste. „Ja, bin ich“, erwiderte ich, und ehe ich ihm auch nur die Hand hinstrecken konnte, hatte er schon einen Arm um mich gelegt. „Ich bin Mike, Grantaire auf der Bühne. Hier sind Matt“, ein hochgewachsener, schlaksiger Kerl aus dem ABC Café, „Jeremy“, ein verwegen aussehender Typ, der nur Enjolras sein konnte, „und da kommen gerade Isabel und Clare, zwei lovely ladies.“ Er zwinkerte ihnen zu, und alle begannen, mich herzlich zu umarmen und zu begrüßen, und Isabel schlug vor, mir direkt die Räumlichkeiten zu zeigen und die anderen ihrem „ungesunden Rauch“ zu überlassen. Ich willigte dankend ein; es war schneidend kalt und erste feine Flocken fielen hin und wieder auf meine Schultern, wo sie sofort schmolzen.
Isabel zeigte mir meine Garderobe, wo ich nur schnell meine Tasche abstellte, dann die anderen Bereiche des Theaters. Als ich meine Kostüme und vor allem die beiden Perücken sah, musste ich unwillkürlich nachgrübeln, wie ich wohl mit kurzen Haaren aussähe und ob die Langhaar-Perücke überhaupt nötig sei, weil mein Haar ebenfalls ein dunkles Blond hatte und inzwischen recht lang geworden war. Für dieses Stück hatte ich keine auslandende Garderobe; es gab gerade mal zwei Kleider, die Arbeitertracht und das weiße Totenkleid, und ich empfand auch das als erleichternde Abwechslung: die ständigen, raschen und vorsichtigen Kostümwechsel der Christine waren im Endeffekt zwar hübsch anzusehen, aber das Tragen der Roben war doch auch sehr einengend gewesen. Außerdem hatte ich noch einen kurzen Auftritt mit dem Ensemble in Paris/ Look down, für welchen ich ein sehr abgerissenes Kostüm inklusive weitem Schal trug, in welchem man mich nicht erkennen würde.
Während der ganzen Führung plauderte Isabel mit mir über den Probenablauf, der sich nicht sehr anstrengend anhörte, weil ich zwar einen wichtigen, aber nicht den größten Part innehatte; weit mehr Gesprächsinhalt boten allerdings das Leben hinter den Kulissen und die Doppelshows am Wochenende.
„Demnächst wollen wir in der freien Zeit zwischen den Shows Plätzchen backen“, verriet sie mir, „du bist natürlich herzlich zum Mitmachen eingeladen. Ach, und demnächst haben wir einen Mini-Auftritt in einem Krankenhaus, wir singen da Weihnachtslieder für die Kinderstation, du bist auch dabei. Ach ja, und ich habe schon gehört, dass du bei dem West End Christmas-Concert dabei bist?“ Ich nickte; daran hatte ich bisher kaum einen Gedanken verschwendet, aber jetzt fiel mir ein, dass auch dazu bald die Proben beginnen mussten.
„Unser Marius – also, Leon heißt er, singt auch mit. Am 24. spielen wir nur am Nachmittag, aber wir wollen anschließend noch Do they know it’s Christmas time singen.“ Sie rollte mit den Augen. „Als gäbe es nicht genug andere Weihnachtssongs, die man chorisch aufbereiten kann… Wie auch immer“, sie hielt kurz inne und führte mich in eine Art Lagerraum, in dem gerade die Kulissen der Barrikaden standen, „das klingt sehr viel, besonders für die Weihnachtszeit, aber es ist meistens sehr lustig.“ Sie lächelte mich an. „Jetzt habe ich so viel geredet – hast du noch Fragen?“
„Nein, im Moment nicht.“ Ich sah mich um. Vom Zuschauerraum erklang Stimmengemurmel, ab und zu ein lautes Lachen und das Klimpern eines Pianos.
„Sie machen sich fertig für die Probe“, erklärte Isabel, als sie mein Lauschen bemerkte. „Ich bin schon gespannt auf die Neuen!“ Sie zwinkerte mir zu. „Und bevor ich es vergesse: irgendwann diese Woche haben die Neuen, also auch du, einen Show Watch. Um alles mal live und in Farbe zu sehen.“
„Darf ich eine Begleitung mitnehmen?“, fragte ich. Die Show mit Liam zu sehen wäre doch schon, dachte ich – wir hatten schon lange keinen gemeinsamen Theaterbesuch mehr gemacht.
„Ich weiß nicht“, gab Isabel zu, „am besten, da fragst du gleich nach. Und jetzt sollten wir zu den anderen gehen, ich stell sie dir vor!“
Ich folgte ihr, immer noch ein bisschen aufgeregt, aber auch voll freudiger Erwartung auf diesen ersten Probentag.
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Gaefa » 10.12.2016, 17:13:08

