
Hier also mein Bericht:
Der Tag begann ziemlich grau in grau, so, wie es der Wetterbericht vorhergesagt hatte. Aber die Hoffnung soll man ja niemals aufgeben!

Bei der Festspiel-Leitung hatte man uns mitgeteilt, dass bisher in diesem Jahr nur eine einzige Vorstellung der Festspiele wegen schlechten Wetters abgesagt wurde und dass man bei zu starkem Regen eben die Vorstellung kurz unterbrechen werde…
Dazu muss ich vielleicht kurz erwähnen, dass die Stiftsruine zwar ein Dach besitzt, das bei schlechtem Wetter aufgespannt wird, welches aber leider nur den Zuschauerraum, den Orchestergraben und nur einen kleinen vorderen Teil der Bühne überdacht. Die Schauspieler sind also die meiste Zeit Wind und Wetter ausgesetzt.

Nun, um viertel vor neun stiefelten wir (meine Mutter, meine Schwester und ich) bewaffnet mit Jacken und warmen Wolldecken vom Parkplatz zur Bad Hersfelder Stiftsruine. Am Nachmittag hatte es ziemlich heftig geregnet, daher hofften wir, dass das Schlimmste vorbei wäre. Und tatsächlich: bei beginn der Vorstellung war es trocken. Das Dach war zwar über die Ruine gespannt (bei meinen beiden vorherigen Besuchen, nämlich bei Jesus Christ Superstar war es beide male nicht da), aber das war wohl auch sicherer so.
Um kurz nach neun begann dann die Vorstellung und von Anfang an waren wir total in den Bann des Stückes gezogen, der Spielort macht doch eine Menge aus! Es war noch einmal etwas ganz anderes, solch ein Musical unter (zumindest teilweise) nfreiem Himmel zu sehen und dazu noch in einer Kirchenruine! Bevor ich jetzt ein bisschen über die Show selbst spreche, beschreib ich wohl am besten erstmal kurz die örtlichen Gegebenheiten:
Der ganze halbrunde Altarraum und ein gutes Stück davor wurden von einer riesigen, zum Publikum hin (ziemlich stark) abfallenden Bühne eingenommen. Dazu gab es zwei Seitenbühnen, die noch fast bis zu den Seitenschiffen der ehemaligen Kirche reichten und zwischen denen sich der Orchestergraben befand.
Wir hatten wirklich super Plätze: Reihe 15 (die Zuschauerreihen stiegen weiter nach hinten hin an), ziemlich mittig, sodass wir problemlos alle „drei“ Bühnen überblicken, bis ganz nach hinten in den Altarraum mit den hohlen Fenstern gucken konnten und dazu noch einen guten Blick in den Orchestergraben werfen konnten.
Schon der Anfang war einfach grandios: In der Mitte der großen Bühne befand sich ein Loch aus dem die in Lumpen gehüllten Strafgefangenen hervorgekrochen kamen. Man konnte so richtig das „Elend“ nachfühlen, da die Darsteller (wie auch später die „Leichten Mädels“) nur dünne Kleidung trugen und dazu noch Barfuß waren (bei gerade mal 11 Grad Außentemperatur sicherlich kein großes Vergnügen!:roll:)
Das besagte „Loch“ im Bühnenboden war später auch noch für den Selbstmord von Javert sehr nützlich: Er sprang einfach hinein (nachdem er über ein „Brückengeländer“ geklettert war) und war weg. Sehr gute Lösung! Gefiel mir persönlich besser als das „Herumkullern“ in Duisburg.

Zu den einzelnen Hauptdarstellern sage ich später noch etwas genaueres, aber schon jetzt möchte ich gerne mal das Ensemble hervorheben, welches wirklich eine großartige Leistung gebracht hat! Die Massenszenen waren nicht nur wunderbar kraftvoll gesungen, sie wurden auch von jedem einzelnen voll ausgespielt (jeder ging in den verschiedensten Rollen richtig auf). Man wusste gar nicht, wo man nun hingucken sollte!
Am Anfang gab es gleich eine kleine Panne: Zu Anfang wird die Melodie von „Schaut her“ ja auf „Ahhhh….“ Gesungen. Und dann später mit dem Text „Zu gleich!“ weitergeführt. Einer der Sträflinge schmetterte aber gleich zu Anfang mit einem kräftigen „Schaut her!“ los, merkte aber sofort seinen Fehler und machte dann auch mit „Ahhhh…“ weiter. Na, ich denke, es wird ihm ziemlich peinlich gewesen sein.

