- Palladium-Theater, Stuttgart -
- Samstag, 15. Mai ’10, 19:30 Uhr -
Hin- und hergerissen kamen wir am Samstagabend in Stuttgart an: Einerseits freuten wir uns wie zwei Schneeköniginnen darauf, endlich dieses berühmte „Grusical“ erleben zu dürfen, zumal wir die Karten für diesen Abend schon vor über einem halben Jahr erworben hatten, was die Vorfreude natürlich ziemlich lang gesteigert, aber auch strapaziert hatte – andererseits mischte sich auch ein wenig Wehmut in diese Vorfreude, da das Palladium-Theater ja für die letzten paar Jahre der Sitz unseres geliebten Zauberreichs Oz gewesen war. Besonders traurig war es, den Theatersaal zu betreten, der nun mit den schmucklosen Wänden und dem Vorhang mit dem Vampirgebiss so viel langweiliger und unspektakulärer wirkte als das großartige „Wicked“-Portal mit dem Drachen, den Zahnrädern, den Ranken und den Lichterketten.
Nun aber zu den Vampiren

Hier möchte ich mit dem Merchandising beginnen. Auffällig war schon mal, dass es statt den vier Verkaufsständen bei „Wicked“ nur noch zwei gab, und insgesamt war die Auswahl eher gering. Immerhin gibt es ja ein paar Poster, wenn ich die Bildauswahl auch nicht so prickelnd fand: Einmal „Alles ist hell/Wahrheit“, dann eins von der „Unstillbaren Gier“, das meiner Meinung nach aber nicht so toll getroffen ist, und dieses Twilight-artige Foto mit Jan und Lucy, mit dem inzwischen ja auch überall geworben wird

Ganz interessant fand ich das Picturebook, in dem es bunt zusammen gewürfelte Aufnahmen diverser Krolocks (Jan Ammann, Kevin Tarte, Thomas Borchert …) wie auch Sarahs (Lucy, Neele, Sabrina Auer …) und Alfreds zu bestaunen gibt. Mir persönlich wäre es lieber gewesen, nur Fotos von der aktuellen Produktion und den aktuellen Darstellern zu haben, anstatt Hamburg, Berlin, Oberhausen und Stuttgart bunt gemixt^^
Apropos Darsteller – sehr gespannt war ich natürlich auf die Besetzung. Da es Samstagabend war, war mit vielen Erstbesetzungen zu rechnen, aber im Endeffekt durften wir dann doch ein paar Cover auf der Bühne erleben:
Graf von Krolock ---> Jan Ammann
Sarah ---> Antje Eckermann
Professor Abronsius ---> Christian Stadlhofer
Alfred ---> Krisha Dalke
Chagal ---> Jerzy Jeszke
Madga ---> Linda Konrad
Herbert ---> Vanni Viscusi
Koukol ---> Stefan Büdenbender
Rebecca ---> Eva Maria Bender
Tanzsolisten: David Baranya, Kym Boyson, Csaba Farago, Johan Vandamme
Gesangssolisten: Michel Driesse, Maciej Salamon
Tanzensemble: Isabel Dan, Amanda Huke, Paul Knights, Taryn Nelson, Toby Poole, Gemma West
Gesangsensemble: Janaina Bianchi, Sandra Bleicher, Tibor Heger, Sanne Mieloo, Raphaela Pekovsek, Sven Prüwer, Michaela Schober, Matthias Stockinger
Dirigent: Guido Löflad
Bis dahin kannte ich noch keinen der Darsteller außer eben das, was andere Leute hier oder in anderen Foren so über sie erzählt haben. Ein bisschen schade fand ich daher nur, dass Riccardo Greco nicht da war, denn ihn hätte ich echt gerne im Ensemble (oder gar als Alfred!) gesehen. Aber das kann ja noch werden

Im 1. Akt saß ich in Reihe 1 direkt am Mittelgang, im 2. in der Mitte von Reihe 2. Ich muss zugeben, dass in der Mitte zu sitzen für mich wesentlich stressfreier war – bin im 1. Akt einmal fast meinem fremden Nebensitzer auf den Schoß geflohen, als mir plötzlich ins Ohr gebrüllt wurde

Aber generell fand ich es unglaublich spannend, dass so viel Action im Publikum stattfand! Da greift die Atmosphäre von der Bühne so richtig schön (gruselig) in den Saal über

Das wohl negativste Erlebnis des Abends war die Tontechnik im 1. Akt. Da muss beim Abmischen irgendetwas schief gelaufen sein, denn die Musik war einfach zu laut bzw. die Mikros der Darsteller zu leise, sodass man teilweise nicht nur die Gesangstexte, sondern auch die Sprechtexte gar nicht verstehen konnte, wodurch auch ein paar Gags wesentlich weniger Lacher bekamen, als sie eigentlich verdient hätten! Beispielsweise bei „Knoblauch“ oder „Stärker als wir sind“ war echt kein Wort zu verstehen, und es lag wirklich nicht an einer unsauberen Aussprache des Ensembles. Ich dachte zuerst, es läge vielleicht daran, dass wir so weit vorne saßen, aber im 2. Akt war das Problem behoben und auf einmal waren Musik und Gesang/Dialoge perfekt aufeinander abgestimmt …
Das Stück an sich hat mir seeeeehr gefallen! Viel Humor und superwitzige Szenen, aber auch Dramatik und Spannung; originelle Rollen, bis zu den kleinen Ensemble-Parts mit großartigen Darstellern besetzt; ein eindrucksvolles Bühnenbild (das Wirtshaus und die verschiedenen Räume im Schloss mit den Gemälden, dem Himmelbett, der Wendeltreppe ...); erstaunliche Effekte wie z.B. der geniale Trick mit den Spiegelbildern; tolle Musik und nicht zuletzt eine Story, die total überraschend und vielseitig ist – ich kann wirklich verstehen, warum dieses Musical seit vielen Jahren munter durch sämtliche Musicalstädte im deutschsprachigen Raum tourt und trotzdem immer noch der absolute Kassenschlager ist! Der einzige, ziemlich geringfügige Nachteil der Inszenierung, der uns aufgefallen ist, ist, dass Erstbesucher, die in den vorderen Reihen sitzen, in wirklich vielen Szenen nur etwa die Hälfte des Bühnengeschehens mitbekommen können, weil einfach so viel gleichzeitig geschieht. Für Leute, die mehrmals gehen, ist das natürlich wiederum ein Vorteil, weil man in vielen Szenen stets etwas Neues entdecken kann