Na da geht es ja mit großen Schritten weiter und es klingt alles echt gut! Schön, dass sich Anouk schnell im neuen Haus ein gelebt hat und glücklich ist. Auch die neue Rolle ist prima - das Ensemble scheint wirklich sehr nett zu sein. Ich bin gespannt, ob das alles so bleibt und wie sie Weihnachten in ihrer neuen Heimat verbringt.
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon armandine » 10.12.2016, 19:56:15

Schöner Teil! Wenn ich etwas anmerken darf: Die Fantines sind immer auch auf der Barrikade dabei. Der Legende nach hat sich mal eine in London zwischen ihren beiden Auftritten am Anfang und am Ende der Show so betrunken, dass sie den Auftritt verpasst hat. Seitdem muss die Fantine mit auf die Barrikade, damit sie was zu tun hat ;-). Aber die Entscheidung für Les Mis kann ich nachvollziehen, Erstbesetzung ist immer netter als Cover.

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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Ophelia » 03.08.2017, 20:42:33

Nicht zu fassen, dass ich acht Monate nichts mehr geschrieben habe! Tatsächlich habe ich heute zum ersten Mal wieder etwas Neues über Anouk abgetippt. Ich hoffe, ihr lest noch mit...
Durch die lange Pause habe ich etwas den Faden verloren und beginne mit einem kleinen Zeitsprung. Seht es mir nach!