Ansonsten lief das Stück weiter wie am Schnürchen. Auch die vielen Statisten, die wohl aus einem Bad Hersfelder Gesangsverein oder so stammten, wahren immer an der richtigen Stelle und mischten sich gekonnt unter das Ensemble. Außerdem waren die Statisten für die Umbauten zuständig. Diese waren sehr geschickt gemacht: Manche der Szenen (z.B. das Studenten-Cafe oder die Szene mit dem Bischof) fanden auf den Seitenbühnen statt. So konnte immer auf den jeweils anderen Bühnen schon für eine andere Szene umgebaut werden ohne dass man es bemerkte. Alle waren wirklich großartig aufeinander eingespielt, sodass man die Drehbühne aus Duisburg gar nicht vermisste.

Bei dem Lied „In meinem Schloss“ fing es dann leider an zu regnen, was sich bei „Herr im Haus zu einem wahren Wolkenbruch steigerte. Es wurde aber tapfer weitergespielt und niemand ließ sich etwas anmerken! Das Lied „Sterne“ (wunderbar gesungen von Norbert Lamla als Javert) konnte ich ja nun leider nicht unter freiem Himmel und mit echten Sternen bewundern, dafür gab es zu diesem Lied aus dem Himmel ein paar Blitze:D!
Bei „Morgen schon“ hatte der Regen dann aufgehört und so langsam senkte sich die Nacht herab. Vielleicht ja doch noch ein paar Sterne für´s Finale?
Nein! Zu früh gefreut: Pünktlich zu „Der Regen“ fing es wieder an. Da passte es ja ausnahmsweise mal. Nur leider hörte es anschließend nicht mehr auf…

Ich kann nur sagen: Die armen Darsteller! Ich habe jeden Moment damit gerechnet, dass die Vorstellung unterbrochen werden würde! Aber nein: Tapfer wurde weitergespielt und wir haben mit den Schauspielern mitgelitten! Wir hatten es ja warm und trocken mit unseren Decken unter dem Dach… Besonders nach dem letzten Angriff war es heftig: Einige der „Toten“ wurden ja mit der Barrikade zusammen herausgeschoben, aber etwa fünf oder sechs „Leichen“ mussten noch über mehrere Gesangsstücke dort liegen bleiben und zwar in strömendem Regen!!! Erst bei dem Lied „Weiter“ wurden sie von anderen Ensemblemitgliedern auf Karren verladen und abtransportiert. Und selbst auf der vorderen Bühne war es irgendwann trotz Dach nicht mehr trocken. Durch die Schrägstellung der Bühne lief das Wasser nun immer weiter nach vorne herunter und begann sogar schon in den Orchestergraben zu tröpfeln. Dennoch wurde eisern weitergespielt! Wirklich: Hut ab vor dieser Leistung! Ich war auch überrascht, dass die Darsteller nicht ständig ausrutschten! Nur Marius erwischte es einmal: Bei der „Flucht“ von Cosettes Gartentor nach Eponines Schrei, musste er auf die Seitenbühne rennen und schlitterte das letzte Stück auf den Knien bis er zum Halten kam. Aber sonst ist wirklich keinem was passiert.
Also den donnernden Schlussapplaus mit Standing Ovations hatten sich alle mehr als verdient! Und der dauerte auch ganz schön lange, was aber letztlich auch egal war, da alle sowieso schon ganz durchgeweicht waren.

