Avenue Q, Theater Hagen, Premiere 5.9.15

Wie gefiel euch eine Vorstellung und was würdet ihr kritisieren?

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serena
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Avenue Q, Theater Hagen, Premiere 5.9.15

Beitragvon serena » 06.09.2015, 14:14:49

Avenue Q
Theater Hagen – Samstag, 5.9.2015, 19.30 Uhr
Premiere

Meine Sorge vor Beginn der Vorstellung, dass das Publikum wohl etwas befremdlich reagieren würde, erwies sich zum Glück als unbegründet. Wie ich in der Pause lernen durfte, hat „jeder Hagener, der was auf sich hält, ein Premierenabo“, was den Altersdurchschnitt auf deutlich über 50 anhob. Hinter mir saßen zwei Damen gehobeneren Alters, die erstmal den Inhalt des Musicals durchlasen – unterbrochen von Ausrufen wie „Ach du meine Güte!“ Aber auch diese beiden Damen waren doch recht angetan, wenn sie es auch zeitweise „hart an der Grenze“ fanden. Insgesamt herrschte schnell eine lustige Stimmung im Saal, es wurde viel gelacht, fast jeder Witz zündete und oft gab es Szenenapplaus, weswegen die Darsteller kurz mal ihr Spiel unterbrechen und die Musiker ein paar Takte länger spielen mussten. Trotzdem gingen immer mal wieder ein paar Worte im Applaus oder Gelächter unter. Egal, hauptsache Stimmung!
Besonders am Ende gab es prompt Standing Ovations und locker 10 Vorhänge, was auch der Premiere geschuldet sein dürfte. Lustig war, dass nach einem Vorhang sowohl das Publikum dachte, nun sei zu Ende, als auch die Darsteller im Begriff waren, die Bühne zu verlassen - und dann der Vorhang doch nochmal auf ging. Das gab überraschte Gesichter auf beiden Seiten!

Das Bühnenbild besteht aus einer grauen Häuserfront, das links unten fabrikähnlich gehalten ist und mittig sowie rechts die Wohnungen beinhaltet. Hinter der Fabrik-Seite sitzt die 6-köpfige Band. Der Kulissenteil wird beim Auftritt von Lucy hochgezogen, so dass man die Band und den Glitzervorhang, durch den Lucy auf- und abgeht, sehen kann.
Der rechte Teil wird auch mehrfach hochgezogen und gibt den Blick auf ein Metallgerüst frei, das in einigen Szenen noch nach vorne gedreht wird. So sieht man z.B. bei „Laut wie der Teufel schreien“ oben Brian und Christmas Eve in eindeutigen Posen (in Unterwäsche), unten Princeton und Kate Monster in dessen Bett sowie unten an der Seite Trekkie Monster (der sonst aber oben wohnt) vor flimmerndem Licht (soll den Bildschirm darstellen).
Zusätzlich gibt es Stücke von Wohnungswänden, die vor der Hauptkulisse runter gelassen werden, um die einzelnen Zimmer anzudeuten. Ergänzt werden die Kulissen noch durch diverse Versatzstücke (z.B. Bartische, Sitzgelegenheiten für das Café) und andere Hilfsmittel. So ist mehrfach ein Fahrrad auf der Straße und Princeton wird bei „Draußen wartet das Leben“ wirklich fast von einem vorbeifahrenden Roller getroffen. Princetons Alptraum wird nun per weißem chinesischen Drachen dargestellt, dessen Kopf sich angehoben als Monstergesicht mit Brautschleier entpuppt. Netter Einfall.

Prinzipiell sind die Kulissen schön und passen zu den jeweiligen Charakteren, einen Nachteil hat dieser „Aufwand“ allerdings doch: Es gibt verhältnismäßig viele lange Umbauphasen, die unnötig den Schwung der Show bremsen! Bis im Halbdunkeln die rechte Seite wieder nach vorne oder halt zurück gedreht ist, die Kulissenteile hoch oder herab bewegt wurden, ggf. noch die Versatzstücke auftauchen, dauert es relativ lange. Die Kulisse bewegt sich zwar schön geräuschlos, aber langsam. In den Momenten wünschte ich mir doch die Einfachheit aus Mannheim zurück, wo einfach nur die entsprechende Tür auf ging und klar war, wo die nächste Szene spielte...

Wenig anfreunden konnte ich mich mit den Hagener Videoeinspielungen. Von der kleinen Panne gleich bei der Ouvertüre mal abgesehen (die Einspielung traf nicht ganz die Leinwand, weswegen unten ein Teil nicht zu sehen war), sind sie inhaltlich durchaus ok. Großes Manko ist aber die Optik: Die Bilder wirken sehr hart und kantig, besonders die Köpfe der Figuren erinnern an längst vergangene Videospiel-Zeiten. Deren schlaksige Bewegungen schaffen es auch nicht, die Sympathie zu erobern. Dann noch diese schrägen, überdrehten Stimmen dazu und die Verknüpfung zu den niedlichen, sympathischen Puppen auf der Bühne ist völlig dahin. So habe ich es nicht bedauert, dass es ein paar Einspielungen weniger gab, als in Mannheim, zumal auchdie Ideen manchmal einfacher und liebloser erschienen. Am Ende des ersten Aktes wurde auf dem Video einfach nur wie mit Fingerfarbe (sollte wohl Grafitti auf einer Mauer sein) kurz „20 min Pause“ geschrieben und sofort wieder ausgeblendet. Da lobe ich mir doch den Witz mit der Blume in Mannheim...

Eine ganz andere Idee hatte das Hagener Regie-Team bezüglich des Zusammenspiels von Puppen und Darsteller: Die Darsteller sind alle passend zu ihren Puppen gekleidet und frisiert! Im ersten Augenblick habe ich mich etwas darüber gewundert, aber im Laufe des Stücks wird das immer weniger wichtig. Auch mit dem passenden Styling verschwinden die Darsteller meistens hinter den Puppen, lediglich bei Kostümwechseln achtet man mal wieder einen Moment auch auf das Outfit der Darsteller. Die Darsteller der Bullshit-Bären wechseln teilweise Kostümelemente, da sie auch als linke Hand oder Leute auf der Straße agieren, und die Clown-Outfits dann echt nicht passend wären.
Lediglich die 5 Statisten, die zusätzlich mitwirken und Rollen wie Spediteure oder Leute auf der Straße übernehmen (oder irgendwie sinnfrei mit Filmdosen in der Hand bei Lucys erstem Auftritt in der Ecke stehen), sind meistens in schwarz gekleidet. Eine Ausnahme geschieht z.B. am Ende des Stücks, als Agnetha fragt, warum bei allen nur nicht ihr die Wünsche in Erfüllung gehen und im Hintergrund kurz die anderen drei Abba-Mitglieder auftauchen.

Problematisch finde ich lediglich die Idee, während des Songs „Schadenfreude“ plötzlich beide Darsteller (linke und rechte Hand) von Nicky als Darsteller selber mitsingen zu lassen. Die beiden schlagen Nicky noch mehr Ideen vor, über die man sich lustig machen kann, während die Hausmeisterin (schon wieder) unten steht und schweigt. Dann singt Nicky die letzte Idee vor dem Refrain und die Darsteller müssen wieder „nur“ die Puppe führen. Das ist ein Bruch in der Erzählweise, der nur zweimal ganz kurz im Stück angedeutet wird (Kate Monster darf sich nach ihrem Solo mal an ihre Darstellerin schmiegen und am Anfang erblickt Princeton seinen Darsteller, dazu später mehr), aber in den beiden Szenen nicht so deutlich ausgespielt wird, wie bei „Schadenfreude“. Und dadurch bleibt ein Nachgeschmack in dieser Szene, denn dieser Bruch in der Darstellung passt nicht ins Gesamtkonzept!

Völlig verändert ist der Einstieg in die Vorstellung, der eigentlich erst mit dem hübsch gemachten Ende so richtig Sinn bekommt. (Vermutlich wird darüber auch der o.g. Bruch begründet.) Zunächst stehen alle Darsteller in Umhängen und Graduierten-Hut gekleidet, samt Diplom in der Hand mit dem Rücken zum Publikum und jubeln. Dann löst sich der Princeton-Darsteller aus der Masse und entkleidet sich, während der Rest in der Bewegung verharrt. Am rechten Bühnenrand schwebt dann die Princeton-Puppe von der Decke herunter, die vom Darsteller abgenommen wird. Nach einigen Betrachtungen der Puppe in allen Richtungen, steckt der Darsteller (endlich) die Hand in die Puppe, die ihn darauf hin „erstaunt“ anblickt und so „zum Leben erwacht“. Dann erst wird die eigentliche Ouvertüre gesungen, bei der die anderen Darsteller die Umhänge abwerfen und die anderen Puppen zum Vorschein kommen. Parallel zu dem dann entstehenden Leben auf der Straße läuft oben noch der Videofiilm. Das ist doch etwas zu viel auf einmal und man weiß gar nicht, worauf man nun achten soll: auf das Geschehen auf der Bühne oder auf den Film. An mir ist gefühlt der halbe Film vorbei gezogen. Entweder Film oder Darsteller hätte gereicht.
Am Ende werden von Mitarbeitern zwei Rollwagen herein gezogen, auf denen die übrigen Puppen stecken stecken. Nach und nach gehen alle Darsteller von der Bühne. Diejenigen mit Puppen hängen ihre auch auf die Ständer in den Wagen. Princeton bleibt als letzter zurück, singt die letzte Zeile, dann wird auch er vom Darsteller weggeräumt. Bei den letzten Tönen sind nur noch die angestrahlten Wagen zu sehen, bis dann das Licht aus geht. Eine schöne Idee, den zuvor besungenen „einen Moment“ nochmal zu verdeutlichen.

Dadurch dass mit Agnetha Fältskog eine neue Hausmeisterin in der Avenue Q wirkt, sind natürlich viele Witze angepasst worden. So werden ständig Zeilen bzw. Titel bekannter Abba-Songs zitiert: Princeton bittet die Bullshit-Bären: „Come on, take a chance on me!“, Rod liest passenderweise sein Lieblingsbuch über die Historie des „Grandprix Eurovision de la Chanson“, Agnetha muss mal dringend ihren Freund Fernando anrufen und wünscht sich, dass endlich niemand mehr „Thank you for the music“ zu ihr sagt, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Auch andere Witze wurden geändert. Natürlich ziehen Christmas Eve und Brian am Ende in ein besseres Viertel nach Hagen, was von den Einheimischen im Publikum entsprechend freudig aufgenommen wurde. Warum Brian allerdings Puppenspieler werden muss, möge die Regie nochmal überdenken. Der Witz ging völlig danenben, zumal es extrem unglaubwürdig ist, dass Christmas Eve den Beruf als Japanerin nicht kenne. Da sollte der Regie doch mal eine bessere Berufswahl einfallen!

Neben den Witzen wurden auch einige Textstellen überarbeitet. Einiges klingt jetzt etwas flüssiger, weil es dann weniger Silben auf den Noten sind (so singt die zweite Simme im Finale nur noch „Einmal“ statt „Für einen Moment“), anderes ist ok, war aber gesanglich nicht erforderlich (Lucys Solo endet jetzt mit „Er wird ein hartes Tier - mit mir“. Auch gut. ). Wohl auch aus Gründen der Silbenanzahl muss Trekkie Monster nun seine Porno-Zwischenrufe auf Englisch einwerfen. Leider schließt dies die entsprechende Liedzeile im „Internet“-Song ein, was ziemlich komisch klingt, da der Rest wie gehabt auf Deutsch bleibt. Die eine Silbe, die die Zeile auf Deutsch mehr hat, hätte dem Text sicherlich keinen Abbruch getan. Ganz im Gegenteil!