2 Monate später

Schnee fiel in geradezu unglaublich dicken und dichten Flocken, als ich Sainsbury’s verließ und auf die Straße trat. Ich hatte nicht einmal eine halbe Stunde in dem kleinen Supermarkt verbracht, doch die Straße war schon nicht mehr wiederzuerkennen: wie in den Nachrichten versprochen, öffnete der seit Tagen von schweren Wolken verhangene Himmel seine Schleusen – und sorgte sowohl für schöne Touristenfotos als auch für ein – ebenfalls versprochenes – Verkehrschaos. Ich schlängelte mich durch die Flut von Passanten, die in gewohnt gelassener Manier Witze über das Wetter rissen und es dann in einem Pub aussaßen, und meine Hand, die die Einkaufstüte trug, wurde langsam taub. Auf dem fünfminütigen Heimweg fiel mein Blick unweigerlich in die Earl’s Court Road; irgendwo in einer dieser dicht an dicht liegenden Wohnungen bibberte vermutlich ein in mehrere Decken gehülltes Pärchen, oder vielleicht eine einzelne Person oder gar eine Kleinfamilie…, zwischen maroden Heizkörpern und undichten Fenstern vor sich hin. Ich spürte Mitleid, gefolgt von einer starken Erleichterung: wir hatten es warm und gemütlich! Ich legte einen kurzen Zwischenstopp in der Apotheke ein und kaufte Aspirin, und die anschließende erneute Kälte auf meiner bloßen Hand war noch einmal schlimmer. Eilig stapfte ich nach Hause. Wie schön unsere Fenster im Dämmerlicht leuchteten! Wäre es wärmer, wäre ich gern stehen geblieben, nur um dieses Bild der Behaglichkeit auf mich wirken zu lassen; jetzt aber zählte erst einmal eines: hinein in die Wärme! Ich zog meinen Hausschlüssel aus der Jackentasche und schlüpfte nach drinnen; heftig stampfend löste ich den Schnee von meinen Schuhen, der rasch auf dem Boden zu einer dreckigen Pfütze schmolz. Rasch trat ich die Schuhe mit den Fersen ab und warf meine immer nasser werdende Jacke über den Garderobenhaken, dann schleppte ich die Tüte in die Küche. Auf dem kurzen Weg durch das Wohnzimmer hörte ich Schnipsel einer Dauer-Nachrichtensendung: anscheinend hatte es andere Teile Londons schon vor Stunden und weitaus schlimmer erwischt: es war von Sturmböen, Stromausfall und Verkehrsstillstand die Rede. Ich lauschte, während ich schnell alles wegräumte, und ging dann ins Wohnzimmer.
„Sieht aus, als würden wir noch mal davon kommen“, sagte ich und gab Liam zur Begrüßung einen Kuss und die Aspirin. „Wie geht es dem Bein?“
Wir richteten beide unsere Augen auf diesen unförmigen, dick eingepackten und schön weiß leuchtenden Gisklumpen, der da auf dem Tisch lag und anscheinend ein Teil von Liams Bein war: sein Bein.
„Die Aspirin sind willkommen“, entgegnete er und verzog das Gesicht. „Kannst du mir ein Glas Wasser bringen?“
„Aber sicher.“ Ich stand auf und ging zurück, um das Gewünschte zu holen. Dabei lachte und seufzte ich gleichermaßen stumm in mich hinein. Liam war es gelungen, beim Aussteigen aus dem Flugzeug so ungünstig aufzutreten, umzuknicken und zu fallen, dass er sein Bein glattweg gebrochen hatte. Ich hatte ihm erst kaum glauben wollen, als er mir, noch am Boden und mit zusammengebissenen Zähnen versicherte, das Bein sei „durch.“ Zum Einen, weil sein Sturz nur halb so dramatisch ausgesehen hatte, als er tatsächlich war; zum Anderen, weil ich mit ihm auf Heimatbesuch in Deutschland war, und zwar zu Weihnachten. Aus den angestrebten besinnlichen Feiern in verschiedenen familiären Wohnzimmern wurde ein enges Beisammensitzen und Papierknüllen im Krankenhaus. Inzwischen waren wir wieder in London, Liam kurierte sein Bein und sein Ego und ich genoss es insgeheim, ihn mal für eine Weile ganz für mich zu haben. Zwar musste ich nachts auf ihn verzichten, da er zurzeit unmöglich die Treppenstufen hinauf kam, aber ansonsten war es toll, nicht den ganzen Tag allein zu sein.
Ich reichte Liam sein Wasser und er nahm die Tabletten. Eine Weile sahen wir noch Bilder aus verschiedenen Teilen Londons an, die eigentlich alle gleich aussahen (weiß, grieselig, ungemütlich), dann schaltete Liam den Fernseher aus und legte seufzend den Kopf zurück.
„Ich bin nicht der Typ für dieses Rumsitzen“, murrte er.
„Tja, dann hättest du wohl besser aufpassen sollen, wo du hintrittst“, feixte ich und lehnte mich an ihn. „Wenn noch mal ein Platz im Parkett frei bleibt, schaff’ ich dich rüber, dann hast du etwas Abwechslung.“
„Und dich vierundzwanzig Stunden um mich rum?“ Er riss dramatisch die Augen auf, und ich gab ihm einen Knuff. „Benimm dich! Denk dran: du bist mir völlig ausgeliefert.“
„Wie Recht du hast.“
„Und um das mal auszunutzen: was sollte eigentlich damals die Bemerkung mit dem Kinderzimmer?“