Alles in allem eine großartige Aufführung und ich glaube, es gab kaum einen aus dem Publikum, der die Ruine nicht zufrieden verlassen hat!
So, nun sag ich noch mal kurz etwas zu den einzelnen Hauptdarstellern:
Jean Valjean: Olegg Vynnyk
Nur ein Wort: WOW!!!
Bisher wusste ich nicht viel über ihn, außer, dass er mal den Tod in Elisabeth gespielt hat. Gerade deswegen hatte ich ziemlich negative Befürchtungen, da für mich der Tod und Valjean zwei so völlig verschiedene Welten sind! (Bei Yngve, der ja erst für die Rolle vorgesehen war, hatte ich allerdings ähnliche Befürchtungen, da ich ihn mir bis heute auch nicht als Valjean vorstellen kann:wink:) ). Beim ersten Ton den Olegg sang, dachte ich nur „Oh Mann der singt ja mega-tief“ so gar nicht „todmäßig“ eben. Aber während des Stückes zeigte sich, dass er auch ganz viele andere Register seiner Stimme ziehen kann! Sein „Bring ihn heim“ (ein Lied, dass ich eigentlich gar nicht mag) sang er eben so ausdrucksstark wie den „Doppelten Schwur“ oder „Morgen Schon“. Was mich aber besonders beeindruckt hat war sein Schauspiel. Was der Mann mit seiner Sprechstimme machen kann, ist echt unglaublich! Von wütwnd über verzweifelt bis hin zu liebevoll war alles dabei. Teilweise mit nur ganz zaghaften untertönen erzielte er eine Wirkung die den Zuschauer jedes Gefühl glauben ließ. Da machte der kleine Akzent überhaupt nichts aus! Ich muss sagen: Bisher der eindrucksvollste Valjean, den ich gesehen habe! Ich kann mir nicht vorstellen, dass Yngve das besser gemacht hätte!
Javert: Norbert Lamla
Wie erwartet war auch er großartig. Ich hatte ihn bereits als Max von Mayerling in Sunset Blvd. Gesehen und als Frollo im Glöckner von Notre Dame gesehen und war damals schon begeistert von ihm. Er passt eben von Typ und Stimme her wie angegossen in diese Art von Rolle! Für mich kann er sich ohne Probleme mit Hardy Rudoltz als Javert messen! Und den Selbstmord im Wolkenbruch soll ihm erstmal einer nachmachen!
Fantine: Barbara Köhler
Auch sie kannte ich schon aus Sunset Blvd. Wo sie die Betty Schaefer gespielt hat. Ich mag ihre Stimme total gerne und in der Rolle der Fantine hat sie mich zusätzlich noch mit ihrem Schauspiel überzeugt!
Mme Thenardier: Sanni Luis
Für mich ist sie eigentlich „DIE Eponine“ gewesen. In Duisburg fand ich sie in der Rolle einfach nur großartig. Nun ist sie quasi aus der Rolle herausgewachsen und spielt nun eben die Mutter. Und das mit sichtlich viel Spielfreude! Ihr total schrilles Spiel und ihr Gekeife waren einfach zum schreien!
M. Thenardier: Heinz Kloss
Er wirkte neben seiner „Frau“ leider etwas blass. Er hatte es aber auch nicht leicht, gegen sie anzukommen:lol:. Ein bisschen schriller hätte er jedoch schon sein können!
Cosette: Eva Asgaard
Sie hat eine wunderbare glockenklare Stimme, die ohne Probleme auch in eine Operette passen würde. Über ihr Spiel kann ich leider nicht viel sagen, da die Rolle der Cosett meiner Meinung nach nicht wirklich viel zu spielen bietet, man den fehlenden Facettenreichtum also nicht unbedingt den Darstellerinnen anlasten kann. Sie war eben wie Cosette nun mal zu sein hat: lieblich.

Marius: Patrick Schenk
Auch er hat ja nicht gerade eine dankbare Rolle. Dennoch finde ich, hätte er etwas ausdrucksvoller spielen können! Er ging meiner Meinung nach etwas in dem großartigen Ensemble unter. Sein „Dunkles Schweigen an den Tischen“ war jedoch sehr schön gesungen!
Eponine: Janina Goy
Von ihr war ich als einziger wirklich etwas enttäuscht. Sie hat zwar nicht schlecht gespielt, aber ich mochte ihre Stimme so ganz und gar nicht. Sie klang ziemlich blechern und manchmal etwas schrill. Das hat mich eben enttäuscht, weil ich die Rolle der Eponine nun mal so gerne mag und es dann schade finde, wenn die Darstellerin dann keine so schöne Stimme hat. Nichts desto trotz hab ich bei „Der Regen“ doch wieder weinen müssen…:oops:
Enjolras: Ivar Helgason
Er war wie ein Enjolras zu sein hat: Draufgängerisch, mit Führungsqualitäten und nicht gerade unattraktiv…:lol: Er hat seine Parts einwandfrei gesungen.
Gavroche: Antje Eckermann
Ja, das fand ich ehrlich gesagt etwas schade, dass sie diese Rolle mit einer erwachsenen Frau besetzt haben.


