Tanz der Vampire Berlin, 28.05.16

Wie gefiel euch eine Vorstellung und was würdet ihr kritisieren?

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Ophelia
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Tanz der Vampire Berlin, 28.05.16

Beitragvon Ophelia » 30.05.2016, 12:36:53

Tanz der Vampire Berlin
28.05.16, 19.30 Uhr

Am Samstag ging es mal wieder zu den Vampiren, und zwar im schönen Theater des Westens. Allgemein kann gesagt werden, dass die Show trotz der Tour-Kompromisse nicht leidet, wer das Musical zum ersten Mal gesehen hat, dem dürfte nichts aufgefallen sein. Bei Totale Finsternis gibt es jetzt z.B. nur noch eine Reihe Gemälde, und bei Ewigkeit wurde der Friedhof um eine Sargreihe verkleinert.
Schade war, dass es bei Carpe Noctem Probleme mit dem Ton gab, ein Nightmare Solo hat die ganze Zeit ohne Mikro gesungen, bis die anderen seinen Part übernommen haben; plötzlich wurde das Mikro volle Möhre aufgedreht, womit er dann kurz alle übertönte. Das ist nur insoweit ärgerlich, als dass von Problemen in der Tonabmischung schon länger berichtet wird.
Zur Show allgemein kann ich ansonsten sagen, dass sie mir – natürlich – gut gefallen war und ganz rund war, mir kam nur die Bühne etwas klein vor, aber seit Paris bin ich sowieso viel zu verwöhnt. Die Änderungen der Pariser Inszenierung wurden übrigens nicht übernommen, weder szenisch noch – und das fand ich sehr schade – kostümtechnisch; dabei trug Sarah in den Promo-Videos und –Fotos doch das neue, viel hübschere Nachthemd. Allerdings hatte ich auch die Zweitbesetzung, vielleicht hing es damit zusammen, dass sie das altbekannte Nachthemd trug? Die war etwas kräftiger als Veronica Appedu…

Zur Besetzung lässt sich folgendes sagen:
Krolock – Mark Seibert
Anfangs habe ich ja gemosert über Mark, im Promo-Video fand ich ihn furchtbar, im Video des Presscall gefiel er mir aber total gut. Positiv hervorzuheben ist sein Spiel, besonders die Mimik und die Augen, auch wenn er den Blickkontakt zum Publikum eher gemieden hat und stattdessen nach oben schaute; viele Grafen sind ja sehr geheimnisvoll, man weiß nie genau ob sie Sarah nun lieben oder einfach nur austrinken wollen, aber er war sehr offensiv, bewusst jung gespielt, irgendwie wütend, und dementsprechend waren die Hand-Gestiken auch nicht so groß wie gewohnt, aber angemessen. Aufkommende Melancholie, z.B. im Finale I und in der Gier hat er eher durch Gewitztheit ersetzt. Leider hatte ich oft den Eindruck, dass seine Stimme sehr schwach ist; ich hatte ihn vor einem Jahr als Tod in Elisabeth, da war er bombig, aber hier war seine Stimme einfach zu rockig und zu wenig klassisch, sein natürlicher rauer Unterton passte nicht ganz und erinnerte ständig mehr an den Tod denn an den Grafen. Die schöne, breite Schwingung der Stimme fehlte, und es gab ziemlich viele Höhen und Tiefen: Gott ist tot hat mich total enttäuscht, da hat er so schmachtig angefangen und dann nur noch gefaucht und fast geschrieen, die Einladung war aber top, da hatte er eine viel kräftigere, glattere Stimme, ToFi war ebenfalls gut, weil da Stimme und Charakter im Einklang waren, und bei der Gier haben die hohen Töne am Anfang eine schöne Gänsehaut gemacht. Im Tanzsaal war die Aggressivität dann auch vertretbar, aber die tosenden Schreie im Schlussapplaus waren kaum gerechtfertigt. Mark ist irgendwie unausgegoren in dieser Rolle. Das Kostüm macht allerdings tolle Beine.

Sarah – Anja Wendzel
Schade, ich hätte gern Veronica gesehen, sie gefällt mir seit dem Presscall sehr. Anja hat aber eine tolle Stimme mit einem wunderschönen Vibrato, sehr ausgewogen, nicht zu glatt, und sie setzt ihre Stimme auch immer angemessen ein. Gesanglich war wirklich nicht zu meckern, in Nie geseh’n war sie sehr sanft, in Rote Stiefel aber schön kräftig, ohne zu schreien oder so. Ihr Spiel war allerdings enttäuschend, es wirkte ungeübt und blass, da muss man als Zuschauer natürlich seine Vorlieben kennen, aber ich hätte eigentlich gern sowohl eine gute Stimme als auch ein gutes Spiel; Sarah kommt zwar nicht so oft vor wie manch andere Hauptrolle, aber sie hat tolle Nummern, da kann man viel mehr draus machen. Wenige starke Stellen waren in Rote Stiefel und Draußen ist Freiheit reprise. Bei Anja fehlte die Rollenzeichnung sonst komplett, ich weiß bis jetzt nicht, wie ihre Sarah eigentlich tickt.
Außerdem – und das mag auch für viele uninteressant sein und vielleicht oberflächlich – hatte ihr Aussehen nichts mit dem Sarahs gemeinsam. Man erkennt ja schon, welcher Typ gefragt ist, aber sie passte irgendwie nicht in die Rolle, das Kostüm sah aus wie ein Kostüm, nicht wie Sarahs tatsächliche Kleidung, und die Perücke wirkte unvorteilhaft. Schade.

Alfred – Tom van der Ven
Alfreds kann ich irgendwie nie beurteilen, sie kommen mir alle recht gleich vor. Das spricht ja auf jeden Fall für Tom, er war ganz niedlich, vielleicht etwas ängstlicher als die anderen Alfreds, hatte eine schöne, sanfte Stimme und nur in gesprochenen Parts einen kleinen Akzent. In Draußen ist Freiheit hat er sich komplett versungen, aber das fällt auch nur denen auf, die das Lied kennen. Tom war weder herausragend noch schlecht, ein gutes Mittelmaß. Und er hat immer intensiven Augenkontakt mit dem Publikum gehalten!

Professor – Victor Petersen
Der war klasse, körperlich top in Form, wunderbar sicheres Falsett (heißt doch so?), und er ist der erste, den ich gehört habe, der seine Stimme schwächer erscheinen lässt, als sie ist. Alte Leute haben ja oft eine wackelige, heisere Stimme, die manchmal so ein bisschen aussetzt oder abbricht, das hat er auch gemacht. Der Professor war stets atemlos und schusselig, aber nicht so quirlig, wie die meisten es sind. Dieser hier war wirklich einfach nur alt, durchgeknallt und müde und hatte es ganz schön im Kreuz. Sehr gut gemacht!

Herbert – Milan van Waardenburg
Die beste Leistung des Abends – was aus der Rolle zu machen ist, hat er auch gemacht. Herbert war einfach klasse, sehr elegant statt extravagant, durch und durch schwul, aber nicht tuntig, einfach ein Einzelstück. Seine Darstellung war etwas zurückhaltender, das wirkte alles sehr echt, und stimmlich gefiel er mir auch gut, harmlos, aber nicht langweilig. Gefiel mir am besten!

Das waren nur die wirklich interessanten bzw. nennenswerten Darsteller, wer zu jemand bestimmten noch was hören will, einfach melden. Die anderen Darsteller waren auch gut, niemand besonders herausragend, alle haben eine konstante Leistung gebracht. Übrigens hatten alle Darsteller, auch die deutschen/ österreichischen, irgenwie einen Akzent bzw. eine z.T. sonderbare/ wahlweise über- oder undeutlich Aussprache :think:

Das Ensemble war recht wankelmütig; Ewigkeit war recht schwach, man hat immer wieder eine einzelne, besonders ambitionierte Stimme herausgehört, aber am Ende waren sie dann doch wieder ein Ganzes. Das Finale war der Höhepunkt des Abends – das Lied fand ich bisher immer nett, aber am Samstag war es großartig, voller Energie.

Also, irgendetwas fehlte mir. Vielleicht die superhohe Energie aus Paris, wo ich ja, wie schon gesagt, total verwöhnt wurde; den Maßstab habe ich wahrscheinlich unbewusst einfach zu hoch gelegt. An den Rollen lag es jedenfalls nicht – Mark wird nicht mein Favorit, aber ich habe da einen, den kann ich noch weit weniger gern hören. Vielleicht fällt’s mir ja noch ein.
Als Fan kann ich sagen, es war auf jeden Fall wieder ein schönes Erlebnis, TdV ist ja nicht nur Graf von Krolock; als Kenner kann man sagen: da kann noch viel mehr draus gemacht werden.
Ah, ürbigens: die Orchestrierung war etwas anders, an machen Stellen minimal verändert, aber nicht negativ. Aber manchmal – ich weiß nicht, an wem es nun lag – kam die Sänger/innen nicht ganz mit und haben die Satzanfänge so runtergerattert, das klang dann etwas unverständlich. Und es gibt ein paar neue Souveniers, hübsche Windlichter, ein dickes Programmheft mit uralten Fotos, Tassen mit aktualisiertem Aufdruck, aber ich hatte nicht mehr genug Zeit, mir extra ein genug gefülltes Stage-Merchandising-Sparbuch anzulegen…
Was ich rette, geht zu Grund
Was ich segne muss verderben
Nur mein Gift macht dich gesund
um zu leben musst du sterben

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serena
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Re: Tanz der Vampire Berlin, 28.05.16

Beitragvon serena » 30.05.2016, 21:57:13

Danke für deinen Bericht!
Ein dickes Programmheft mit uralten Fotos? Wer braucht denn sowas bzw. warum macht man das denn?
Und vielleicht färben Akzente ja ab?

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Re: Tanz der Vampire Berlin, 28.05.16

Beitragvon duketgg » 01.06.2016, 09:47:04

serena hat geschrieben:Ein dickes Programmheft mit uralten Fotos? Wer braucht denn sowas bzw. warum macht man das denn?
Die SE macht das - um Geld zu sparen, natürlich.
Und die Darsteller/innen mussten ihre Autogrammkarten selber bestellen und bezahlen, wenn sie welche wollten.
"Da spielen teilweise Leute Hauptrollen, die hätten bei mir nicht einmal in der dritten Reihe getanzt."
(Peter Weck übers derzeitige Musical-Niveau)

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serena
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Re: Tanz der Vampire Berlin, 28.05.16

Beitragvon serena » 01.06.2016, 22:32:24

OMG! :roll: Und wen interessieren Photos, die man längst in alten Programmheften hat?
Zu dem anderen sage ich lieber nix... :doh:


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