„Hm?“ Er blinzelte mich fragend an.
„Bei der Besichtigung hier hast du das Gästezimmer als Kinderzimmer vorgeschlagen.“ Ich zog eine Schachtel Schokolinsen heran und riss sie auf. „Wolltest du damit irgendetwas andeuten?“
„Eigentlich nicht“, erwiderte er und bediente sich ebenfalls an dem Süßkram. „Ich finde, meine Aussage war ganz deutlich.“
„Tatsächlich?“
Er seufzte übertrieben. „Weißt du, Anouk, Männer sind nicht so hintenrum wie Frauen. Wenn ich sage, das könnte mal ein Kinderzimmer werden, dann heißt das genau das: der Raum könnte ja mal ein Kinderzimmer werden. Da ist nichts mystisches dran, weißt du.“
„Ja, aber um ein Kinderzimmer draus zu machen, bräuchten wir erst mal, na ja, Kinder.“
„Natürlich“, sagte er, und seinem Ton war deutlich anzuhören, dass für ihn alles sonnenklar war.
„Wäre da nicht die sinnvollere erste Bemerkung gewesen: wir werden Kinder haben?“
„Impliziert meine Aussage das nicht schon?“
Ich knuffte ihn wieder. „Du nervst. – Also, können wir mal richtig darüber reden? Ich habe den Eindruck, dass du… na ja, dass du denkst, wir werden Kinder kriegen.“
„Und ich habe den Eindruck, dass du in deiner Anouk-haften Weise mal wieder seit diesem Tag darüber nachdenkst und erst jetzt mit der Sprache herausrückst.“
Mein Gesicht wurde warm, aber ich ließ mir nichts anmerken. „Schon möglich“, sagte ich. (Er hatte natürlich vollkommen Recht. Aber warum, warum hatte er das Thema nicht wieder angeschnitten?) Schweigend sah ich ihn an, und er seufzte erneut. „Anouk, ich sehe schon, wie du denkst: du denkst, ich hätte für uns beschlossen, dass wir mal Kinder haben. Tatsache ist, dass ich es mir durchaus vorstellen könnte, du in diesem Falle aber die, hm, Hauptleidtragende wärest, also habe ich diese Bemerkung einfach mal in den Raum geworfen und gewartet, wie du reagierst. Natürlich so, wie erwartet.“ Er lachte. Ich war verblüfft.
„Also… ein bisschen hintenrum war das ja schon… Und… hm. Könntest du dir nur vorstellen, Kinder zu haben, oder willst du es gern?“
„Ich will dich nicht unter Druck setzen.“
„Sag’s einfach.“
Er zögerte kurz. „Also, ich hätte schon sehr, sehr gerne Kinder. Oder eines, um mal klein anzufangen.“
„Aah…“ Ich schwieg. So war das also. In recht schneller Geschwindigkeit gingen mir einige Gedanken durch den Kopf.
„Kinder sind… nicht sehr förderlich in unserer Branche. Und ich bin erst siebenundzwanzig.“
„Wir sind ja auch noch nicht verheiratet.“
„Verheiratet?“, echote ich, als er einfach so umstandslos auf das nächste große Thema zu sprechen kam.
„Ich dachte immer, das würdest du gerne…“, murmelte er. Mein Herz raste. „Ist das jetzt ein Antrag?“
„Nein!“
„Oh…“
Es folgte erneut ein peinliches Schweigen. Liam schien ein Licht aufzugehen.
„Oh Mann. Oh Gott, Anouk, tut mir leid…ich wollte nicht… Es sollte nicht so wirken!“
„Schon gut.“ Ich wurde den Eindruck nicht los, dass unsere Unterhaltung immer absurder wurde.
„Um das noch mal zusammenzufassen: du wünscht dir eine Familie, und du denkst, wir sollten heiraten. Vielleicht sogar vor dem Kind.“
„Möglich ist alles“, sagte er weise, „aber ich fand die altmodische Reihenfolge schon immer schön. Das wirkt so verbindlich.“
„Verbindlich, soso.“ Ich grinste. „Denkst du, ich werf’ dir ein Kind hin und ziehe dann in die weite Welt hinaus?“
„Nein, natürlich nicht… ist nur so mein Denken… wir müssen ja nicht heiraten… Was sagst du denn zu alldem?“
Ich dachte nach. „Heiraten… warum nicht? Ich finde das gut. Und Kinder…“ Ich verstummte. Liam hatte natürlich Recht: ich hatte oft über das Szenario nachgedacht, ein Baby zu bekommen. Erst war ich erschrocken gewesen: diese Verantwortung, und wie würde es danach im Showgeschäft für mich aussehen? Andererseits konnte ich mit Fug und Recht behaupten, eine Größe in meiner Branche geworden zu sein, die man nicht so einfach nach einem Jahr vergessen würde. Und trotz Berücksichtigung meines manchmal unsteten Lebens war ein eigenartiges Ziehen in mir erwacht. Es saß irgendwo zwischen Brustbein und Bauchnabel und schien die Beschaffenheit eines defekten Aufzuges zu haben: beim Anblick von Kinderwagen, Babys und Schwangeren raste er ungestoppt abwärts, polterte in meinen Magen und hinterließ nebenbei auch noch ein heilloses Durcheinander in meinem Kopf. Ich konnte mir das nur so erklären: Liams Vorschlag hatte etwas für sich.
„Ich glaub, ein Kind wär’ schön“, nuschelte ich dann etwas unbeholfen. Liam schien meine Unsicherheit zu spüren. Er zog mich näher an sich und drückte seine Lippen auf meinen Scheitel. „Wir haben ja noch Zeit“, sagte er. „Aber es ist schön, dass wir mal darüber geredet haben.“