Kleine Cosette: Sophie Charlotte Elflein / Leah Lomb (ich weiß nicht, welche an dem Abend dran war:))
Man deutlich gehört, wie aufgeregt sie war, aber sie hat jeden Ton klar getroffen (was, wie ich in Duisburg feststellen musste, bei der kleinen Cosette alles andere als selbstverständlich ist!) und ihre Rolle sehr niedlich gespielt, wie sie sich so an Valjeans Arm geklammert hat. Nur leider war auch dieses Mädchen schon etwas groß: Sie war fast so groß wie ihre „Mutter“ Mme Thenardier *gg*. Aber immerhin war es ein Kind!

Kleine Eponine: Malin Martach / M arie Rosenfeld (auch hier weiß ich nicht, welche wir gesehen haben)
Sie war auch sehr niedlich und hatte sogar die richtige Größe!

Wie gesagt waren auch die anderen Darsteller egal wie „klein“ ihre Rollen auch waren große Klasse:
Fabrikmädchen: Josefine Nickel
Arbeiterin/Hure/Bettlerin: Constanze Möricke, Leigh Martha Klinger, Barbara Obermeier, Cornelia Löhr, Jessie Roggemann, Dominika Szymanska
Seemann/Feuilly: Christopher Morandi
Seemann/Brujon/Armeeoffizier: Hans Steunzer
Bischof/Lesgles: Jon Geoffrey Goldsworthy
Joly: Markus Dinhobl
Courfeyrac/Bauer: Tomas Tomke
Grantaire/Bamatabois: Matthias Sanders
Prouvaire/Fauchelevent/2.Polizist: Georg Münzel
Claquesous/Zuhälter: Gerd Achilles
Combeferre/Vorarbeiter/1.Polizist: Rüdiger Reschke
Seemann/Babet: Frank Wöhrmann
Montparnasse: Christian Schleinzer
Extrachor: Chorverein Bad Hersfeld
Das Stück wurde ja auf etwa 2 ½ Stunden gekürzt, was aber kaum störte. Bei den „Leichten Mädels“ oder bei “Schaut her“ fehlte eben mal ne Strophe und die Kämpfe auf der Barrikade waren auch ziemlich gekürzt (meine Schwester und ich waren der Meinung, es ist sogar einer der Angriffe ganz weggelassen worden). Was ich als einziges wirklich schmerzlich vermisst habe war das kleine Duett-Stück zwischen Valjean und der kleinen Cosette, wo er sie aus dem dunklen Wald wieder mit zu den Thenardiers nimmt (die Stelle finde ich immer sooo niedlich).

Aber ansonsten habe ich nichts Wichtiges vermisst und alles in allem einen wunderbaren Abend erlebt.
Auch mein Vater, der keine Karte hatte und draußen auf uns gewartet hat, hatte einen netten Abend: Er verbrachte einen großen Teil der Vorstellung im „Barzelt“ neben der Ruine und untehielt sich blendend mit ein Darstellern, die, wenn sie gerade mal nicht dran waren auf ein Bier oder ne Limo ins Zelt kamen und ein wenig von der Stimmung auf der Bühne und im Publikum erzählten…Naja, die werden sich wohl schon gewundert haben, was da so ein komischer älterer Kauz mit weißem Vollbart in ihrem Kantinenzelt will, aber da er ja keinen gestört hat, durfte er bleiben…:lol:
Was bleibt noch zu erwähnen? Ach ja: In dem Moment, als wir die Stiftsruine nach der Vorstellung verließen, hörte es auf zu regnen…
So, ich fürchte mein Bericht ist etwas lang geworden. Denen, die sich trotzdem „durchgekämpft“ haben vielen Dank für eure Mühe und entschuldigt, dass der Bericht vielleicht manchmal etwas konfus geraten ist!:oops: