Nachdem ich es nach Berlin verabsäumt hatte einen Bericht über mein allerliebstes Lieblingsmusical zu schreiben, werd ich das nun nachholen – die Inszenierung ist sowieso dieselbe

Cast
Eli: Alice Macura
Tod: Carl van Wegberg
Lucheni: Thomas Hohler
Franz Joseph: Markus Pohl
Sophie: Christa Wettstein
Rest: ?
Alice hat mir gut gefallen, sie ist seit Berlin merklich in die Rolle hinein gewachsen und stellt auch die gealterte Elisabeth durchaus glaubwürdig dar. Als das junge Mädchen ist sie freilich am besten.
Carl als Tod fand ich stimmlich und aussehensmäßig ganz in Ordnung, aber vom Ausdruck hat mir das gewisse Etwas gefehlt. Er war nicht so recht verführerisch und schon gar nicht dämonisch. Vielleicht sind meine Vorstellungen vom Tod aber auch zu eigen, ich mag ihn dämonisch und finster. Immerhin ist es ja ein dunkles mächtiges Wesen, zeitlos, weder jung noch alt, das hinter dem schönen Gesicht steht. Ein Geschöpf, das zugleich gefürchtet und geliebt wird.
Thomas hat mich sehr überrascht, ich hätte nach der Rosenblätter-CD, wo er doch eher jung klingt, nicht gedacht, dass er so singen kann. Er war ein solider überzeugender Lucheni mit der richtigen Portion Zynismus.
Markus und Christa fand ich beide gut, vor allem Christa. Beide kenne ich ja wie auch Alice schon aus Berlin.
Der Rudolf und die Ludovika / Frau Wolf haben mir auch gefallen, mir sind nur die Namen ENTfallen