Trotz des Schneesturms nahm der Theaterbetrieb seinen gewohnten Lauf, und am Abend konnte ich mein rastloses Denken gegen Fantine eintauschen und im Ensemble mit der Masse gehen, ohne viel zu denken. Seit meiner Premiere hatte ich mich gut eingespielt. Auch auf meine Kritiken konnte ich stolz sein; einzig die vielen kleinen, spitzen Bemerkungen, warum eine Deutsche bei so vielen einheimischen Talenten besetzt worden sei, lagen mir noch etwas schwer im Magen. Aber so war es wohl überall: wie oft hatte es in Deutschland nicht ähnliche Bemerkungen über Niederländer, Österreicher, Amerikaner und andere ausländische Besetzungen gegeben… Außerdem war ich gern im Ensemble, das ich für die nächste Zeit um nichts in der Welt verlassen wollte. – Auch nicht für ein Baby? Ich seufzte, als mir der Gedanke nach dem Schlussapplaus wieder kam. Wir haben Zeit, wiederholte ich Liams Worte für mich, aber überzeugen konnte es mich nicht.
„Hey, du warst dramatisch heute! Alles okay?“ Isabel hatte ein Gespür für die wahren Gefühle, die in die gespielten mit einflossen.
„Keine Ahnung“, antwortete ich, aber schon in der nächsten Sekunde entschlüpften mir die Worte: „Liam und ich, wir denken über ein Baby nach.“
„Ein eigenes?“
Ich lachte. „Ja. Also, eines, das ich bekomme.“
„Schon kapiert. Und du…?“
Ich hängte mein Kostüm weg. „Ich finde die Idee… gut“, antwortete ich etwas lahm. „Ich bin nur etwas in Sorge, wie ich ein Baby mit der Karriere vereinbaren kann.“
„Deine Karriere wird wohl nicht platzen, nur weil du mal für eine Weile nur Mutter sein möchtest“, erwiderte sie. „Ich denke, bei Anfängern oder dem Durchschnittsdarsteller ist das was anderes, aber du… So wie ich weiß, seit ihr doch beide bekannt und gut im Geschäft. Auch wenn Liam im Moment nur unterrichtet, hat er doch auch damit einen soliden Job.“
„Jaah, schon…“ Ich seufzte und ließ das Thema fallen. „Wie ist es, gehen wir noch irgendwo was essen?“
Ich hatte die äußerst angenehme Gewohnheit aufgenommen, mit ein paar Ensemblemitgliedern nach der Show noch einen Pub oder eine Bar zu besuchen und etwas zu essen.
„Klar!“, sagte Isabel, „warte, ich schau mal, wer noch mit will…“
Und im Laufe des Abends vergaß ich meine Grübeleien fürs Erste.
Sink mit mir ins Meer der Zeit
Lern von mir, was es heißt zu leben
Spür das Glück der Traurigkeit
Fühl die Wollust, dich aufzugeben
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Gaefa » 05.08.2017, 12:17:22

