Patrick Stanke - Abenteuerland

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serena
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Patrick Stanke - Abenteuerland

Beitragvon serena » 04.05.2019, 22:23:24

Patrick Stanke - Abenteuerland
Hansa Theater Hörde im Luna, Dortmund-Hombruch
Freitag, 03.05.2019, 19.30 Uhr (Premiere
)

Gratulation an Patrick Stanke, für den Mut, etwas Neues als eigenes Projekt auf die Bühne zu stellen! Theoretisch hätte er auf „'Nummer Sicher“ gehen und (wie oft genug) ein Konzert mit „seinen größten Hits“ oder Ähnlichem präsentieren können. Aber nein, es sollte ein thematischer Abend sein, an dem er das Kind in sich frei raus lassen kann und die Phantasie und Träume regieren. Von der Idee her klingt der Ansatz spannend.

Er begann auch vielversprechend mit einer kreativen Begrüßungsansage inklusive dem Hinweis, dass filmende Leute zum Team gehörten und dies dürfen sowie der Bitte daran zu denken, die Mobiltelefone nach der Vorstellung wieder anzuschalten. Die ersten Lacher des Abends waren gesichert.

Auf der Bühne findet sich ein einfaches, aber für die Situation völlig ausreichendes Bühnenbild, das aus einer Wolkenhimmel-Rückwand mit Tür, einem Indianerzelt samt aufblasbarem Kaktus, einem Plüschpferd, einem Sessel und einer Schatztruhe mit diversen Kleinmaterialien (Kissen, Bällen) besteht. Vorne am Bühnenrand liegt noch eine Matratze mit Bettzeug für den Jungen. Es ist eindeutig ein Kinderzimmer.
Links und rechts des Bühnenbildes stehen bzw. sitzen jeweils drei Musiker (E-Piano, Cello und Geige links, Schlagzeug, Bass und Gitarren rechts). Die Musiker spielen versiert unter der Leitung des Bassisten und bringen die (wenigen) verschiedenen Stile gut rüber. Da der Ablauf „durchkomponiert“ ist, sprich: sich ein Lied an das nächste reiht, ergeben sich nur dann sehr kurze Pausen, wenn der Junge rein oder raus geht bzw. der Gitarrist (mal wieder, weil recht häufig) die Gitarre wechseln muss.
Die Kostüme scheinen teils dem Karneval entsprungen zu sein (Cowboy, Indianerin), teils wirken sie etwas improvisiert (Prinz im hautengen, schwarzen Dress mit rotem Umhang und Turnschuhen). Insgesamt waren sie zweckdienlich bis witzig anzusehen.

Die Rollenverteilung bzw. -anordnung auf der Bühne spricht Bände: Mitwirkende sind Patrick Stanke als Zirkusdirektor, der sich hauptsächlich schön zentriert in der Mitte des Bühnenbildes bewegt und die meisten Lieder singt. Er ist auch der Einzige, der die Schatztruhe öffnet und weitere Requisiten ein- bzw. ausräumt.
Links vorne befindet sich Maximilian Mann als Cowboy. Roberta Valentini als Indianerin darf sich nicht nur häufig hinter dem Cowboy im Zelt verstecken, sie kommt auch zuletzt zum Vorschein und hat am wenigsten zu singen. Rechts hinten im Sessel sitzt der Prinz alias Christian Alexander Müller, der sich oft rechts vorne auf dem Boden bei der Primaballerina (Jana Marie Gropp) aufhält.
Auffallend ist, dass diese links/rechts-Anordnung selbst bei flottem Geschehen (Kissenschlacht, Ballwerfen ins Publikum) fast nie aufgeweicht wird. Es geschieht sehr selten und dann nur kurz, dass der Prinz oder Cowboy mal auf der anderen Seite sind. Die Damen befinden sich gerade mal gelegentlich der Mitte. Die große Ausnahme ist der Junge Timon, der sich in den verschiedenen Szenen auch an verschiedenen Orten vorne befindet. Zu Beginn in der Mitte, kann er auch mal links auf dem „Bett“ liegen oder rechts am Boden etwas (naja, eher aufräumen denn) spielen. Die einzige wirkliche „lebende“ Figur bewegt sich also freier im Raum.

Passend gestaltet ist auch das Licht, dass den Jungen im helleren Licht erscheinen lässt als die Figuren. Eine Ausnahme entsteht immer dann, wenn der Junge zwar anwesend ist, aber nicht merkt, wenn eine Figur zu ihm spricht. Diese Figur (bis zum Finale der Zirkusdirektor) wird in gleißendem weiß angestrahlt. Dass nicht immer alles auf dem Punkt genau klappte und gelegentlich das Licht etwas spät umblendete, dürfte der Premiere zuzuschreiben ein.
Genau so wurde gelegentlich das eine oder andere Mikro zu spät aufgezogen. Mit mehr Übung dürfte sich das legen. Gesanglich gab es kaum etwas auszusetzen. War der Junge bei den ersten Tönen noch hörbar nervös, so wurde er zunehmend sicherer und entwickelte sich im Laufe des Abends mit zum Publikumsliebling. Unter den weniger eingefleischten Patrick-Fans (meist Begleitpersonen) war durchaus zu hören, dass die hohen Töne eher nicht so sein Fall waren und die anderen Herren doch die schöneren Stimmen aufzuweisen hätten.