Die Charakterere sind weitgehend so geblieben, wie bekannt. Lediglich Christmas Eve ist hier klischee-überzogener und darf zwischen braver Stimme und vornehmer Körperhaltung mit aneinander gelegten Handflächen sowie aggressiver Stimme und „Karate“-Gefuchtel wechseln. Die Darstleerin setzt dies gekonnt um, so dass die Rolle bestens zur Unterhaltung beiträgt. Gewöhnungsbedürftig ist ebenfalls Brian, dem man einfach das junge Alter anmerkt. So wirklich will er auch optisch nicht als Dreißig durchgehen. Daher pendelt seine Rolle immer zwiechen glaubwürdig und merkwürdig. Schade, denn ansonsten kannder junge Mann die Rolle gut umsetzten und auch die Pointen gekonnt ausspielen. Ein kleiner Nachteil finndet sich noch bei der Besetzung der Agnetha, die aufgruind ihres Akzents doch so einige Stellen unklar ausspricht oder Laute verschluckt.

Eine Unsauberheit findet sich noch im Programmheft und in den Pressetexten, in denen von den „Bad Idea Bears“ die Rede ist, die sich auf der Bühne aber „Bullshit-Bären“ nennen.

Die Besetzung:
Agnetha Fältskog: Marylin Bennett
Brian: Tillmann Schnieders
Christmas Eve: Maria Klier
Princeton: Nicolai Schwab
Kate Monster: Carolina Walker
Rod: Kim-David Hammann
Nicky: Michael Thurner (linke Hand: Mariyama Ebel / Stephanie Junge)
Trekkie Monster: Maciej Bittner (linke Hand: Mariyama Ebel / Stephanie Junge)
Lucy: Joyce Diedrich / Mariyama Ebel
Bullshit-Bär 1 / Ricky / Neuankömmling: Vicco Farah
Bullshit-Bär 2: Carolin Waltsgott
Frau Semmelmöse: Stephanie Junge
Singende Kartons: Mariyama Ebel / Vicco Farah / Carolin Waltsgott

Insgesamt ist es eine sehr lustige Produktion, die für sich genommen durchaus funktioniert und mit guten Ideen aufwartet. Wer die Version in Mannheim nicht kennt, wird sich mit einigen Ideen vielleicht schneller anfreunden können. Aber auch so habe ich das Stück in Hagen bestimmt nicht zum letzten Mal gesehen.

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Re: Avenue Q, Theater Hagen, Premiere 5.9.15

Beitragvon serena » 06.09.2015, 17:07:54

Ergänzung zum Thema Witze:
Auf dem Mix Tape befindet sich nun als drittletzter Song der Seite 1 „Benjamin Blümchen“.

Ergänzungen zu den Kulissen und Zubehör:
Niedlich ist auch das kleine Handpuppenspiel im Fenster mit Mini-Kate und Mini-Trekkie, der sie mit ihrer Schultüte haut, während die große Kate Monster unten von ihrer Schule für Monster träumt. Und die "Modelleisenbahn" Princetons darf Anfang des zweiten Aktes wirklich ihre Runden auf der Bühne drehen. Warum ich die Anlage in Anführungszeichen setze, wird hier aber nicht verraten.

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Re: Avenue Q, Theater Hagen, Premiere 5.9.15

Beitragvon Rascal » 08.09.2015, 23:04:34

Danke für diesen ausführlichen Bericht, serena! Ich sehe mir das Gastspiel in Minden an. das wird dann mein "erstes Mal" mit den Puppen, da Mannheim doch etwas weit weg war. Jetzt freue ich mich erst recht drauf! :)
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Re: Avenue Q, Theater Hagen, Premiere 5.9.15

Beitragvon serena » 09.09.2015, 22:40:24

Ich wünsche dir viel Spaß in Minden! Wird bestimmt genau so toll. :)


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