Die Schöne und das Biest, 12.7.15 nachmittags

Wie gefiel euch eine Vorstellung und was würdet ihr kritisieren?

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serena
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Die Schöne und das Biest, 12.7.15 nachmittags

Beitragvon serena » 12.07.2015, 23:45:11

Die Schöne und das Biest
Alte Oper Düsseldorf – Sonntag, 12.07.2015, 15.00 Uhr


Wenn die Produktion des Budapester Operettentheaters wieder auf Deutschlandtournee ist und ich dann noch in der Nähe bin ist es Zeit für den inzwischen vierten Besuch. Dank der vorletzten Vorstellung am Spielort kam ich diesmal in den Genuss, fast alle Zweitbesetzungen zu sehen. Dadurch sah ich auch mal einige Darsteller auf Rollen, die ich bisher immer gleich besetzt gesehen hatte. Zudem gibt es einen neuen kleinen Tassilo (der Junge ist zum Vorgänger, den ich die letzten zwei Male gesehen hatte, wirklich klein).

Nach der üblichen Begrüßungs- und „Bilder,Videos und Handys“-Ansage geschieht erstmal nichts. Es folgt die Verwunderung im Publikum des Parketts, warum denn die Leute auf dem Rang plötzlich klatschten. Man klatschte halt mal mit. Nach einer Weile löste sich das „Geheimnis“: Der Dirigent war da, den man vom Parkett aus höchstens ganz vorne sehen konnte. Nach der Pause war der Mitklatsch-Effekt im Parkett sogar noch größer.

Zum Design und zur Regie habe ich bereits in den vorherigen Berichten geschrieben. Da sich an dem eingespielten, stimmigen Konzept nichts geändert hat, verzichte ich auf eine Wiederholung. Wer mag, kann in meinem Bericht vom Dezember 2013 alles nachlesen.

Einen Minuspunkt gibt es aber für die Akustik des Theaters. Besonders im ersten Akt stimmte wohl etwas mit der Ansteuerung der Lautsprecher nicht. Der Klang der Musik war seltsam flach und hallte doch sehr rechtslastig durch den Saal. Ok, ich saß eher rechts, aber trotzdem wirkte der Klang zu seitlich und sehr weit weg. Im zweiten Akt war es etwas besser. Schade, denn so ging doch etwas an Opulenz des Orchesters (mindestens 20 Musiker!) verloren. Dem Applaus tat´s wenigstens keinen Abbruch. Das Publikum jubelte den Musikern regelrecht zu! (Liebe Konkurrenz-Produzenten: Ein gutes Orchester ist halt immer noch viel mehr wert als eine Band plus Samples!)
Und inzwischen schon ungewohnter Weise gab´s nach dem Schlussapplaus keine Schlussmusik. Naja, der Dirigent stand ja noch hinter dem Vorhang auf der Bühne. Immerhin entstand so kein Gedränge zwischen Leuten, die raus wollen und denen, die noch zu Ende hören.

Die Besetzung:
Das Biest: Sándor Barkóczi
Ihn hatte ich nun zum zweiten Mal auf der Bühne. Er war in der Vorstellung eine Erstbesetzung (die Zweitbesetzung spielte den Gaston). Und wieder konnte er mich rundum überzeugen. Er zeigt sehr glaubhaft die ganze Emotionspalette. Lustig war, wie er nach der gelungenen Überraschung, Belle die Bibliothek zu schenken, fröhlich mit Lumiére im Kreis herum hüpfte. Und beim Singen mit dem Kostüm ständig über die Geländer hechten und in die Tiefe springen zu müssen ist schon heftig. Dass es noch so locker kraftvoll aussieht, ist eine Glanzleistung!

Belle: Zsófia Kisfaludy

Sie spielt eine frische Belle, die wirklich an ihren Situationen wächst und dabei nie diese innere Fröhlichkeit verliert. An ihre Stimme musste ich mich erstmal wieder gewöhnen, da ich mit Belle doch eher höhere Stimmen als ihre verbinde. Aber mit ihrer klaren Stimme kann sie voll überzeugen.

Gaston: Norman Szentmártoni

Eine meiner Bühnenpremieren, da ich ihn bisher noch nie gesehen hatte. Schauspielerisch der klasse Macho, stimmlich auch absolut top. Schläge verteilen kann er sehr ausdauernd und bei jeder kleinen Gelegenheit. Bei ihm fand ich es faszinierend, dass er eine gute deutsche Sprech-Aussprache hat, der Akzent dafür beim Singen deutlicher durchkommt. Bei den meistern Darstellern ist es (sofern es überhaupt auffällt) umgekehrt.

Lefou: Attila Sérban
Meine zweite Bühnenpremiere und zudem zum ersten Mal eine andere Besetzung auf der Rolle. Sein Rollenportrait ist weniger „dumm“ sondern eher durchzogen mit Comedy. So fiel er bei den Schlägen auf den Kopf (und die gab es von seinem Kollegen sehr reichlich) nicht gleich um, sondern fand andere Möglichkeiten (Kopf tiefer zwischen den Schultern, Kopf anfassen plus schmerzverzerrter Mimik...). Im zweiten Akt verteilte er dann Küsschen ans Publikum, bevor er von der Bühne krabbelte. Er wirkte auch mehr wie ein bewusster Freund Gastons, nicht so sehr wie der Dorftrottel, der ihm nur hinterher rennt. Eine interessante Variante.