Und nun zu dem für mich Essenziellen - nämlich der Inszenierung dieser Tourproduktion. Die ist im Großen und Ganzen wie die Wiener, textlich ident, von den Bühnenbildern jedoch minimiert, weil es ja eine Tour ist.
Die Kostüme sind eher jene aus Essen / Stuttgart, teils sind sehr schöne Kleider dabei, wie jenes von Elisabeth während der Irrenhausszene oder das zweifärbige von Frau Wolf. Der Tiefpunkt ist definitiv Franz Josephs Bademantel - war der Mensch, der ihn entworfen hat, mit Farbenblindheit geschlagen?? Ich muss sagen, dass mir im Gesamten betrachtet die Kostüme aus Wien schon besser gefallen. Vielleicht Gewohnheit, aber ich mag das Symbol der Schimmelkanten und Sophie bei der Hochzeit ganz in schwarz mit Trauerschleier ist herrlich ironisch. Es sind viele solche Kleinigkeiten, die ich sehr schätze. Was ich auch nicht ganz verstehe, ist weshalb der Tod plötzlich auch in zwei Szenen relativ mitten im Stück weiß trägt. Dass er es in Wien nur im Prolog und am Ende macht, habe ich immer so interpretiert, dass diese Szenen ganz im Totenreich (oder in einer irrealen Traumwelt) spielen, wo niemand ihn fürchten muss, während alle anderen seiner Auftritte Besuche in der Welt der Lebenden darstellen. Das fällt natürlich durch die Veränderung weg. Seltsam.
Die Bühnenbilder entsprechen teilweise denen aus Wien, so habe ich mich sehr über das "Riesenrad" bei "Nichts ist schwer" gefreut, weil es starken Symbolcharakter besitzt (gebaut wurde es ja erst weit später). Die Szene ist sowieso ein einziges großes Symbol, die Gondel, auf der Franz Joseph seiner Verlobten eine Kette überreicht, hat die Form des Doppeladlers, der für das Kaiserreich steht. Mit der schweren Kette, die richtig edel funkelt (während sie in Wien eher einem Hundehalsband gleicht) bindet er sie an sich und den Wiener Hof.
Vermisst habe ich am Anfang bei „Wie du“ irgendwie den Scherenschnitt vom Kopf Elisabeths, der wie ein Schatten dessen, was einmal sein wird, über dem jungen Mädchen schwebt. In Berlin gab es den aber, da bin ich mir recht sicher.
Was mir auch abgeht, weil es in Wien so ein essentielles, sich oft wiederholendes Symbol ist, das ist die Todeskutsche. Die an einen Rabenflügel erinnernde Barke hat durchaus etwas, aber sie kann für mich die Kutsche kaum ersetzen. Besonders bei „Wenn ich tanzen will“ vermisse ich sie, weil sie da stark in die Choreographie eingebunden ist. Die Doppeladler-Gondel ist jedoch ein würdiger Ersatz und sie kann ja doch höher steigen!
Die Barke finde ich in den Szenen mit dem kleinen und dem erwachsenen Rudolf sehr passend. Bei „Die Schatten werden länger“ steht eine äußert deplaziert wirkende Campingliege darin. Diese mag auf Rudolfs erzwungene Soldatenlaufbahn abzielen, aber irgendwie ist sie optisch gar nicht das Wahre, finde ich.
Sehr anders ist auch „Die fröhliche Apokalypse“ gestaltet. Die Tische befinden sich zwar auf sich drehenden und auf der Bühne herum fahrenden Plattformen, aber es sind normale Kaffeehaustische. Und – im Gegensatz zu den bunten futuristischen Gefährten in Wien – sitzen die Todesengel nicht mit dabei im Geschehen. Bei der Szene geht für mich doch einige Wirkung verloren. Es sind nur noch ein paar „Gatschn“, die nichts Besseres zu tun haben, als im Kaffeehaus herum zu sitzen.
Eine meiner Lieblingsszenen ist „An Deck der sinkenden Welt“. Irreal, bedrohlich, mit ganz starker Wirkung. Hier versucht Elisabeth die sich nach unten senkende Feile zu erklimmen, während der Tod mit Franz Joseph spricht und dann Lucheni die Feile zuwirft, mit den Worten „Es ist so weit!“. Der Kaiser befindet sich ebenfalls auf der Feile, auf der sich sonst ausnahmslos nur der Tod und Lucheni aufhalten. Die Szene hat Gänsehautfaktor, obwohl sie ohne die bis zum Anschlag herauf gefahrene Hebebühne irgendwie nicht so mächtig wirkt, nicht mehr ganz so wie ein schwankendes sinkendes Schiff über dem Abgrund.
Viele Bühnenbilder werden durch Projektionen ersetzt, die eigentlich ausnahmslos sehr gelungen sind. Besonders mag ich die Ruinen während des Prologs. Die Deixfiguren bei „Liebe mit Gaffern“ sind auch projiziert. Ich mag die, auch wenn sie schräg aussehen (typisch Deix eben!), wahrscheinlich kommt dieses Bild dem ziemlich nahe, was Elisabeth wahrgenommen hat.
Über der Szenerie schwebt während des ganzen Stückes ein dunkler Flügel, der wiederum an die Schwinge eines Raben erinnert, und der am Ende zerbricht. Das finde ich wahnsinnig ausdrucksstark, es passt außerdem zu der Barke und zu den schwarzen Schwingen der Todesengel. Dabei hat es der Rabe als so kluger und schöner Vogel gar nicht verdient dem Tod zugeordnet zu werden

An beiden Seiten der Bühne befinden sich Spiegel, die hauptsächlich die Projektionen reflektieren und ein irres Gefühl von Räumlichkeit herstellen. Die Idee find ich absolut phantastisch, oft nimmt man die Spiegel gar nicht wahr und ist geneigt zu glauben, dass die Kulisse einfach weiter geht.
Leider mussten wir dann schon beim Schlussmedley gehen, das habe ich sehr bedauert, weil das einfach dazu gehört. Aber wir mussten unseren Zug erwischen. Wäre uns auch gelungen, nur dummerweise ist der aufgrund von Gleisbauarbeiten nicht dahin gefahren wo wir wollten, um dort in einen Zug nach Wien umzusteigen. Gaaaanz toll. So saßen wir über vier Stunden am Bahnhof in München herum, bis ein Nachtzug nach Wien gefahren ist. Statt um halb zwölf sind wir um dreiviertel sechs angekommen, ungefähr um die Zeit, um die wir uns am Vortag am Bahnhof getroffen hatten. Ich war so tot, um kurz vor sieben war ich zu Hause und bin nur noch ins Bett gefallen. Aber gelohnt hat es sich!!!!