Es gibt im Abenteuerland keine klare durchgehende Handlung, eher wird in jedem Lied eine neue Szene im Kinderzimmer präsentiert. Einzige erkennbare Mini-Handlung ist der Versuch der Annäherung des Prinzen an die Primaballerina, welche im Kniefall samt Darbieten der Krone mündet, welche sie aber ablehnt. Recht vorhersehbar ist das Finale, in dem der Junge die Spielfiguren „lebend“ entdeckt und ihnen in die Arme fällt, während sie singend bezeugen, immer als Freund für ihn da zu sein.

Musikalisch ist „Abenteuerland“ eher eine anstrengende Kost. Mit dem Öffnen des Vorhangs erklingen die ersten Töne von „Nessajas Lied“ (besser bekannt als „Ich wollte nie erwachsen sein“). Die erste Strophe wird vom Jungen gesungen, der dann das Zimmer verlässt, so dass die Spielfiguren „wach“ werden. Zunächst singt Patrick die zweite Strophe, bei der dritten Strophe stimmen nach und nach die übrigen Figuren ein. Es folgt mit „Abenteuerland“ der Band „Pur“ das zweite und auch letzte richtig bekannte Lied, zu dem sich die Figuren eine eher bemüht wirkende Kissenschlacht liefern. In der weiteren Folge ertönen viele Lieder mit den Inhalten Freundschaft, Träume träumen und Träume leben sowie für jemanden da sein. Die meisten Songs klingen sehr ruhig, getragen bis schwerfällig.
Einige Lieder sind extra von Patrick Stanke komponiert worden. Sie fallen zum Teil dadurch auf, dass sie eine Strophe besitzen und einen Refrain, der gefühlt endlos wiederholt wird (z.B. „Ich geh´ spielen“) und bei denen das Publikum aufgefordert wird, mitzuklatschen. Die Aufforderung wurde vom Publikum teils dankbar, teils schwerfällig angenommen, musste es doch erstmal wieder „aktiv“ (alternativ „munter“ oder „wach“) werden.

Muntere Ausreißer gibt es nach dem „Titelsong“ nur noch 3: Im ersten Teil dürfen der Zirkusdirektor und der Prinz darüber berichten, wie sie lange nebeneinander stehend im Plastik verpackt der Ladenhüter waren. Die Nummer hat Schwung und wird mit reichlich Comedy dargeboten, so dass es sowohl vom Text als auch vom Schauspiel her eine willkommene Abwechslung darstellte, die entsprechend belacht und bejubelt wurde.
Im zweiten Teil löste zunächst „Ich will spielen“, wenn auch hauptsächlich durch die kreativen Arten, Bälle ins Publikum zu befördern (z.B. mit dem Kaktus als Tennisschläger) die Stimmung deutlich.
Später folgte mit dem Sinnieren von Zirkusdirektor und Prinz (wieder diese Kombi) darüber, warum Damen immer ewig auf dem WC brauchen, während die Herren dringend mal „müssten“, der zweite große Lacherfolg des Abends. Genau wie beim „Ladenhüter“ war hier die Mischung aus Text und Darstellung genial. Inhaltlich tauchte das „WC“-Lied völlig unerwartet und ohne nachvollziehbarem Grund auf und wirkte eher wie ein (willkommener) Fremdkörper. Sehr krass war der anschließende Bruch zum folgenden Solo des Cowboys, der am Bühnenrand den (nächsten) pathetischen, getragenen „erhobenen Zeigefinger“ nach dem Motto „Sei du selbst“ präsentieren durfte. Die Folge: einige „Och nee“-Seufzer im Publikum.

Aus dem Rahmen fiel auch das letzte Solo des Prinzen „Drachen bauen“. Prinzipiell ein tragendes Lied machte es durch zwei Aspekte auf sich aufmerksam: Zum einen hat es eine musikalische Struktur, die teils vorhersehbar und melodiös wirkt, dann aber schwer zu singende Brüche aufweist. Zum anderen war es die emotional eindringliche Art des Prinzen, das Lied darzubieten. Sehr gut war die Entscheidung, die zitierten Textpassagen des im Lied besungenen Vaters zu sprechen und die übrigen Anteile zu singen. So wirkte das Lied sehr lebendig.

Vom Lied her völlig daneben gegangen ist am Ende des Stücks das Solo der Primaballerina. Ihr schwermütiges Lied über ihren Traum, zu tanzen anstatt Prinzessin zu werden, ging zum Teil völlig im Gelächter unter. Der Grund lag im genialen Schauspiel des verschmähten Prinzen. Mit Hilfe des Cowboys, der ihm (spontan?) das Plüschpferd zwischen die Beine schob, unternahm er noch einen Versuch, doch dem Traum seiner Angebeteten zu entsprechen. Als dies auch fehl schlug, verkroch er sich gekränkt ins Indianerzelt, worauf die Indianerin seine Krone auf das Zelt steckte. An der Szene zeigte sich, was dem Publikum doch sehr fehlte: Spaß und „Action“.

Entsprechend geschickt wurden die Zugaben gewählt, bei der das Publikum nochmal zum Mitklatschen angeregt wurde, auf dass es doch mit Fröhlichkeit das Theater verlasse.

Insgesamt ist „Abenteuerland“ eine gute Idee, die bitte weiter überarbeitet werden darf. Neben dem Sinnieren über Träume und Freundschaft darf das Verhalten der Spielfiguren gerne phantasievoller und (musikalisch) schwungvoller werden. So fehlt diesem „Abenteuerland“ bisher leider eine große Portion „Abenteuer“ und Mut zu noch mehr Spaß.

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