Lumiére: Balász Angler

Mir scheint, dass die Rolle inzwischen generell öfter die Flammen zünden darf. Und davon hat er gerne Gebrauch gemacht, das aber auch gut in Szene gesetzt. Ansonsten war er damit beschäftigt, andere Damen anzuflirten und anschließend mit der eifersüchtigen Babette zu knutschen. Nein, nicht nur das, auch mit von Unruh und den anderen Schlossbewohnern gab er ein starkes Team, wobei er auch seine solistischen Momente gut zu nutzen weiß. ´errlich!
Schön war auch: Lumiére: „Sie ist eine ´exe.“ Von Unruh: „Nein, Hhhhexe!“ Lumiére: „Oh, Gesundheit!“

Herr von Unruh: Ottó Magócs
Ihn hatte ich jetzt in der dritten Rolle gesehen, wobei er erst mein zweiter von Unruh ist. Und auch in dieser Rolle konnte er mich begeistern. Er hatte neben der Etikette und der Hilflosigkeit als eigentlicher Hausvorstand noch etwas eigenes, locker-fröhliches, das kurz mal durchblitzte. So meinte er nach seinem Freudentänzchen im ersten Akt, ob Lumiére noch nie eine „Spieluhr“ gesehen hätte.

Madame Pottine: Ágota Siménfalvy

Noch eine Bühnenpremiere für mich. Und noch eine Mutter, die den Text der Einleitung herunter rasselt. Wenn das Orchester da mal eeeetwas langsamer spielen würde, so dass die Rolle etwas mehr Zeit hätte, die Sätze zu sprechen, würde ihre Aussprachen bestimmt weniger hart klingen. So „rennt“ auch sie durch den Text, ohne in die Sprachmelodie zu finden. Im Laufe des Stückes spricht auch sie deutlich besser. Abgesehen davon ist sie eine sehr liebevolle Mutter.

Tassilo: Marcell Meyer
Der wirkt ja putzig! So ein kleiner, niedlicher Tassilo. Das dachten wohl viele, denn er bekam prompt Extra-Applaus. Da störte es auch keinen (mehr), dass er noch mit dem Deutschen zu kämpfen hatte. Er spielt seine Szenen auch etwas anders, als der Vorgänger. So hüpft er nicht vor dem Biest weg, sondern ahmt dessen Fauchen nach, was natürlich niedlich klang. Er dürfte in der Vorstellung viele Herzen im doppelten Sinne spielerisch erobert haben.

Madame de la Grande Bouche: Ildikó Sz. Nagy
Noch eine Erstbesetzung. Wieder mal ist sie die „große“ Dame, die ihre Stimme und ihre Schubladen sehr geschickt einzusetzen weiß (wie Lefou bestätigen kann).

Babette: Dóra Szabó
Diesmal gefiel mir ihre Rollenentwicklung besser als vor 1 1/2 Jahren. Von aufgeregt hibbelig über eifersüchtig und beleidigt bis hin zu anmachend ist alles dabei. Die Übergänge zwischen diesen Ausdrücken verlaufen nun schön fließend. Auch kann sie sich bei Männern gut in Szene setzten und gleichzeitig auf Lumiéres Flirterei beleidigt reagieren. Insgesamt wirkte sie nun reifer in der Rolle. Schön.

Maurice: Gergö Aczél
Am Anfang doch noch recht akzentstark in der Aussprache und nicht immer klar zu verstehen wurde dies mit der Zeit besser. Optisch mit den zerzausten Haaren lustig, ja schon fast niedlich anzusehen, spielt er einen sehr herzlichen Vater, der eigentlich einen klaren Blick auf das Leben hat. Wäre da nur nicht die Zerstreutheit, die ihm manchmal dazwischen kommt...

D´Arque: Tibor Oláh
Sein Irrenhaus-Chef wirkt selber etwas irre, als ob die Umgebung (die Heilanstalt liegt im Wald am See) und die Insassen Spuren hinterlassen haben. Dabei ist er immer noch höflich.

Es ist ja eigentlich peinlich für hier, dass eine ungarische Tourproduktion vormacht, wie effektvoll ein Bühnenbild sein kann (trotz Tourtauglichkeit), wie gut Musik von einem richtigen Orchester klingt und wie toll das Zusammenspiel aller Beteiligten sein kann. Allein deswegen lohnt sich der Besuch dieser Produktion!

Wer auf Souvenirs steht: Es gibt jetzt eine Plüschfigur vom Biest. Die Idee ist nicht schlecht, ich finde sie aber weder richtig niedlich noch biestig und irgendwas dazwischen gefällt mir nicht so richtig. Aber das ist ja Geschmackssache.

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