Meine (unerwarteten) Highlights des Abends waren „Die Roten Stiefel“ und „Carpe Noctem“ – fand ich auf der CD beide nie sonderlich überragend, aber live … WOW! So überwältigend choreographierte und gespielte (Tanz-)szenen hätte ich echt nicht erwartet!!

Nun noch ein paar Eindrücke zu den Hauptdarstellern:
Auf Jan Ammann war ich auf jeden Fall mal gespannt, da ich schon von verschiedenen Seiten die Jan vs. Kevin-Debatte mitgekriegt hatte und selbst als Vergleich nur den unerreichten Steve Barton von der CD kannte. Vom Aussehen her passt Jan auf jeden Fall ganz exzellent in die Rolle, sehr attraktiv mit viel Ausstrahlung, und auch schauspielerisch fand ich ihn klasse: Ernst, verzweifelt, verführerisch, bedrohlich, humorvoll – spielend kann er von einer Facette zu anderen wechseln, wirkt also gleichzeitig beeindruckend und unberechenbar aufs Publikum. Gesanglich fand ich ihn auf jeden Fall sehr eindrucksvoll, im Duett hat er mir nicht ganz so gut gefallen, aber besonders „Die unstillbare Gier“ und sein großes Solo zum Finale des 1. Akts waren absolute Gänsehautmomente – vor allem sein allerletzter langer Ton bei letzterem, der war unglaublich!
Ingesamt fand ich ihn also wirklich sehr überzeugend, aber ich würde gerne noch Kevin Tarte oder auch Matthias Stockinger zum Vergleich sehen …

Nachdem ich eher mit Sabrina Auer als Sarah gerechnet hatte, war es eine Überraschung, Antje Eckermann auf der Castliste zu sehen. Sie ist ja, soweit ich weiß, erst seit Ende März/Anfang April im Ensemble und dürfte ihre Coverrolle noch nicht allzu oft gespielt haben. Ihren Gesang fand ich im 1. Akt ein bisschen schwer verständlich, woran aber das Tonproblem schuld war. Mit Krisha Dalke hat sie wunderschön harmoniert, mit Jan leider nicht ganz so perfekt. Darstellerisch war sie ganz süß, richtig toll fand ich sie dann ab dem 2. Akt, insbesondere die letzten Szenen hat sie ganz herrlich gespielt

Dann Christian Stadlhofer in der fantastischen Rolle des durchgeknallten Professors – „Wahrheit“ war der Wahnsinn (wobei die Textverständlichkeit leider flöten ging), und sein gesamtes Schauspiel, seine Mimik, seine merkwürdigen hohen Geräusche und letztendlich sein großer Auftritt in der Gruftszene waren superwitzig


Als ebendiesen durften wir in dieser Vorstellung Krisha Dalke bewundern. Er sah nicht nur süß aus, sondern spielte auch so – total putzig, und meist eher begriffsstutzig und naiv als ängstlich. In den meisten Szenen hatte er ein ständiges Dauergrinsen im Gesicht^^ Bei „Tanzsaal“, als er kurz nach seiner Ohnmacht links an der Seite stand, musste er ausgerechnet im dramatischsten Moment loslachen – keine Ahnung, warum, aber er hat sich schnell hinter seinem schicken Fächer versteckt

Sein Zusammenspiel mit seiner Sarah, Herbert, vor allem aber dem Professor war großartig, da hat jede Nuance gepasst

Besonders schön gesungen von ihm waren „Nie geseh’n“ und „Draußen ist Freiheit“, aber auch sein „He Ho He“ am Anfang, wobei das leider arg unter viel zu lautem Orchester litt. „Für Sarah“ war total süß, und seine letzte Szene war … schlicht und einfach genial

Ganz toll war auch Jerzy Jeszke, der als Chagal für zahllose Lacher im Publikum gesorgt hat. Super gespielt, da ist mir Chagal auf einmal ganz sympathisch geworden

Linda Konrad war zwar echt lustig in ihrer Rolle als Magd(a)^^ - aber gesanglich fand ich sie ein bisschen … heiser, vielleicht? Da ich sie vorher noch nie gehört habe, kann ich es nicht genau beurteilen – eine sehr kraftvolle Stimme hat sie auf jeden Fall, aber es klang einfach ein bisschen kränklich.
Auf Herbert hatte ich mich ohnehin schon sehr gefreut, und Vanni Viscusi brachte das Publikum tatsächlich von seinem allerersten Auftritt an zum Lachen

Stefan Büdenbender war als Koukol ein weiteres unerwartetes Glanzlicht: Mit seinen spektakulären Grimassen und Gesten hat er den widerlichen Kerl zum Publikumsliebling werden lassen

Und Eva Maria Benders Rebecca tat mir irgendwie echt Leid in ihrer „Trauer um Chagal“ – das hat sie so verzweifelt gesungen

Also alles in allem ein fantastisches Musical mit hohem Suchtpotenzial^^

Ich habe Blut geleckt und sehne mich schon nach dem nächsten Biss