Hui es geht weiter - wie schön.
Ich hab geahnt, dass das Thema Kinder nochmal irgendwann zur Sprache kommt. Es scheint Anouk ja plötzlich nicht loszulassen. Ich bin sehr gespannt, wie dieser Handlungsstrang weitergeht. Immerhin haben sie ja Liams Eltern in der Nähe als Unterstützung falls es dann soweit ist, das ist gerade in den ersten Monaten so viel wert!
Lass uns nicht wieder acht Monate warten, sonst könnte das Baby der beiden ja fast in der Zwischenzeit herangewachsen sein ;)
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon armandine » 13.08.2017, 19:16:08

Ich freue mich auch über den neuen und interessanten Teil! Lass uns nicht wieder so lange warten!

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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Musical_passion » 16.08.2017, 16:41:12

Wow, habe gerade in die ersten Teile reingelesen und bin jetzt schon hin und weg!
Da hab ich ja jetzt den perfekten Lesestoff fürs kommende Wochenende, vielen Dank :-)

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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Ophelia » 20.08.2017, 19:15:49

Schön dass ihr noch mitlest und schön, dass es eine(n) neue(n) Mitleser(in) gibt :)
Nein, acht Monate wird es bestimmt nicht mehr dauern...

Das extreme Winterwetter dauerte an, länger, als ich es mir hätte vorstellen können: zum Theater zu kommen war inzwischen eine Qual. Nicht nur, dass der schon einige Tage alte Schnee durch die rapide abgefallenen Temperaturen zu einem steinharten, rutschigen Hindernis geworden war – auch die Kälte machte mir zu schaffen. Ich hatte es gern warm und gemütlich und war empfindlich gegen alle Temperaturen unter zehn Grad; durch die eisigen Böen, die immer wieder durch die Häuserzeilen wehten, fühlte sich die Luft in London geradezu arktisch an. Die zwanzig Minuten, die ich am Nachmittag zur Haltestelle laufen musste, fühlten sich wie eine mehrstündige Reise an; in der anschließenden Fahrt bis Piccadilly Circus konnte ich mich zwar wieder aufwärmen, musste aber auch die Enge und den Geruch nach U-Bahn, Menschen und nass-kalten Winterjacken in Kauf nehmen. Während ich mich an einem besonders kalten Tag nach einer Nacht weiterer Unwetter an die Haltestange klammerte, dachte ich sehnsüchtig an unser Auto, das wegen Liams Bein schon eine ganze Weile untätig herumstand. Lautlos seufzte ich und nahm mir zum wiederholten Male vor, endlich den Führerschein zu machen – was gar nicht so einfach war: unser Aufenthalt in London sah für die nächste Zeit keine Unterbrechung vor, und da wir unseren Wohnsitz dorthin verlegt hatten, wäre es am sinnvollsten, den Führerschein hier zu machen; andererseits traute ich es mir nicht zu, in einer nach wie vor irgendwie fremden Sprache die Verkehrsregeln zu lernen – die hier ja auch noch mal ein wenig anders waren als in Deutschland. Abermals unterdrückte ich ein Seufzen. In ungefähr einer Woche würde Liam wieder fahren dürfen. Eine Woche Bahn und Kälte, es gab wahrscheinlich Schlimmeres.
Ich ließ mich von der Menschenmenge aus dem Zug treiben und hinauf zu Piccadilly, von wo aus es zum Glück nur noch Sekunden bis zum Theater waren. Heute standen nur die hartnäckigsten Raucher an der Bühnentüre, sie trugen dicke Jacken über den dünnen Kostümen. Ich schlüpfte rasch an ihnen vorbei ins Theaterinnere und war froh, als ich meine Garderobe einigermaßen warm anfinden konnte. Nachdem ich meine dicken Sachen ausgezogen hatte, sah ich wie immer zuerst meine Post durch; neben Autogrammwünschen und etwaiger Fanpost ließ ich auch alles, was meinen Job betraf, ins Theater schicken. Das Meiste ging ohnehin über meine Agentin, die sich häufig schon vor Eintreffen der Post telefonisch mit mir in Verbindung setzte. In den letzten Wochen hatte es immer mal Angebote gegeben, allesamt aus Deutschland, die ich abgesagt hatte: sie würden sich mit meinem Engagement hier überschneiden, und außerdem waren sie nicht so vielversprechend wie meine Rolle in Les Mis. Auch heute wartete immerhin ein A4-Umschlag auf mich. Ich ließ mich auf mein Sofa fallen, riss das Kuvert auf und zog mehrere Zettel heraus: ein Flyer, ein Ausschreibungsblatt und ein förmliches Schreiben. Der knallrote Schriftzug zwischen dem spitzzahnigen Gebiss sprang mir sofort ins Auge, ebenso wie das Firmenzeichen über dem Anschreiben: Stage Entertainment Germany. Ich zog die Brauen hoch und las, und während mir klar wurde, um was es sich handelte, versuchte ich, mein Herzklopfen zu ignorieren: offenbar lud man mich zur Audition für Tanz der Vampire – die Jubiläumstournee ein, um für die Rolle der Sarah vorzusingen. Alles in allem klang es allerdings, als sei das Vorsingen nur eine obligatorische Farce; das Schreiben klang durchweg positiv. Ich faltete das Schreiben zusammen und schob es zu den anderen Umschlägen, und auch meine aufgeregten Gedanken ordnete ich neu: ich hatte eine Doppelshow vor mir, die nächsten drei Tage aber frei. Erst dann, nahm ich mir vor, würde ich mir über dieses Angebot Gedanken machen.

Am nächsten Morgen wartete strahlender Sonnenschein vor den Fenstern. Als ich gähnend und fröstelnd die Treppe nach unten stieg, schwang sich Liam gerade umständlich in eine sitzende Position.
„Morgen“, murmelte ich und reichte ihm seine Krücken, die er nur unwillig benutzte. Ich ging ihm voraus in die Küche, um Frühstück zu machen. Während die Kaffeemaschine gluckerte, räumte ich den kleinen Esstisch, der viel zu oft als unnötige Ablage für allerlei Kram benutzt wurde, auf; dabei stach mir etwas ins Auge: der gleiche Flyer, den ich bekommen hatte, zusammen mit der Auditionausschreibung und einer Mail von Liams Agentin.
„Hey, das habe ich auch bekommen!“ Ich nahm den Flyer und überflog die Mail. Offenbar hatte Liam, anders als ich, nur die Information über die Audition von seiner Agentin bekommen. „Willst du da etwa hin?“
Liam ließ sich auf einen Stuhl fallen und rieb sich ungeduldig das Bein. „Ich bin nicht sicher“, erwiderte er. „Wieso, du etwa?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Na ja… warte.“ Ich eilte zur Garderobe und zog mein Schreiben aus der Tasche, um es Liam zu zeigen. Der las es mit gerunzelter Stirn.
„Wieso machen sie dir so ein direktes Angebot?“, fragte er gespielt gekränkt.
„Ich bin halt begehrt.“ Ich schenkte ihm Kaffee ein. „Hey, wäre es nicht cool, wenn wir da zusammen hingehen?“
„Ähm… ja, schon, aber… Na ja, du bist dann so gut wie genommen, schätze ich, aber ich war schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr auf der Bühne, weder hier noch in Deutschland. Meine Chancen sind also verschwindend gering.“
„Unsinn!“ Ich sah ihn an. „Du hast die richtige Stimme, bist groß und mit diesen langen Haaren bestimmt super-sexy.“
Er lachte. „Jaah, und wenn sie mich sehen, werden sie das Borchert-Seibert-Ammann-Karussel natürlich sofort anhalten und mich einsteigen lassen“, sagte er sarkastisch. „Verrückt, dass sie dich überhaupt anfragen. Hast du mir vielleicht irgenwelche niederländischen, italienischen oder spanischen Wurzeln verheimlicht?“
Diesmal lachte ich. „Du klingst aber ganz schön verbittert.“
„Na ja, Stage ist ja auch ziemlich abgesackt.“
„Aber verantwortlich für die größten Musicals in Deutschland.“
„Du meinst wohl, für die teuersten?“
Ich verdrehte die Augen. „Lass uns jetzt nicht darüber streiten. – Hör zu, ich rufe gleich mal Viktoria an und bespreche das mit ihr. Und dann können wir das diskutieren. In Ordnung?“
„In Ordnung.“ Er schielte auf den Flyer und klappte ihn auf. „Mann“, meinte er, „ich glaube, du hast Recht… ich wär’ ein echt scharfer Graf…“

Viktoria war alles andere als begeistert, als ich ihr von dem Angebot erzählte.
„Und du ziehst wirklich in Erwägung, da hinzugehen?“, fragte sie unüberhörbar skeptisch.
„Ich bin noch nicht sicher“, antwortete ich, etwas verwirrt durch ihren Ton. „Du weißt ja, Tanz der Vampire bedeutet mir viel.“
„Schon, aber…“ Sie seufzte. „Anouk, ist das nicht inzwischen unter deinem Niveau?“
„Unter meinem Niveau?“, echote ich fragend.
„Sarah ist eine nette Rolle, mehr aber auch nicht. Die meisten Leute stehen auf die Männer der Show, besonders auf einen, und das weißt du auch. Willst du wirklich dieses, nun ja, schmückende Beiwerk sein? Du spielst am West End, meine Güte! Dir stehen alle Türen offen, hier wie dort. Willst du dafür Fantine aufgeben?“
„Mein Vertrag läuft nur bis April“, entgegnete ich angriffslustig, gekränkt durch ihren mangelnden Enthusiasmus.
„Du weißt selber, dass du gute Aussichten auf eine Verlängerung hast. Außerdem – wenn du jetzt in England aufhörst und nach Deutschland kommst – für eine begrenzte Spielzeit von zwei Monaten – und dann wieder zurückkehrst… wie stehen dann deine Chancen?“
Ich schmollte.
„Als deine Agentin rate ich dir ganz klar von der Rolle ab, das muss ich ehrlich sagen.“
„Und wenn ich es trotzdem mache?“ Ich klang wie ein rebellierender Teenager, deshalb setzte ich rasch hinzu: „Ich meine, nur mal angenommen?“
„Ich weiß nicht, Anouk. Aber wenn du gegen meinen Rat handelst und einen Misserfolg erlebst, wirft das auch ein schlechtes Licht auf meine Agentur, verstehst du?“
„Aber…“… es geht doch hier um mich!, wollte ich rufen, verkniff es mir aber. „Okay“, sagte ich. „Ich werde noch darüber nachdenken.“
„Das dachte ich mir“, seufzte sie. „Ich werde es auch. Und vorsichtshalber“, sie klang resigniert, „werde ich mich auch schon mal nach Projekten im neuen Jahr umsehen…“
Ich musste grinsen: sie kannte mich, trotz aller Mahnungen, inzwischen mehr als gut: sie wusste, dass ich es nicht bei „darüber nachdenken“ bewenden ließ.
„Danke, Viktoria!“
Sie legte mit einem Brummen auf.
Sink mit mir ins Meer der Zeit
Lern von mir, was es heißt zu leben
Spür das Glück der Traurigkeit
Fühl die Wollust, dich aufzugeben
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon armandine » 03.09.2017, 20:33:05

Ach sieh an. Da hatte ich gerade das Gefühl, sie hat sich in London eingelebt. Ich fände es ehrlich gesagt besser, wenn sie dort bleibt oder nur ein kurzes Gastspiel gibt bei TdV, weil ich es schade finden würde, wenn es bei den beiden zu Problemen kommen würde, wo doch gerade alles so gut läuft. Danke für den schnellen neuen Teil, das finde ich super!


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